In dieser Zitrone ist kein Saft mehr

von Harald Raab

Mannheim, Dezember 2009. Der kulturelle Stolz der Rhein-Neckar Region ist das Nationaltheater in der Industrie- und Dienstleistungsmetropole Mannheim. Doch wie es da drinnen aussieht – jetzt endlich geht es viele an: die Zuschauer, das Personal und immer mehr den Gemeinderat. Denn wenn es ungewöhnlich heftig regnet, müssen im Bühnenbereich Eimer aufgestellt werden. Das Dach ist undicht. Der hölzerne Bühnenboden ist stellenweise so verrottet, dass Blechplatten eingezogen werden mussten, um ein Einbrechen zu verhindern. An der Fassade bröckeln Teile der Steinplatten ab. Wegen Sicherheitsmängel fürchtet Generalintendantin Regula Gerber, dass ihr Haus von einem Tag auf den anderen geschlossen werden kann. Eine Sanierung in der Größenordnung von 25 Millionen Euro ist überfällig.

Doch Mannheim bekommt, wie alle deutschen Kommunen, nun die Wirtschaftskrise zu spüren. Die Stadt hat fast eine Milliarde Euro Schulden und erwartet in den nächsten drei Jahren Mindereinnahmen von jährlich 100 Millionen Euro. Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz lässt keinen Zweifel daran, dass nur die Sektoren Bildung und Kinderbetreuung von Kürzungen ausgenommen werden. Die Kultur kommt nicht ungeschoren davon, auch wenn Mannheims Gemeinderäte und die Kulturverwaltung entschlossen sind, sich für 2020 um den Titel Kulturhauptstadt Europas zu bewerben.

Auch Verträge schützen nicht

Eine Finanzlage wie in Mannheim ist in diesen Tagen in fast allen deutschen Städten anzutreffen. Wie Nationaltheaterchefin Regula Gerber verhandeln Theaterleitungen bei der Aufstellung des Doppelhaushalts 2010/11 mit den Kulturdezernaten, um möglichst viel von ihrem ohnehin schon auf Kante genähten Budget behalten zu können. Auch Verträge schützen da nicht. Das Nationaltheater hat letztes Jahr einen Fünf-Jahresplan mit der Stadt für einen jährlichen 29-Millionen-Zuschuss abgeschlossen. Das ist jetzt, in der Finanzkrise, kein Argument mehr gegen Kürzungen.

Obendrein werden die nächsten Tarifabschlüsse den Etat, der zu über 80 Prozent aus  Personalkosten besteht, massiv belasten. Zusammen ergibt das ein eklatantes Minus. Die Chefin des ältesten Bürgertheaters in Deutschland spricht von "Kürzungen in großer Dimension", auch wenn "das abschließende Wort nicht gesprochen" sei. Man werde – wenn diese Einsparungen Realität werden sollten,  Personal im Bereich der flexiblen NV-Bühnenverträge reduzieren müssen, also das Ensemble verkleinern. "Wir sehen die erheblichen Schwierigkeiten, vor denen die Stadt steht. Das Nationaltheater hat in den letzten Jahren aber so viele Federn lassen müssen, dass Einsparungen in dieser Größenordnung nun sofort die Kunst treffen, letztlich die Qualität. Unsere Kapazitäten sind vollständig ausgereizt. In dieser Zitrone ist kein Saft mehr", bilanziert Regula Gerber.

Die Erhöhung der Kartenpreise ist unvermeidbar

Eine Benchmark-Analyse habe ergeben, so die Generalintendantin, dass die Produktionsleistungen im Verhältnis zur Anzahl der Beschäftigten in Mannheim Spitzenwerte erbracht haben. Das Nationaltheater Mannheim bewältige die enorme Menge von Aufführungen verglichen mit Theatern wie Leipzig, Nürnberg, Essen oder Dortmund mit der geringsten Zahl von Mitarbeitern. "Wenn wir weiter sparen müssen, geht es an die Substanz, das heißt, wir müssen unser Programm massiv verändern. Darüber muss eine kulturpolitische Diskussion erfolgen." Man denke natürlich über eine Verringerung der Anzahl von Neuinszenierungen nach. Das aber hätte Auswirkungen auf die Struktur des Abonnements und natürlich auf die Einnahmen

Sollen in dieser Situation die Zuschauer mehr zur Kasse gebeten werden? Mannheims Generalintendantin warnt vor Illusionen. Zwar werde man um die Erhöhung der Eintrittspreise – um etwa fünf Prozent – nicht herumkommen. Die Maßnahme könne aber auch zum Bumerang werden: "Wir merken jetzt schon, dass sich die Wirtschaftskrise an der Theaterkasse bemerkbar macht. Man greift viel öfter zu den preisgünstigeren Karten. Eine zusätzliche Preiserhöhung könnte dazu führen, dass weniger Leute ins Theater kommen."

Sicherheitstechnischer Ritt über den Bodensee

Im Nationaltheater sieht man auch die unaufschiebbare Sanierung für 25 Millionen Euro in Gefahr. "Dabei müssen wir sanieren", sagt Regula Gerber. "Wir können uns nur entscheiden, ob wir ungeordnet sanieren, von Panne zu Panne, weitaus unwirtschaftlicher und mit höheren Kosten, oder planmäßig, wie bisher vorgesehen. Für die Sicherheit der Zuschauer und Mitarbeiter und für die Sicherstellung des Betriebes, müssen wir uns diesem Problem stellen."

Das Foyer und die Treppenhäuser entsprechen nicht mehr den heutigen Brandschutzvorschriften. Nur weil die Bestandschutzklausel es verhindert, haben die Behörden noch nicht eingegriffen. Aber sobald nur eine Tür ausgewechselt wird, hat das Theater ein Riesenproblem. Die Haustechnik stammt zum größten Teil noch von 1957, ist also seit der Ersteinrichtung des Neubaus nicht ersetzt worden. Für Lichtpulte und Scheinwerfer gibt es kaum noch Ersatzteile. So kam es schon einmal vor, dass im Zuschauerraum das Licht nicht vollständig gelöscht werden konnte. "Vieles in diesem Haus ist ein Ritt über den Bodensee", so die Kaufmännische Direktorin Petra Kicherer.

Schauspieldirektor Burkhard C. Kosminski ist von den Sparplänen genau so überrascht wie seine Chefin: "Es gibt im Nationaltheater überhaupt keine Reserven mehr. Es ist in den letzten Jahren alles krass runtergefahren worden. Wir leisten das Gleiche wie früher, aber mit viel weniger Leuten. Zur Kompensation mit noch mehr Gästen zu arbeiten oder gar ganze Produktionen von außen ins Haus zu holen, das wäre der Tod des Ensemble- und Repertoiretheaters, mit dem wir ja gerade die bundesweit beachteten Leistungen erzielen."

Kosminski fordert langfristiges Denken: "Das Theater – speziell in Mannheim – hat einen wichtigen Teil der Bildungsarbeit übernommen. Das darf nicht aufgegeben werden." Besonders im Kinder- und Jugendtheater werde Hervorragendes für die Integration geleistet. Die momentan auf die kommunalen Theater in Deutschland zurollende Sparwelle im Schiller-Jahr nennt der Schauspieldirektor einen "makaberen Witz der Kulturgeschichte". Wenn man über Einsparungen nachdenke, gehe es als erstes stets an die Kultur. "Wenn die Banken Milliarden-Kredite bekommen, warum greift man nicht auch den Theatern, der Kultur, unter die Arme? Das Theater hat hohe gesellschaftliche Relevanz. Das können wir nicht zur Disposition stellen."

Kommunen müssen entschuldet werden

Rolf Bolwin, der geschäftsführende Direktor des Deutschen Bühnenvereins in Köln, plädiert für eine grundsätzlichere Strategie: "Es hat jetzt wenig Sinn, sich auf den Standpunkt zu stellen, es darf überall gespart werden, nur nicht am Theater. Wir müssen vielmehr auf die nicht tragbare finanzielle Situation der Kommunen aufmerksam machen. Es geht nicht an, dass die Städte von der Bundespolitik immer neue Aufgaben aufgebürdet bekommen, ohne dass ihnen die finanziellen Mittel dafür zur Verfügung gestellt würden."

Ziel müsse es deshalb sein, die Kommunen mit Bundesmitteln zu entschulden. Das sei ja auch den Banken gewährt worden. Vor allem bei den kleineren und mittleren Theatern, so Bolwin, könne nicht mehr gespart werden. 7.000 Arbeitsplätze seien bereits verlorengegangen, und die Zahl der kurzfristigen und ungesicherten Beschäftigungsverhältnisse an den Theatern sei um 10.000 gestiegen. Bolwin: "Wenn jetzt noch einmal Millionen-Beträge an einzelnen Standorten gekürzt werden sollen, wird das ohne tiefere Einschnitte nicht gehen. Das stellt die Struktur des deutschen Theaters ernsthaft in Frage."

Nur Frankfurt am Main bleibt ruhig

In Sachen Kultur denken und handeln die meisten Politiker in den Städten kurzatmig. Dass es auch anders gehen kann, beweist Frankfurt am Main, keine 80 Kilometer von Mannheim entfernt. Obwohl die Bankenmetropole heuer einen Einnahmeeinbruch von 600 Millionen Euro zu verkraften hat, wird am Kulturetat nichts gestrichen. Der Intendant der Städtischen Bühnen Frankfurt, Bernd Fülle, sieht sich "in einer sehr komfortablen Situation". Die Stadt bleibt im Doppelhaushalt 2010/11 nicht nur beim Zuschuss von 59 Millionen Euro. Sie legt noch einmal 3,4 Millionen für die Tariferhöhungen drauf und außerdem 1,3 Millionen als Rückzahlung für Einsparungen beim Orchester, die Ende der 90er Jahre vorgenommen worden sind.

Fülle analysiert, woran sich Kommunalpolitiker an der Mainmetropole ein Beispiel nehmen könnten: "Frankfurt hat große Erfahrungen im Auf und Ab der wirtschaftlichen Lage. Man geht hier sehr souverän mit der momentanen Krise um. Man macht nicht den Fehler, die Kultur kaputt zu sparen, weil man weiß, dass sie nicht nur ein weicher, sondern ein existentieller Standortfaktor für diese Stadt ist. Wenn man die Kulturetats herunterfährt und folglich nicht mehr auf hohem künstlerischen Niveau gearbeitet werden kann, dann verliert man langfristig weit mehr, als man jetzt kurzfristig spart."

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Weitere Informationen zu aktuellen Sparplänen und der Debatte um die finanzielle Situation der Theater und Künstler finden Sie im nachtkritik-krisometer, zum Beispiel einen Kommentar von Regine Müller zu den Sparplänen in Wuppertal, die de facto das Aus für das dortige Theater bedeuten – und vielleicht nur ein Anfang vom Ende sind.

 

 

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