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Auf in den Westen, Utopia hinterher!

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 20. August 2011. Von einem "Dunst aus Cocktails, Arbeitslosigkeit und Schulden" ist Joan umgeben – aber unverdrossen glaubt sie trotzdem an ihre Stadt, an ihr Las Vegas. Von diesem Moloch mit beinah zwei Millionen Einwohnern fühlt hingegen Chris sich umzingelt. Sein Haus stand einst irgendwo weit weg vom Stadtrand, in der Wüste. Jetzt, inmitten der Spielcasinos und Hotel-Hochhäuser, fühlt sich der Cowboy-Indianer sehr eigenartig.

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Amerikanische Momente in Salzburg          
© Rachel Chavkin

Unerfundene amerikanische Momente

Nach Las Vegas hat uns also "The TEAM" mitgenommen. Der Name der New Yorker Theatertruppe, eine von fünf im Wettbewerb des Young Directors Project bei den Salzburger Festspielen, steht für "Theatre of the Emerging American Moment". Aber nicht nur einen Augenblick des Amerikanertums lässt dieses TEAM (ein echtes Kollektiv, das seine Stücke gemeinsam erarbeitet) im Stück "Mission Drift" auftauchen. Auf eine Zeitreise werden wir mitgenommen, die irgendwo in grauen mythischen Urzeiten beginnt, wo die beiden Riesen Love and Wrestling in wüstes Gerangel um die Macht gekommen sind. Der eine schafft unermüdlich, der andere zerstört. Die beiden heißen wirklich so, versichert uns die Erzählerin: "ich erfinde nichts".

Geerdet wird die Geschichte 1624 in Amsterdam, von wo ein handfestes holländisches Meisje mit Pioniergeist und blonden Zöpfen aufbricht in die Neue Welt. Joris Rapelje ("Weißer Abschaum") heißt ihr Mann – schon wieder wird nichts erfunden! Bald vierhundert Jahre machen sich die beiden, das unsterbliche Allegorie-Pärchen mit beinah unillusionierbarem Fortschrittglauben, immer wieder aufs Neue auf den Weg. Immer ein Stück weiter Richtung Westen hecheln sie Utopia hinterher, immer wieder erfinden sie ihr künftiges Lebensglück neu.

Ewiges Story-Telling vom Aufwachen

Und ebenso regelmäßig platzt eine Blase, sei es jene mit den Bärenfellen, den Goldnuggets, den Atommeilern oder den auf Kredit finanzierten Eigenheimen. Lauter Seifenblasen, wie sie auf der Börse so voluminös und verführerisch funkelnd aufgeblasen werden.

Eine hübsche kleine Geschichte mit der Tendenz zur epischen Wucherung, ein ewiges Story-Telling vom Aufwachen aus dem amerikanischen Traum und dem peinigend-lustvollen Wieder-Versinken darin. Das hat sein ureigenes Selbstverständnis, seine individuelle Geschichtlichkeit – und seine typische kulturelle Ausformung. Heineken und Amstel aus der Dose, Mineralwasser aus Pet-Flaschen, und Pop-Musik in allerlei Schattierungen. Heather Christian hat sie komponiert, sie singt selbst, sitzt am Klavier und spielt auch herzhaft mit.

"Mission Drift" ist eigentlich ein Pop-Musical, das ist seine Stärke und Schwäche zugleich. Pop heißt: Klare Befindlichkeiten, Headlines frontal mit Musik übergossen: Ich und mein unverrückbar positives Amerikaner-Sein. Dem eignet viel Plakatives, und es wäre ein Leichtes, in eurozentrischer Überheblichkeit den Stab darüber zu brechen. Aber was "The TEAM" wirklich im kleinen Finger hat, ist Understatement. So unprätentiös und unintellektuell, manchmal sogar ein wenig salopp kann man hierzulande nicht über die Grundlagen der Kultur und die Lehren der Geschichte reden (die man dann eh nicht zieht).

Auf dem Dancefloor der Geschichte

Wie in Cartoons wird die Sache vom "TEAM" auf den jeweiligen Punkt gebracht. Egal, was die junge Niederländerin in den Koffer packt für die Neue Welt: zuerst will sie den Schwanz ihres künftigen Begleiters/Gatten/Geschäftspartners sehen. Die Gene sollen stimmen für eine solche Unternehmung. Tatsächlich wird der nicht alternde Mann immer wieder zum Beil greifen und unermüdlich roden, auch noch zwischen der Hochhaus-Kulisse und den Palmen, die mit grünem Glitter behängt sind.

Man kommt mit ganz wenig Ausstattung auf der Bühne aus, mit dreiköpfiger Musikergruppe inmitten. Ein kleines Kulissenstück mit aufgemalter Skyline, künstliche Palmen, eine Tür mit Jalousie, Klappsessel, einige wenige Versatzstücke. Eine Jacke, eine Sonnenbrille – schon entstehen andere, jeweils neue Typen und bleiben doch die alten Figuren. Das ist meist mit leichter Hand arrangiert. Szenenwechsel, indem einfach einer auf dem Absatz kehrtmacht. Die Musik verbindet und vertieft.

Geschichtsstunde mit burleskem Touch oder leichtfüßiges Geplänkel auf dem Tanzboden der Geschichte? So leicht diskreditiert man das nicht als Bühnen-Lollipop, dazu sind die Fragen zu ernst. Und a propos Fragen: Das Ende bleibt ambivalent, es wirkt so, als ob den engagierten Leuten bei ihrer Spurensuche nach dem amerikanischen Traum und seinen Bruchlandungen ihre Grundsatzfragen selbst unheimlich geworden wären.

Wer bringt sich schon gerne selbst um den zurecht gereimten Optimismus?

 

Mission Drift
Eine Produktion von "The TEAM", New York
Regie: Rachel Chavkin, Musik: Heather Christian, Bühnenbild: Nick Vaughan, Kostüme: Brenda Abbandandolo, Sounddesign: Matt Hubbs.
Mit: Libby King, Brian Hastert, Amber Gray, Mikaal Sulaiman, Heather Christian, Matt Bogdanow, Gabe Gordon.

theteamplays.org
www.salzburgerfestspiele.at

 

Kritikenrundschau

Unter Schauspielchef Thomas Oberender und seiner Kuratorin Martine Dennewald habe sich das Young Directors Project von Jahr zu Jahr weiter von einem tradierten Theaterbegriff entfernt und so die Salzburger Festspiele wettbewerbsfähig gemacht im Diskurs des sogenannten postdramatischen Theaters, schätzt Egbert Tholl in seinem Gesamtbericht in der Süddeutschen Zeitung (23.8.2011) das diesjährige Programm ein. In vier der fünf Produktionen werde der Zuschauer zum Teilnehmer, sogar zum Thema der Aufführung. Theater geriere sich zur Belästigung, "worin sehr viel Erhellendes liegen kann - und auch ein Zauber". "Mission Drift", die einzige Darbietung, die die Zuschauer in Ruhe lasse, wirke in diesem Zusammenhang wie ein Atavismus. Die New Yorker Gruppe The Team zeige im Republic eine Show zu den Gründungsmythen der USA, verschleife die Geschichte eines jungen Paares, das 1624 in damals Neu Amsterdam landet, mit dem Niedergang von Las Vegas, springe von Hoffnung und Neuanfang zu Depression und Arbeitslosigkeit. "Die Verve, mit der die Darsteller und die fabelhafte Sängerin Heather Christian nebst Band dieses thematische Ping-Pong-Spiel durch die Zeiten ausbreiten, ist fast rührend, denn für Europäer, die ein aufgeklärtes Amerika-Bild haben, ist der Abend zwar hübsch, im Ergebnis aber reichlich nutzlos."

Barbara Petsch von der Presse (21.8.2011) ist tief beeindruckt von "Mission Drift": "Der unglaublich poetische und informative, reich- und welthaltige Text wurde vom Team gemeinsam erarbeitet, die 115-Minuten-Performance ist hinreißend lebendig und emotional gespielt und wird begleitet von wunderbarer Musik. 'Mission Drift' ist das Beste, was seit Langem im Off-Theater zu erleben war, ja vielleicht überhaupt im Theater."

Die "sinnlich ansprechende Komponente" von "Mission Drift" beschränke sich "auf die sich durch die gesamte Aufführung ziehenden Songs der New Yorker Künstlerin Heather Christian", schreibt Elisa Weingartner im Standard (22.8.2011). Doch das "eigenwillige Stück" belohne "den langen Atem des Zuschauers mit einem musikalischen Ohrenschmaus".

Schlicht "langweilig" findet hingegen Bernhard Flieher in den Salzburger Nachrichten (22.8.2011) "Mission Drift": "Zwischen biblischen Bildern und plumpen Fragen über die kapitalistische Auslegung des amerikanischen Traumes (und seines Scheiterns) wird vor lauter Überlagerung und Überinterpretierung ein grundsätzlich interessanter Ansatz niedergemetzelt." Ohne die wunderbare Musik wäre der Abend gar "unerträglich" gewesen. Um "die Song gewordenen Risse in der US-amerikanischen Mythendecke zu hören", brauche man jedoch "keine mittelmäßige Theatervorstellung".

 
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