Horror im Puppenheim

von Merel Neuheuser

Oberhausen, 29. Oktober 2010. Ein ungewohntes Bild zeigt sich dem Zuschauer beim Betrachten der Bühne. Dort, wo man ein Heim erwartet, das Noras Spielplatz und Gefängnis zugleich werden soll, findet sich gähnende Leere: allein bestückt mit einem übergroßen, glitzernden und wenig plastischen Tannenbaum. Schon kommt Nora hereingetänzelt. Ein Figürchen, wie einer Spieluhr entnommen. Reizvoll drollig in ihrem fleischfarbenen Kleidchen – eine Mischung aus Babydoll-Hängerchen und Tutu. Dazu Ballerinas, Löckchen und Purpurwangen. Fertig ist das Puppenmädchen.

Nicht ganz so reizvoll ist ihr Charakter. Laut, exaltiert, aufgeregt und verglichen mit ihrer Vorlage bei Henrik Ibsen erstaunlich tough! Dann kommt, was kommen muss. Nora, mehrfache Mutter und Ehefrau des Bankdirektors Torvald Helmer, hat eine Leiche im Keller. Keine große. Eine Urkundenfälschung, die sie einst aus guter Absicht beging, um ihrem Gatten finanziell aus einer misslichen Situation zu helfen.

Grausamkeiten zwischen den Zeilen
Nun, nur wenige Tage vor Weihnachten, droht diese Lüge aufzufliegen, denn Rechtsanwalt Krogstad, der ihr einst Geld gegen einen Schuldschein lieh, soll nun gekündigt werden. Unpässlicherweise ausgerechnet von Noras Ehemann. Krogstad sieht in der einstigen Lüge Noras eine Möglichkeit, sie gegen Druck in seine Dienste einzuspannen um so eine Kündigung zu verhindern. Nora weiß, fliegt ihre Lüge auf, bricht ihre äußerlich heile Welt zusammen. Als genau dies passiert und Gatte Helmer moralisch aus Angst vor Gesichtsverlust keine Gnade walten lässt, erstarkt Nora in Windeseile und verlässt Mann und Kinder.

All das jedoch interessiert Herbert Fritsch nur am Rande. Ihn reizen die Grausamkeiten zwischen den Zeilen. Die Horrorsituation, die sich im beschaulichen Heim in den Festtagen breitmacht. Ein Schauplatz auch vieler Nebenkriege. Das findet mehr als deutlich Umsetzung in seiner Inszenierung, für die er auch das Bühnenbild schuf. Unbekümmert bedient sich der Regisseur bei filmischen Mitteln des Horrorgenres und der Märchenwelt. Eine düstere und groteske Kombination, hörbar auch durch disharmonische, schrabbelige Hitchcock-Töne, sichtbar in der zombiegleichen Aufmachung des Herrenstabs und der strengen Überspitzung des weiblichen Parts. Schließlich fühlbar durch eine von der Bühne kriechende Ekelhaftigkeit des Horrorarrangements. Wer das sieht, spürt Noras Horror am eigenen Leibe. Das ist, was Herbert Fritsch will, und das gelingt.

Feindliches Gegenüber von Text und Spiel
Nicht ganz aber seine Art, Ibsens Text zu transportieren. Überbordend, exaltiert und gestenmächtig ist das Spiel. Horrorkreischende Frauen, halbtot anmutende Männer, übersexualisiert bis ins Obszöne. Bevor nicht jeder Protagonist einen Blick unter Noras Rock geworfen hat, findet das Stück nicht sein Ende. Auf der Strecke bleibt dabei der Text.

Der Zuschauer wird derart von starken, ästhetischen Bildern und untermalenden Klängen überrollt, dass Ibsens Sprachwerk nur noch Beiwerk ist. Fast stehen Text und Spiel sich feindlich gegenüber, immer wieder geht die Schere zwischen Inhalt und gespielter Situation fast provokant auseinander, entspricht Gestik und Mimik nur schwerlich dem, was gesprochen wird, das dadurch den Beigeschmack von Beliebigkeit erhält. Manchmal wohl gewollt, soll Fritschs Nora doch auch schwarzkomödiantische Züge aufweisen. Wo dies gelingt, ist es nicht unwesentlich der starken Besetzung anzurechnen.

Nach einer Stunde und vierzig Minuten fällt schließlich der nicht vorhandene Vorhang. Heimgeschickt wird das begeisterte Premierenpublikum mit einem Wust von bedrohlichen, grellen, schönen und verstörenden Bildern, Spaß an so mancher herausragenden Schauspielleistung, jedoch wenig neue Erkenntnisse über Ibsens Nora. Warum? Weil eine andere Form der Darstellung mit einem neuen Blick geboten wurde, aber nicht ein neuer Denkansatz? Aber dessen bedarf es ja schließlich auch nicht immer.

 

Nora oder Ein Puppenhaus
von Henrik Ibsen
Deutsch von Hinrich Schmidt-Henkel
Regie und Bühne: Herbert Fritsch, Kostüme: Victoria Behr, Musik: Otto Beathus, Licht: Alexander Eck, Dramaturgie: Tilmann Raabke.
Mit: Manja Kuhl, Henry Meyer, Nora Buzalka, Torsten Bauer, Jürgen Sarkiss.

www.theater-oberhausen.de

 

Weiteres zu Arbeiten von Herbert Fritsch im nachtkritik-lexikon. Zuletzt jagte Fritsch in Schwerin Gerhart Hauptmanns Sozialdrama Der Biberpelz durch den Schredder.


Kritikenrundschau

"Eine Fee aus einem Disney-Weihnachtsmärchen" hat Max Florian Kühlem von der Rheinischen Post (1.11.2010) in dieser Nora gesehen. Herbert Fritsch erzähle "eine Geschichte von oft gar nicht so unterschwelligem Horror und von Perversion im Familien- und Bekanntenkreis". Diese bürgerliche Gesellschaft sei "von sexueller und materieller Gier getrieben". Das, was Fritsch vom Text-Ende übrig lasse, rasselten die Schauspieler nur "lust- und seelenlos herunter, während sie es vorher überbetont, mit fratzenhafter Mimik und exaltierter Gestik auf die Bühne gebracht haben". Diese Inszenierung sei nicht auf "den großen Knall am Ende ausgerichtet, sondern auf eine stimmige Ästhetik im Ganzen: eine Mischung aus Horror, Hitchcock-Krimi und Melodram". Vor allem Manja Kuhl, Torsten Bauer und Henry Meyer liefen "immer wieder zu großer Form auf, die am Ende in eine absolut überraschende Applausordnung mündet".

Artifiziellen Glanz und morbiden Schick (durch Victoria Behrs "wunderbar erzählerische" Kostüme) bescheinigt Martin Krumbholz diesem Abend in der Süddeutschen Zeitung (18. 11.2010). In der Lesart des Regisseurs sieht der Kritiker Ibsens Figuren zu rohen Monstern mutieren. Herbert Fritsch kokettiere mit Reverenzen an die schwarze Romantik und an diverse Hitchcock-Filme. "Am Schluss lässt Nora natürlich nicht dramatisch die Türen knallen. Nein, sie tritt aus ihrem Puppenhaus und legt ein kleines Tänzchen hin, und dann bleibt sie einfach in ihrem rosa Tüll auf der leeren Bühne sitzen, macht den Schoß breit und siehe da - es fallen viele Sterntaler hinein, die das gute Kind, das immer so nötig Geld brauchte, fürstlich belohnen. Nein, sehr ernst nimmt der frühere Castorf-Protagonist Herbert Fritsch Nora und ihren Konflikt wirklich nicht, so kurzweilig und hübsch der Abend auch ist. Unfreiwillig unterstreicht die Aufführung fast eine Schwäche des Textes: Der dramaturgische Hebel, den Ibsen benötigt, um die Ehe der Helmers zu demontieren, springt ins Auge."

 

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