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Schmoren im Menschenfresserkochtopf

von Michael Laages

Bremen, 21. Januar 2011. Das hatte der Schauspieler und Regisseur Herbert Fritsch sich selber und dem Freundeskreis zur Jahreswende gewünscht: "Auf ins neue Jahrzehnt: Schreit, kreischt, gröhlt, stampft mit den Füßen und beschwört die guten Geister!" In Zeiten grassierender Theorie- und/oder Utopielosigkeit hat der Facebook-Eintrag vom 31. Dezember geradezu das Zeug zum Programm, und Fritsch ist der Propagandist. Noch in den finstersten Abgründen der Historien, vor Jahresfrist in Halle und beim Blick auf Shakespeares "Macbeth", seit gestern an Friedrich Hebbels blutig-treuen "Nibelungen", macht er groteske Farcen der Macht und Gewalt dingfest.

In derlei vermeintlich "ernsten" Stoffen, solchen Schauerstücken aus Wahn und Irrsinn, zeigt er das Schreckliche fürchterlich schrill und Blutige grauenhaft bunt. Um, wer weiß, womöglich tatsächlich die "bösen" Geister auszutreiben und die "guten" zu beschwören – wer nie wirklich begriffen hat, wie Großvater Brecht sich das mit der "Zerstörung durch Lächerlichkeit" dachte, als der das Jahrhundertmonstrum Hitler in der eher niedlichen Inkarnation des "Arturo Ui" auf der Bühne beschwor, muss nur die Belehrsamkeit des großen Theater-Pädagogen abziehen und landet ziemlich prompt bei Herbert Fritsch – Risiken und Nebenwirkungen inklusive.

Schrille Schnepfen, Furzer im Kettenhemd

Das beginnt in Bremen und bei den "Nibelungen" des Friedrich Hebbel mit einem Vorspiel – ein auf den ersten Blick afrikanoid-buntschwarzer Häuptling stimmt rituelle Gesänge an. Ein Hiesiger mit demonstrativ verrutschter Afro-Perücke macht den Übersetzer des Fremden. König Etzel sei das, sagt der Fremden-Führer. Und der jammert, weil gerade ein gewisser Hagen seinen Sohn getötet hat und daraufhin nun Etzel selber die eigenen Gäste niedermetzeln musste. Komi Togbonou allerdings ist zwar schwarz, stammt aber aus Remscheid und defiliert im Folgenden durch die erste Reihe, um jeden und jede per Handschlag zu begrüßen und auf gut Deutsch mitzuteilen, dass das, was er da gerade gesprochen habe, Togolesisch gewesen sei.

Jetzt kommentiert der Übersetzer wie ein Rundfunk- oder TV-Reporter beim Staatsbesuch – und das Entree markiert eine Fallhöhe aus Verwirrung und Komik, die "Die Nibelungen" nur noch in der folgenden halben Stunde und danach eher selten halten können. Wer wer ist und was am Burgunder Hof? Ganz einfach: Gunter ein Schlappschwanz in großer Robe und mit viel zu großer Krone, die ihm immer wieder über die Nase rutscht. Kriemhild und Mama Ute? Jede eine schrille Schnepfe. Volker? Schielt und furzt im Kettenhemd. Hagen? Gibt sich vor allem demonstrativ schwul. Gerenot und Giselher? Schreiende Kids, die sich im Zwillingskostüm einen Ärmel teilen müssen. Und der Kaplan turnt auf Kothurnen.

Background-Animationen aus der Fritsch-Werkstatt

"Die Nibelungen" sind vor allem ein Fest für (und durch) die Kostümbildnerin Victoria Behr samt Assistentin Jelena Miletic sowie die Maskenbildnerei des Bremer Theaters. Und hinter diesem Alptraum in Bunt, diesem fürstlichen Weltuntergang der herrschenden Dekadenz wabern als Video-Background Computer-Animationen aus der Fritsch-Werkstatt. Brunhild aus Isenland und Zofe Frigga sind dagegen blanke Lichtgestalten – sehr groß, sehr chic, ausgestattet mit sehr viel Sinn für sexy Klamotten. Siegfried aus den Niederlanden ist derweil allerwelts Lieblingsmonster – komplett in ein Ganzkörpermuskelmannkondom verpackt, mimt er Schwarzenegger-Posen, was das Zeug hält.

Hebbel also als parodistischer Comic, aufgepeppt mit Wagner-Melange und reichlich musikalischen Knall-Effekten – na gut. Aber ist das abendfüllend? Eher nicht. Deutung? Interpretation? Nichts da. Kein Interesse, nirgends. Dass Hagen den schönen Niederländer killte, weil er selber scharf war auf das schmucke Stück Kerl: geschenkt. Nein – nur wer "Die Nibelungen" noch nie so recht mochte, wird üppig bedient. Schon weil Fritsch und die Bearbeiterin Sabrina Zwach die Treue-bis-in-den-Untergang-Debatte des zweiten Teils komplett ignorieren. Wir kommen in Bremen nach Siegfrieds Tod und Kriemhilds Racheschwüren umstandslos an in der Burg des Afro-Etzels vom Beginn. Die Burgunden schmoren schon in einem riesigen Menschenfresserkochtopf, und es gilt bloß noch, den schwerst gefesselten Hagen auszutreiben als bösen Geist: mit Hilfe eines rituell-rockigen Ringelreihens, der dann auch nahtlos übergeht in die Applausordnung, eine der echten Fritsch-Spezialitäten.

Mission accomplished

Und verrückterweise ist in diesen letzten, entfesselt durchtanzten Minuten deutlicher als meistens zuvor zu spüren, was Fritsch, diesem echten Regie-Sonderling, offenbar immer wieder gelang und gelingt, seit dem Regie-Debüt vor Jahren in Luzern und seither in Oberhausen und Halle, Magdeburg, Leipzig und Schwerin – ein zunächst, bei Probenbeginn, völlig fremdes Ensemble einzuschwören auf den gemeinsamen Ton, wie absurd und schräg auch immer der sein mag. Schreien, kreischen, gröhlen, mit den Füßen stampfen … mission accomplished! Auftrag erfüllt. Wer will, mag sich mit einigem Recht ärgern über "Die Nibelungen" als Väter der Klamotte und als kollektiv-treudeutscher Michel in der Suppenschüssel.

Aber am Ende können knapp zwei Dutzend Menschen, tanzend und schwitzend immer um die gute alte Souffleurmuschel herum, dann vielleicht ja doch die guten Geister beschwören. Und die bösen alten austreiben – auch das war und ist seit der Antike Theater.

 

Die Nibelungen
von Friedrich Hebbel
Regie, Bühne und Video: Herbert Fritsch, Kostüme: Victoria Behr, Musik: Ingo Günther Bearbeitung/Dramaturgie: Sabrina Zwach.
Mit: Martin Baum, Jan Byl, Glenn Goltz, Eva Gosciejewicz, Simon Jensen, Maike Jüttendonk, Timo Lampka, Christoph Rinke, Susanne Schrader, Franziska Schubert, Varia Linnéa Sjöström, Alexander Swoboda, Komi Togbonou, Jakob Benkhofer, Maximilian Scheidt, Sandro Sutalo, Sonka Vogt.

www.bremertheater.com

 

Andere Nibelungen auf nachtkritik.de? Marius von Mayenburg inszenierte die blutige Geschichte 2009 in der Berliner Schaubühne. Michael Thalheimer machte 2010 im Deutschen Theater Berlin eine Art deutsche Orestie daraus. In Stuttgart trieb Christian Weise 2010 mit Moritz Rinke dem Hebbel-Stoff das Germanenpathos aus.

 

Kritikenrundschau

"Eine 'Unverschämtheit' sind diese 'Nibelungen' in der Tat. Eine Zumutung und Frechheit überdies, ein anstrengendes Ärgernis, eine auf Krawall gebürstete Provokation", schreibt Johannes Bruggaier in der Syker Kreiszeitung (24.1.2011), um sogleich anzufügen: "Alles in allem also: großartiges Theater – mit Einschränkungen." Die "Nibelungen" seien hier "von der ersten bis zur letzten Minute ein knalliger Comic strip. Nichts für schwache Nerven: laut, schrill, jede Figur eine Karikatur ihrer selbst, politische Inkorrektheiten inbegriffen." Doch es bleibe "bei aller konsequenten Bühnenästhetik ein kulturelles Unbehagen. Entpuppt sich doch der Mythos Nibelungen in dieser fragmentarischen Deutung als zwar unterhaltsamer zugleich aber auch reichlich schlichter Plot, sein Menschenbild allzu widerspruchsfrei." Trotzdem dränge sich diese Lesart geradezu auf – "versuchen Sie das mal mit 'König Ödipus'" – und lasse "an dem vermeintlich unantastbaren Nationalmythos zweifeln".

Als "am Ende die Premiere endgültig in Anarchie und Ekstase umkippte - mit einem bombastischen Totentanz in afrikanischem Schamanen-Sound - da wurden größere Teile des Publikums endgültig verscheucht", berichtet Sven Garbade in der Nordwest-Zeitung (24.1.2011) und folgert: "Das Bremer Schauspiel hat also einen konfusen Knaller mehr." Doch sei dieser Abend "eben nicht witzig". Gewiss sei das Stück "ein 'altes Lied', und der Transport ins Heutige stellt eine (unlösbare?) Kulturleistung dar. Diese Frage möchte Fritsch mit seiner Flucht ins Trivial-Genre thematisieren. Vielleicht hätte ein kürzerer Sketch gereicht - dieser dreistündige Kostüm-Klamauk bringt es jedenfalls auch nicht."

Sinnerwartungen enttäuschen Herbert Fritsch und seine Dramaturgin Sabrina Zwach "rigider, als das der verspielte Frank Castorf je gekonnt hat. Sie machen's zudem im konsequenten Rückgriff auf Comic-Ästhetik, die Bürgerkinder bis weit in die 1980er Jahre hinein nur als abschreckendes Beispiel kulturzersetzenden Schunds vermittelt bekamen". Es werde hier, schreibt Benno Schirrmeister (taz, 25.1.2011) "sinnlos - ausdrücklich und wunderbar sinnlos! - geschrien. Es wird penetrant - großartig penetrant! - grimassiert. Und ein kommentierender Kunstfurz als - herrlich geschmackloser - Running Gag ist eine sehr wirksame Versicherung, nicht in die Pathos-Fallen der Vorlage zu tappen." Womit das Stück "von seinem problematischsten Infekt" geheilt werde. Hebbels ästhetisches Programm heiße: "kein Gedanke - nur Bilder". Und indem Fritsch es konsequent als Bühnen-Comic gibt, "legt er in der Tragödie ein Spiel der Sinnlosigkeit frei - keins der Gedanken sondern eins der Bilder". Das sei "hoch artifiziell, ungeheuer diszipliniert gespielt und deshalb: kurzweilig, schreiend komisch und auf eigentümliche Weise aufregend. Weil Tragödie hier als eine künstliche und unfassbare Gegenwelt aufscheint, verstörend, weil unverstehbar, nicht belehrend, nicht einmal bildend, sondern einfach da. Genau dafür, so heißt es, wurde sie einst erfunden."

"Grell geht es zu vor der Videoleinwand, die den gesamten Hintergrund einnimmt und auf der Lavalampeneindrücke, gepaart mit psychedelischer Kunst, herumwabern, während das einzige Requisit auf der Bühne die goldene Souffleurmuschel ist. Ansonsten herrscht: das Nichts", berichtet dagegen Nicole Korzonnek (FAZ, 26.1.2011). Nichts finde man auch in den Figuren wieder. "Kein noch so platter Kalauer (wird) ausgelassen, um die Geschichte ins Lächerliche ziehen zu können", und das habe mit Hebbel und dessen "Nibelungen" nicht viel zu tun. "Fritsch macht aus der Tragödie eine Komödie, in der Helden zu witzlos furzenden Comicfiguren banalisiert werden. Komplett daneben ist eben erst recht vorbei."

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