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Casting für den Ein-Frau-Aufstand

von Christian Rakow

Berlin, 4. Februar 2010. Man muss ein bisschen ausholen, um an den Punkt zu geraten, von dem aus dieser Abend seinen Absprung nimmt. Wie sieht es gemeinhin aus, wenn das Theater sich mit ganzer Kraft in die Waagschale wirft, wenn es mit gestählten Fäusten gegen "die Verhältnisse" trommelt? Da erheben sich Chöre, und Moll-Akkorde rütteln unsere Glieder. Und an der Rampe bäumt sich eine elende Kreatur auf "Sorgt doch, dass ihr die Welt verlassend nicht nur gut wart, sondern verlasst eine gute Welt!"

Seit Bertolt Brecht dieses Schlussszenario seiner "Heiligen Johanna der Schlachthöfe" im langen Schatten der Oktoberrevolution verfasste, hat sich die Bereitschaft, "eine gute Welt zu verlassen", selbstredend stark gemindert. Die revolutionären Massen sind dem Theater abhanden gekommen (und seien sie auch nur das Schreckgespenst gewesen, das man auf dem Heimweg nach der Premiere zu fürchten hatte). Und in der Lücke, die sie hinterließen, verwandeln sich die einstigen Appelle in Pathosformeln.

Unter der Narrenkappe

"Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht" – solche Proklamationen wirken heute kaum mehr kognitiv, wohl aber besitzen sie noch einen Wallungswert. Ja, einmal richtig zulangen! Einmal dabei sein in einem historischen Augenblick, one moment in time! Im Reich der konsequenzlosen Fiktion lässt sich der Umsturz als Wonneerlebnis träumen. Was dabei genau stürzen soll, ist völlig irrelevant. Wie unter einer festgewachsenen Narrenkappe feiert sich das Theater allzu gern mit seinen linken Klassikern für eine abstrakte "Widerständigkeit", deren konkrete gesellschaftliche Angriffsfläche längst nicht mehr auszumachen ist (und nur wenige Inszenierungen reflektieren diese Situation so intelligent wie Nicolas Stemanns Heilige Johanna derzeit am Deutschen Theater).

Es ist diese Behauptung des selbstverständlichen Engagements im Theater, die das in Berlin ansässige deutsch-englische Künstlerkollektiv Gob Squad in seiner neuen Inszenierung "Revolution Now!" brillant auseinander nimmt. "Revolution now – not yet" prangt eingangs auf dem riesigen Videoscreen über der Bühne. Es ist das Statement einer pseudo-revolutionären Situation, die nach Karl Max lediglich den Modus der Farce kennt. Und wirklich: Was in anderen Theaterabenden als lasche Ironie auftaucht, wird bei Gob Squad ins Absurde überhöht: So viel Farce ist selten.

I'm beginning to see the light

Zu Bob Dylans "The Times They Are A-Changin'" erfolgt der schrille Einmarsch der als Gaukler aufkostümierten Performer Johanna Freiburg, Berit Stumpf, Sharon Smith und Simon Will, unterstützt von Musiker Christopher Uhe. "We did it, we're in!" jubeln sie und lassen sich für ihren ersten Auftritt im Großen Saal der Volksbühne beklatschen. Mit Musik von The Velvet Underground ("I'm beginning to see the light") bis Eric Carmen ("All by myself") wird der Abend auch weiterhin in Teilen ein Old School Popkonzert bleiben.

Der Saal ist abgeschlossen, informiert man uns. Wir sind also Geiseln für die Dauer der Aktion. Per Live-Schaltung nach Draußen wird die Ankunft der Volksmassen auf dem Rosa-Luxemburg-Platz erwartet, die sich mit der revolutionären Theaterzelle drinnen zum Aufstand verbrüdern sollen. Filmbilder vom Sturm des Winterpalais 1917 deuten auf der Videowand an, was man sich von einer passablen Erhebung versprechen dürfte. Doch leider herrscht auf dem Platz in etwa so viel Getümmel wie bei der Mondlandung.

Die Revolution und ihre Kamera

Wozu der heutige Aufstand angezettelt werden soll, bleibt einleuchtenderweise das gut gehütete Geheimnis der Revolutionsalchemisten von Gob Squad. Was dem politischen Theater oft lediglich unterläuft, wird hier Programm: Alles ist auf reine Emphase und Emotionalisierung abgestellt. Verbrüderungsbilder aus dem Publikum werden interaktiv angeregt und per Kamera eingefangen, denn "jeder guten Revolution geht es um Sichtbarkeit". Die Theaterguerilleros bringen sich in Che Guevara-Pose oder stellen den Sturm der Bastille von Delacroix nach ("Die Freiheit führt das Volk"). Ein Manifest formuliert dazu den ebenso schlichten wie ehrlichen Grundsatz: "Es gibt kein Manifest und keine geteilten Überzeugungen."

Man muss es nicht mögen (und tatsächlich hat der Abend hier Längen), aber es ist von einer beeindruckenden Folgerichtigkeit, wenn Berit Stumpf und Johanna Freiburg schließlich vor das Gebäude treten, um ihr aufständisches "Volk" aus vorbeieilenden Passanten zu rekrutieren. "Wollen Sie mit uns die Revolution machen?", fragt Stumpf beharrlich inhaltsleer. Und ein älterer Herr kontert sie aus: "Es gibt gar keine revolutionäre Situation. Das ist völlig konfus, was sie vertellen." Selten hat sich das Theater so schonungslos eigenen Unzulänglichkeiten gestellt.

Party bis das Licht angeht

Wann werden wir aus diesem Theatersaal entlassen (die zweite Stunde neigt sich schon dem Ende zu)? Schließlich lautet die Verabredung, dass alles erst dann vorüber ist, wenn diese Theateranordnung eine Rückkoppelung erzeugt hat, wenn sie den "Lauf der Dinge an diesem Abend verändert". Und siehe, eine – ich vermute – junge Finnin, Silja, steigt mit ein und erlöst uns also. E-Gitarren werden ans Publikum verteilt, auf dass man Silja draußen via Video mit krachendem Artrock "elektrisiere". Es glückt: Silja schmettert einen Molotowcocktail gegen das Theaterhaus. Und Simon Will raunt drinnen beseelt: "I smell a burning, and I see change coming".

Die Party nimmt noch einmal Schwung auf. Will philosophiert haarscharf am dialektischen Materialismus entlang: "The revolution is not an apple that falls, when it’s ripe. You have to make it drop". Und plötzlich hebt sich der Vorhang, und auf der riesigen Bühne steht sie fast verloren da, die gecastete Revolutionärin Silja, eine vereinsamte heilige Johanna, eine Freiheitsfigur im Eine-Frau-Volksaufstand, und schwenkt eine riesige glitzernde Fahne. Und wir, die Pseudo-Revolutionäre, applaudieren ihr beinah wie Schicksalsgenossen. Ein berückendes Schlussbild. "I'm beginning to see the light" – oder ist es nur das Saallicht?


Revolution Now!
von und mit Gob Squad
Konzept: Gob Squad, Performance und Entwicklung: Johanna Freiburg, Sean Patten, Berit Stumpf, Sharon Smith, Sarah Thom, Laura Tonke, Bastian Trost, Christopher Uhe, Simon Will; Live-Musik: Christopher Uhe, Masha Qrella; Video: Miles Chalcraft, Kathrin Krottenthaler, Sound-Design: Jeff McGrory, Kostüme: Pieter Bax, Dramaturgie: Aenne Quinones, Christina Runge, Götz Leineweber.

www.volksbuehne-berlin.de


Mehr zu Gob Squad im nachtkritik-Archiv: Saving the world, das im Sommer 2008 als Koproduktion auf Kampnagel Hamburg Premiere hatte, gewann beim Festival Impulse 2009 den Preis des Goethes-Instituts.


Kritikenrundschau

Sperrangelweite Türen hat die neueste Gob-Squad-Revolutions-Performance bei Christine Wahl auf Spiegel-Online (5.2.2010) eingerannt. Eine reichliche Stunde lang fahre Gob Squad "so ziemlich alles auf, was zu diesem Thema aus Kunst, Popkultur und halbverdauten Philosophie-Seminaren im kollektiven Bewusstsein herumgeistert." Auch wenn es an diesem Abend durchaus "witzige Momente und charmante Ideen"gebe, über die Tatsache, "dass sie lieber einen fremden als den eigenen Volvo für den revolutionären Kampf opfern würde und im übrigen keine Ahnung hat, für welche revolutionäre Idee sie dann eigentlich im Volvo streiten sollte", müsse man die Kulturschickeria und das andere linksromantische Kulturvolk nun wirklich nicht 60 Minuten lang aufklären!

Ein "Meisterstück des Doppelspiels" dagegen nennt Doris Meierhenrich den Abend in der Berliner Zeitung (6.2.2010). So sehr man diesen Abend dafür hasse, "dass er einen immer wieder mit Zuschauergymnastik, banalen Fragen und unsinnigen Geschichtsüberblendungen durch seichteste Gewässer in den Zynismus tappen lässt, liebt man ihn für die Momente der Klarheit und Selbstdistanzierung von eben diesen Mitteln. Denn langsam kippt hier jede Aktion in ihre Falschheit, entlarvt sich jedes Geschehen als Projektion. Doch dass auch Projektion Wahrheit bergen kann, zeigt die dann doch noch kommende, herrliche Schlussszene. Die aber muss jeder selbst erleben."

"Sehr unterhaltsam, sehr egal", schreibt Patrick Wildermann im Berliner Tagesspiegel (6.2.2010). Gob Squad, das deutsch-britische Performancekollektiv "mit Faible für ironisch gebrochene Heldengeschichten in Echtzeit", mache sich in der Volksbühne nun daran, die Inhaltsleere des Begriffs Revolution noch einmal "multimedial und meta-witzig" vorzuführen. Das stillstehende Geschehen im Saal werde zu diesem Zweck live auf einen kleinen Fernseher übertragen, der auf dem verschneiten Rosa-Luxemburg-Platz einsam vor sich hinflimmert. Manchmal bleiben junge Menschen mit Bierflaschen neugierig davor stehen und werden überrascht davon, dass eine Kamera wiederum ihre Gesichter filmt und auf die Videowand im Volksbühnensaal sendet, wo ihnen das Publikum zujohlt und zuwinkt." Eine Kommunikation zwischen Theater und Welt, die für Wildermann ungefähr auf dem 'Verstehen Sie Spaß?'-Prinzip basiert.

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