Einen Jux wollten sie sich machen

von Thomas Askan Vierich

Wien, 25. Februar 2010. Die Österreicher lieben ihren Hans Moser. Der "Volksschauspieler" steht für den hierzulande gerne beschworenen Eigensinn, die "unbestechliche Souveränität des kleinen Mannes", wie Franzobel formuliert. Für ihn ist Moser ein Wiener Bruder Gustaf Gründgens': "An ihm lassen sich Hoffnungen und Ängste, Couragiertheit und Durchlavieren zeigen, Macht und Ohnmacht des Einzelnen in den Mühlen der Geschichte."

1938 haben die Wiener dem Führer am Heldenplatz ausgiebigst zugejubelt, der sie heim ins Reich holte. Davon wollten sie dann später lange nichts mehr wissen. "Gesagt habe ich nichts", sagt Franzobels Moser. "Aber g'schaut. Ich hatte den Widerstand im Blick."

Ein Wiener Rühmann

Trotzdem bleibt der Österreicher Moser im Vergleich zum Deutschen Gründgens eine beschauliche Figur. Eher vergleichbar mit Heinz Rühmann. Moser hat dem Führer sogar ein Gnadengesuch geschickt, in dem er bat, für seine jüdische Ehefrau eine Ausnahme zu machen. Sie musste trotzdem 1939 nach Budapest emigrieren. Der "apolitische" Moser ließ sich wie Rühmann in Unterhaltungsfilmen für die Nazipropaganda instrumentalisieren.

Mehr behauptet auch Franzobel nicht. Trotzdem führte das Stück schon im Vorfeld zu einem kleinen Skandal. Man fürchtete eine Nestbeschmutzung. Schließlich war Moser mal Ensemblemitglied an der Josefstadt gewesen. "Ich bin nur ein Schauspieler, ich war nie dafür und nie dagegen", lässt ihn Franzobel jetzt sagen. "Mit zu viel Rückgrat kannst nicht spielen. Und mit zu wenig auch nicht." Moser durfte spielen. Und wurde 1964 in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt.

Zwei Moser im Himmel

Leider gelingt es Franzobel von dieser Geschichte nur ein paar Fetzen anzureißen. Er zeigt nicht das menschliche Drama dahinter. Sein dramatischer Grundeinfall: Er lässt Hans Moser im Himmel auf Hitler treffen - größtenteils genial verkörpert von Hubsi Kramar. Ausgerechnet Kramar. Der ist auch ein Wiener Original, Kabarettist und selbsternannter Aktionist. 2000 erschien er als Hitler verkleidet auf dem Opernball. Darüber konnten in Wien nicht alle lachen. Über seinen schlaksigen Führer im Himmel lachen sie in der Josefstadt schon. Besonders lustig wird's, als Frau Moser, meist etwas übertrieben forciert von Sandra Cervik in Szene gesetzt, kaum im Himmel angekommen, auf Hitler zutritt und ihm den Schnurrbart aus dem Gesicht reißt.

Der zweite Einfall Franzobels: Er schickt Moser gleich zweifach in den Himmel. Als alter Moser, zunehmend müde gespielt von Erwin Steinhauer, und als junger, noch unbekannter Moser, gespielt vom quirligen Florian Teichtmeister, neben Alexander Pschill als Hitlers Adjutant Wackel der beste Darsteller des Abends.

Beide Moser bekommen von Hitler, der im Himmel auch als Theaterdirektor fungiert, kein Engagement. Klugerweise vermeiden sowohl Steinhauer als auch Teichtmeister jede Form von Moser-Parodie. Das übernehmen zu Beginn des Stücks drei "Moser-Imitatoren", Gott sei Dank nur kurz. Die bald auftauchende Blanca Moser will, dass die Mosers Hitler beweisen, dass sie durchaus für die Nazis gewesen seien. Moser habe damals "innerlich salutiert".

Siegfrieds Lindwurm: ein Kirmeszug

Leider wird etwa nach einer Stunde aus einem witzigen, volksstückartigen, selbstironischen Lehrstück ziemlich wüster Klamauk. Die Kalauer reihen sich aneinander. Leider auch die Klischées über Deutschland, Österreich und Wien im Speziellen. Schnell geht es abwärts. Der falsche Hitler beschimpft die Österreicher als "Gemütlichkeitsterroristen, Heurigenmonster und Provinzdilettanten". Der junge Moser muss ins Nationaltrikot der deutschen Fußballnationalmannschaft schlüpfen und Siegfried, den Drachentöter geben. Der Drache ist ein Kirmeszug, in dem neben dem alten, weinseligen Moser die echten Extremschrammeln sitzen, eine in Österreich kultisch verehrte "Volksmusiktruppe" um Roland Neuwirth, die während des Stückes immer wieder aufspielen und die Mosers beim Absingen ihrer berühmtesten Lieder begleiten.

Kann sein, Franzobel und Regisseur Peter Wittenberg wollten es der verschnarchten Josefstadt zeigen und einmal so richtig auf die Kacke hauen. Aber erstens fühlten sich nur ganz wenige im Zuschauerraum provoziert. Und zweitens wirkt der Klamauk in dem plüschigen Theater umso aufgesetzter.

Kurz vor Schluss muss der bedauernswerte Steinhauer sein junges alter ego auch noch heiraten und ihm ein Busserl geben. Die Verkrampftheit ist mit Händen zu greifen. Und auch die im Volksstück obligate Moral erspart uns Franzobel nicht. Steinhauer muss sie zwischen zusammengebissenen Zähnen deklamieren: "Ihr wollt mich einordnen in eure Gut-und-Böse-Welt. Ich bin der Moser, den ihr verdient."

Damit fielen Franzobel und der ganze Abend ziemlich schmerzhaft auf den Hosenboden - trotz geringer dramatischer Fallhöhe. Etwas weniger Klamauk und etwas mehr Tiefgang hätte Hans Moser verdient gehabt.

 

Moser oder Die Passion des Wochenend-Wohnzimmergottes (UA)
von Franzobel
Regie: Peter Wittenberg, Bühnenbild und Kostüme: Florian Parbs, Dramaturgie: Ulrike Zemme.
Mit Erwin Steinhauer, Florian Teichtmeister, Sandra Cervik, Martin Zauner, Hubsi Kramar, Alexander Pschill und den Extremschrammeln.

www.josefstadt.org

 

Mehr zu dem auf nachtkritik.de sehr häufig besprochenen Franzobel: seine Bühnenadaption von "Das Zeugenhaus", einem Buch von Christiane Kohl, die diese Bearbeitung ablehnte , hatte im Dezember in Nürnberg Premiere. Prinzessin Eisenherz, ein Stück über eine österreichische Widerstandskämpferin gegen die Nazis, hatte im März in Graz Premiere. Ebenfalls von der braunen Vergangenheit, diesmal des Hausrucks in Österreich, handelt Z!pf, das hier im Juli 2008 besprochen wurde.

 

Kritikenrundschau

Als biederes, nette Kabarett empfand Bernhard Doppler in der Sendung "Fazit" des Deutschlandradios (26.2.2010) Stück und Inszenierung. Dabei stört ihn nicht, den Nationalsozialismus als Trash-Komödie vorzuführen kann. Doch das haben George Tabori in seinem Stück "Mein Kampf" oder Elfriede Jelinek mit "Burgtheater" um Längen besser und unheimlicher hingekriegt. Daran reicht Franzobel nicht heran, wie Doppler findet, "auch wenn er wie Tabori den verkrachten Künstler Hitler vorführt. "Nicht einmal die meist sehr destruktive Boshaftigkeit Mosers in seinen scheinbar harmlosen Heimatfilmen wird sichtbar." Zwar mache Regisseur Peter Wittenberg das Beste daraus, lasse einfallsreich "das Theater im Himmelstheater" in einem riesengroßen Radio "Volksempfänger" spielen. Den Verweis auf die österreichische Mehrdeutigkeit "Widerstand und gleichzeitig Mitläufeertum" findet Doppler dann aber ein wenig kokett.

Auf der Webseite der Wiener Zeitung Die Presse (26.2.2010) schreibt Barbara Petsch: Das Stück sei "bestenfalls halblustig", es mangele "an Substanz". Anfang und Schluss seien "königlich", der Rest "Schülerscherze" und "Geschmacklosigkeiten". Die Aufführung somit: "Kein Skandal", bloß ein "bunter Abend", dazu "grob inszeniert". Regisseur Peter Wittenberg greife "grob in Franzobels schalkhaftes Scherzgeflecht". Die Aufführung wirke wie "ein verspäteter Faschingsscherz". Die "bedauernswerte Sandra Cervik" als Bianca Moser rede, "wie man im Wiener Bürgertum Juden nachmacht, was einfach nur peinlich ist". Jene, "die befürchten, dass ihr Idol vom Sockel gestürzt wird, können ruhig schlafen". Es gehe bloß um den "allgegenwärtigen Opportunismus", den auch Franzobel übe, indem er sich "etwaigen zornigen Moser-Fans" anbiedere. Auch die Hörbigers dürften "sich entspannen": Der Paul Hörbiger sei bei Franzobel "ein Widerstandskämpfer".

Auf der Webseite der Wiener Zeitung Der Standard (26.2.2010) schreibt Ronald Pohl: es handele sich um ein "daunenweiches Volksschauspiel", Franzobels "fast bis an die Zähne mit Kalauern bewaffnete Untersuchung" gebe sich als "Scheinprozess" zu erkennen. Während sich Erwin Steinhauer als der alte Moser als "gemütvoll beleibter Routinier" mit "nobler Zurückhaltung" wappne, verrate der junge Moser des Florian Teichtmeister den an den "Erfordernissen des Stummfilm" geschulten, "nervösen Komiker": ein "Charlie Chaplin aus der Wiener Bassena-Wohnung". Aber diese beiden "Kunststücke" verlören im Verlaufe eines kurzen Abends "erstaunlich rasch" an Wirkung. Peter Wittenbergs Inszenierung halte sich "mit Zweifeln an der Konstruktion dieser mit ein paar Zoten vollgestopften Blödelei nicht unnötig auf". Der Franzobel-Himmel sei ein "kommod aufgeräumter, butterweich mit Roland Neuwirths Schrammelmusik ausgekleideter Wohlfühl-Knast".

Hier wird weder einem Denkmal ans Standbein gepinkelt noch wird es vom Sockel gestürzt," beschreibt Ulrich Weinzierl auf Welt-Online (27.2.2010) das Dilemma des Abends, für den Franzobels Stück nur ein "beinahe liebenswürdiges" Trash-Drama ist. Ganz davon abgesehen, dass Hans Moser sich im Nationalsozialismus "vergleichsweise anständig" behalten habe. Das Stück jongliere mit Kalauern und Klischees, "um diese dann, wohl ohne Absicht, zu bestätigen." Moser trete im Doppelpack in Erscheinung und selbst der Nazi-Himmel hänge voller Geigen. Dem Führer verleihe Hubsi Kramar als Provokateur vom Dienst "sein bereits anno 2000 beim Wiener Opernball bewährtes, einst polizeilich behindertes Karikaturenformat. Obendrein treten Moser-Imitatoren sowie Sandra Cervik als Blanca Moser auf, die mit ihrem Charme den Gröfaz beeindruckt." Dies alles wirkt auf den Kritiker "recht nett" und "erreicht zuweilen trotz der Regiebemühungen von Peter Wittenberg das Niveau der nach unten offenen Qualitätsskala des Villacher Faschings. Und weil des Witzes Würze Kürze ist, zieht sich die halblustige Sache - das Mosern ist Franzobels Lust, das Mosern - bis zur abschließenden Apotheose gewaltig."

Der reale Hans Moser, schreibt Uwe Mattheiß in der taz (2.3.2010), habe "versäumt", "mit seiner jüdischen Frau zu emigrieren, und nahm danach eine Vielzahl von vermeintlich oder tatsächlich geforderten Demütigungen und Kriechereien auf sich, um gemeinsam mit ihr durchzukommen". Ein Verhalten, das vielleicht zwischen "Feigheit und Notlage", nicht aber in der Nähe der "Kollaboration zu orten" sei. Franzobel jedoch "trägt es Moser, der sich's in der Not gerichtet hat, nach, dass er den Wiener Kleinbürgern, die sich's ohne Not noch mit jeder Obrigkeit gerichtet haben, im Film ein Gesicht gegeben hat". Eine Sichtweise, die Peter Wittenbergs Inszenierung "in vorabendtauglichen Kinderprogrammbildern" zu entschärfen sucht, ohne dadurch größere Genauigkeit zu erzielen. "Will das Theater tatsächlich etwas über die Verstrickung in den Nationalsozialismus und den diskreten Charme einer Wiener Schauspieleraristokratie erfahren, dann gibt es ein Stück, das schon ein Vierteljahrhundert auf seine Wiener Aufführung wartet: 'Burgtheater' von Elfriede Jelinek."

 

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