Form muss sein

von Andreas Klaeui

Zürich, 16. September 2010. Im Abstand von rund einer Generation taucht "Fegefeuer in Ingolstadt" auf den Spielplänen wieder auf, die letzte Welle war in den 70er Jahren, in Zürich gab es damals eine legendäre Inszenierung im Theater am Neumarkt (von Jürgen Flimm). Im Schauspielhaus war das Stück noch nie zu sehen; nun hat es Barbara Frey zur Eröffnung ihrer zweiten Spielzeit am Pfauen inszeniert.

im braunen Schacht     © Matthias Horn
Im braunen Schacht © Matthias Horn

Und wieder hat Bettina Meyer ein großartiges, kongeniales Bühnenbild geschaffen zu diesem Stück "über das Rudelgesetz und die Ausgestoßenen", in dem Marieluise Fleißer in den 20er Jahren den Nährboden des banalen Bösen in den Blick nahm, kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten: ein Schacht, ganz in Braun, eine verbunkerte Gasse mit Quergang und seitlichen Schlitzen, aus denen manchmal Fratzen herausgrinsen, und von oben betrachtet: ein Kreuz, das sich über die Bühne legt. Schnell kann hier Barbara Frey die Ingolstädter Gesellschaft von Kleinbürgerbestien etablieren, Duckmäuser, aus denen es zuzeiten brutal herausschlägt; geschlagene Menschlein mit gestauchten Stimmen, aus denen es unversehens heraus rülpst.

Die Fratzen der Gesellschaft

Wie Vater Berotter, der kleine barfüßige Angsthase und häusliche Schläger (Gottfried Breitfuß), in exhibitionistischer Selbstbezichtigung wälzt er sich am Boden, bis ihn seine Kinder wegschleppen und wieder in patriarchale Positur setzen, denn Form muss sein. Vielleicht, muss man aufs Ganze gesehen sagen, zu viel Form – dies ist die Crux dieses Abends und dieser Inszenierung, die Fleißers Text in eine sehr kunstvolle, formvollendete Bühnensprache fasst, die mit großem künstlerischen Ernst und ästhetischer Umsicht an das Stück herangeht, es genau aushorcht und in präzises Bühnengeschehen überführt – die eigentlich alles "richtig macht", aber am Ende dennoch nicht wirklich aus sich herauskommt. Gerade wie Fleißers Figuren.

Schnell ist zwischen ihnen eine unterschwelliges Malaise greifbar; sehr schön stecken sie das Territorium ab zwischen aufsässigem Minderwertigkeitsempfinden und großspurigem Machtwunsch; unheimlich geschmeidig setzt die Mechanik der sozialen Brutalität ein, des erpresserischen Gruppenzwangs und der normativen Ausgrenzung. Aus den seitlichen Schlitzen heraus zeigt die Gesellschaft ihre Fratze: grotesk grinsende Masken wie auf einem Bild von Ensor. Aber auch sie kommen nicht heraus; sie bleiben hinter den Schlitzen eingefasst.

Stringenz und Handwerk

Es gibt große berührende Momente in dieser Inszenierung, vor allem gegen den Schluss des Stückes hin, wo auch die Handlung etwas anzieht – ein verzweifelter Ausbruch der von Liebessehnsucht zerfressenen Clementine etwa, dem Lilith Stangenberg viel Tragik gibt. Das Stück spielt unter Jugendlichen; grob gesagt entwickelt sich die Handlung dahin, dass sich die Außenseiter gegenseitig denunzieren, um bei der Gruppe dabeizusein. Es ist zeitpolitisch bestimmt kein Zufall, dass Fleißer Schüler zeigt: die noch in der gesellschaftlichen Ausbildung stehen, Lernende des totalen Konformismus.

In Zürich zeigen sie sich explosiv überangepasst, Olga (Franziska Machens), die aus der Klosterschule kommt und nun ein Kind erwartet von Peps, der sie verleugnet (Patrick Güldenberg); Roelle, der "stinkt" und in religiösen Wahn fällt. Jirka Zett spielt ihn geduckt, mit hochgezogenen Schultern, das Jackett ist ihm eine Zwangsjacke, und am Ende steht er da als Leidensmann, mit hochgereckten Armen, wie angenagelt in der Mitte dieser Bühne, die über ihm das Kreuz schlägt.

Es sind tolle Schauspieler; es ist eine stringente Inszenierung – dennoch haftet ihr durchgehend auch etwas Handwerkliches an. Etwas Gemachtes – sehr gut Gemachtes immerhin. Dies hat freilich auch mit der Sprache zu tun: mit Marieluise Fleißers Kunstbayerisch zwischen rustikaler Verdrechselung und religiöser Verbrämung. Sie hält einen heutigen Hörer außen vor – wenn die übelste vorstellbare Beschimpfung lautet "Du bist eine irregeleitete Seele." Gehen Sie heute mal auf einen Schulhausplatz und schimpfen Sie "Du irregeleitete Seele, du!". Nun ja – es war ein Rettungsversuch. In dreißig Jahren wird die nächste Fleißer – Welle über uns kommen.

 

Fegefeuer in Ingolstadt
von Marieluise Fleißer
Inszenierung: Barbara Frey, Bühne und Kostüme: Bettina Meyer, Dramaturgie: Andrea Schwieter.
Mit: Gottfried Breitfuß, Franziska Machens, Lilith Stangenberg, Franz Beil, Jirka Zett, Isabelle Menke, Frank Seppeler, Gabor Biedermann, Patrick Güldenberg, Miriam Maertens.

www.schauspielhaus.ch

 

Mehr zu Barbara Frey, die zuletzt Lukas Bärfuss' Malaga uraufführte, im nachtkritik.de-Lexikon.


Kritikenrundschau

"Dieses Fegefeuer lodert nicht", befindet Barbara Villiger Heilig in der Neuen Züricher Zeitung (18.9.2010). "Zwar konstelliert sich das Ensemble immer wieder zu berührenden, beklemmenden, niederschmetternden Momentaufnahmen", doch mangele es an "Verschiebungen, welche hier im Alle-gegen-eine(n)-Spiel über Gedeih und Verderb des schäbig auf seinen eigenen Vorteil bezogenen Individuums entscheiden müssten". Mithin fehle "dieser streng konzentrierten, sorgfältig rhythmisierten, sich keinen Fussbreit auf aktualisierende Abwege verirrenden Inszenierung ein Kraftzentrum."

Ähnlich wertet Alexandra Kedves im Tagesanzeiger (18.9.2010). Zwar stelle Frey in den besten Szenen des Abends die "Einsamkeit des Menschen, die Gnadenlosigkeit der Gruppe, die Engstirnigkeit der Provinz" aus, und zwar "knapp, gut gekühlt, aber nicht unterkühlt". Doch: "Leider gibt es nun mal nicht nur beste Szenen, sondern während der knapp zweieinhalb Stunden auch eine ganze Menge weniger gute." So bleibt trotz der "hinreissend hart choreografierten Massen-, besser: Rudelszenen, trotz der gestischen Finesse und der fein ziselierten Blickduelle, in denen Begier und Brutalität drauflosbeissen" der Eindruck kühler Präzisionsarbeit: "Wo die Fleisser Fleisch zerlegt, das noch warm und schwer und blutig ist, obduziert die Inszenierung, bei aller Texttreue, oft so abstrakt, aseptisch und gewollt antiauthentisch, so chirurgenfingrig und theaterzüchtig, dass man meint, das Fegefeuer sei schon lang ausgegangen."

Anders als die Züricher Kritik sieht es der angereiste Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (18.9.2010). Frey nehme "dem Stück jeglichen Ort, es aber zugleich ganz wörtlich in einer witzig-genialen Verkehrung. Ingolstadt liegt bei ihr im Fegefeuer, nicht das Fegefeuer in Ingolstadt." In der Konsequenz wirke die Inszenierung "ganz gesellschaftsheutig". Denn es "geht ziemlich lässig zu in dieser metaphysischen Reinigungsanstalt, in der alles darauf hindeutet, dass hier nur Höllenkinder Zutritt haben, Teufelsbraten, zu ewiger Elendsjugend Verdammte." Die Figuren, so zeige es die Inszenierung, "können miteinander nicht leben, ohne einander nicht sterben, stoßen sich ab, klammern sich aneinander und lassen sich in ein Bewusstsein fallen, dass in diesem Fegefeuer nicht die anderen die Hölle sind. Dass jeder sich selbst eine Hölle ist. Und weil sie das erkannt haben, sind sie seltsam frei und leicht."

Simone Meier in der Süddeutschen Zeitung (22.29.2010) findet, Barbara Freys Inszenierung könne das moralistische Stück mit seiner "antiquierten Sprache", das daherkomme wie "ein Horvath für Arme", nicht retten. Die Figuren, obschon von "tollen Schauspielern" gespielt, zelebrierten - "fern von irgendwelchen Berührungspunkten mit einem Publikum von heute" - wie in einer "Ausstellungsvitrine seltsame Glaubenskrämpfe und Beziehungskämpfe". Die schon in "der Jugendblüte verschimmelte Welt von damals" gewinne "trotz Teenager-Schwangerschaft und Pädophilie keine Kontur".

 

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