Die Geburt der Brutalität aus den Untiefen des Nicht-Charakters

von Regine Müller

Epidauros, 6. August 2010. Es ist ein Ort von überwältigender Aura: Das antike Theater von Epidauros in der griechischen Peloponnes. Seit dem 4. Jahrhundert vor Christus wird auf dieser monumentalen Freilichtbühne Theater gespielt. Würden gerade nicht Teile saniert, könnten die steil ansteigenden 55 Sitzreihen 14.000 Menschen fassen. Derzeit sind 10.000 Zuschauer zugelassen, ausverkauft ist es allerdings meist nur dann, wenn im Rahmen des Hellenic Festivals sich internationale Hollywood-Stars blicken lassen - wie z.B. Helen Mirren im vergangenen Jahr – oder sehr populäre griechische Regisseure gastieren.

Doch es ist nicht allein die schiere Größe, die überwältigend ist. Die abgeschiedene Lage in den Bergen, der Blick in die Weite, die Anfahrt hinauf, die spüren lässt, dass man sich einem Kraftzentrum nähert, und die selbstverständliche Ruhe, mit der sich dann das riesige Halbrund in die Landschaft öffnet, lassen unwillkürlich ein Gefühl von Erhabenheit entstehen. Einschüchternd. Denn die zwingende Aura des Orts scheint nichts Kleines zuzulassen. Keine Halbheiten. Die Fallhöhe ist hier sozusagen immanent. Diesem Ort kann man sich eigentlich nur ergeben.

Einen Fremdkörper implantieren
Das wusste Thomas Ostermeier natürlich, als er zusagte, erstmalig in Epidauros zu inszenieren. Ostemeier war in den vergangenen Jahren mit seinem Ensemble der Berliner Schaubühne schon mehrfach beim Hellenic Festival zu Gast, aber noch nie in Epidauros. Und Shakespeares "Othello" steht der Wucht der griechischen Tragödien kaum nach. Doch Ostermeier gab vorab zu Protokoll, dass er gedenke, mit dem Ort auf widerständige Weise umzugehen. Einen Fremdkörper wolle er dort implantieren und einen Kontrapunkt setzen.

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© Evie Fylaktou

Die Weite des Blicks hat Jan Pappelbaum mit einer Rückwand verstellt. Ein Vorhang aus flatternden Bändchen ermöglicht Auf- und Abtritte, zwei Schiebewände mit Leuchtstoffröhren sorgen für sparsame Verwandlungen. Auf der Bühne, der alten Orchestra, steht mehr als knöcheltief brackiges Wasser. Mal schimmert es violett, dann schwarz, dann dunkelrot, zwischendurch wird es fast zur Gänze abgelassen, später läuft das Becken wieder ganz voll. An den Rändern stehen Stühle im Wasser, die Protagonisten bleiben während des ganzen, fast dreistündigen Abends fast ununterbrochen präsent, in der Mitte steht anfangs ein großes Bett, das rasch hinaus geschoben wird und erst zu Desdemonas Röcheltod wieder zu Ehren kommt.

Normalo ohne Dämonie
Der Abend beginnt mit einem langen Trompetensolo von Nils Ostendorf, eine kleine Band mit Keyboard, Schlagzeug und Saxophon assistiert und die Schauspieler betätigen sich als klopfende Rhythmusgruppe. Das dauert. Dann endlich geht es los, der kahlköpfige, weiße Othello (Sebastian Nakajew) zieht sich aus und bemalt sich hier und da mit schwarzer Farbe, Desdemona (Eva Meckbach) lässt das Höschen an, man schmust angeregt, dann wird das Paar ins Bett gestopft und hinaus geschoben.

Das Drama beginnt zunächst als beiläufiges Konversationsstück. Alle eigentlich ziemlich normal hier. Jago (Stefan Stern) ist ein aufgekratzter Karrieretyp, nervös, geschäftig und mit schnoddrigem Witz begabt, Othello ein bisschen verspannt, Desdemona verhalten schüchtern, aber bodenständig. Marius von Mayenburg hat für Epidauros – und für Berlin, denn im Oktober kommt die Inszenierung an der Schaubühne heraus – eine neue Textfassung geschrieben, die Shakespeares Dramaturgie zugunsten Jagos verschiebt.

Er ist das umtriebige Zentrum des Abends, ein alerter, nicht einmal uncharmanter Netzwerker-Typ, der ständig seine Fäden zieht, sich zwischendurch als Show-Conferencier im weißen Sakko mit Glitzer-Revers verdingt und das ein oder andere Tänzchen wagt. Stefan Stern gibt ihn konsequent als Normalo ohne jede Dämonie, dessen Brutalität in den geheimnislosen Untiefen eines Nicht-Charakters wurzelt.

Crescendo der Selbstzerstörung
Ganz anders Sebastian Nakajews Othello, der sich vom unsicheren Kraftpaket schnaubend und zitternd zur Kampfmaschine aufpumpt und sich in (viel zu langen) epileptischen Krämpfen windet. Überhaupt hätte man Nakajews schwitzendem Furor Einhalt gebieten sollen, denn zusehens rutscht sein Crescendo der Selbstzerstörung ins Überdeutliche, Groteske ab, das den finalen Szenen etwas Hilfloses gibt. Was wohl insgesamt eine Frage des Timings ist, das Ostermeier – auch der kurzen Probezeit geschuldet – noch nicht im Griff hat.

Zu oft hängt die Spannung trotz flotten Grundtempos durch, zu oft knirschen die Übergänge noch, zu stark versickert die anfangs sehr dominante Musik von Nils Ostendorf im Verlauf. Leider hat man legendären Akustik der antiken Architektur lieber doch nicht vertraut, weshalb Mikroports zum Einsatz kommen. Das hat wie immer eine leicht verfremdende, abkühlende Wirkung

Ostermeier erzählt linear, fast konventionell und führt sein Personal bis auf die Schwächen im Timing souverän und locker. Ein klares Konzept indes will sich nicht recht herausschälen und in der Summe lässt der Abend eigenartig kühl. Trotz mediterraner Hitze.


Othello
von William Shakespeare
Deutsch von Marius von Mayenburg
Regie: Thomas Ostermeier, Bühne: Jan Pappelbaum, Kostüme: Nina Wetzel, Musik und Musikalische Leitung: Nils Ostendorf, Video: Sebastian Dupouey, Dramaturgie: Marius von Mayenburg, Licht: Erich Schneider
Mit: Thomas Bading, Niels Bormann, Ulrich Hoppe, Erhard Marggraf, Eva Meckbach, Sebastian Nakajew, Stefan Stern, Tilman Strauß, Laura Tratnik, Luise Wolfram.

www.greekfestival.gr
www.schaubuehne.de


Offenlegung: Für die Unterbringung in Epidauros sorgte das Festival.


Mehr lesen? Auch Thomas Ostermeiers vielgereister und -gerühmter Hamlet mit Lars Eidinger kam ebenfalls beim Hellenic Festival (allerdings in Athen) heraus. Sebastian Nakajew und Eva Meckbach waren als Liebespaar mit tödlichem Beziehungsende auch in Volker Löschs Schaubühnenversion von Berlin Alexanderplatz zu sehen.

 

Kritikenrundschau

Das Wasserbecken, das Jan Pappelbaum auf die griechische Othello-Bühne gesetzt habe, möge "metaphorisch 'Mittelmeer' bedeuten oder, etwas diffuser: 'Überschwemmung der Herzen'", schreibt Reinhard Wengierek in der Welt (9.8.2010): Jedenfalls führe "es zu statischem, buchstäblich stehendem Spiel und unfreiwillig komisch watenden Auftritten und Abgängen." Othello (Sebastian Nakajew) plumpse "schwerfällig als tumber Tor durchs intrigante Geschehen, das Stefan Sterns Jago unentwegt wie eine geschwätzige Hexe beschwört." Der Rest des tragischen Personals mutiere "leider unversehens zum gänzlich untragischen Deppenchor. Fader Tragödchenbrei, auf Sparflamme gekocht wie das heurige 'Hellenic Festival'. Keinerlei Fallhöhe vom Erhabenen ins Elende, vom Süßen ins Säuische, vom Reinen ins Dreckige. Hingegen viel gespreiztes Gerede und läppischer Jargon in Marius von Mayenburgs Übersetzung."

Christine Dössel beschwört in der Süddeutschen Zeitung (10.8.2010) die magische Aura des antiken Theaters von Epidaurus. "Diese also wirken lassend, beginnt Ostermeiers Inszenierung durchaus vielversprechend mit einer langen musikalischen Session." Wie aber schon die Unterzeile ihres Texts, Aufmacher des Feuilletons, verrät, geht Thomas Ostermeier mit diesem "Othello" aus ihrer Sicht ziemlich baden. Nach der Anfangsszene sei der Zauber weg, und "man mag kaum glauben", schreibt Dössel, "aber es herrscht streckenweise eine so nachthimmelschreiende Unbeholfenheit und statische Kneipperei, dass man denen da vorne am liebsten das Wasser ablassen und ihnen damit den Kopf waschen würde. Hallo Leute, seid ihr Schaubühne, oder was?" An Stefan Stern liege das nicht. "Der ist als Jago der Mittelpunkt, der Entertainer, der zynische, überhitzte, permanent sich verausgabende Spielmacher des Abends." Othello sei bei Sebastian Nakajew allerdings kein Schwarzer - diese Rassismus-Geschichte interessiere Ostermeier nicht -, "sondern ein zwar körperlich imposanter, insgesamt aber doch etwas schwerfälliger, um nicht zu sagen: begriffsstutziger Aufsteiger aus der Unterschicht, der seine niedere soziale Herkunft durch umso angepassteres Gebaren im Stile eines konventionellen Aufsagetheaters auszugleichen sucht." Das quadratische Wasserbecken wisse zwar mit den Spiegelungen, Videos und Lichtreflexen unter dem nachtschwarzen Sternenhimmel zu beeindrucken, aber neu sei es nicht: "Auch Karin Neuhäuser hatte sich 2007 für ihre vom Schauspiel Frankfurt importierte 'Orestie' einen Pool in das Bühnenrund bauen lassen."

Die einzigartige Atmosphäre des Ortes bleibe erhalten, aber zugleich schaffe Jan Pappelbaums Bühnenbild Intimität im offenen Raum, so Hartmut Krug in DLF Kultur heute (8.8.2010). Die neue Prosa-Übersetzung von Marius von Mayenburg gebe mit ihrem nüchtern coolen Ton Jago viel Raum und Wirkungsmöglichkeiten, und sein Darsteller Oliver Stern nutze dies kräftig. "Allerdings treibt Stern seinen Jago, während dieser sich und dem Publikum seine Intrige gegen Othello erklärt, in eine allzu zappelige gestisch-mimische Überdeutlichkeit." Dagegen wirke Sebastian Nakajews kahlköpfig massiger Othello unbeweglich, wenn er nicht gerade ausführlich durch einen epileptischen Anfall rase. Die verdruckste Körperhaltung dieses Aufsteigers, kein Schwarzer, sondern ein Weißer, signalisiere die Unsicherheit eines Mannes, der seinem Glück nicht traut. Fazit: "Ostermeiers pausenloser, zweieinhalbstündiger 'Othello' beginnt mit Schwung und Witz, fällt jedoch in immer tiefere Spannungslöcher und wirkt inszenatorisch noch unfertig. Da nicht viel Probenzeit zur Verfügung stand, wird an ihm sicher vor der Berliner Premiere am 9. Oktober noch gearbeitet werden."

Aus Epidauros reist die Inszenierung im Oktober 2010 an die Berliner Schaubühne, aber auch hier wird ihr der Lorbeer von der Kritik versagt:

Der bombastische Beginn der Inszenierung lasse "noch in Berlin spüren, dass er in Epidaurus vor allem einen Zweck hatte: der Wucht des Ortes etwas irgendwie modern Wuchtiges entgegenzusetzen", schreibt Andreas Schäfer im Tagesspiegel (11.10.2010). Anschließend aber bemühe die Inszenierung zwar viele Mittel, von allem aber nur "ein bisschen". Es werde "stringent und zügig heruntererzählt. Innere Dramatik will aber nicht recht aufkommen", wenn "die Handlung mehr vorgespielt denn gespielt" werde. "Und die Schauspieler sind schlicht überfordert." Mit einer Ausnahme: "Stefan Stern zeigt die Banalität des bösen Rumpelstilzchen, flüstert hier, nuschelt und schleimt dort und gibt Jago als Streber, den die Enttäuschung zum großäugigen Giftzwerg gemacht hat."

 

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