Pick it like Schimmelpfennig

von Kai Krösche

Wien, 19. Dezember 2010. Meine Güte, da ist wohl einiges im Argen: Bevor auch nur ein Wort gesprochen ist, setzen alle vier – Liz, Frank, Martin & Karen – bereits selten trübe Mienen auf. Betreten, bestürzt, zerknautscht, peinlich berührt kommen sie auf die kahle und enge Bühne – und schweigen zunächst mal einen langen Augenblick. Dass "es" also "eine komplette Katastrophe" war, wie Tilo Nest alias Frank dann schließlich doch bekannt gibt, das wundert wohl keinen mehr. Mit "es" meint er das feierliche Wiedersehen der beiden Medizinerpärchen (das eine Paar war fünf Jahre lang zwecks Entwicklungshilfe in Afrika) – stellt sich also nur noch die Frage nach dem "Warum".

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Vier Personen, inszeniert vom Autor
© Reinard Werner

Und aus diesem "Warum" macht Roland Schimmelpfennig ein 1 ¾ Stunden langes Katz-und-Maus-Spiel; arbeitet in guter alter Schimmelpfennig-Manier mit Vorblenden und Szenenwiederholungen, lässt immer wieder die eine oder andere Figur aus dem Geschehen hervortreten, dieses reflektieren und dann wieder zurücktreten; führt die trügerisch-heiter beginnende Geschichte folgerichtig in die Katastrophe. Und ja, sicher: Die Schauspieler machen das die meiste Zeit ganz wunderbar. Allein Christiane von Poelnitz übertreibt es – nicht zum ersten Mal – ein wenig, wenn sie sich allzu stark in ihre wimmernden Bühnenheulkrämpfe hineinsteigert, ansonsten bekommt das Wiener Publikum einwandfreies, subtiles, manchmal auch bewegendes Schauspiel geliefert.

Der fade Geschmack der Routine

Und ja, auch das: Das gleißende, geradezu unangenehm weiße Viereck, das die Bühne des Akademietheaters bereits nach einem gefühlten Meter Tiefe hinten abschließt und einengt (Ausstattung: Johannes Schütz) ist einmal mehr ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie mit einer aufs absolut Wesentlichste reduzierten Bühne die Akteure auf radikale Weise in den Mittelpunkt des Geschehens gesetzt bzw. diesem ausgeliefert werden könn(t)en.

Und ja, es steht außer Frage: Das Handwerk, das beherrschen bei dieser Inszenierung alle Beteiligten, und sie beherrschen es gut. Vielleicht zu gut. Vielleicht zu sicher. Denn so rund und gekonnt dieser Abend vor sich hinplätschert – der fade Geschmack der Routine mag nicht so recht verschwinden. Da fehlen Mut und Wut, da mangelt es an Originalität, an Explosivität. Da wird auf der Bühne lediglich ein in dieser Form altes und vor allem altgewordenes Thema ("Das westliche Bürgertum und seine wie auch immer gearteten Leichen im Keller") in eine dann auch nicht mehr ganz so innovative Erzählform gepackt, ohne dass dem Ganzen etwas Neues abgewonnen würde.

Im schlechtesten Sinne pathetisch

Sicher, es mag kein uninteressanter Ansatz des Autor-Regisseurs Schimmelpfennig sein, wenn er die anderen Darsteller während der Zwischenblenden weiteragieren lässt und damit sozusagen eine zweite Ebene, ein Spiel-im-Spiel einführt, in dem die Figuren (nicht die Schauspieler) die Masken fallen lassen, sich gegenseitig schlagen, kränken, verletzen; und ja, es gibt den ein oder anderen denkwürdigen Augenblick, in dem kurz die bürgerliche Fassade einzustürzen droht, den Blick freigibt auf etwas Dahinterliegendes – undsoweiter undsofort.

Unterm Strich aber bleibt das trotzdem alles irritierend leer, in seinem (vielleicht bewusst, vielleicht auch einfach nur ungewollt) beschränkt-naiven Blick auf die Welt aufs Unbefriedigendste nichtssagend – und in einigen Augenblicken sogar im schlechtesten Sinne pathetisch (die ganze Puppensymbolik lässt sich gar nicht ausreichend kleininszenieren, so schief und platt wirkt sie in "Peggy Pickit").

Das frustriert deshalb so sehr, weil Schimmelpfennig es ja eigentlich besser kann, wie er es letztes Jahr mit seiner ebenfalls am Akademietheater aufgeführten und zum Berliner Theatertreffen 2010 eingeladenen Inszenierung Der goldene Drache bewiesen hat: Auch da schien der Blick auf die Welt und ihre politischen Verirrungen und -wirrungen bisweilen etwas simpel, doch wurde dort nicht versucht, mittels der Präzision des psychologisierenden Sprechtheaters eine "Schärfe" im Blick auf die weltpolitischen Umstände zu behaupten. Das aber, bei aller Neigung zur Unentschlossenheit, tut "Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes" – die Inszenierung zelebriert nicht die Uneindeutigkeit, das Undurchsichtige, treibt nicht das ihr eigene Unvermögen, das Unfassbare greifbar zu machen, lustvoll und gleichsam verzweifelt auf die Spitze, sondern kommt stattdessen am Ende sogar noch diffus-moralisierend daher.

Gut gemeint

Dass die westliche Welt in ihrer Einstellung zu den Entwicklungsländern – und ihren befremdlichen, festgefahrenen Vorstellungen eines notwendigen Zusammenhangs zwischen "Hilfe" und "Dankbarkeit" – deutlich bigotter handelt als es ihr ins eitle Selbstbild passt; dass Lebenskonzepte und Wertvorstellungen von Mensch zu Mensch, vor allem von Kultur zu Kultur völlig unterschiedlich sind oder zumindest sein können und es daher falsch ist, sich selbst zum Maß aller Dinge zu erheben; dass nicht alles, das sich "Entwicklungshilfe" nennt, automatisch rein positive Folgen haben muss, sondern im schlechtesten Fall bestehende Abhängigkeitsverhältnisse gar festigen kann – das alles ist sicher gut gemeint, aber nun wirklich nichts Neues.

Da nützt es dann auch nichts, dies zum zigsten Male mit beinahe selbstverliebter Virtuosität im bürgerlich-geschützten Raum "Theater" abzuhandeln, da hat es schon andere und konsequentere – und leider viel zu früh gestorbene – Kunstschaffende gegeben, die diese Probleme auf ganz neue, nicht nur politisch, sondern ebenso künstlerisch unendlich mutigere und folgenreichere Weise thematisiert haben und schließlich angegangen sind. "Peggy Pickit" in Wien aber bleibt bei aller handwerklichen Brillanz eben nur das: unterhaltsam und folgenlos.


Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes
von Roland Schimmelpfennig
Regie: Roland Schimmelpfennig, Bühne und Kostüme: Johannes Schütz, Licht: Felix Dreyer, Dramaturgie: Amely Joana Haag.
Mit: Peter Knaack, Tilo Nest, Caroline Peters, Christiane von Poelnitz.

www.burgtheater.at

 

Mehr zu Roland Schimmelpfennig gibt's wie immer im nachtkritik-Lexikon, und hier geht's zu den Nachtkritiken der Peggy Pickit-Inszenierungen in Berlin (Regie: Martin Kušej) und in Hamburg (Regie: Wilfried Minks).

 

Kritikenrundschau

Der Autor selbst hat sein Stück wieder in einem Minimalbühnenbild von Johannes Schütz herausgebracht, "es ist der Inszenierungsstil von Jürgen Gosch selig, auf den Schimmelpfennig in seiner leider sehr absehbaren Regie auch wieder zurückgreift", so Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (24.12.2010). "Pures, glasklares Schauspielertheater ohne Firlefanz, das hier allerdings auch ohne Tiefgang, Schmerz, Irritationen, ohne jede Überraschung bleibt, dafür mit umso mehr Pausen, Leerstellen und Wiederholungen aufwartet." Die Wiederholungen - Textpassagen, die wie nach einem Rücklauf mit der Reset-Taste noch einmal abgespult werden – habe Schimmelpfennig selbst als Stopper, Blackouts, betonende Akzente in den Text hineingeschrieben. "Aber in keiner Inszenierung haben sie so genervt wie jetzt in seiner eigenen, wo sie so herausgestellt werden und das Tempo bremsen." Schimmelpfennig habe vier vorzügliche Schauspieler, das sei es nicht. Man hatte von ihm die mustergültige Rettung seines Stücks erwartet. Aber da sei dann doch Wilfried Minks in Hamburg der bessere Strippenzieher.

"Der Blick auf Afrika ist in erster Linie ein Blick auf sich selbst, das ist die schöne Pointe des kurzen, in Wien nicht ganz so kurzen Stücks", schreibt Stephan Hilpold in der Frankfurter Rundschau (24.12.2010). Denn Schimmelpfennigs Regie möchte viel mehr, als das etwas magere Stück hergebe. "Er inszeniert die Vorgriffe und Rückschauen, die Pausen und die Leere zwischen den Figuren, bis man irgendwann mehr weiß, als es zu wissen gibt und die Lähmung überhand nimmt." Tapfer spielen die Schauspieler dagegen an, konvulsivische Zitterpartien und rabiate Schlagabtäusche inklusive. Fazit: Vielheißelufttheater, das die Lücken der Regie nicht vergessen machen könne.


Roland Schimmelpfennig lasse durch seinen Minimalismus "den Figuren, ihren Worten und Gesten den nötigen Hallraum", notiert Ulrich Weinzierl in einer Kurzkritik (Die Welt, 21.12. 2010). Er führe sein Schauspielerquartett damit "zu Höchstleistungen" und "zeigt ein durchkomponiertes Psychodrama, in dem noch das Schweigen dröhnt". Die Blicke von Caroline Peters' Karen "erzählen ganze Geschichten der Trauer und Verzweiflung. Und Christiane von Poelnitz als Liz ist überwältigend. Dank ihr sehen wir das Gesicht Gottes. Es ist der Gott des Gemetzels."

"Schimmelpfennigs Regie ist nicht ideal", befindet Barbara Petsch (Die Presse, 21.12. 2010): "Das Hauptproblem ist, dass die Schauspieler keine Minute vergessen lassen, dass das Treffen dieser Paare – wie bereits im ersten Satz festgehalten wird – eine Katastrophe ist." Er habe damit sein Stück "kastriert". Er baue aber "eine originelle Dramaturgie, welche die Banalität, die sich aus dem Inhalt (Neokolonialismus etc.) ergeben könnte, aufhebt: Die Figuren sprechen miteinander – und beiseite. Ein uralter Theatertrick; Reales, Surreales, Zuneigung und nackte Aggression wechseln." Weniger originell sei "das periodische Starren ins Publikum". Die Schauspieler seien "sozusagen routinemäßig überzeugend". Vor allem anfangs wirke die Aufführung aber "mit ihren Wiederholungen und Sprüngen zwischen den seelischen Ebenen redundant. Trotzdem geht man mit allerlei Fragen im Kopf aus dem Theater – und das ist gewiss auch ein Zweck dieser Übung".

"Unter einer dicken Decke boulevardesker Floskeln und Gesten" trete an diesem Abend "allmählich die eigentliche Afrika-Thematik hervor, genauer: die auf schmerzhafte Weise erlebte Diskrepanz der beiden Erfahrungswelten und die angestrengte, unergiebige Diskussion darüber", schreibt Margarete Affenzeller (Der Standard, 21.12. 2010). Allerdings blieben "die Streitpunkte und so manches aufgeworfene Motiv kryptisch bis unaufgelöst". Das "mimische Präzisionshandwerk, wie es hier beispielsweise der großartigen Caroline Peters zur Verfügung steht", trage allerdings den Abend. Und auch wenn die Wiener Inszenierung knapp doppelt so lang geriet wie die Berliner, "so ist sie kurzweiliger und konzentrierter". Dennoch löse das Stück "die angepeilte Komplexität des Afrika-Diskurses auch hier nicht ein".

"Die Pausen zwischen den Dialogen und den laut gesprochenen Gedanken sind immer ein bisschen zu lang", erklärt Martin Lhotzky (FAZ, 21.12. 2010). Sie lachen auch "eine Spur zu schrill, ein wenig zu lang, ein wenig zu aufgesetzt. Irgendwann, erstaunlich spät allerdings, lacht im Publikum niemand mehr". Was in anderem Zusammenhang "wie der Holzhammer wirkt", das Wiederholen der Ohrfeigen, "trägt an diesem Abend zur Klärung bei. Es wird nie wieder gut in dieser Welt, Erste oder Dritte, egal. Aber eine andere haben diese vier und wir nicht". Und "in einigen Momenten ist es zum Weinen, aus tiefstem Herzen, aus tiefster Trauer, aus tiefstem Verstehen und aus tiefster, vor Augen geführter und gefühlter Hilflosigkeit. Diese Momente in diesem Stück sind kostbar, sind große Tragödie. Manchmal kann man dieses kathartische Gefühl eben doch noch im Theater erfahren."

In einer "zerdehnten Etüde" arrangiere Roland Schimmelpfennig "Harmonie und Dissonanzen, Forte und Piano, Keckheit und Depression. Nicht ohne wohlkalkuliertes Prickeln", schreibt Hans Haider (Wiener Zeitung, 21.12. 2010). Er sei "der Anti-Schlingensief, ruhig und ausgeglichen". Doch seine "Afrika-Heimkehrer bringen nichts als Medienfrüchte mit – nicht auf "Le Monde"-Niveau, eher aus "Bild", wie "Schwarze jagen weiße Ärzte". Die Wechselreden mit dem Kontrastpaar im Ruhrpott sichern eine moralisch entlastende Balance zwischen einer Interesselosigkeit hier und einer Aussichtslosigkeit dort". Es bleibe eine "Etüde in hohler Perfektion".

Schimmelpfennig werfe in seinem Drama zwei große Themen auf: "die Ehedramen und Identitätskrisen der zwei Paare in den Vierzigern auf der einen Seite und die globale Frage nach der Ethik der Entwicklungshilfe auf der anderen Seite". Und Letzteres stehe zwar ursprünglich im Zentrum des Stücks, "doch dem Autor gelingt der Zugriff nicht wirklich, er konzentriert sich auf die leichtere Kost in Form des Beziehungsdramas", meint Sophia Felbermair vom ORF (20.12. 2010). Er seziere seinen Text, "indem er die Figuren in knappen Abständen aus der Szene heraustreten lässt und sie ihre Gedanken aussprechen dürfen". In der Auswahl seiner Schauspieler habe er dabei "ein richtiges Händchen". Und auch im Bühnenbild wird "die Enge spürbar in die Schimmelpfennig seine Figuren drängt". Im Laufe des Abends verdichte sich das Drama, "die Ironie wird weniger, der Zynismus mehr".

 

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