Flug auf dem Flokati-Teppich

von Katrin Ullmann

Hamburg, 21. Oktober 2010. Am 28. Mai 1987 landet Mathias Rust - nachdem er unbeschadet den sowjetischen Luftraum durchflogen hatte - mit einer Cessna mitten in Moskau, in der Nähe des Roten Platzes. Rust war in Hamburg gestartet und hatte nach einem Stopp in Helsinki Kurs auf Moskau genommen. Er ist 18 Jahre alt und will mit Gorbatschow über den Weltfrieden sprechen. Gorbatschow zeigt sich nicht gesprächsbereit. Er schickt seinen Verteidigungsminister in den Ruhestand und Rust ins Gefängnis. Als Kreml-Flieger landet Mathias Rust weltweit in den Schlagzeilen. Nach 432 Tagen wird er aus der Haft entlassen und gibt einige Interviews, doch eine Medienberühmtheit wird er nie. Später wird der junge Pilot wieder auffällig - wegen Totschlags, Diebstahls, Pokerspiels - mittlerweile scheint er unauffindbar. Seine Spur verwischt sich zwischen Berlin, Estland und der Südsee.

Richtung Bermuda-Dreieck

In Hamburg holt Studio Braun ihn auf die Bühne des Schauspielhauses, in einer "modernen Fantasie". Selbstredend wird dieser Abend von den Gründungsmitgliedern Jacques Palminger, Heinz Strunk und Rocko Schamoni begleitet, von jeder Menge Musik und noch mehr Trash. Zunächst schreitet da ein tiefenentspannter Mathias Rust (Fabian Hinrichs) durch dichten Nebel und spricht zu den Menschen von "Lagonia".

In diese Sektenversammlung - offenbar eine, so verrät das Programmheft, von der Rust als junger Mann träumte - treten Palminger, Strunk und Schamoni als Orakel auf, um sich anschließend in die "Senke des Bermuda-Dreiecks zu begeben, um das Phänomen Rust zu knacken". Vorher spielen sich die drei noch ein paar interne Gemeinheiten zu und erfreuen sich an ihrer gelungenen, Erotikmessen-tauglichen Penis-Kostümierung (Dorle Bahlburg), die vermutlich der Hauptgrund für ihren eher sinnfreien Auftritt war.

80er Jahre Jugend in Hamburg

Dann kann die Geschichte beginnen. Sie beginnt in Wedel bei Hamburg, wo Rust als Pullunder tragendes Schulhofopfer aufwächst. Wo Juliane Koren als seine Mutter (im Schauspieler-Live-Battle muss bei dieser Produktion Heinz Strunk von seiner Lieblingsrolle zurücktreten) ihm zärtlich die Haare scheitelt, bevor sie ihm Luftschokolade zusteckt. Wo er die Flachwitze seines Fluglehrers genauso wenig versteht, wie die ganze Welt um ihn herum. Irgendwann baumelt Rust so erstaunt wie verwirrt in einer Cessna vor der Kreml-Kulisse. Auf sein "Ich bin gekommen, um Russland den Frieden zu bringen" folgt nur mehr ein russischer Folklore-Alptraum. Da wird gesungen - Tristan Seith gibt einen Pelzmützen-Polka-tanzenden Iwan Rebroff - und gealbert, ein bisschen gefoltert und gequält. Später werden Pressemitteilungen gemacht, Schlagzeilen eingeblendet und wird der tagesschau-Beitrag von damals gezeigt.

Immer mal wieder bezieht Studio Braun zu den Ereignissen ironisch Stellung, persifliert manches biografische Detail. Letztlich aber zeichnet Studio Braun brav chronologisch Rusts Lebensweg nach. Im Hintergrund gibt's Bühnennebel, Windmaschinen und fliegende Flugzeuge und so verbreitet der Abend streckenweise den Charme der Augsburger Puppenkiste (Bühne: Damian Hitz).

Volleinsatz von Fabian Hinrichs

Der fantastische Fabian Hinrichs, der wegen eines Beinbruchs auf Krücken agiert, scheint die zu groß geratene Puppe darin. Doch Hinrichs ist beides: ein verzagter und ein visionärer Mathias Rust. Einer, der ernsthaft fragt und zweifelt. Einer, der an sich selbst glaubt als eine eigene "Weltmacht" und einer, der plötzlich feststellt, dass er viel zu dünn angezogen ist. Mit Fabian Hinrichs haben die Macher von Studio Braun den Hauptgewinn gezogen. Zwischen Albernheiten und Sektensingsang, zwischen Gesangseinlagen, Schattenspiel und Glitzerkonfetti verkörpert er absolut überzeugend einen so Mitleid erregenden wie eigenartig schrägen, einen so kläglichen wie unheimlichen, einen so braven wie irren Jungen aus den besseren Elbvororten.

Wer also Fabian Hinrichs in einer schrägen, aber grandiosen Rolle auf der Bühne sehen will, wer Heinz Strunk in einem kurzen, beherzten Auftritt als Mutter Rust, wer Rocko Schamoni als Penisorakel und Jacques Palminger in der Rolle des Flokati-Teppichs sehen will, der sei auf diesen Abend verwiesen. Vorausgesetzt, er toleriert dafür manch allzu albern geratenen Witz, jegliche Sinnfreiheit sowie die eine oder andere pathetische Musikeinlage. Studio-Braun-Fans tun dies ja sowieso.


Rust - Ein deutscher Messias
Regie: Studio Braun, Bühne: Damian Hitz, Kostüme: Dorle Bahlburg, Musik: Lieven Brunckhorst, Carsten "Erobique" Meyer, Matthias "Tex" Strzoda.
Mit: Rica Blunck, Katja Danowski, Fabian Hinrichs, Stephan "Partyschaum" Kay, Juliane Koren, Hanns-Jörg Krumpholz, Jacques Palminger, Jens Rachut, Rocko Schamoni, Jana Schulz, Tristan Seith, Heinz Strunk, Gabor Altoray, Mitglieder des neuen Hamburger Knabenchores.

www.schauspielhaus.de

 

Mehr zu Studio Braun gibt es im nachtkritik-Lexikon. Und eine Initiation konnte man mit Fabian Hinrichs Anfang dieses Jahres auch in René Polleschs Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang! haben.

 

Kritikenrundschau

"Befreiender Witz mitten in der Theaterkrise: Das Deutsche Schauspielhaus folgt dem genialen Piloten Mathias Rust ins Glück." Schon die Unterzeile von Peter Kümmels Rezension in der Zeit (28.10.2010) signalisiert, dass er von dem Abend angenehm überrascht ist. "Im Grunde unternehmen Schamoni, Strunk und Palminger den tollkühnen Versuch, die Wiener Zauberposse im Geist von Raimund und Nestroy wieder zu etablieren, ausgerechnet heute, in den Zeiten von Jack Ass und Sponge Bob, und ausgerechnet hier, auf Hamburger Boden." Aber dank ihres Hauptdarstellers gelinge ihnen das auch. Fabian Hinrichs spiele den Rust als unschuldigen, arglosen, weich gescheitelten, pullundrischen Stoffel, dessen Sehnsüchte (Küsse, Frauen, Liebesnächte) nicht erfüllt werden "und der deshalb beschließt, die Welt im Ganzen zu verändern". Ob "Rust" das Stück sei, das Kulturpolitiker von der Notwendigkeit eines starken, wohlausgestatteten Schauspielhauses überzeugen kann? "Schwer zu sagen", findet Kümmel, "aber man darf in Krisenzeiten eh nicht auf den Erfolg zielen. Man sollte es so halten wie Richthofen, der Mann mit dem abgebissenen Daumen: Zuerst muss man sich selbst überraschen. Das ist schon mal gelungen."

Für Till Briegleb von der Süddeutschen Zeitung (23.10.2010) liefert im gegenwärtigen Subventionskrieg allein schon der Schauspieler Fabian Hinrichs als Rust in Hamburg alle Argumente, warum Theater viel Geld kosten darf. Und zwar mit seinem gezierten, schleimigen, belehrenden und peinlichen Spiel als "Rudolf Heß der Maoam-Generation". Denn trotz Krücken, die er wegen eines gebrochenen Beins einsetzen musste, lotete Hinrichs als Mathias Rust "in zwei Stunden die ganze Lächerlichkeit eines Sendungsbewusstseins aus, das vor allem mit drei Buchstaben aufgeblasen wird: ich, ich, ich." Hinrichs liefere "eine urkomische Parodie auf die vielen Rusts dieser Welt, die Ego für Eignung halten. Und damit diese gekonnte Frechheit ihre ganze Wirkung entfalten kann, braucht es ein Theater, das sich die Freiheit nimmt, groß, laut und kostspielig zu sein."

"Studio Braun bedient sich hemmungslos, doch mit anarchischer Lust und einem subversiven Humor aller Möglichkeiten einer Staatsbühne", schreibt Klaus Witzeling im Hamburger Abendblatt (23.10.2010). Es nehme sie als einen großen bunten Spielzeugkasten und sichere ihr wieder mal einen Renner, "auch wenn sich das Bildertheater diesmal stärker erweist als die Spielszenen - mit Ausnahme der fabelhaften Soli von Fabian Hinrichs."

Es sei einiges los gewesen auf der Bühne des Deutschen Schauspielhauses, wo ein deutscher Messias gesucht wurde, schreibt Volker Corsten in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (23.10.2010). "Gefunden aber wurde er nicht, verstanden auch nicht." Dabei hätte das angesichts des Sujets und dem Sinn des Studio-Braun-Trios für höheren Blödsinn ein Blindflug werden müssen. "Es ließ sich auch gut an," findet Corsten. "Heinz Strunk trat an die Rampe und verkündete gut gelaunt, dem als Gast verpflichteten Hauptdarsteller Fabian Hinrichs gehe es gut. Er habe sich nur eine Woche vor Probenbeginn das linke Bein gebrochen und werde deshalb die ersten vier, fünf Vorstellungen auf Krücken spielen. Hinrichs wird hereingeschoben, Fönfrisur, große Brille, seliges Lächeln, weiße Uniform im Stil der Raelianer." Doch so gut er den Mann spiele, "der mit Vorliebe von 'einer Großmacht mit drei Buchstaben' faselt, nämlich 'Ich' - so lächelt er alle Abgründe, die dieser Mensch hat, mit unendlicher Sanftmut weg. Im Grunde passiert deshalb mit der Figur Rust von Anfang bis Ende nichts. Was nicht so auffällig wäre, wenn die drei von 'Studio Braun' ihm nicht weitgehend das Feld überließen."

Für Julian Weber in der taz (23.10.2010) hat sich Studio Braun mit dieser Produktion aus dem Klamaukkult in passgenauen Illusionismus verabschiedet. Viel dezenter als früher nehmen sie sich aus seiner Sicht, auch dank Hinrichs' schauspielerischer Bravourleistung, stärker zurück. Für Weber bündelt "Rust" die 16 bleiernen Jahre der Kohl-Ära zu einem Kaleidoskop der Scheußlichkeiten: Schrankwand-Mief und nerdige Technikbegeisterung, verklemmter Sex und Monokel-tragende Fliegerhelden aus 'Was ist was'-Bänden."

Von einer "abenteuerlichen Sammlung von Gags und Grotesken", einem "Märchen mit atemberaubenden Bühnenbildern und Videoprojektionen," schreibt Monika Nellissen auf Welt-Online (23.10.2010). Nur hin und wieder zucke ein Geistesblitz durch die Nonsense-Show, für die man schon ein enormes Maß an Amüsierwillen mitbringen müsse, um auf seine Kosten zum kommen. Doch zumindest den Akteuren selbst schien der Abend aus ihrer Sicht wahnsinnigen Spaß zu machen.

 

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