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Das heikle Band

von Anne Peter

Berlin, 11. Juni 2011. Polanski, Kachelmann, Strauss-Kahn – die Öffentlichkeit hat in letzter Zeit recht ausgiebig und mit voyeuristischen, vorurteilsdummen Ausfällen über die Grenze zwischen einvernehmlichem und erzwungenem Sex diskutiert.

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Da kommt Stephen Belbers amerikanisches Erfolgsstück "Tape" von 1999, das jetzt von Stefan Pucher in die DT-Kammerspiele gezimmert wurde, gerade recht. Nicht nur, weil das Very-well-made-play, in dem drei ehemalige Schulkameraden in knapp anderthalb Stunden Echtzeit in einem Motel-Zimmer aufeinandertreffen, sich ebenfalls um jenen kritischen Punkt dreht. Sondern weil Belber raffiniert offen lässt, ob es sich bei dem fraglichen Vorfall auf der Highschool-Abschluss-Party vor zehn Jahren bloß um Sex oder schon um Gewalt gehandelt hat – jeder der drei hat seine eigene Version.

Scharfe Unschärfen

Außerdem dreht Belber den Standardspieß um: nicht die Frau ist es, die den Mann der Vergewaltigung anklagt, während dieser bestreitet. Vielmehr will sich Jon – auf Druck von Vincent, der seiner Jugend-Liebe Amy immer noch hinterhertrauert – bei Amy für eine Vergewaltigung entschuldigen, die er ihrer Meinung nach gar nicht begangen hat. "Wir haben unterschiedliche Wahrnehmungen davon, was passiert ist", fasst sie schlicht zusammen – und weder Vincent (der von einer Vergewaltigung überzeugt ist, weil er sich nicht erklären kann, wie Amy sonst mit Jon, aber nicht mit ihm schlafen konnte), noch Jon (dessen Geständnis Vincent zuvor heimlich auf der titelgebenden Kassette aufgenommen hatte) können es fassen.

Amy entzieht sich somit der Opferrolle und ihrer Vereinnahmung durch die beiden Männer, indem sie deren Geschichte ihre eigene entgegensetzt – und somit im psychologisch fein gedrechselten Verhörbattle letztlich am besten abschneidet.

Belbers Dialoge sind von messerscharfem Realismus, gerade weil er den Figuren Unschärfen, Selbst-Widersprüche, Füllsel, Wiederholungen und Verlegenheitsrepliken erlaubt. Kein Wunder, dass das Drama nahezu 1:1 auch als Drehbuch funktionierte, als Richard Linklater es 2001 mit Ethan Hawke, Robert Sean Leonard und Uma Thurman verfilmte.

Tennissocken, Anzugsbeine, Bubikopfperücke

Stefan Pucher, zum ersten Mal am DT aktiv, verpasst seiner Inszenierung ein paar stimmungsschrummelnde Indie-Songs, von den Schauspielern selbst performt, sowie – zusammen mit Co-Bühnenbildner Nikolaus Frinke – ein in seiner historischen Detailtreue nahezu hyperrealistisches Setting. Das wirkt auch wie ein Film-Set und ist entsprechend von Live-Cams umstellt, ganz ähnlich wie Puchers Zürcher Handlungsreisender.

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Nina Hoss und Bernd Moss an den Gitarren, Felix Goeser am Schlagzeug.               © Arno Declair

Diesmal ist's ein typisch angeschrabbeltes Motel-Zimmer aus den 90ern, in dem man Chucks und blassfarbene Hawaii-Hemden trägt, die Matratzen stark federn und das Zimmer-Telefon noch eine Wählscheibe hat, während Amy, die erfolgreiche Juristin, schon mit einem Klapp-Handy hantiert. Bernd Moss erfindet für seinen saubermännisch aufstrebenden Low-Budget-Regisseur Jon immer neue Gesten des Sich-Windens und der verkrampften Verlegenheit: ein beim Sprechen schlingernder Oberkörper, in die Hosentasche gepresste Hände, an die Bettkante gekrallte Finger.

Pikiert schlägt er die teuren Anzugbeine übereinander und wischt sich die Erdnusskrümel aus dem Gesicht, die Vincent beim Ess-Sprechen schon mal absondert. Felix Goeser spielt dieses pubertäre Kind, diesen drogendealenden Freiwilligen Feuerwehrmann: Er legt die Stirn in Ironiefalten, lümmelt tennisbesockt im Schneidersitz, schlägt Purzelbäume auf dem Hotelbett und baut seine Aggressivität auch sonst, wenn er nicht Bierdosen durch die Gegend pfeffert, durch gezieltes Herumhampeln ab – ähnlich wie Ethan Hawke im Film.

Nina Hoss, in engen Jeans, gelbem Oberteil und schwarzer Bubikopfperücke, komplettiert das ziemlich ideal besetzte Trio und lässt ihre Amy denkbar souverän über dem Hahnenkampf thronen. Als hinreißend selbstbestimmte Bandleaderin singt sie zur E-Gitarre Liz Phairs Chopsticks, mit Moss am Bass und Goeser am Schlagzeug: "I met him at a party and he told me how to drive him home / He said he liked to do it backwards / I said: 'That's just fine with me / That way we can fuck and watch TV'."

Im Filmtheater
Bis auf die Songs, die den Figuren stets über Sprachlosigkeiten hinwegzuhelfen scheinen, wird der Realismus des Spiels nur in seltenen Momenten gebrochen, etwa wenn Vince die Lines nicht aufsnifft, sondern mit Schwung vom Tisch fegt und dann trotzdem die Nase hochzieht. Und die Kameras werfen Close-Ups oder Motelzimmer-Stills auf den Screen. Wer will, kann das als Fingerzeig auf das permanente Ins-Licht-der-Öffentlichkeit-Zerren gewisser Privatsphären betrachten – um als treffende Medienkritik durchzugehen, bleibt's allerdings zu vage.

Zwischendurch verweilt die Kamera lange auf Ambient-Details: auf dem Türknauf, den Jon am liebsten drehen würde; auf den zerwühlten Bettlaken, die stattgefundene Erotik andeuten könnten; auf einer umgekippten Bierdose, die Vincent betont nachlässig am Waschbeckenrand drapiert hat.

Eigentlich aber ist dieses Videogetue verzichtbar und kaum mehr als ein karger Rest des psychedelisch abdrehenden Bilderspiels anderer Pucher-Inszenierungen. Ein bisschen wirkt es fast so, als würde er, der als Pop-Regisseur bekannt geworden ist, vor der relativen Konventionalität seiner Inszenierungsweise zurückschrecken und auf seine angestammten Mittel mehr aus Gewohnheit denn aus künstlerischer Notwendigkeit zurückgreifen. Dabei könnte er ganz auf das wunderbar dahinschnurrende Psycho-Spiel vertrauen, das ihm Moss, Goeser und Hoss hinblättern. No need to watch TV, den Live-Film auf der Bühne sieht man auch so.

 

Tape
von Stephen Belber, Deutsch von Mojca Megusar und Ulrich Gehmacher
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Nikolaus Frinke/Stefan Pucher, Kostüme: Victoria Behr, Musik: Christopher Uhe, Video: Stephan Komitsch (impulskontrolle), Felix Johannes Lange (impulskontrolle), Dramaturgie: Claus Caesar.
Mit: Nina Hoss, Felix Goeser, Bernd Moss.

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Kritikenrundschau

"Derart einfach gestrickte, aber knallhart pointierte Texte gibt es hierzulande nicht", schwärmt Michael Laages im Deutschlandfunk (12.6.2011). Stefan Pucher pfropfe "der konzentrierten Handlung die Bilder einer Live-Video-Kamera auf, die aus einem Bad mit vielen Spiegeln heraus das schlichte Motel-Zimmer des Bühnenbildes mit allerlei Film-Perspektiven auflädt". Auch die Live-Musik sei "gar nicht zwingend, aber prima: Pucher hat über die Lebens- und Theaterkraft hinaus nach dieser ureigen amerikanischen Lebenslügen-Atmosphäre gesucht, genau wie vor Kurzem gerade bei Arthur Miller." Außerdem vertraue Pucher auf seine Schauspieler.

Die Sexnacht, um dies sich alles dreht, ist bei Belber "eine Metapher, anhand der er durchspielt, wie routiniert unsere Illusion von Identität, die sich ja aus der Erinnerung speist, mit unserer Vergangenheitsblindheit einhergeht", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (14.6.2011). Puchers Inszenierung sei von einer ihm eigenen abgeklärten metaphysischen Melancholie: Nahaufnahmen von Gegenständen "geben sie uns eine Lektion im unverfälschten, nichts wollenden und nichts sollenden So-Sein." Die Schauspieler konterkarierten das mit einem handwerklich großartigen, psychoakrobatischen So-tun-als-ob.

"Vielleicht fehlt uns Europäern etwas, um das Stück ganz zu verstehen", mutmaßt Tobi Müller in der tageszeitung (14.6.2011)."Tape" sei ein geradezu streberhaft gutes Stück, "weil es drei Dinge mühelos verschränkt: filmische Dialoge, eine überraschende Wendung und ein Thema, das - von den Figuren unbemerkt - wie eine dunkle Wolke über der Szene schwebt." Aber diese Lust an der öffentlichen Entschuldigung, an der Reue bleibe unverständlich. Und Pucher? "Ein, zwei Bilder können aus der reinen Konversation ausbrechen und andere Räume öffnen: Kitschbilder auf dem Videoscreen, welche das Spiel auf der Bühne plastischer erscheinen lassen. Nur eine kann diese Schwebe später auch ohne Video halten. Amy, gespielt von Nina Hoss. Von den rund 70 Minuten, die dieser Abend dauert, spielt sie 25. Es sind die besten."

"Es ist schlicht großartig, wie Belber mit Spiegelungen und dreifachen Böden arbeitet und eine Konfliktfacette nach der nächsten herauspräpariert – ohne dass jemals klar werden würde, was wirklich geschehen ist", meint Andreas Schäfer im Tagesspiegel (14.6.2011). "Und Stefan Pucher gelingt es in einer über weite Strecken im besten Sinne konventionellen psychologischen Inszenierung, die drei Versionen des Geschehens wie gläserne Welten nebeneinander zu stellen, durchsichtig und geheimnisvoll." Auch Schäfer preist die Schauspieler, allen voran Nina Hoss als "Desillusionierungsgöttin". Videoleinwände? Live-Pop? "Das steckt dieser kurze, dichte Abend locker weg."

Belbers Dreiecksgeschichte sei von hochgradiger Banalität, an der die spekulativ anstößige wie fatal unüberzeugende Figurenzeichnung nichts ändert, ätzt hingegen Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (14.6.2011). Und weiter geht's mit dem Bashing: "seichte literarische Machart", "unerhebliche theatralische Umsetzung" – und das Ende bleibe offen "wie der Sinn der ganzen Veranstaltung". Lob gibt's allerdings auch von Frau Bazinger, na klar: "Doch erst nachdem die wieder einmal brillante Nina Hoss als Anwältin aufgetaucht ist, gewinnt die Aufführung künstlerischen Glanz und zumindest in Ansätzen Dynamik."

In der Zeit nennt Peter Kümmel Puchers Inszenierung eine "Bühnenkolportage mit den Zügen eines Singspiels – flach, aber erfrischend." In Belbers Stück sei "die Konversation eine Duell um Kopf und Kragen, ein als Bagatellgeschwätz getarntes Machtspiel." Bernd Moss und Felix Goeser erlägen auf der Bühne "der Verführung des atemlosen amerikanischen Textes: Sie sprechen mit der Potenz kultureller Weltherrscher, mit der Kraft der dicken Eier, auf ihr Publikum herab." Diese Stimmung ändere sich aber mit dem Auftritt von Nina Hoss als Amy, "die hinter ihrem Königinnenlächeln immer auf der Hut bleibt". Überzeugend ist für den Kritiker auch Puchers Einsatz des Filmsets: "Aus dem Theatermoment wird Filmmaterial gewonnen, das über den Theatermoment triumphiert. Nicht mit Gegenspielern, sondern mit Abbildern schlagen sich die Akteure herum."

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