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In den Mainstream einfließen

von Azadeh Sharifi

Juli 2011. In den Foren der deutschen Theaterlandschaft beginnen die ersten Auseinandersetzungen mit interkulturellem Theater. Die Dramaturgische Gesellschaft veranstaltete in diesem Jahr ihr Treffen unter dem Thema "Wer ist Wir? Theater in der interkulturellen Gesellschaft". Während die wirkliche Diskussion über interkulturelles Theater in Deutschland erst noch geführt werden muss, ist Großbritannien aufgrund seiner kolonialen Geschichte den deutschen Debatten weit voraus. Das soll nicht heißen, dass Großbritanniens Kulturpolitik vorbildliche Wege geht. Es kann aber nicht schaden, einmal über den Tellerrand der deutschen Theaterdiskussion hinaus zu schauen und mögliche Wege für die deutsche Kulturpolitik zur Kenntnis zu nehmen und zu diskutieren.

Cultural diversity

In den 1970er Jahren, nach rassistisch motivierten Übergriffen und dem Aufschwung nationalistischer Parteien, begannen sich Künstler und Künstlerinnen mit Einwanderungsbiographie in Großbritannien mit ästhetischen Mitteln zur Wehr zu setzen. Festivals, Künstlerbünde und Gruppen wurden gegründet, eine Szene formierte sich. Gleichzeitig versuchte das staatliche Arts Council vorhandene Strukturen zu erfassen – der bekannteste Report ist "The Art Britain Ignores" - und durch gezielte Förderung migrantische Künstler zu unterstützen. 

In den letzten zehn Jahren legte das Arts Council seinen Schwerpunkt auf cultural diversity und damit auf die Förderung britischer Künstler mit afrikanischer, asiatischer und karibischer Herkunft. Die Initiative "Decibel" wurde ins Leben gerufen, die gegen die geringe Repräsentation der ethnischen Minderheiten in der Kunst angehen sollte. Ziel war eine signifikante Vergrößerung des Anteils von "black artists" in der Kunst- und Theaterszene. Drei Bereiche sollten gefördert werden: die Repräsentation auf allen hierarchischen Ebenen der Theaterhäuser, künstlerische Arbeiten und schließlich der Zugang für und zu einer breiten Öffentlichkeit.

Die Initiative Decibel

Das Programm des "Decibel" umfasste drei Hauptinstrumente: Das "Performing Arts Showcase", ein seit 2003 jedes Jahr stattfindendes Festival, das die besten Arbeiten von schwarzen Künstlern mit dem Schwerpunkt diverse practice, das heißt Auseinandersetzung mit kultureller Vielfalt in der britischen Gesellschaft, vorstellt.

Die Visual Arts Platform, ein Künstlerprogramm, das Praktika und Mentorenprogramme für angehende Theaterschaffende und Jahresstipendien für Künstler vergab. Und schließlich wurde 2004 für Künstler die zweitägige Konferenz "A Free State" organisiert mit dem Ziel, Strategien zur Förderung von kultureller Vielfalt zu erarbeiten.

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Jatinder Verma
© Sunita Baxia

Obwohl Maßnahmen zur Förderung der Teilhabe sinnvoll erscheinen, riefen die Initiativen des Arts Council immer wieder heftige Kritik hervor. Künstler und Kulturkritiker waren der Ansicht, dass solche Maßnahmen statt zur Integration eher zur Separation zwischen Künstlern aus der Mehrheitsgesellschaft und den Minderheitengruppen führen würden. Außerdem, so die Kritiker, sei es dem Arts Council bislang nicht gelungen, die bestehende Polarisierung zwischen ethnic arts und und mainstream arts aufzuheben.

Tara Arts: eine Stimme finden

Ungeachtet aller Kritik führten die vom Arts Council zur Förderung der kulturellen Vielfalt ergriffenen Initiativen über die Jahre sehr wohl zu einer stärkeren Einbindung von Kulturschaffenden mit Migrationsbiographie in die Kunst- und Theaterszene Großbritanniens.

Eine mittlerweile etablierte Theatergruppe ist Tara Arts. Ihr künstlerischer Leiter Jatinder Verma inszenierte als erster Anglo-Inder am National Theatre London. Dabei ist Verma kein ausgebildeter Theatermann. In Tansania geboren und in Kenia aufgewachsen, flüchtete er mit seiner Familie Ende der 1960er Jahre nach Großbritannien und fand wie viele migrantische Künstler in den 70er Jahren seinen Weg zur Kunst. Verma meint: "Our impetus at the time was to find a voice." Der Sprachlosigkeit konnte Verma nur in der künstlerischen Auseinandersetzung auf der Bühne begegnen. 1976 gründete er Tara Arts als erste britisch-südasiatische Theatergruppe in Großbritannien. Nach Vermas Ansicht war es an der Zeit, dass "black artists" sich in einer eigenen Gruppe mit eigenständiger Ästhetik und selbstbestimmten Inhalten organisierten. Verma wollte sich so der eurozentristisch ausgerichteten britischen Theaterszene widersetzen, die das asiatische Theater als ethnische Kunst, als Folklore wahrnahm und Künstlern nicht-weißer Herkunft keine Chance gab.

Zehn Jahre und einige Fehlentscheidungen bis zur Existemzförderung

Tara Arts ist ein gutes Beispiel für die britische Förderungsstruktur und den Überlebenskampf ethnischer Theatergruppen. Die erste Finanzierung erhielt Tara Arts als Minderheitenprojekt von der kirchlichen Commission for Racial Equality. Das Arts Council gab lediglich eine kleine Summe für Ausstattung und Workshops hinzu. Die ersten Jahre überlebte die Theatergruppe nur dank ihrer ausgesprochen geschickten Verwaltung durch Jatinder Verma. Erst nach zehn Jahren harten Kampfes, gelang es Tara Arts schließlich 1986 Existenzförderung (revenue funding) durch den Arts Council zu erhalten.

Existenzförderung ist für Theaterhäuser in Großbritannien die höchste Förderungsstufe, da sie über drei Jahre gewährt wird und somit erlaubt, mittelfristig zu planen. Gleichzeitig kann die Existenzförderung immer wieder erneuert werden. Tara Arts erhielt diese Unterstützung bis 2008 als Vertreter der "Black and Minority Ethnic". 2008 wurde die Förderung um die Hälfte gekürzt und die Theatergruppe zur Zusammenarbeit mit der asiatischen Gemeinde – british asian community – gedrängt. Mittlerweile ist die Förderung wieder aufgrund der herausragenden künstlerischen Arbeit von Tara Arts angehoben worden.

Erfolgreich mit britisch-asiatischer Selbstdefinition 

In der britischen Kulturförderung ist es wichtig, in der richtigen "Kategorie" eingeordnet zu werden. Anfänglich wollte sich Tara Arts, obwohl die erste professionelle britisch-asiatische Theatergruppe, nicht von anderen britischen Theatergruppen unterscheiden. Als Anfänger jedoch fehlte Tara Arts die Qualität, um bei der Förderung durch den Arts Council gegen professionelle "weiße" Theatergruppen zu bestehen.

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Klassiker, um die europäische Kultur vertraut zu machen: "Der Kaufmann von Venedig", 2005
© Talula Sheppard

Erst als sich die Selbstdefinition von Tara Arts 1986 änderte und sie ihre gesellschaftliche Situation als britisch-asiatische Theatertruppe auch in ihrer Bühnenarbeit thematisierte, gelang es, die Existenzförderung zu erhalten. Mittlerweile zählt Tara Arts zu den bedeutenden Theatergruppen Großbritanniens und sieht sich künstlerisch nicht mehr als Repräsentant der "Black and Minority Ethnic", als der sie bis 2008 gefördert wurde. Längst liegt der künstlerische Schwerpunkt von Tara Arts auf klassischem europäischen und asiatischen Theater, aufgeführt in einer eigenen Sprache: Binglish – eine Mischung aus Englisch und Indisch.

Ausblick für die deutsche Kulturpolitik

Auch wenn kulturpolitische Institutionen wie das Arts Council auf dem langen Weg zur Gleichberechtigung viele Fehlentscheidungen getroffen haben, vor allem aus Sicht der Künstler und Kulturschaffenden mit Migrationsbiographie, führten diese Entscheidungen doch trotzdem zu einer Auseinandersetzung mit der Rolle von ethnischen Minderheiten und postmigrantischen Künstlern in der britischen Gesellschaft. Diese Kontroversen wurden von Künstlern und Kulturschaffenden dazu genutzt, die eigene Position zu vertreten und zu verfestigen.

Was bleibt für die deutsche Kulturpolitik, gerade in Bezug auf die Theaterlandschaft? Es handelt sich offensichtlich um einen Balanceakt, eine vernachlässigte gesellschaftliche "Gruppe" so zu fördern, dass ihre künstlerischen Vertreter zu einem "natürlichen" Teil der Theaterszene werden. Dabei muss ein Weg zwischen staatlichen Vorgaben und der Selbstregulation der Theaterszene gefunden werden. Es sollte, wie die Kritik am englischen Weg der Förderung von kultureller Vielfalt belegt, keine eigene Förderung aufgelegt werden, die die Künstler mit Migrationsbiographie wiederum aus dem Mainstream ausgrenzt. Es bedarf jedoch einer stärkeren Berücksichtigung der Situation dieser Künstler, sie müssen gefördert und diskriminierende Strukturen aufgebrochen werden. Nur wenn Theaterschaffende den Weg in die Strukturen der Theaterhäuser schaffen, kann ein interkulturelles Theater entstehen.

 

Azadeh Sharifi, 1980 im Iran geboren, wuchs im Odenwald auf. Sie studierte in Heidelberg Germanistik, Philosophie und Jura und promovierte am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim über die "Partizipation von Postmigranten am Beispiel der Bühnen der Stadt Köln".


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