altSchreit!

von Michael Laages

Greifswald, 26. Februar 2011. Aufführungen gibt's, deren Konventionen kommen derart offensiv und selbstbewusst daher, dass gelegentlich, oft nur für einzelne Szenen, fast in Vergessenheit gerät, wie sehr von gestern sie sind. Maxim Gorkis "Nachtasyl" ist öfter schon in dieser Verfassung zu sehen gewesen – immer dann, wenn sich eine neue Produktion nicht recht durchringen konnte zu einer konsistenten Haltung dem in hundert Jahren spürbar gealterten Material gegenüber. Bei Tschechow wird dieser Abstand von damals auf heute fast nie zum Problem; bei Gorki immer. Denn viel existenzieller haben Gorkis Texte mit der sozialen Welt zu tun, in der sie entstanden sind. Wo in ihnen die Gegenwart steckt – das muss gemeinhin die "Haltung" zum Text kenntlich machen; manchmal die politische, immer die ästhetische.

Nichts als Verzweiflung

Und so beginnt die Greifswalder Inszenierung von Katja Paryla, die als Schauspielerin am Deutschen Theater wie später als Regisseurin eine bedeutende Säule des zeitgenössischen Theaters in der DDR gewesen ist (und auch noch danach), mit einem schönen, starken Haltungsbild. Die Übriggebliebenen im "Nachtasyl", die Verlorenen, die "durchs soziale Netz" Gefallenen, die "am Boden" der Gesellschaft, "na dnje" (wie das Stück ursprünglich hieß), versammeln sich vorn rechts auf Alexej Parylas schräg und ansteigend über die Bühne gebautem Gitterrost und halten Ausschau nach irgendetwas oben im Rang … Musik zieht vorbei, erst seelenvoll und sinfonisch, dann als Reiter- und Kosaken-Marsch, der die versammelten Untergeher zu Tränen rührt. Gefangen sind sie noch in dieser alten Sehnsucht, und als sie verklingt, bringt ein kaltes Wort die Elendsmaschine wieder in Gang: "Dalsche!" – weiter, immer weiter …

theater vorpommern© Theater VorpommernUnd hier hätte eine starke, poetisch-abstrakte Inszenierung beginnen können, mit der "Nachtasyl"-Fassung von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens zumal, die das ohnehin schon stark framgentierte Text-Gestrüpp noch weiter zersplittern lässt in häufig ganz wüstes, unzusammenhängendes Palaver. Die Story ist eh minimal, definiert sich eigentlich ausschließlich über Einzelporträts – jeder und jede lebt und leidet ganz für sich allein, bramarbasiert und philosophiert ohne Rücksicht auf die Nachbarschaft. Die Paar-Konstellationen sind selten und bestehen aus nichts als Verzweiflung. In dieser Vereinzelung von Gesellschaft bleibt Gorki immer immens modern. Gosch und Wiens geben den vagabundierenden Monaden auf der Basis der Übersetzung von Andrea Clemen obendrein sehr gegenwärtige, alltägliche Sprache.

Viel Kraft, wenig Poesie

In Greifswald nun ist die vor allem laut. Lange nicht mehr wurde in einem Stück, das doch auch vom Verstummen handelt, so anhaltend geschrieen. Auch dafür gibt's zwar Steilvorlagen im Text, Parylas scheint dem Ensemble allerdings eine Art Lizenz zum Blöken erteilt zu haben – was vor allem dann zunehmend anstrengend wird, wenn sich aus dieser Über-Energie rein äußerliches Spiel entwickelt. Das ist an diesem Abend häufig der Fall. Und generell kommen einzelne Figurenzeichnungen nicht über eine Dimension hinaus, sie bleiben stecken im sehr konventionell realistischen Ton der Darstellung innerer wie äußerer Zustände sozialer Wesen. Die Kälte, die sich durch die Beziehung der Ausgestoßenen im "Nachtasyl" zieht, hat unbedingt Kraft, aber ganz wenig Poesie. Gosch selber, der Text-Bearbeiter, hatte mit einer seiner späten Inszenierungen in Hamburg noch einmal vorgeführt, wie stark dieses "Nachtasyl" wirken kann.

Auch Paryla folgt den Geschichten der Figuren sehr genau, stellt sie aber im Grunde immer nur einzeln vor – und setzt auf zuweilen sehr sonderbare "Einfälle". Wenn etwa (völlig überflüssigerweise, die reine Spieldauer bleibt bei knapp zwei Stunden) Pause sein muss, schreien Ostsee-Möwen durch den Saal, und wenn die Schauspieler-Figur kurz vor Schluss erstmals seit langem wieder einen Nachmittag lang gearbeitet hat, kommt sie im Eisbärkostüm daher; was ganz nett ist, aber eben auch Schnickschnack.

Öliger FDP-Parveü

Am dramatischsten vergreift sich die Inszenierung aber an der Figur des menschenfreundlichen Heilsbringers Luka – der propagiert ein bisschen Freundlichkeit in so viel sozialer, kollektiver Kälte und verführt so einige der Untergeher zum Neu-Anfang, zum Aufbruch zurück ins Leben. Hier ist dieser wunderliche Prophet ein öliger Parvenü im lila Rüschenhemd, schleimig schmiert er den Elenden falsche Nettigkeiten ums Maul und klaut der toten Tischlersfrau im Weggehen auch noch die (vermutlich leere) Handtasche. Gorki wollte einen Wohltäter, einen rätselhaften Heiligen – Paryla zeigt einen FDP-Politiker; und also einen Alptraum mehr im "Nachtasyl".

Einige Profile im Ensemble bleiben in starker Erinnerung, andere weniger; nach der Premiere bittet der "Hauptsponsor" zur kleinen Feier: die örtliche Diakonie. Wie wichtig die ist, zeigt sich auf dem Heimweg: kalt und sehr dunkel ist die Stadt am Meer samstags um zehn. Wer jetzt kein Bett hat, braucht ein Nachtasyl.

 

Nachtasyl
von Maxim Gorki
Übersetzung Andrea Clemen, Fassung von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens
Regie: Katja Paryla, Bühne und Kostüme: Alexej Paryla, Musikalische Leitung: Andreas Kohl, Dramaturgie: Catrin Darr.
Mit: Marco Bahr, Jan Bernhardt, Eva-Maria Blumentrath, Marta Dittrich, Grian Duesberg, Hans Jörg Fichtner, Lucas Goldbach, Carsten Holm, Katja Klemt, Jörn F. Krüger, Jana Nedorost, Gabriele M. Püttner, Hannes Rittig, Markus Voigt, Elke Zeh.

www.theater-vorpommern.de



Kritikenrundschau

Juliane Voigt kann in der Ostsee-Zeitung (28.2.2011) von "herausragenden schauspielerischen Leistungen" berichten, jedoch überdeckt dies nicht, dass sie von Katja Parylas "Nachtasyl"-Inszenierung nicht sehr angetan ist: "vor lauter Geschrei und Herumgetobe" komme "keiner zur Ruhe. Die Energie, mit der das Personal in der Kloake der Gesellschaft ausgestattet wurde, könnte ein Atomkraftwerk ersetzen, aber nicht, wie eigentlich von Maxim Gorki im Jahre 1902 vorgesehen, die am Boden Vegetierenden im Höllenschlund der Hoffnungslosigkeit versinken lassen." Es sei "schwer, den Figuren und dem Stückgewebe zu folgen", und vor allem – das betont Frau Voigt mehrfach – sei es "viel zu laut".

 

 
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