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Stell dir vor, es ist Krieg

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 14. Oktober 2011. Alles rot. Blutrot. Die Hände, die Körper, alles. Im glitschigen Gekröse der Toten greift Achilles nach dem Leib seines Erzfeindes Hektor. Er betatscht den Leichnam wie es ein Schimpanse mit seinem leblosen Artgenossen tut, der den Tod nicht begreifen will. Achilles Pranken sind überall, er wirft Hektors Kopf hin und her, schaut ihm in die Zähne, hebt seine Glieder, lässt sie in die Lache zurückklatschen. Achilles' Zorn ist endlich gestillt. Und der Krieg um Troja nimmt nach langen zehn Jahren ein Ende.

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Das blutet!                          © Sonja Rothweiler

Wenn der Regisseur Volker Lösch gegen Ende von "Achill in Afghanistan" das Blut gleich eimerweise über die Bühne kippen lässt, mit triefendem Kunstgedärm garniert, in dem sich sein zwölfköpfiges Ensemble so lust- wie schmerzvoll windet, so hat dieses Bild seine Entsprechung in Homers Vorlage. In dessen "Ilias" steht en detail beschrieben, wie eine Lanze zwischen den Rippen eintaucht und aus der Brust wieder herausschaut, wie das Hirn umherspritzt oder die ausgeschlagenen Zähne eines Kämpfers das Feld zieren.

Blutbad und Stiefelmeer

Umso härter dann der Kontrast, wenn mitten in das orgiastische Schlachtgemälde eine ruhig vorgetragene Bilanz von aus Afghanistan zurückgekehrten Bundeswehrsoldaten dunkel hineintönt. Traumatisiert, früh pensioniert, von der Armee im Stich gelassen – sie alle berichten vom eigentlichen Kampf nach dem Krieg. "Im zivilen Leben bin ich nie wieder angekommen", wird einer zitiert. "Ich habe schon zweimal den Strick in der Hand gehabt", sagt ein zweiter. Alpträume, Paranoia, Selbstmordgedanken: Was vom Soldatenleben übrigblieb.

Volker Lösch und seine Dramaturgin Beate Seidel haben protokolliert, Zahlen zum Krieg recherchiert, Interviews geführt und das Material mit der dramatisierten Fassung der "Ilias" verzahnt. Till Wonka spielt den Achilles, den griechischen Superhelden. Wenn er allerdings vor dem Blutbad in einem Meer von aus dem Himmel gestürzten Soldatenstiefeln stapft und im Kollektiv die Namen der Gefallenen samt Todestag und Dienstgrad deklamiert, so ist er nur irgendeine Stimme. Unheroisch.

Action-Drama mit individuellem Getöse

Genau diese Fallhöhe zwischen dem tragischen Heldenepos und der prosaischen Wirklichkeit ist es, die den Regisseur reizt. Die blutrünstige antike Götter- und Heldenwelt im Zerrspiegel der aseptischen und abstrakten Kriegsmaschinerie am Hindukusch. Überdies dauern beide Kriege, so ein Zufall, zehn Jahre lang, Troja und Afghanistan scheinen sich also ähnlicher als man denkt. Die Bühne von Carola Reuther verstärkt die Engführung der Chronotopoi: ein Podest, das gleichzeitig wie Marmor, wie Sand schimmert. Doch es bleiben Parallelwelten, zwei Geschichten, die kaum etwas miteinander gemein haben, welche sich überlagern, aber nie zu einem Dritten vereinigen.

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  Mauerschau Richtung Parkett                                                             © Sonja Rothweiler

 

Der trojanische Krieg fesselt, die Ilias ist ein Action-Drama mit viel individuellem Getöse, wenig Zwischentönen, grobgeschnitzten Charakteren und einer herrlichen Choreografie der durchgeknalltesten Kämpferposen. Ein martialer Tanz mit den Maschinenpistolen. Sebastian Kowski gibt den Agamemnon erwartungsgemäß als machtgierigen, präpotenten Gockel, der Achilles die Lieblingssklavin raubt und damit entehrt. Und Mike Adler hat es schwer, seinen Patroklos, Achilles' Freund, mit der im Epos aufscheinenden Güte und Umsicht auszustatten. In Löschs stark komprimierter "Ilias" herrscht ein rauer Ton, für ambivalente Psychologismen bleibt wenig Luft.

Und der deutsche Soldat?

Wobei die Kostüme durchaus mehrdeutig sind: Cary Gayler hüllt zu Beginn das Ensemble ganz in Schwarz, in Uniformen aus Tüll und Organza. Die Männer tragen Röcke über Hosen und überlappende Schulterfelle. Wenn sie schreiten, dann rascheln sie. Testosterongesteuerte Gothic-Samurais, feminin umgarnt, die sich an einer blutrünstigen Vision aufgeilen. Die Frauenfiguren indes repräsentieren tendenziell das belagerte Troja, die weibliche Sphäre, was aber nie peinlich wirkt. Das gefällt bisweilen, hat Tempo, auch im chorischen Miteinander bei den unzähligen Mauerschauen in Richtung Parkett.

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Doch wenn die Gegenwart in das Geschehen einbricht, die schlechte Nachricht aus Afghanistan eintrifft, bekommt die Inszenierung jedes Mal etwas rührselig Pädagogisches, ja Bemühtes. Wonkas schmollender Achilles ringt mit dem Schicksal, mit den Launen der Götter. Er kämpft athletisch um die Ehre. Und der deutsche Soldat? Man weiß es nicht, auch weil das authentische Material keine Rückschlüsse erlaubt. Dass es anscheinend um die Verteidigung der Demokratie geht, weiß man bloß, man sieht es nicht. Nichts berührt, im Gegenteil. Zahllose, ganz ähnliche Protokolle in Zeitschriften waren da schon aufwühlender. Der Afghanistankrieg hat mit Homers "Ilias" soviel zu schaffen wie mit Grabbes "Hermannsschlacht" oder Remarques "Im Westen nichts Neues": eben den Krieg. Aber mehr auch nicht.

 

Homers Ilias / Achill in Afghanistan (UA)
Homer in einer Übersetzung von Raoul Schrott
Bühnenfassung von Volker Lösch und Beate Seidel
Regie: Volker Lösch, Bühne: Carola Reuther, Kostüme: Cary Gayler, Chorleitung: Bernd Freytag, Dramaturgie: Beate Seidel.
Mit: Katharina Seidel, Katharina Ortmayr, Svenja Wasser, Bettina Wiehler, Mike Adler, Marco Albrecht, Achim Buch, Jan Jaroszek, Ralph Kinkel, Sebastian Kowski, Till Wonka, Bijan Zamani.

www.staatstheater-stuttgart.de

 

Mehr Afghanistan auf deutschen Bühnen? Im Januar 2011 befasste sich Clemens Bechtel in  dem dokumentarischen Stück Potsdam-Kundus mit der komplexen Gemengelage der Interessen.

 

Kritikenrundschau

Lösch wage "einen Kurzschluss zwischen Antike und Afghanistan, aber weder seine Universal-Soldier-Sprechchöre noch Raoul Schrotts zeitgemäß unpathetische Ilias-Neuübersetzung lassen elektrisierende Funken überspringen", meint Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen (17.11.2011). Aus der Konfrontation gehe nur hervor, "was man immer schon ahnte: Achills Rüstung war nicht ganz so teuer und effektiv wie ein Tarnkappenbomber, der Nahkampf ist immer ein extremsportlicher 'Kick', aber die Rückkehr ins Zivilleben schwer." Nach vier Stunden seien "zehn Jahre Doppel-Krieg ohne posttraumatische Störungen chorisch ab- und politisch aufgearbeitet." Und da man auch in der ersten Reihe "ohne lästige Blutspritzer" davon komme, falle der Beifall "lang und dankbar" aus.

Das Problem der Aufführung, meint Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (17.10.2011), sei "nicht das manchmal enervierende Brüllen der Schauspieler. Das Problem ist die (von Peter Sloterdijk übernommene) Behauptung, dass der Krieg von Troja im Krieg von heute seine Fortsetzung finde: Damals war es ein Schlachten, heute ist es ein Schlachten. Am Ende ist der Tod blutig. Wobei schon das nicht sicher ist, heute ist der Krieg viel cleaner. Und auch sonst sind da vor allem Unterschiede. Der Frontverlauf ist in Afghanistan viel unklarer als vor Troja. Und sind die Kriegsherren von heute wirklich geile Götter, wie die Aufführung nahe legt?" Die Inszenierung interessiere "sich nicht für die Kräfte, die heute im Krieg am Werk sind. Bei Homer hat es zwei Kräfte gegeben: den Willen der Götter und Achills Zorn. Zu behaupten, das sei heute immer noch so, deckt mehr zu als auf."

Löschs chorische Theatersprache versuche unermüdlich "denen Ausdruck zu verleihen, die sonst nur statistisch präsent sind – den Vielen, den Soldaten, den Toten", schreibt Stefan Kister in der Stuttgarter Zeitung (17.10.2011). Doch "'Einer für alle, alle für einen'", diese Zusammenhaltsphrase aus einem der Gesprächsprotokolle" treffe "unfreiwillig das passepartouthafte von Löschs Theaterfeldzug. Hier kann jeder jeden spielen, hier gibt jeder gleichviel Gas, ein Ton forscher Grunderregung deckt alle Gefühlslagen ab, so wie im Prinzip jeder beliebige andere Kriegstext Lösch die erwarteten Stichworte liefern könnte. Die Schauspieler sind chronisch unterfordert, müssen sich an rhythmischen Tücken abarbeiten statt an den Kanten ihrer Charaktere." Schließlich fragt Kister: "Wo (…) liegt überhaupt der Erkenntnisgewinn, stellt man den komplexen, an politischen Widersprüchen und Problemen reichen Afghanistan-Einsatz vor die überzeitliche Folie des Trojanischen Kriegs? Ist da Differenz nicht bedeutsamer als Analogie, das Detail nicht aussagekräftiger als exemplarischer Furor, das Programmheft nicht tauglicher als die Bühne?"

"Regisseur Volker Lösch und Dramaturgin Beate Seidel haben sich gut journalistisch auf den kritischen Abend über zehn Jahre Bundeswehreinsatz in Afghanistan vorbereitet", konzediert Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (17.10.2011). "Ebenfalls gut journalistisch machen sie eine Theaterreportage daraus. Sie kombinieren geschickt drastische Szenen aus Homers antiker Kriegsgeschichte Ilias mit aktuellem Hintergrundmaterial." Genau das aber sei "das künstlerische Manko: eine vorhersehbare Dramaturgie. Kaum eine Szene, der nicht sogleich erklärendes Interviewmaterial folgt; dem Zuschauer wird das Selberdenken weitgehend abgenommen."

Eher hämisch legt Christian Gampert auf Deutschlandfunk (16.10.2011) seine Kritik an: "Die Ilias zeigt den Zorn des Achill, dem der eitle Heerführer Agamemnon eine Beutefrau wegnimmt. Das hoch subventionierte Staatstheater Stuttgart zeigt jetzt exklusiv – und vier Stunden lang – den Zorn des Volker Lösch auf die Bundesrepublik Deutschland. Der Zorn ist ja berechtigt; aber wer völlig unmusikalisch ist, sollte nicht Beethovens Neunte dirigieren." Man sehe in Stuttgart "unglaublich schlechte Schauspieler mit Spielzeug-MPs, die von Lösch unglaublich schlampig inszeniert werden: so wenig wie der Krieg die Menschen respektiert, so wenig respektiert Lösch seine Akteure." Natürlich sei Krieg furchtbar, "furchtbar aber ist auch Löschs intellektuelle Unterforderung des Publikums, das seine eigene Entmündigung allerdings eifrig beklatscht. Stuttgart ist langsam ein Fall für den Sektenbeauftragten. Und mancher braucht hier dringend einen Therapieplatz – außerhalb des Theaters."

Peter Kümmel schreibt in der Wochenzeitung Die Zeit (20.10.2011): Das Verfahren des Kurzschließens auch von Dingen, die wenig miteinander zu tun hätten, sei ein erprobtes Verfahren im Theater. So habe Volker Lösch nun das weit entfernte zusammengebracht: den trojanischen Krieg, wie ihn Homer schildere, und den Kriegeinsatz deutscher Bundeswehrsoldaten, wie ihn aus Afghanistan zurückgekehrte Soldaten schilderten. Das Ensemble eile mit "jenem "verächtlichen Blick zur Rampe, den man von Models auf dem Catwalk" kenne. Huderte von Militärstiefeln prasselten auf die Bühne, solche Zeichen seien "beliebt im Kurzschließtheater". Gespielt werde mit "kalter, unpersönlicher Härte", "verwechselbar" die Vorgänge, "austauschbar" die Figuren. Man kenne nur den "Antreten zum Apell"-Ton, Wer gerade nicht kämpft, habe den "Gesichtsausdruck des fassungslosen Zeugen". Könne es sein, dass das "zivilisierte, eingeschnürte Deutschland ausgerechnet am Hindukusch einen Raum finde, um "Wahnsinn, Wut, Freiheitsdrang auszuleben".

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