Leer kreisendes Denken

von Elena Philipp

Berlin, 24. Juni 2010 "Der Tod setzt alles in Gang" – mit Jean Baudrillards Stimme vom Band beginnt "Ars Moriendi", das zweistündige Dokumentar-Philosophie-Musik-Theater der freien Basler Gruppe CapriConnection. Ausgehend von der "Funeral Music for Queen Mary" (1693) von Henry Purcell suchten die Regisseurin Anna-Sophie Mahler und ihre Kollegen nach einer zeitgemäßen Kunst des Sterbens. Für ihr Projekt, das seine Deutschlandpremiere jetzt im Berliner HAU 1 erlebte, werteten CapriConnection Baudrillards Der symbolische Tausch und der Tod von 1976 und den Band "Der Tod der Moderne" von 1983 aus. Aus der darin dokumentierten Diskussion deutscher Geistesmenschen mit dem französischen Star-Theoretiker bastelten sie die Textgrundlage für "Ars Moriendi".

Ironisch museal das Setting: Siebzigerjahre-Klamotten, Baudrillard-Brillen, auf den Bühnentreppen hölzerne Hocker in Weiß. Dazu einige Stelen, darauf exquisit ausgeleuchtete Objekte aus der Mediensteinzeit: Diaprojektor, Tonbandgerät, Röhrenfernseher, Overheadprojektor, aber auch die deutsche Erstausgabe von Baudrillards "Der symbolische Tausch und der Tod" und die konkursbuch-Reihe, in der "Der Tod der Moderne" erschien. Auch dabei: eine Vanitas-Vase mit weißen Lilien, ebenso wie ein Knochen unter einem Glassturz.

Sex nach langen Theoriedebatten

Leben kommt in die museale Bude, als eine Horde Affen die Gegenstände betastet, während Baudrillards Stimme die Tendenz beklagt, die Kultur für kommende Zivilisationen zu archivieren statt sie zu leben – der Erfrierungstod allen Wissens. Für Claudia Gehrke (Susanne Abelein) hingegen ist die Erinnerungsarbeit ein fröhliches Geschäft: Sie schwärmt zu verschwommenen Dias von den späten 70er und frühen 80er Jahren, als gemeinschaftliches Philosophieren ebenso zum Lebensstil gehörte wie das Rauchen und der experimentelle, zu nichts verpflichtende Sex nach langen Theoriedebatten. Dokumentarisches Material fließt in die Inszenierung ein: Die 'reale' Verlegerin organisierte 1983 die Diskussion der Philosophen. CapriConnection sprachen für "Ars Moriendi" mit ihr und dem Philosophen Michael Rutschky. "So eine Stimmung von Aufbruch", schwärmt die Bühnen-Claudia, die mit Schlaghose, senfgelbem Bündchenpulli und burschikosem Haarschnitt wie eine in den 70ern archivierte Bibliothekarin aussieht.

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CapriConnections "Ars Moriendi" © S. Drescher

Gerd Bergfleth (Thomas Douglas), der sich wie die übrigen Darsteller inszwischen aus seinem Affenkostüm geschält hat, ist fasziniert vom Tod als "Möglichkeit, auch mal freudig reinzuspringen". Streitbar tritt der Philosoph gegen Baudrillards Thesen an, will das stählerne Gehäuse der Moderne durch Ekstase aufbrechen. Pure Ekstase wie die Selbstverbrennung, ein "absoluter Schmerz, der sich der Erfahrung entzieht". Bergfleth "reitet sein Todessteckenpferd", ätzt Douglas, nun in der Rolle von Rutschky. Cathrin Störmer holt den theoretischen Ekstatiker in die Wirklichkeit zurück: "Ja, mach doch. Ich will dich nicht drängen, aber du stellst es dir eben nur so vor." Der Tod funktioniert nicht als Gedankenspiel.

Ratloses philosophisches Quartett

Baudrillard thront unterdessen als stummes Fernsehbild wie ein Götze auf der Szene und wird von den vier Philosophen ehrfürchtig, kritisch, wahrheitswütig befragt. "Sterben ist nichts?", will Christian Dieterle entsetzt wissen. "Doch", meint Störmer von Baudrillards Abbild zu vernehmen, "nur keine Kunst". Was dann? Das philosophische Quartett, dem mit der Realität ein Referenzrahmen für das Denken abhanden gekommen ist, wirkt zunehmend ratlos. "Der Tod ist kein Argument", er ist ein Ereignis, das sich der empfindenden Vorwegnahme entzieht, ebenso wie der Sprache.

Den Gegenpol zum leer kreisenden Denken bildet in "Ars Moriendi" die affektgeladene Barockmusik, gespielt und gesungen von Mitgliedern der Schola Cantorum Basiliensis unter Anthony Rooley. Nach zwei englischen Elegien des 17. Jahrhunderts treten die Musiker in der rigiden Marschordnung eines Trauerzuges auf die Bühne und unterbrechen die Philosophen: "Oh Death, rock me asleep". Strenge äußere Form, poetisch andeutender Text – das ist wohlig melancholisch, aber eine Kunst des Sterbens? Auf die Bühnenrückwand wird ein Hölderlin-Zitat projiziert: "Viel hat von morgen an, seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander, erfahren der Mensch; bald sind wir aber Gesang". Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man singen.

Deckel zu – der nächste Bitte

Man kann es auch spielen: Der Tod als Reise nach Jerusalem. Die vier Bläser zwingen die Philosophen in ein Geviert, wo sie zum Blechklang um die Hocker hetzen. Das Opfer wird durch ein Musikerspalier in den Bühnentod eskortiert. Cathrin Störmer muss sich als erste in einen sargähnlichen Kasten legen. Schon stimmen die Sänger Purcell an, da klopft sie noch einmal wild gegen den Deckel und ihr wird aufgetan. Heidegger hätte doch den Vorschlag gemacht, wie man Gott wiederbeleb... Klapp, Deckel zu, Lilien auf den Sarg – der Nächste bitte.

Eine süffisante Gelehrtenverachtung schwingt in dieser Inszenierung mit, wenn die Kopfmenschen zu bangenden Hasenfüßlern werden, die verbissen um den letzten Hocker raufen. Wenigstens das letzte Wort haben die Philosophen: Thomas Douglas alias Michael Rutschky aus dem Jahr 2010, dessen Frau vor kurzem gestorben ist, fragt sich und uns, wie man heute mit dem Sterben umgeht. "Die Sache ist die, dass wir es nicht mehr akzeptieren können."

Dann ist die Bühne menschenleer wie zu Beginn; ein barock anmutendes Stilleben, die Erinnerung an die eben gesehene Aufführung. Aus dem Foyer erklingt noch einmal Gesang: "Remember not, Lord, our offences." Die mittelalterlichen "Sterbebüchlein", auf die der Titel der Inszenierung Bezug nimmt und die Todgeweihte und Angehörige in christlichem Geiste gegen die Anfechtungen des Teufels auf dem Totenbett wappnen sollten, haben offenbar noch keine säkulare, post-postmoderne Entsprechung gefunden. Die leere Bühne ist ein schönes Bild dafür.


Ars Moriendi
Regie: Anna-Sophie Mahler, Musikalische Leitung: Anthony Rooley, Produktion/Dramaturgie: Boris Brüderlin, Bühne: Duri Bischoff, Kostüm: Mirjam Egli, Licht: Brigitte Dubach. Von und mit: Susanne Abelein, Christian Dieterle, Thomas Douglas, Cathrin Störmer sowie zwölf Sängerinnen und Musikern der Schola Cantorum Basiliensis. Gesang: Adrian Horsewood, Hanna Järveläinen, Kate Macoboy, Yulia Mikkonen, Tiago Mota, David Munderloh, Orgel: Ralph Stelzenmüller, Blasinstrumente: Markus Bauer, Christina Hess, Olivier Picon, Kentaro Wada, Trommel: Hiram Santos

www.hebbel-am-ufer.de
www.capriconnection.ch

 

Mehr zu Anne-Sophie Mahler? In Graz inszenierte sie zuletzt Marie Brassards Peepshow, in Zürich mischte sie Goethes Werther auf.

 

Kritikenrundschau

Aus dem Geschwätz, das einer der geschwätzigsten Philosophen, Jean Baudrillard, über den Tod absonderte", habe CapriConnection "einen so amüsanten wie nachdenklichen Abend geformt", schreibt der Musikkritiker Peter Uehling in der Berliner Zeitung (26.6.2010). "Primaten betreten den Raum und wissen nicht, dass sie sich erinnern sollen", beschreibt Uehling. "Dazu erklingt ein Baudrillard-Zitat vom Aufbewahrungstrieb unserer Kultur, gut beobachtet, witzig übertrieben, am Ende eine geistreich verpuffende Wolke: (...) dass wir vor allem produzieren, um von späteren Zivilisationen wiederentdeckt zu werden, wie Baudrillard meint, ist schon aus ökonomischen Gründen Unsinn: Davon hätte das produzierende Gewerbe nichts." Hier referierten nun vier Schauspieler "so virtuos wie halbseiden hochtrabendes Zeug, man ist fast versucht, mitzuschreiben, um zu folgen - aber schnell zerfasert die Substanz zwischen den gesuchten Worten". Der "intellektuelle Höhenflug" werde als "flügellahm" enthüllt, "weil um die Erfahrung gekürzt". Was für ein Ernst liege hingegen in Henry Purcells Marsch aus der Trauermusik für Queen Mary! "Wo die Rede zum Gerede wird, wohnt jedem Klingen im Verklingen die Erfahrung von Vergänglichkeit inne."

 

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