Der Träumer seiner Erinnerung

von Andreas Wilink

Köln, 19. März 2010. Die Festtafel ist geteilt. Am linken Tisch finden sechs Personen Platz, am rechten ebenso viele. Ein Stuhl bleibt zunächst frei – der Gast, für den man dort reserviert hat, passt nicht recht in die Feierlichkeit zu Helges 60. Geburtstag. Er heißt Gbatokai, ist der Freund von Helene, der Tochter des Hauses, und er ist schwarz. Mit einiger Verspätung reiht auch er sich ein, auch wenn ihn dann ein Lied der guten weißen Gesellschaft als "Hottentott" verhöhnt.

Beide Tische lassen – wie sie Jens Kilian auf der luftig lichten Bühne des Kölner Schauspielhauses frontal zum Zuschauerraum ausrichtet – einen Zwischenraum. Lassen etwas offen. Nun gut, einen Durchgang für den Service. Doch die Lücke hat eine andere Bedeutung. Die Leerstelle kann an Linda erinnern, die abwesende Tochter von Helge und Else, Zwillingsschwester von Christian, Geschwister der jüngeren Helene und Michael. Sie hat sich wenige Monate zuvor getötet.

Schwere Kronleuchter über der Tafel

Thomas Vinterbergs und Mogens Rukovs "Das Fest", 1997 als Film entstanden und Gründungsdokument des puristischen dänischen Dogma-Kinos, setzt sich als psychorealistisches Kammerspiel in die Tradition der amerikanischen Seelen-Erlöser und skandinavischen Aufklärer: Wir sprechen uns frei. Das Tabu, das aufgebrochen, das Trauma, das erhellt wird – wie es der schwere Kronleuchter androht, der über der Abendmahlstafel hängt, die zum Tribunal wird – heißt: Kindesmissbrauch.

Abweichend vom akuten öffentlichen Diskurs, aber nicht im katholischen Internat, sondern im protestantischen Norden und unter der Deckung (wie ohnehin am alltäglichsten) und im Schoß der Familie. Der Mechanismus aus Verschweigen und Vertuschen, aus Scham (der Opfer), Scheu (der Zeugen und Mitwisser), Lust (des Täters – und seiner Verachtung: "Ihr wart nicht mehr wert") ist der nämliche.

Familiäre Rituale, familiärer Abstand

Das Fest für den Patriarchen, das männliche "Stahlwerk", findet statt in einem seiner Hotels – Ort der Kindheit von Christian und den Seinen. Wie die übrigen Mitglieder des Familienstaates reist der älteste Sohn an. Aber so wie Carlo Ljubek – im Vergleich zur Begrüßung seiner Schwester, von Neffe und Nichte oder der Mutter – den Vater umarmt, passiv und nur geschehen lassend, wird bereits der Abstand greifbar, den beide später in ihrer Konfrontation wahren: der eine mitten auf der Szene, der andere am Rand des Parketts, nahe beim Ausgang.

Zunächst entsprechen die Gäste den Ritualen, die jede auf ihre Weise unglückliche Familie entwickelt. Bis Christian das Glas erhebt. Es folgt keine Laudatio auf den Jubilar, sondern eine Anklage, vorgetragen wie eine erinnerungsselige Anekdote, die da lautet: "Papa nimmt sein Bad". Sie offenbart, dass er "Sex mit seinen lieben Kleinen" hatte, sie vergewaltigte. Der Eklat ist da, wird aber zunächst von der Festrunde ignoriert. Man isst, trinkt, macht Rauchpause, bildet eine Polonaise.

Innerer Zwiespalt und Bühnen-Zeichen

Christian ist in Dieter Giesings Inszenierung vom ersten Moment an auf der Außenseiterposition, versunken in einem anderen Zustand: traumverloren an seine Erinnerung, dem Jetzt entrückt. Selbst für die Jugendflamme Pia (Myriam Schröder) bringt er kaum Interesse auf. Der innere Zwiespalt Guter Junge sein zu wollen und Störenfried sein zu müssen, nimmt ihn ganz in Anspruch.

Auf offener Bühne zieht Carlo Ljubek sich aus und um, wirft sich in Schale, wäscht sich Blut von der nackten Haut, als wiederhole er damit vor unser aller Augen einen Akt der Demütigung, den er damals als Kind erfahren hat. Einmal liegt er, bevor das Theater der Enthüllung beginnt, zusammen mit Michael (Sebastian Haase) und Helene (Angelika Richter) wie tot am Boden. Drei von vieren haben überlebt – aber wie?

Giesing arbeitet mit solchen Zeichen. Sie werfen ihren Schatten auf die Miene von Helge, den Felix Vörtler weniger als Bonhomme spielt, vielmehr düster ahnungsvoll und wie mit dem zweiten Gesicht begabt. Sie bohren Löcher in den Ablauf des Festes. Und setzen sich in der Hintergrundmusik fort, wenn Cole Porters "Everytime we say goodbye" leise erklingt wie das Requiem für eine verlorene Kindheit, ein verlorenes Leben – und für den Morgen danach.

Vorspiel zum nächsten Drama

Wir können diesen Christian nicht mehr – und es scheint, als könne es auch die Kölner Aufführung nicht – unvoreingenommen sehen, seit wir wissen, was aus ihm wurde, ja, was schon beim "Fest" in ihm und mit ihm los war. Soeben hat "Das Begräbnis" stattgefunden: Am Wiener Burgtheater erlebte darin "Das Fest" seine Fortsetzung. Christian, das Opfer des Vaters, wurde durch den pädophilen Inzest geprägt und zum Wiederholungszwang verurteilt. Widergänger des Vaters, der sich am Neffen, dem Sohn von Bruder Michael, vergreifen wird.

Das Drama schreitet fort vom symbolischen Vatermord zum Bruderzwist. Die Sünden der Väter heimgesucht an ihren Kindern: Vinterberg kennt seinen Ibsen: "Gespenster". Jedoch billigt er Christian eine (Leidens-)Geschichte zu, die Vater Helge nicht besitzt. Dass – künftig – in Christians Person das Monströse gestanden und im Urerlebnis des eigenen Missbraucht-Worden-Seins erklärbar wird, dass dieser neue Christian kaputt machen will, was ihn selbst kaputt gemacht hat, dass sein Furor, mit dem er das familiäre System einreißt, auch Selbsthass ist, trägt er bei Ljubek schon mit sich. Das Fest als Vorspiel.

 

Das Fest
von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov
Regie: Dieter Giesing, Mitarbeit: Johann Kresnik / Barbara Nowotny; Bühne und Kostüme: Jens Kilian, Musik: Jörg Gollasch, Dramaturgie: Jan Hein.
Mit: Felix Vörtler, Birgit Walter, Carlo Ljubek, Sebastian Haase, Angelika Richter, Annika Olbrich, Lina Beckmann, Horst Mendroch, Petra Redinger, Jubril Sulaimon, Holger Kunkel, Marie Bonnet, Myriam Schröder, Jennifer Frank, Martin Horn, Renato Schuch, Matthias Redlhammer.

www.schauspielkoeln.de


Mehr im nachtkritik-Archiv: Am vergangenen Wochenende hat Martina Eitner-Acheampong Das Fest in Leipzig inszeniert. Jorinde Dröse bearbeitete den Dogma-Film im Mai 2007 am Volkstheater München. Und Thomas Vinterberg inszenierte Anfang dieses Monats die Fortsetzung Das Begräbnis am Burgtheater Wien.

 

{denvideo http://www.youtube.com/watch?v=54o4A1nBE1M}

 

Kritikenrundschau

Regisseur Dieter Giesing versuche gar nicht erst, bei seiner Kölner Inszenierung von Vinterbergs "Das Fest" "mit der Handkamera-Nervosität des Kino-Originals zu konkurrieren", schreibt Hartmut Wilmes in der Kölnischen Rundschau (22.3.2010). Schon Jens Kilians symbolträchtige Bühne verweise "auf Leerstellen, Risse, Brüche". Carlo Ljubek spiele den isolierten Christian "fantastisch, mit somnambuler Entrücktheit". Diese "Einsamkeit des Rechthabens" leuchte die Regie "sehr sensibel aus", was nicht bei allen Figuren gelinge. Felix Vörtler als pädophiler Vater etwa dürfe hier nur "der stiernackige Dreckskerl" sein, "beängstigend, aber ohne Tragik". Ansonsten suche Giesing stets "nach subtilen Effekten", dirigiere "sein Mimen-Orchester mit uneitler Virtuosität" und ermögliche "hinreißende Soli". Die Feinarbeit werde durch die "brutale Wucht" allerdings auch ein wenig gedämpft, zumal Vinterbergs Stück "zwar ein effektiver Lebenslügen-Häcksler, aber deutlich plakativer als Ibsens Vorbilder ist".


"Weglassen ist die stärkste Form des Zeigens", das beweist Giesing für Christian Bos Kölner Stadt-Anzeiger (22.3.2010). Giesing versuche, das Publikum "ins Spiel zu ziehen, indem er nur auf dem vorderen Drittel der Bühne spielen lässt", verweigere seinem Ensemble jedoch "übermäßige Gefühlsausbrüche". Wie ihre Figuren schützten auch die Schauspieler "alltägliche Beiläufigkeit vor, während zwischen ihnen Ungeheuerliches geschieht". "Realismus also? Psychologischer gar?", fragt da der Kritiker. Der "König der passiven Aggressivität" sei Carlo Ljubeks sich abkapselnder Christian: "Ljubek verrät nichts und das interessiert ungemein". Vörtler setze dem "eine bullige-einschüchternde Physis und fast desinteressierte Kälte entgegen". Der Regisseur "lenkt die Aufmerksamkeit auf die Geschichte", interessiere sich dabei weniger für Kindesmissbrauch, als vielmehr "für die Mechanismen von Verdrängung und detektivischer Aufklärung, von Vereinnahmen und Abstoßen, aus deren Wechselspiel jeder Familienroman besteht". Insofern erscheine "Das Fest" hier als "Hamlet"-Variation, zeige schließlich eine innerfamiliäre Verbrechens-Aufdeckung in dänischem Schloss durch einen zögernden Sohn.


"Jede Familie hat ein Geheimnis" – diesen Untertitel von Thomas Vinterbergs Film "Das Fest" nimmt sich Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (23.03.2010) zum Anlass, eingehend Details, die auf den Eklat des Familienfestes hinführen, zu schildern. Wie das "Gemenge aus Vertrautem und Verdrücktem, Ausgelassenheit und Anspannung" in der Inszenierung aufgebaut werde, beweise die "Meisterschaft, mit der Dieter Giesing das Drehbuch von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov aufs Theater bringt". "Die Tafel wird zum Tribunal, die Party zum Prozess. Knapp und psychologisch prägnant leuchtet Dieter Giesing 'Das Fest' mit einem farbigen, fabelhaft genauen Ensemble in nur anderthalb Stunden aus und macht es zu mehr als nur einem Enthüllungsdrama über die Verbrechen des Vaters. Die Kölner Aufführung wird zur szenischen Abhandlung über die Schwierigkeit, sich gegen die Mechanismen des Abwehrens und Abspaltens zu behaupten, die sie in eine heftige, über die Grenze zur Gewalt schlagende Körpersprache übersetzt: Der in seiner Beharrlichkeit geschmeidige Christian von Carlo Ljubek muss ganz in sich gehen, um alle Kraft dafür zu sammeln, er kollabiert einmal und springt über Schatten der Vergangenheit, um die Wahrheit förmlich zu erkämpfen."

 

 

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