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Auf der Alm, da gibt's a Sünd'

von Guido Rademachers

Oberhausen, 19. November 2011. Ein Alpenpanorama ist in Schmutzig-Grau auf den Hintergrundprospekt gepinselt. Davor steht ein dunkler Almhütten-Klotz, eine notdürftig zusammengezimmerte Bretterbude mit gerade einmal Tür und einem Fenster. Und als wäre das noch nicht grobschlächtig genug, hat Bühnenbildner Kaspar Zwimpfer gleich noch einen (von der Theaterschreinerei scheinbar aus Hüttenholzresten angefertigten) klobigen Stuhl, Tisch und Bank samt Badewannen-Tränke zwischen Pappmachee-Felsbrocken dazuarrangiert. Auf solch derben Realismus, der Assoziationen an Volks-, wenn nicht Bauerntheater weckt, lässt in seiner Inszenierung Oberhausens Intendant Peter Carp die hochartifizielle Jelineksche Sprachmaschine abstürzen. Und, siehe da, ein paar Zahnrädchen scheinen dabei an die richtige Stelle gefallen zu sein.

"Winterreise", diese Überschreibung von Schuberts gleichnamigem Liederzyklus, gilt als besonderer Text. Deshalb, weil von Elfriede Jelinek gewohnte Reizthemen wie Bankenkrise und der Fall Natascha Kampusch mit ungewohnt ausführlichen autobiografischen Passagen in den Redestrom eines radikal entpersonalisierten "Es spricht mich" münden.

Skurrile Ausdrucksnot

Bei Carp wird radikal zurückpersonalisiert. Wirtin der Almhütte ist, unschwer an ihrer Haartolle zu erkennen, Elfriede Jelinek (Elisabeth Kopp) höchstselbst. Gezeigt werden, im schönen Ignorieren der komplexen Zeitstruktur des Stückes, 24 Stunden aus ihrem Arbeitsleben. Es beginnt mit dem abendlichen Empfang der Gäste. Dann ist Party angesagt. Das Haus ist inzwischen in der Mitte auseinandergeklappt und hat den Blick auf die trostlose DJ-Anlage im Inneren freigegeben. Am nächsten Morgen serviert Frau Jelinek mit umgebundener Schürze Semmeln und den ersten Schnaps, abends steigt man auf Weizenbier um.

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©  Birgit Hupfeld

Die Après-Ski-Feiergesellschaft hat noch ein wenig Eingewöhnungsschwierigkeiten, solange es um eher abstrakte Finanzkrisen-Texte geht. Die dialogische Aufteilung, gesprochen mit leicht bayerisch-österreichischer Färbung, wirkt nicht wirklich zwingend. Bei der morgendlichen Zeitungslektüre zu Natascha Kampusch (Carp baut einen erläuternden Artikel ein) findet man dann ganz zu sich und dem Schweinchen, das in jeder Kniebundhose und hinter jeder wattierten Skiweste steckt. Jelineks berühmt-berüchtigte Sprachflächen klingen auf einmal ganz nach jener skurrilen Ausdrucksnot, die die Underdogs aus den "Volksstücken" von Horváth bis Kroetz kennzeichnet.

Partygäste im Kunstschnee

Nur zwei Figuren drücken sich abgesondert im Hintergrund herum. Elfriede Jelinek Nummer Zwei, diesmal als junge Frau im detailgenau nachgeschneiderten Karo-Mantel, und Friedrich Jelinek, der Vater. Beide glänzen mit Mammutmonologen. Hartmut Stanke steht als an Alzheimer erkrankter Vater mit Plastiktüte verloren herum, macht einen kleinen Schritt vor, einen zurück, jedes Wort ist ein leises Suchen nach dem vergessenen Zusammenhang. Hin und wieder brüllt er einen unsichtbaren Dritten an, dass er nicht ins Heim möchte, nestelt an seinem Pass und Taschentuch, zieht das sauber gescheitelte Haupt ein: "Nicht auf den Kopf schlagen. Ich brauche ihn zwar nicht mehr, aber ich hänge noch dran." So, wie das Stanke bringt, ist es purer Naturalismus.

Anja Schweitzer als junge Jelinek rhythmisiert dagegen ihren Text künstlich. Sie ist ambitionierte Künstlerin, die Musikerin der Sprache. Ständig gibt es überscharfe Akzente, Silbenbetonungen auf einem imaginären Takt. Schweitzer nickt und wippt dazu, zuckt mit der Hand und im Körper. Schließlich ist sie verschwunden, hat den lärmenden Partygästen Platz gemacht, die aus dem Haus auf die inzwischen kunstschneebedeckte Bühne getreten sind und auf die hochalpine Bergwelt starren. Eine Shepard-Skala wird eingespielt, eine scheinbar unendlich abfallende Tonleiter. Mehr ist von der musikalischen Auseinandersetzung zwischen "Winterreise"-Einspielung (natürlich Fischer-Dieskau) und lärmendem Austro-Pop nicht geblieben.

Klar bleibt das etwas mulmige Gefühl zurück, dass mit Re-Dialogisierung, -Psychologisierung und -Personalisierung die eigentlichen Qualitäten und Herausforderungen eines Jelinek-Textes unterlaufen werden. Aber damit gelangt die Oberhausener Aufführung zu einem so stimmigen Ergebnis, dass es andererseits scheint, als wäre hier etwas vom Kopf auf die Füße gestellt worden.

Winterreise
von Elfriede Jelinek
Regie: Peter Carp, Bühne: Kaspar Zwimpfer, Kostüm: Gabriele Rupprecht, Musik: Jan-Peter E.R. Sonntag, Dramaturgie: Tilman Raabke.
Mit: Angela Falkenhan, Elisabeth Kopp, Manja Kuhl, Anja Schweitzer, Torsten Bauer, Martin Hohner, Martin Müller-Reisinger, Hartmut Stanke.

www.theater-oberhausen.de

 

Kritikenrundschau

Die Theatertexte Jelineks böten "eine große Herausforderung für jedes kreative Regieteam", weil sie weder Szenerie noch Personal vorgebe, schreibt Klaus Stübler in den Ruhrnachrichten (21.11.2011). Peter Carp bemühe sich, "so etwas wie eine Geschichte zu erzählen" und mache daraus "ein Achtpersonenstück mit locker gefügten Szenen". Außerdem unterstreiche er die Schubert-Bezüge, lasse zwei Lieder vom Band erklingen, "einzelne Motive schallen als Hörnerrufe von den Bergen wieder". Ein Schwachpunkt des Abends seien allerdings "die allzu bemühten Versuche der Schauspieler, in den Ensembleszenen in unterschiedlichen Dialekten zu sprechen. Authentisch wirkt da nur der Österreicher Martin Müller-Reisinger."

Stefan Keim lokalisiert die Verwandtschaft zwischen Jelinek und Schubert für den WDR3 (Mosaik, 21.11.2011) im "Todessehnsüchtigen", in der "Depressivität" und in "tiefen Schmerz einem ungelebten Leben gegenüber". Der demenzkranke Vater werde von Hartmut Stanke"grandios" gespielt, weil er "über die Sprache" gehe. Auch Anja Schweitzer verkörpere die Jelinek-Alter-ego-Figur in "fast schon beängstigender Weise". Die "hochkomplexen" und "tieftraurigen Texte" würden "in einem leichten Ton präsentiert, gleichwohl sehr konzentriert, mit genau gesetzten Pausen". Es sei eine "riesige Leistung" des gesamten Ensembles, dass es diese "bei einem bisher völlig Jelinek-unerfahrenen Publikum so rübergebracht hat, dass die Leute (...) in der Premiere atemlos zugehört und auch viel reagiert" hätten. Am Anfang gehe es noch "ins Unterhaltende" hinein; später werde der Abend dann "immer wortkonzentrierter, immer stiller, immer bitterer, immer dunkler", und die Ironie könne "nicht mehr zu kurzen komödiantischen Erleichterungen führen".

Martin Krumbholz schreibt über Peter Carps Inszenierung in der Süddeutschen Zeitung (2.12.2011): Der Regisseur bemühe sich "tapfer" darum, für die "situationsleere" Textfläche "gewissermaßen eine szenische Vertikale zu finden: schneebedeckte Alpengipfel, im Vordergrund eine steil aufragende Skihütte, die einen gemalt, die andere gebaut". In einem "realistischen Setting" sollten Jelineks "Sprachkaskaden ins Bild gesetzt werden und zur Energiegewinnung dienen". Gemessen allerdings an "Schuberts und Wilhelm Müllers lakonischen Miniaturen, die immer aufs Existentielle zielen", erschienen "Jelineks politisch aufgeheizte Thesen und Antithesen, Phrasen und Antiphrasen vorhersehbar". Bis zur Pause wirke der Abend ermüdend. Zwei "ellenlange", indes "wunderbar kurzweilige Solo-Auftritte" führten nach der Pause "steil aufwärts". Hier sehe man den Schauspielern beim "zähen, geduldigen Nahkampf mit den Wörtern und Sätzen zu". Anja Schweitzer, die über die Mutter inklusive Mutterliebe und Mutterhass räsoniert, und "fast noch prägnanter" Hartmut Stanke als der Alte, "der von Frau und Tochter im Heim abserviert wurde".

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