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"Tod in Theben" © Arno Declair
Die im Dunkeln sieht man nicht

von Joachim Lange

Salzburg, 11. August 2010. Der Stoff hat es in sich. Immer noch. Auch in Jon Fosses eingedampft nacherzählender Version. Immerhin ermordet Ödipus unwissentlich seinen Vater, heiratet seine Mutter und zeugt mit ihr Kinder, die demzufolge zugleich seine Geschwister sind. Obendrein erzwingt er selbst die Enthüllung dieses Verhängnisses in aller Öffentlichkeit, mit allen Folgen, die das zwangsläufig hat. Das Schicksal des Ödipus und seiner Nachkommen war und ist ein Schocker. Man kann es als Synonym für das Tragische schlechthin nehmen. Dieser Stoff ist, in welcher Version auch immer, per se schon mal großes Theater.

Und er passt fabelhaft zum Motto der diesjährigen Salzburger Festspiele: "Wo Gott und der Mensch zusammenstoßen, entsteht Tragödie". Zum Problem wird allerdings der direkte Vergleich, den das vor Ort provoziert. Als Eröffnungspremiere hatte nämlich Peter Stein "Ödipus auf Kolonos" auf der Perner Insel in Hallein inszeniert. In Jon Fosses Stück "Tod in Theben", das Angela Richter jetzt im Rahmen des Young Direktors Projekts als deutschsprachige Erstaufführung herausgebracht hat, bildet diese Tragödie des alten Sophokles den Mittelteil. Was wie eine freundlich ermunternde Pointe der Programmplanung aussieht und einem Kampf Davids gegen Goliath ähnelt (so die Regisseurin), wird allerdings, man muss es leider sagen, zu einem Bumerang für David.

Auf der Hörspielprobe

Bei Fosse ist die Geschichte vom Tod des Ödipus auf Kolonos, handlungschronologisch richtig, von König Ödipus und Antigone eingerahmt. Aus dem Norwegischen hat Hinrich Schmidt-Henkel das Ganze in ein unspektakuläres Deutsch übertragen. Einem Vergleich mit Peter Steins altmeisterlichen Sophokles-Exerzitien, die wegen (und nicht trotz) Klaus-Maria Brandauer zu einem großformatigen Schauspieler-Abend wurden, geht Angela Richter allerdings aus dem Weg, weil sie ihrem Ödipus fast völlig das Licht abdreht.

Doch diese Dramaturgen-Idee, den Zuschauern, gleich dem König Ödipus das Augenlicht zu nehmen, funktioniert nur so lange, bis man sie verstanden hat. Dann wird sie zur Geduldsprobe, die keine neue Dimension eröffnet, mit der man näher an den tragischen Helden herangeführt würde. Der bleibt bei Yuri Englert auch im Dunkeln nur der im leicht beleidigten Ton Deklamierende, der er schon war, als man ihn zwischen den Lichterketten von Katrin Brack noch sehen konnte. Wer Brandauers (großen, leisen, anrührenden) Leidenston noch im Ohr hatte, mochte sich den aushilfsweise in Erinnerung rufen. Wer nicht, der war mit einer Hörspiel-Sprechprobe konfrontiert, der schlichtweg (mit Ausnahme von Christoph Theußl als Polineikes und Chor) die sprachliche Qualität und damit jede imaginierende Kraft fehlte, um sich daraus durch einen eigenen Beitrag diesen Teil des Abends als Theater im Kopf selbst zu komplettieren.

Begrenzt autonomer Charme

Überhaupt die Bühne. Es ist eine längst erprobte Grundidee (etwa bei Richters Inszenierung von "Der Fall Esra" auf Kampnagel), den Raum in einer Lichtinstallation aufzulösen. Jetzt hängen über 700 bunte Glühbirnen an Strippen wie ein Labyrinth von der Decke. Zwischen denen treten die Akteure an die Rampe, steigen mal auf Kisten, stülpen sich ab und zu archaische Masken über und liefern (mikroportverstärkt) ihren Text ab. Doch auch das, ohne wirklich einen eigenen Sound dafür zu finden.

Das Angebot des Fosse-Textes, assoziative Räume hin in die Gegenwart zu öffnen für das Exemplarische des Falles Ödipus oder auch für seine gesellschaftliche Dimension, bleibt in den zweieinhalb pausenlosen Stunden ungenutzt. Stattdessen verheddern sich Angela Richter und Katrin Brack hoffnungslos in ihren Lichterketten. Diese ziemlich diffuse, endlos wirkende Dunkelheit aus Licht drängt sich eitel soweit vor, dass sie das Stück zur Textinstallation degradiert.

Das mag begrenzt einen autonomen Charme haben, unter- bzw. erschlägt aber das Theater. Die eigentliche deutschsprachige Erstaufführung der ersten Bearbeitung eines antiken Stoffes durch Jon Fosse steht damit im Grunde noch aus. Gelassen reagierte das Festspielpublikum bei der Salzburger Premiere. Ob auch das auf den weiteren Stationen in Hamburg (Kampnagel), Berlin (Hebbel am Ufer) und Leipzig (Centraltheater), wird sich zeigen.

 

Tod in Theben (DEA)
von Jon Fosse nach Sophokles
aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel (König Ödipus / Ödipus auf Kolonos / Antigone)
Regie: Angela Richter, Bühne: Katrin Brack, Kostüme: Steffi Bruhn, Musik: Dirk von Lowtzow/ Tocotronic, Video: Philipp Haupt, Licht: Carsten Sander, Dramaturgie: Jens Dietrich.
Mit: Yuri Englert, Sarah Franke, Dietrich Kuhlbrodt, Eva Löbau, Ingolf Müller-Beck, Jörg Ratjen, Oana Solomon, Christoph Theußl.

www.salzburgerfestspiele.at

 

Mehr zu Angela Richter? Im Januar 2010 dachte sie in Wien öffentlich über die Krise nach, im April 2009 inszenierte sie Der Fall Esra nach Maxim Billers verbotenem Roman auf Kampnagel in Hamburg.

 

Kritikenrundschau

Die bereits beim "Fall Esra" bewährte Lichtinstallation von Katrin Brack - Aberhunderte, bunte Glühbirnen hängen an Schnüren zu Boden und geben dem Raum gewaltige, labyrinthische Tiefe - "ist das Atout im sonst nicht sonderlichen starken Inszenierungsblatt, so Ulrich Weinzierl in der Welt (13.8.2010). Am eindrucksvollsten gerate der kurze "Ödipus auf Kolonos"-Abschnitt: "Die Lichter sind beinah bis zum Verlöschen herab gedimmt, die Musik von Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzows Klänge erzeugt eine sanft unheimliche Stimmung." Diese Hörspielreise in die Ewigkeit der Milchstraße und des Mythos böte die Chance für magische Momente. "Doch die Darsteller sprechen nicht auf erforderlichem Niveau, und in der Finsternis ereignet sich manche Wortkollision." Überhaupt liege das Hauptproblem der recht unfertig wirkenden Aufführung im Mangel an sprachlicher Präzision und Gestaltungskraft.

Die Reduktion auf das Wesentliche und das Spannen des dramaturgischen Bogens - im Zentrum steht nicht so sehr Ödipus, sondern sein Schwager/Onkel und Widersacher Kreon - setze Angela Richter mit radikaler Konsequenz um, schreibt Thomas Trenkler im standard (13.8.2010) über den Abend, der in der Unterzeile als "fulminant" bezeichnet wird. Yuri Englert sei als Ödipus vor allem fassungslos, Ingolf Müller-Beck als Kreon schon von Beginn an subtil zwielichtig. Eva Löbau imponiert als unerschrockene Antigone - und Christoph Theußl, hörbar ein Österreicher, ist als Einmannchor ein wunderbarer Kommentator. "Wären die Patzer der Schauspieler nicht gewesen: Die Premiere wäre ein voller Erfolg gewesen."

Katrin Bracks Licht-Installation ist eine willkürliche Setzung, muss aber bespielt werden, sagt Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (13.8.2010). "So bringen die Schauspieler die Lichterketten mal zum Schwingen, mal verirren sie sich zwischen ihnen. Im zweiten Teil 'Ödipus auf Kolonos' erlischt das Licht ganz." Richter lasse dieses hier nur als Überleitung zur 'Antigone' angelegte Zwischenspiel als Hörspiel in kompletter Dunkelheit geben. "Fast hat man den Eindruck, als scheute die Regisseurin den Vergleich mit den Legenden Peter Stein und Klaus Maria Brandauer, die bei den Festspielen das Original auf die Bühne gebracht haben." Die Finsternis habe etwas von einer Schwärzung, einer Selbstzensur, einem freiwilligen Bilderverbot. Zu unbeholfen und pseudo-naiv seien die Versuche, "mit Hilfe von Masken, verfremdeten Stilzitaten und zeichenhaften Ausdrucksgebärden archaische Elemente in die Pop-Ästhetik einzuschleusen." Und auch hier schon vielsagend die Unterzeile der Kritik: "Kurzatmige Langeweile: Angela Richter misslingt Jon Fosses Thebanische Trilogie."

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