Die im Saallicht sieht man nicht

von Esther Slevogt

Berlin, 13. Dezember 2009. Das Bild ist stark. Und doch fragt man sich von Anfang an, ob seine Wirkung nicht zu kalkuliert, seine Metaphorik nicht zu simpel ist: der Boden des schwarzen Theatersaals der Berliner Schaubühne ist voller glitzernder Geldmünzen, die beim Darüberlaufen ein ungemütliches Knirschen erzeugen. Eine flächendeckende Geld-Schicht mit Dagobert-Duck-Anmutung – die höchste Lust der berühmten Comicfigur von Carl Barks ist bekanntlich, in seinem Geldspeicher in Goldmünzen zu baden. In Leuchtbuchstaben steht hoch über der Szene das biblische Gebot geschrieben: "Du sollst nicht stehlen." Bald aber tritt der Abend den Versuch des Beweises an, dass man sich leider nicht daran halten kann: denn die berühmten Verhältnisse, die sind nicht so.

Der schwankende Grund des Geldes

"Wo tausend leben, wird noch einer leben", sagt der Transportarbeiter Franz Biberkopf, als er aus dem Gefängnis kommt, wo er vier Jahre gesessen hat, weil er aus Eifersucht seine Freundin totgeschlagen hat. Doch wird sich genau diese Hoffnung als trügerisch erweisen. Volker Lösch, der Alfred Döblins berühmten Roman jetzt für das Theater adaptierte, findet gleich ein sehr zwingendes Theaterbild für den schwankenden Grund, den das Geld als Basis aller Existenz bildet: Franz Biberkopf und seine vielen Alter Egos, für die in Berlin ein Chor aus ehemaligen Gefangenen gecastet wurde, geraten beim Versuch, sich zu Fuß auf dem Geldboden fortzubewegen, ins Schwanken. Sie halten sich aneinander fest, aber statt sich Halt zu geben, gerät die Gesellschaft immer stärker ins Taumeln.

Zuvor hatten sämtliche Spieler unter den Zuschauern gesessen, von dort chorisch begonnen, die Geschichte ihrer Straftaten und Verurteilungen zu erzählen. Aus dieser leicht geleierten und buchhalterischen Aufzählung von Delikten und Strafen, die immer auch damit kokettiert, dass es für die Straftaten eine gewisse Berechtigung gegeben haben mag, wächst schließlich die Erzählung Franz Biberkopfs: "Ich habe meine Braut erschlagen ..." Und hier entsteht dann sofort eine Hierarchie zwischen Laien- und Profidarstellung, weil man natürlich gleich merkt: jetzt kommt Döblin, also die Fiktion, der Profischauspieler, der eine Rolle spielt.

Die Kluft zwischen Theater und Wirklichkeit

Genauer gesagt Sebastian Nakajew, der seinen Biberkopf nicht wie üblich als stiernackigen Grobian mit Babyherz, der die Frauen wie Spielzeug zerbricht, sondern als hübschen, strizzihaften Vorstadtmacho anlegt: gegeltes Haar, Lederjacke, extemporiertes Sprechen und erregtes Flackern im Blick. Diese Hierarchie zwischen Profis und Laien wird im Verlauf des Abends, der beständig von oben und unten spricht, bald zum Problem. In acht Stationen erzählen Volker Lösch und sein Team die Geschichte von der Entlassung Biberkopfs aus dem Gefängnis, seinen Vorsätzen, ehrlich zu bleiben, um ihn dann an den Verhältnissen scheitern zu lassen. Orchestriert wird der sehr entkernte Döblin-Plot aus den Jahren der aufziehenden Weltwirtschaftskrise von den heutigen Exsträflingen, die parallel zu Biberkopf im Jetzt ihre Geschichten und oft gescheiterten Integrations- und Resozialisationsversuche erzählen.

Doch wo die "echten" Ex-Knackis den Abend mit Wirklichkeit anreichern sollen, entsteht das Gegenteil: Eine tiefe Kluft zwischen Theater und Wirklichkeit reißt auf. Auf der einen Seite stehen die vier Schauspieler, die Rudimente der Originalgeschichte spielen: Biberkopfs Rückfall in die Kriminalität, seine fatale Beziehung zu Reinhold (David Ruland), der ihn immer weiter in die Tiefe reißt und schließlich zum Krüppel macht, um am Ende auch noch Biberkopfs Freundin Mieze (Eva Meckbach) zu ermorden.

Sind das Ausbeutungsverhältnisse?

Auf der anderen Seite die Laien des Chors, die immer etwas ungelenk die Geschichten ihrer Konfrontationen mit dem Gesetz und der immer undurchlässiger werdenden Mauer erzählen, die sie von der Gesellschaft trennt. Wenn sie sprechen, geht meist das Saallicht an; kommen die Schauspieler wieder zum Einsatz, wird es dunkel, richten sich Spots auf Spieler und Szenen, was irgendwie auf groteske Weise den berühmten Brecht-Satz von denen im Dunkeln, die man nicht sieht, ins Gegenteil verkehrt: die im Saallicht sieht man nicht, sondern nur die, auf die die Theaterspots gerichtet sind. Der Chor verblasst dagegen zum Requisit. Und irgendwann fragt man sich, ob das nicht auch Ausbeutungsverhältnisse sind.

Auch ist Döblins Roman ja kein Buch über Strafvollzug und misslungene Resozialisierung, sondern es verhandelt das Unbehagen an der Moderne, die Unfähigkeit des Einzelnen, mit der Freiheit umzugehen, verdeutlicht am Exempel des Franz Biberkopf, der sich als Entlassener nach den übersichtlichen und geregelten Verhältnissen im Gefängnis sehnt. Die Sehnsucht nach übersichtlichen Verhältnissen war es schließlich auch, die ein paar Jahre nach Erscheinen des Romans in die Katastrophe führte und ein ganzes Land in ein Gefängnis verwandelt hat.

Vom Panzerknacker-Kostüm zum eleganten Anzug

Lösch stellt nun an der Schaubühne auf der Basis von Döblins zum Sozialreport verzwergtem Stoff ebenfalls recht übersichtliche Verhältnisse her, macht im Prinzip die Gesellschaft verantwortlich und spricht dem Einzelnen tendenziell eigene Steuerungsmöglichkeiten ab. Man hat eben keine andere Wahl, als kriminell zu sein, was als Botschaft reichlich simpel ist. Es gibt schöne Bilder und starke Momente: wenn alle Spieler am Wendepunkt von Biberkopfs Rückfall ins Verbrechertum in Panzerknacker-Kostüm Geldsack um Geldsack mit Deutsche-Bank-Logo auf der Bühne zum Gebirge auftürmen und sich am Ende auf dessen Gipfel drapieren. Man weiß nur nicht, was uns diese humorige Einlage sagen soll.

Am Ende wendet sich Biberkopf aggressiv ans Publikum: Er fordert ein anderes Leben, die Kindheit des einen, die Ausbildung des anderen, die Bankkonten und Aktien eines dritten. Auf welcher Basis er diesen Anspruch formuliert, macht dieser Abend nicht deutlich, der keinen echten Blick auf die Verhältnisse wagt, die er hier anzuprangern vorgibt. Die Laien aus dem Chor haben ihren einzigen starken Auftritt erst, als das Stück schon zu Ende ist und sich die Ex-Gefangenen, deren Geschichten teilweise in Vorabberichten bereits als Sozialreportagen unters Volk gebracht worden waren, in eleganten Anzügen beim Applaus verbeugen und damit zum ersten Mal an diesem Abend die Möglichkeit haben, mit den Verhältnissen auf Augenhöhe zu sein.

 

Berlin Alexanderplatz
Eine freie Bühnenbearbeitung der Schaubühne Berlin des Romans von Alfred Döblin
Regie: Volker Lösch, Chorleitung: Bernd Freytag, Bühne: Carola Reuther, Kostüme: Cary Gayler, Dramaturgie: Beate Seidel, Maja Zade, Licht: Erich Schneider.
Mit: Robert Elsinger, Lars Götze, Volker Hauptvogel, Andreas Knud Hoppe, Toni Jessen, Para Ndombasi Kiala, Mohamad Koulaghassi, Johannes Kühn, Markus Lamberty, Rose Louis-Rudek, Eva Meckbach, Dirk Muchow, Wolf Nachbauer, Sebastian Nakajew, Paul Peter, Lutz Rinke, Felix Römer, David Ruland, Heather Sacks, Ralph Schacht, Detlef Schnurbus, Uwe Seidel, Felix Tittel, Doreen Zanona.

www.schaubuehne.de

 

Mehr zu Volker Lösch im nachtkritik-Archiv: Den letzten großen "Skandal" löste seine Inszenierung Marat, was ist aus unserer Revolution geworden? am Hamburger Schauspielhaus aus. Wie die Debatte verlief, können Sie hier nachlesen. Und der ewigen Frage nach Löschs Agitprop widmete sich ein Beitrag im Redaktionsblog.

 

Kritikenrundschau

Unter den Premierengästen saß auch der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner, weiß Hannah Pilarczyk (Spiegel online, 14.12.). Das sei "eine wunderbare Fügung und rechtfertigt Löschs Regieexperiment von der ersten Minute an". Denn wie für ihn werde die Premiere für fast alle "zum First Contact – und der Theaterabend ein gelungener". Als entscheidend erweise sich dabei das "Konzept des Kollektivs": "Unglaublich präzise haben Freytag und Lösch am Vortrag ihrer Laiendarsteller gearbeitet, sie sind ausnahmslos stark." So fügten sich die professionellen Darsteller eher in ihre Reihe ein als umgekehrt. Und aus "Momenten der Plumpheit" heraus entwickle Lösch "immer wieder überraschende Eleganz". Alles laufe dabei auf die "ultimative Systemfrage" hinaus. Allerdings vergebe die Inszenierung die Chance, "nach dem Verhältnis von gesellschaftlichen Zwängen und individueller Verantwortung zu fragen. Verbrechen wird hier als rein strukturell bedingt dargestellt, wirkliche Schuld trägt nur das System". Leicht mache es sich Lösch also, Volkstheater sei es, was geboten werde. "Ihre Zugänglichkeit kann man der Inszenierung aber kaum zum Vorwurf machen, ist es doch ihr ausgemachtes Ziel, an sozioökonomischen Grenzziehungen zu rütteln."

Obwohl kraftvoll inszeniert und souverän choreographiert "insgesamt kein analytischer, kein großer Abend," findet Hartmut Krug im Deutschlandfunk (14.12.) "Auch wenn Texte vorgetragen werden, in denen Döblin den von einer Dampframme erschütterten und von Menschen überwimmelten Alexanderplatz beschreibt oder das Töten eines Kälbchens und eines Stiers im Schlachthof, schafft Lösch weder eine Stadtreportage noch die Darstellung eines allgemeinen gesellschaftlichen Lebensgefühls." Was Lösch biete, sei ist eine Sozialreportage über Knackis, die sich nach ihren Gewalttaten und Erfahrungen vom Knast selbst als Opfer sehen würden. Dabei interessiert sich die Inszenierung aus Krugs Sicht ebensowenig für die Opfer der Straftäter, wie die Täter zeigen Reue oder Mitleid zeigten. "Was bleibt, ist Wut auf eine Gesellschaft, in die man nicht wieder hinein kommt. Folgerung: man selbst kann letztlich nichts tun, als kriminell zu werden. Und Franzens trotz bester Vorsätze Scheitern, wird zum Exempel verengt."

Aber wie ist es, fragt Ulrich Seidler (Berliner Zeitung, 15.12.), dekorieren die Ex-Häftlinge Löschs Inszenierung mit Authentizität oder "dekoriert das auf ein paar melodramatische Kernsätze zusammengestrichene Werk Döblins den Auftritt des Straftäterchors? Oder dienen beide nur als Dekoration einer politisch-moralischen Botschaft?" Und, fragt Seidler weiter, "hat sich seit damals wirklich nichts getan? Dass Franz, dieser proletarische Hiob aus dem Berlin der 1920er-Jahre, gleichgestellt wird mit den wieder in die Gesellschaft einzugliedernden Straftätern unserer Tage, ist eine von Löschs wirkungsvollen Vereinfachungen, mit denen er das Publikum dazu bringen will, sich ins Verhältnis mit der Wirklichkeit zu setzen". Dabei sei "seine Mitteilungsform die des Eintrichterns und Einhämmerns. Er lässt einem, was man ohnehin schon weiß, wiederholt und variantenreich ins Ohr und ins Gewissen brüllen. Auf dass man endlich handle, vielleicht?" Stattdessen erwische man sich immer wieder bei der "trotzigen und unfreiwilligen Verteidigung der bestehenden Verhältnisse". Und "muss man sich solchen doch ziemlich enervierenden Theaterabend, muss man sich den anschließenden Ärger mit dem Gewissen wirklich antun? Es schadet sicher nicht."

"Verachtet mir die Knackis nicht, und ehrt mir ihre Kunst!" ruft dagegen ein begeisterter Ulrich Weinzierl in der Welt (15.12.). Denn dieser Abend werde "auf seltsame, auf ästhetisch kluge Weise dem Geist von Döblins Werk gerecht, gerade indem sie sich davon scheinbar weit entfernt". Weinzierl hat einen "perfekt gedrillten Laien-Sprechchor" aus "leibhaftigen Kriminellen" gesehen, "also Leuten wie du und ich, die im 'Agitpop'-Künstler Lösch, das fehlende 'r' ist wichtig, ihren Anwalt fanden". Vom Lokalkolorit des Molochs Berlin fange die Inszenierung nicht das Geringste ein, "ebenso wenig von der Vielfalt der Textebenen, der Mischung aus Bibel, Bänkelsang und Brecht. Sie versucht es gar nicht, und solche Abstinenz, die Konzentration auf eine einzige, markante Linie, bewährt sich". Denn der Berliner Dialekt genüge als sprachmusikalisches Kunstmittel durchaus. "Das Schlusswort hat der Chor, jetzt in Business-Anzügen. Leise preist er gerne Verschwiegenes: die kriminelle Lust."

Laut Christopher Schmidt wiederum (Süddeutsche Zeitung, 15.12.) macht Volker Lösch "seine Stoffe mit dem Holzhammer platt, um unterkomplexe Botschaften darauf zu plakatieren. Lösch ist so etwas wie der Oskar Lafontaine des Theaters, ein Populist, der gezielt Feindbilder schürt und von diffuser Politikverdrossenheit und der Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten profitiert". Auf Landesebene sei das bisher gut angekommen, "jetzt hat Löschs Agit-Prop also Berlin erreicht. Und Löschs Mittel haben sich am Ku'damm nicht gerade verfeinert." Bereits die Bühne sei "Bekenntnis zur Anti-Subtilität". Und Biberkopf, "der beim Versuch, neu anzufangen, nach und nach alles verliert (...), verliert bei Lösch auch noch das Letzte: seine Geschichte. Er wird zum Zeugen der Anklage degradiert". Biberkopf sei hier nur eine "beliebige Münze im Klimpergeld eines Regisseurs, dessen Weltbild in die Hosentasche passt". Die Vorlage werde somit zum "Drei-Groschen-Roman, der mühelos durch den schmalen Schlitz der Demagogie passt". Und wo bei Döblin "ein religiöses Erweckungserlebnis" folge, setze Lösch einen "Anfall von Sozialneid". "Statt aber ihre Freiheit zu demonstrieren, haben sich die Ex-Knackis die unsichtbare Fußfessel eines Regie-Konzepts anlegen lassen."

Diese Inszenierung verschärfe die Romanvorlage "absichtsvoll auf einen Aspekt hin", auf "jene unbarmherzigen Mechanismen der Sozialausgrenzung, die Vorbestrafte treffen", schreibt hingegen Dirk Pilz (NZZ, 15.12.). Die Wirklichkeit des Überlebenskampfes werde einem dabei "mit rauer Energie um die Ohren gehauen, auch wenn dieser Chor in Sachen Variabilität und Dichtheit nicht zu Löschs besten gehört". Leicht lasse sich, auch diesmal, Löschs Verfahren platt schimpfen, "allerdings nur unter Absehen von ebenjener platten Wirklichkeit, von der dieser Abend kündet – der Sozialkampf ist auch heute noch Realität. Nicht die Kunst ist für Lösch in Unordnung, sondern die Welt".

Die Geldmünzen auf dem Bühnenboden, sind "billige Attrappen, aber der Aufführung geben sie eine echte, so giftige wie kraftvolle Spannung", meint Irene Bazinger (FAZ, 15.12.). Und die Ex-Häftlinge "verleihen Biberkopfs Einzelschicksal den aktuellen sozialen Kontext, ohne ihre eigenen Geschichten vergessen zu lassen". Die Aufführung sei körperlich geprägt, "oft laut und aggressiv, auch durch die schroffen Lichtwechsel sehr ungemütlich". So einfach "Toleranz und Erbarmen mit Döblins fiktivem Biberkopf aufzubringen sind, so deutlich verspürt man als Betrachter Reserviertheit und Bangigkeit gegenüber den realen Ex-Knackis". Neben dieser Lektion gelinge Volker Lösch "mit seiner durchdachten, herausfordernden Inszenierung außerdem ein packender Theaterabend, was sich nicht zuletzt daran zeigt, wie gut der Laienchor und die Schauspieler harmonieren". Dies sei "keine leichte, dafür wichtige Kost, rasant wie risikofreudig aufbereitet".

Von Döblins epochalem Roman ist in diesen zwei Stunden "wirklich nicht die Rede", sagt Rüdiger Schaper (Der Tagesspiegel, 15.12.). "Das Buch bleibt fest geschlossen, Döblins schreckliche Heldin, die große Stadt Berlin, tritt gar nicht erst in Erscheinung. Dieser Alexanderplatz ist ein Gemeinplatz (...). Und wieder passiert es, dass man mehr über Volker Lösch spricht als von dem Feuer, das er entzünden will." Lösch hole ja "Menschen von der Straße auf die Bühne, die in einem durchästhetisierten Betrieb nicht wahrgenommen werden, die nicht mehr auftauchen als Figuren im Repertoire". Und auch dem jetzigen Chor würde man zuhören, "wenn Lösch sie nur reden ließe!". Die "Typen bleiben Typen, und anonym". Löschs Theater habe dabei "etwas Dekoratives". Am Ende ist Lösch eher ein Installateur als ein Regisseur, einer, der Menschen hin- und Empörung ausstellt". Es werde "immer auf demselben Level gespielt – hektisches Brüllen. Kraftmeierei". Die Schauspieler und der "Sprechtrupp" kämen so nicht zusammen: "Die scheinbar mutige Versuchsanordnung läuft glatt und öde durch, die Risiken, die in dem gemischten Ensemble liegen, sind auf ein Minimum reduziert. Ein Theater der kalkulierten Erregung."

"Löschs Methode ist genau dort angekommen, wo sie rauswollte: im geschlossenen Theaterbetrieb", bemerkt Peter Hans Göpfert (Berliner Morgenpost, 15.12.). Döblins Roman diene der Inszenierung dabei nur als "Vorwand". Denn Lösch organisiere sich seine eigenen Gedankenverknüpfungen. Und "was diesem Abend seine Energie gibt, ist einzig der Sprechchor mit seinem kanalisierten Originalton. Eine tatsächlich politische und soziale Stoßkraft gewinnt die Inszenierung nicht. Zu Recht werden die Choristen am Ende kräftig gefeiert. Niemand regt sich über das, was sie herausschreien, auf. Alle fragen sich: wie werden diese Seiteneinsteiger des Theaters mit ihrer deklamatorischen Aufgabe fertig? Und schau: sie sind höchst engagiert bei der Sache." Die Aufführung bleibt damit "klischeehaft und trivial".

Und Eva Behrendt in der Frankfurter Rundschau (16.12.) schreibt, Lösch habe nun auch diesen Stoff auf die Neiddebatte heruntergebrochen. Was auch das einzige sei, das an diesem Abend funktioniere: Wenn ein straffällig Gewordener jemandem aus dem Publikum direkt in die Augen schaue und sage: "Deine glückliche Kindheit hätte ich gerne." Ansonsten "liefert der Abend keine Analyse, keine Lösung, keine Anklage des Strafvollzugs und wenig wirkliche Konfrontation. Selbst Löschs erwartbare Lieblingsthese, dass Banker & Co. ein mindestens ähnliches Verbrecherpotenzial aufweisen wie kleine Schufte, verpufft in ein paar Randbemerkungen und im einzigen wirklich inszenierten Bild, bei dem der Chor als Panzerknacker verkleidet mit "Deutsche Bank"-Logo versehene Säcke auf einen Haufen schichtet."

 

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