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Goya- und Disney-Fratzen, Beethoven und Bärenfell

von Georg Kasch

Berlin, 5. März 2011. Früher wollte man noch mit einem Taxi nach Paris. Heute, da Träume der Finanzlage angepasst werden, muss ein bisschen Cruisen durch Madrid reichen. Oder durch Neukölln, ist ja fast das gleiche. Jedenfalls spielen Taxis eine nahezu schicksalhafte Rolle in zwei der drei Uraufführungen, mit denen F.I.N.D. 2011, das Festival Internationale Neue Dramatik an der Berliner Schaubühne, gerade startete. Beide haben es in sich. Praktisch, dass sie ins Repertoire übernommen werden.

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Venus im Plutopelz: Lars Eidinger in "Goya"
© Heiko Schaefer

Das Erhabene und das Ordinäre

Beim Städtevergleich Berlin – Madrid punktet übrigens die spanische Hauptstadt. Was vor allem an Rodrigo Garcías herrlich respektlosem Monolog "Soll mir lieber Goya den Schlaf rauben als irgendein Arschloch" liegt. In schönster Pollesch-Manier mischt er das Erhabene und das Ordinäre, den Diskurs und die Lüste und schlägt aus diesen Kontrasten absurde Funken: Ein junger Vater haut sein lächerliches Erspartes auf den Kopf, indem er mit seinen zwei kleinen Söhnen nach Madrid fliegt, sich dort von Peter Sloterdijk zuschwallen lässt und nachts in den Prado einsteigt, um sich Goya, Velasquez und Co. mal in Ruhe anzuschauen.

Lars Eidinger erzählt diese ganz auf ihn und seinen Berliner Blick zugespitzten zehn Prosa-Seiten zwischen DJ-Bücherpult und einem diskokugelglitzernden Taxi auf einer drehbaren Rasenscheibe, pendelnd zwischen Erkenntnis und Wahn. Einleuchtend argumentiert er sich durch seine spinnerte, aber klar umrissene Welt, lässt Sloterdijk per CD-Player für sich sprechen (was in diesem Zusammenhang irrsinnig komisch ist) und füttert dabei eine gekidnappte Person im Sack. Ist der Philosophenausflug also doch nicht so freiwillig wie behauptet? Eidinger schillert wie ein Rockstar, dreht im falschen Pelz die Boxen zu selbstgemachtem Techno auf, spielt mit Stroboskoplicht und Nebel, begießt am Ende kleine Büchergräber. Ein Parforceritt zwischen E und U, Goya- und Disney-Fratzen, Bummbumm und Beethoven.

Fuchs im Smoking

Aber auch Berlin schneidet nicht schlecht ab. Paul Brodowsky hatte seinen bunten Shortcuts-Bilderreigen Regen in Neukölln, der Roland Schimmelpfennigs "Auf der Greifswalder Straße" nachfolgt und mit fragwürdigen Buchstaben- und Wortverdrehern angefüttert ist, schon zum Theatertreffen-Stückemarkt 2008 vorgelegt. Etwas Besseres als Friederike Hellers Uraufführungsregie konnte ihm nicht passieren. Sarah Roßberg hat dafür bei Olafur Eliason gewildert und einen Steg aus Berliner Gehweggranitplatten gebaut, der sich mit einem Gabelstapler später in lauter Steininseln verwandelt.

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Abheben in Neukölln
©Heiko Schäfer

Heller nimmt Brodowskys Impressionen leicht. Sie spielt mit dem Kopfkino der Zuschauer, tupft die Typen ironisch hin und lässt sie von tollen Schauspielern im Turbo-Gang zu Charakteren aufmotzen: Ernst Stötzner berlinert den notgeilen Taxifahrer Karl-Heinz als überplastischen Antihelden hin. Eva Meckbach motzt sich als coole Postmigrantin an den Klischees vorbei. Weil Sebastian Nakajew in einem Berliner Knut-Bärenfell steckt, klingen die rechten Parolen seines Scherenschleifers perfide putzig. Und Niels Bormann tänzelt den Fuchs im Smoking hin, als ob er für die Rolle geboren wäre: distinguiert, genervt, mit scheuem Blick. Wenn es am Ende aus Flaschen schüttet, bekommt man einen unterhaltsamen Eindruck davon, zu welchen (alp)traumhaften Zuständen Berliner Nächte fähig sind.

Meterdicke Symbolik

Am unattraktivsten erscheint nach den vergangenen Tagen die kanadische Minen-Stadt Fermont am Rande der Zivilisation. Hier spielt Wajdi Mouawads "Zeit", dessen Uraufführung (als Gastspiel des Théâtre du Trident, das das Stück ab nächster Woche in Québec zeigt) das F.I.N.D.-Festival eröffnete. Ein Geschwisterdrama von antiker Wucht mag dem Autor der "Verbrennungen" vorgeschwebt haben, als er inzestuösen Kindesmissbrauch, eine Rattenplage und jede Menge existenzieller Gefühle mit Euripides, Shakespeare und Ibsen kreuzte: Eine Frau ruft ihre beiden Brüder zusammen, um den perversen, todkranken Vater umzubringen. Hat man einmal begriffen, wer wer ist, läuft der Mysterythriller äußerst vorhersehbar ab, meterdick mit deutlichster Symbolik übergossen.

Szenisch legt Regisseur Mouawad noch einmal nach: Da bläst der Wind der Veränderung aus großen Turbinen, taugt ausgerechnet eine Matroschka (das Gastgeschenk des russischen Bruders) zum Familiensymbol, wird aus einem Projektil, das der eine Bruder in der Schulter trägt, die Todeskugel gegossen, die dem senilen Vater dann in der kleinsten Holzpuppe serviert wird. Das dehnt sich. Wird pathetisch zelebriert. Durchlitten. Behauptet. Am Ende ist der Vater tot, sind die Ratten fort und kann die Schwester wieder hören. Das ist Schmonzes.

Neue Dramatik sieht zum Glück anders aus.

 

Soll mir lieber Goya den Schlaf rauben als irgendein Arschloch (UA)
von Rodrigo García
Deutsch von Philipp Löhle
Regie, Bühne und Kostüme: Rodrigo García, Licht: Carlos Marquerie, Dramaturgie: Nils Haarmann.
Mit: Lars Eidinger

Regen in Neukölln (UA)
von Paul Brodowsky
Regie: Friederike Heller, Bühne: Sarah Roßberg, Kostüme: Teresa Grosser, Dramaturgie: Bernd Stegemann.
Mit: Niels Bormann, Franz Hartwig, Urs Jucker, Eva Meckbach, Sebastian Nakajew, Ernst Stötzner, Luise Wolfram

Zeit (Temps, UA)
von Wajdi Mouawad
Regie: Wajdi Mouawad, unterstützt von Alain Roy, Künstlerische Mitarbeit: François Ismert, Dramaturgie: Charlotte Farcet, Bühne: Emmanuel Clolus, Kostüme: Isabelle Larivière, Licht: Eric Champoux, Musik: Michael Jon Fink.
Mit: Marie-Josée Bastien, Jean-Jacqui Boutet, Véronique Côté, Gérald Gagnon, Linda Laplante, Anne-Marie Olivier, Valeriy Pankov, Isabelle Roy

www.schaubuehne.de


Mehr lesen? Zu den Präsentationen des 2010er-F.I.N.D.-Jahrgangs gehörte Rafael Spregelburds Stück Die Paranoia.

 

Kritikenrundschau

"Eidinger, seit 1999 festes Ensemblemitglied an der Schaubühne, ist einer, der Unberechenbarkeit auf der Bühne 'kann'", schreibt Dirk Pilz in der Neuen Zürcher Zeitung (17.3.2011). Garcías intellektuell adretter Text gewinne Größe durch Garcías Regie und Lars Eidingers Spiel. "Am Ende begiesst Eidinger kleine Büchergräber: ein schöner, in einfache Bedeutungen nicht auflösbarer bildhafter Ab- und Hochgesang auf uns Menschen der Moderne." Die würden auch in "Regen in Neukölln" auftreten, und ihre Begegnungen "sind ein bisschen traurig, ein bisschen lustig, ein bisschen weltschmerzvoll. Bei Heller sind sie komisch schräg, und das ist das Beste, was diesem Text passieren konnte." Die Uraufführung verleihe dem Text Komödienflügel.

"'Zeitgenössisches Theater findet die Themen, die aktuell sind, das ist unvermeidlich', dröhnte der Regierende Bürgermeister und strahlte mit honigkuchenpferdhaftem 'Mir kann keiner'-Grinsen ins Publikum", berichtet Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (11.3.2011) von der Eröffnung des F.I.N.D.-Festivals. "Damit schien auch schon der theatralische Höhepunkt des Festivals erreicht." Die anschließende Premiere habe aber – "Strafe muss sein", so Laudenbach – eindrücklich bewiesen, "dass das Theater 'Themen, die aktuell sind', nicht nur finden, sondern auch im parfümierten Kunstgewerbe versenken kann." Mouawads "Temps" sei nämlich eine "prätentiöse Zumutung, in der es schwer poetisch raunt: 'Der Himmel ist leer.' Der feierliche Aufführungsstil und das grundlos von sich selbst ergriffene Deklamieren machen es nicht besser." Lustiger immerhin sei Lars Eidinger in Rodrigo Garcías "Goya"-Stück: "Ein Abend wie eine ungesunde Party, die sich nach zehn Minuten eher schal anfühlt und unmittelbar nach Verlassen des Lokals rückstandslos vergessen ist. Was leider auch für den Rest des bisherigen Festivals gilt."

Den ersten Teil des F.I.N.D.-Festivals lässt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (7.3.2011) Revue passieren. Wajdi Mouawad, dessen "Temps" das Festival eröffnete, besitze "ein Gespür für Bildwucht und Mythenhall, keine Frage. Und doch bleibt ein zwiespältiger Eindruck: Es ist eine im Grunde plakative Rache-Geschichte, bedeutungsschwanger verbrämt." Paul Brodowskys "Regen in Neukölln" hingegen, "diese rotzig-schöne, sanft abgehobene Asphalt-Ballade" habe Friederike Heller "angenehm leichthändig inszeniert". Der bisherige Höhepunkt sei aber Rodrigo Garcias "wüster Theater-Trip" "Soll mir lieber Goya den Schlaf rauben als irgendein Arschloch" gewesen: "mit einem fulminanten Lars Eidinger".

Für Jürgen Otten in der Frankfurter Rundschau (5.3.2011) ist Wajdi Mouawad "der große Poet unter den gegenwärtigen Theaterautoren". In seinem Stück "Temps" mutiere Zeit "zur Metapher des Seins überhaupt. Alles, was hier geschieht, hat eine Dauer, die man aushalten muss. Aber so erst versteht man, was das eigentlich ist: warten. Und: im Warten erkennen." Die Geschichte des Stücks sei "komplexer, als es bei oberflächlicher Betrachtung scheint." Mouawad lasse "sich und uns Zeit, diese Geschichte zu erzählen, sie wie eine Zwiebel zu häuten. Fast ausnahmslos nehmen wir die Bewegungen der Protagonisten wie in Zeit-Lupe wahr, agogisch zerdehnt, wie ein einziges tempo rubato. All diese Dinge wiederholen sich. Aber gerade durch diese Wiederholung entsteht Erinnerung, rückt das Geschehen näher heran: an die Figuren, an uns. Unmerklich wird der Zuschauer Teil des Ganzen, Teil der Zeit, Teil der Poesie, die von diesem Abend ausströmt."

Wajdi Mouawad schlage "in allen seinen Stücken einen gewollt komplizierten Weg ein", meint Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (5.3.2011): "Zuweilen erstarrt alles in verklausuliert pathetischem Tragödienkitsch, dann wieder springen Sätze und Bilder nur knapp skizziert wie Pfeile voran". "Zeit" aber stelle "letztlich eine allegorisch überladene Inzestgeschichte über die Vergewaltigung der Gegenwart durch die Vergangenheit und die Missachtung der Vergangenheit durch die Gegenwart" dar. Jeder Text Mouawads – "und das ist seine Schwäche – gibt sich wie in Stein gemeißelt und hat keinen geringeren Anspruch, als die Neuschöpfung der Welt".

In der Berliner Morgenpost (7.3.2011) zeigt sich Elena Philipp erfreut: "Das Virtuosenstück des argentinisch-spanischen Autors und Regisseurs Rodrigo García ist Eidinger auf den Leib geschneidert." Die Handlung sei Nebensache, doch mit seinem "grenzenlosen Hedonismus, der tief in europäischer Bildung wurzelt" gelinge García "ein unterhaltsames Generationenporträt". Im "Kiezporträt" "Regen in Neukölln" drifteten die Figuren des Autors Paul Brodowky wie ein Episodenfilmen à la "Short Cuts" aneinander vorbei, "um am Ende so zufällig wie erzählerisch ergiebig miteinander verbunden zu sein". Friederike Heller habe der Uraufführung des Stücks "einen Energieschub" verpasst, und der Abend mache "Lust auf mehr".

Als ein gruselig misslungenes Stück bezeichnet Hartmut Krug im Deutschlandfunk (8.3.2011) Mouawads Stück "Zeit", "das in des Autors Regie dem Schaubühnenfestival zum Auftakt gleich fast einen K.O.-Schlag versetzte." Rettung allerdings nahte mit Jean-François Sivadiers "Noli me tangere", "wunderbar choreografiert und in große Bilder gefasst" sowie mit dem harmlosen "Soll mir lieber Goya den Schlaf rauben als irgendein anderes Arschloch", das durch Lars Eidinger immerhin sehenswert werde. Und mit "Regen in Neukölln": "Das 2008 beim Stückemarkt des Theatertreffens aufgefallene Stück führt skurrile Figuren vor. In der leeren Studiobühne springen sie wie in einem nächtlichen Albtraum über Gehwegplatten zueinander und voneinander weg. Wunderbare Schauspieler, an ihrer Spitze Ernst Stötzner als berlinernder, geiler Taxifahrer und Niels Bormann als eleganter Stadtfuchs im Smoking, machen diese kleine Inszenierung zum großen Ereignis".