Ein Rechtslüstling und die Seelenlandschaft

von Sabine Leucht

Salzburg, 28. Juli 2010. Die erste Szene ist wunderschön. Ein bodennaher Schlitz in der Rückwand des kleinen weißen Bühnenkastens füllt sich mit Licht. Im Licht sonnen sich nackte Füße, vier an der Zahl. Sie scheinen miteinander vertraut, kosen sich, steigen paarweise aufeinander, dann verschwindet das kleinere Paar in der Luft. Lachen perlt, eine Frau schiebt sich durch den Schlitz und wird vollends sichtbar. Ein Mann kommt ihr auf einem Umweg nach. Die beiden sind hungrig aufeinander, verknoten ihre Körper, brauchen keine Worte. Und dann sagt die Frau - mitten aus der Verknotung heraus: "Als Irene nach dem Rendezvous die Treppe von der Wohnung ihres Geliebten hinabsteigt, packt sie mit einem Male wieder jene sinnlose Angst..."

Elsie de Brauw tritt aus der Hitze ihrer Figur, um zögernd, fast nachdenklich von ihr zu erzählen. Erleben und Bericht schieben sich sachte ineinander. Die niederländische Schauspielerin, die im Herbst mit ihrem Mann Johan Simons vom NT Gent an die Münchner Kammerspiele geht, ist abonniert auf so etwas. Sie beherrscht alle Nuancen zwischen Identifikation und Distanz, weiß, was sie tut und tut selten zu viel. Wie aber steht es damit bei einem "Realismus der Seele", von dem Regisseur Jossi Wieler vor der Premiere von Stefan Zweigs "Angst" in einem Interview sprach?

Die Kräfte rund um einer Frau

Bei den Salzburger Festspielen, im schmucken Landestheater unweit der Salzach, hat Wieler die Seelenqualen der Anwaltsgattin Irene Wagner ins Zentrum eines Theaterabends gestellt, der die "breitbürgerliche, windstille Existenz" seiner Protagonistin als deren eigentliche Ursache ausmacht. Nicht die schöne Gewohnheit, jeweils einen festen Wochentag in den Armen eines eher zufälligen Liebhabers zu vergehen, nicht die Tatsache, dass plötzlich eine Mitwisserin auftaucht, die für ihr Schweigen Geld will.

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"Angst" mit Elsie de Brauw und Katja Bürkle © Arno Declair

Nein, jene Angst, die Stefan Zweigs Novelle aus den zehner Jahren des vergangenen Jahrhunderts ihren Namen gab, meint zwar die Angst vor dem auffliegenden Seitensprung und der damit unvermeidlichen Kollision der Lebensnischen-Entwürfe. Mehr noch aber als der literarische Seelenerforscher und Freud-Freund Zweig legt Wieler den Finger in die Wunde des bürgerlichen Zwangssystems selbst. Wo diese nicht am Werk ist, wird es manchmal fast läppisch. So scheint Stefan Hunsteins verbale Hauptaufgabe als Liebhaber darin zu bestehen, Irenes Namen in übertriebener Manier immer wieder neu zu betonen. Katja Bürkles Erpresserin merkt man an, dass sie in diesen Part ihrer Rolle eher hineinrutscht - erst Irenes panische Gebebereitschaft macht sie dazu.

Erlösung durch gerechte Strafe?

Als auch der textunkundige Zuschauer am Ende erfährt, dass diese Frau von Irenes Mann für den Job gecastet wurde, rückt auch endlich die zweite Hauptfigur des Abends ins Zentrum: André Jung spielt und erzählt den windstillen, in einen bieder-korrekten Anzug gepressten Rechtslüstling Fritz Wagner mit zunächst fast greller Gemütsmenschenhaftigkeit. Doch wehe, wenn es um sein Steckenpferd geht: Die Erlösung der Schuldigen von ihrer Angst durch die gerechte Strafe!

Irene kann seine Merksätze dazu auswendig und ahnt auch, dass sie eigentlich sie meinen. Am Ende weiß sie es, weil Fritz seine Frau zurückpfeift, als sie sich gerade in der Apotheke den Tod in Flaschen füllen lässt. Wie Jung sich hier mit überschnappender Stimme als sadistischer Spielemacher gibt, wie de Brauw im Zurückweichen vor ihm mit den Händen wedelt, wie der Abstand zwischen den beiden plötzlich greifbar wird wie ein Keil... - Da ist der Abend wieder ganz auf der Höhe seines Beginns.

Gurren, leiden, manchmal träumen

André Jung klammert sich an eine Seite von Anja Rabes löchrigem, mit Schubladen bestückten Bühnenwürfel, der Irenes schutzlose, ordnungsliebende Seele zum Vorbild hat, und schiebt mit entlarvendem "Ich hab's!"-Ton die gemeinsamen Kinder als Grund vor seine ruchlose Intrige. Diese, sonst meist keifend, quengelnd oder in bedrückenden Essensszenen emotionslos bunte Becher hebend, toben am Ende noch einmal über die Bühne und malträtieren in seltener Einigkeit eine wehrlose Puppe.

Mit Fritz' Behauptung „Wir sind dein ganzes Glück!" und Irenes abschließendem "Wirklich?" ist dieses Ende leider allzu deutlich. So wie der gesamte Abend überhaupt immer schwächer wird, wenn er "Lösungen" gefunden zu haben meint, die sich nicht aus dem Zusammenspiel der Darsteller ergeben. So hat vor allem der lange Mittelteil der zweistündigen Aufführung einige strapaziöse Längen, als Elsie de Brauw mit der zerrissenen Seele ihrer Figur fast alleine ist. Da ihr qua definitionem Zupacken und Handeln nicht erlaubt ist und auch Koen Tachelets Textfassung überwiegend im Erzählgestus verbleibt, bleibt ihr im Wesentlichen nur, ihr Befinden zu nuancieren.

Das macht sie eingedenk der deutschen Textmassen - für de Brauw immerhin eine Fremdsprache - ganz famos. Gurrt und leidet und lacht - und hält dabei immer auch die Möglichkeit wach, dass der ganze Wahnsinn vielleicht nur ein Traum ist. Manches davon wird sich einspielen, konzentrierter, weniger werden, bis "Angst" am 6. November ins Repertoire der Münchner Kammerspiele übernommen wird. Alle Anlagen dazu sind da.

 

Angst (UA)
von Stefan Zweig, in einer Fassung von Koen Tachelet. Koproduktion mit den Münchner Kammerspielen
Regie: Jossi Wieler, Bühne und Kostüme: Anja Rabes, Licht: David Finn, Musik: Wolfgang Siuda, Dramaturgie: Koen Tachelet.
Mit: André Jung, Elsie de Brauw, Katja Bürkle, Stefan Hunstein, Lena Anderle und Johannes Geller als die Kinder.

www.salzburgerfestspiele.at

 

Mehr gibt es zu Jossi Wieler im nachtkritik-Glossar. Bei den Salzburger Festspielen 2010 berichteten wir bisher über Jakop Ahlboms Innenschau, mit der das Young Directors Project eröffnet wurde; über Peter Steins Ödipus auf Kolonos und über den Jedermann, dieses mal mit Birgit Minichmayr als Buhlschaft und Nicholas Ofczarek als Jedermann.

 

Kritikenrundschau

Schon die Novelle aus dem Jahre 1920 habe ihre Kammerspielqualitäten, und Jossi Wieler die Fähigkeit, daraus tatsächlich ein packendes Psychodrama zu machen, das ziemlich modern daherkommt, schreibt Joachim Lange in der taz (30.7.2010). Elsie de Brauw sei als Irene jenseits jeder Tragödinnen-Attitüde gegenwärtig, "sowohl in der leichtsinnigen Selbstverständlichkeit, mit der sie das Verhältnis mit Eduard (Stefan Hunstein) schweben lässt, als auch in der wachsenden Verunsicherung, als sie sich entdeckt glaubt. Als ihre Kinder am Ende mit einer Mama-Puppe spielen, die sie schubsen und treten, ahnt man, welche Zukunft dieser scheinbar geretteten Familie bevorsteht.

Für Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (30.7.2010) ist die Holländerin Elsie de Brauw eine überragende Irene. "Ihr Körper streckt sich mit weit ausgebreiteten Armen den strömenden Gefühlen entgegen." Die Entschiedenheit ihres Ausdrucks fühle sich so ungemein angenehm an, weil man nicht das Gefühl hat, dass einem hier falsche Emotionen verkauft werden. "Man soll nicht überwältigt werden, sondern wird herausgefordert. Bravo!" Wieler behandle die Figuren wie Körper, "die er zu berühren sich scheut, die er dann aber doch wie mit einem sanften Skalpell auseinandernimmt, um sich und uns neue Einblicke zu gewähren".

Elsie de Brauws Irene wirke wie einem Fortbildungskurs "Deutsch als Fremdsprache" entsprungen, und auch der wunderbare André Jung in der Gattenrolle agiere unter gewohntem Niveau, schreibt dagegen Ulrich Weinzierl in der Welt (30.7.2010). "Es erinnert an die Jahreshauptversammlung der Fehlbesetzungen, an ein Festival der hohlen Töne." Trotz seines Hang zu Schwulst und Prunk ermag der Erzähler Stefan Zweig bis heute in seinen Bann zu ziehen: Er hatte Sinn für theatralische Effekte, war in den Abgründen der menschlichen Seele bewandert, hat seine Figuren in der Verwirrung ihrer Gefühle verstanden. In der Theaterfassung geschehe ihm nun grobes Unrecht: Sie übernehme Flüchtigkeiten des Originals, falsche Konjunktive und aberwitzige Formulierungen. Spannendes böte die Ehebruchsgeschichte der Hauptperson genug, aber "von seelischem Druck ist in Wielers Regie nichts zu spüren".

Und für Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (30.7.2010) ist die "zweifellos großartige Schauspielerin Elsie de Brauw in der Rolle der Ehebrecherin Irene Wagner ein bisschen zu wissend, zu analytisch, zu nachdenklich erscheint, von sich selbst schon mal als 'Frau Irene' sprechend. Das schafft, ob gewollt oder nicht, eine Distanz, die den Abend lediglich auf Betriebstemperatur und den Zuschauer emotional auf Abstand hält." (Über-)Deutlichkeiten finden sich in Wielers karger, modellhaft ausgestellter Inszenierung einige, auch ein paar Symbolkraftmeiereien. "Alles ist in ein helles Licht gezerrt auf dieser abstrakten Demonstrationsbühne, auf der es für die Schauspieler keinen Halt, ja nicht einmal ein Bett oder einen Stuhl gibt." Am Ende hat der Text aber doch noch seh lobende warme Worte für de Brauw: das verlangsamte Sprechen und die unorthodoxen Betonungen seien zunächst gewöhnungsbedürftig, "dann aber sogar eine Kostbarkeit, weil sich darin so etwas Unfertiges, Bemühtes, Schutzloses äußert. Man schaut dieser Schauspielerin unglaublich gerne zu. Und am Ende hat sie uns tatsächlich ihre Angst gelehrt."

"Ein schandbarer Abend für die Festspiele. Eine Niederlage fürs Theater", resümiert Gerhard Stadelmaier am Ende seiner Rezension in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (30.7.2010). Wenn der Regisseur Jossi Wieler und der Dramaturg Koen Tachelet so tun, als führten sie ein Drama auf, "müsste Erzähltes dramatisch vergegenwärtigt, müsste das, von dem der Erzähler behauptet, dass es zum Beispiel Irene an Lust und Angst und elektrischen Schlägen und erotischen Sensationen und Todespanik erleide, in Wort und Tat und Geste und Ausdruck und Spiel und Dialog sichtbar und spürbar werden." Wenn aber die Holländerin Elsie de Brauw "mit ihrem gaumkehlig-starken Polderakzent wie eine niederländische Störchin durch den deutschen Vokalsalat stakst“, dann finde ein mehrfacher ungeheurer Betrug statt. Die Pseudodramatisierung begnüge sich zum einen damit, die Figuren "von sich in der dritten Person sagen zu lassen, was sie gerade tun". Man sehe einem mit schlechter Sprechtonspur unterlegten Fotoroman zu - im Bühnenrahmen, nicht in Bühnenform. "Dem Publikum wird kein Drama zugemutet, es werden ihm Bildchen um Bildchen vorgekaut. Was es dankbar mit viel Beifall belohnt.

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