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Bitte recht oberflächlich!

von Martin Pesl

Wien, 23. November 2011. Ein erster Moment gilt der Bühne. Die herrschaftliche Treppe in ihrer Mitte, die das Innere reicher Häuser voll zeitloser Biederkeit symbolisiert, amüsiert, weil sie an das Foyer des Burgtheaters erinnert. Dann ist der Moment auch schon vorbei, und die buchstäblich hochkarätige Silberglitzerumrahmung des von Bettina Meyer mit gewohnt ironischem Detailreichtum ausgestatteten Raumes wird mit ebenso hochkarätigem Komödienpersonal besetzt: In der Behelfsrolle zweier Butler hat Peter Matić Narrenfreiheit, besteigt erst die Treppe zwänglich im präzisen Zickzackkurs und lässt ein anderes Mal der zickigen Damenrunde ihren Tee genervt vor die Füße schwappen.

Das ist lustig, weil es so sinnlos ist, und weil es darum ja überhaupt nicht geht in "Der ideale Mann", Barbara Freys Inszenierung dieser zweiten Bearbeitung einer Wilde-Komödie durch Elfriede Jelinek. Die erste, "Ernst ist das Leben (Bunbury)", hatte hier 2005 unter Falk Richters Regie Premiere. Die Nobelpreisträgerin war damals noch als Ko-Übersetzerin ausgewiesen, diesmal ist sie Bearbeiterin.

An der Oberfläche erst irre heutig ...

Mit gutem Grund: In "An Ideal Husband" findet sich manch Stichwort für ein eher freies Weiterspinnen der Moralfabel. Ausgerechnet aus Wien kommt die intrigante Mrs. Chevely, um Karriere und Ehe des Parlamentariers Robert Chiltern aufs Spiel zu setzen. Mit leerer "speculation", Investitionen in ein zum Scheitern verurteiltes Bauprojekt, das bei Jelinek der Hyper-Alpen-Kanal heißt, eine Anspielung auf die Hypo Alpe Adria, jenen Kärntner Bankenkonzern, der nach allerlei mutmaßlichen Korruptionsgeschäften von der Republik gerettet werden musste.

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© Reinhard Werner

An der Oberfläche ist das irre heutig. So sind Michael Maertens als Chiltern und Katharina Lorenz als dessen Frau auch wie Österreichs Top-Hohnobjekte gestylt: Karl-Heinz Grasser, eitler Ex-Finanzminister mit zahllosen Spesenskandalen, und seine Gattin Fiona, Society-Lady. Ein Glossar im Programmheft erklärt Nichtösterreichern die Zusammenhänge, aber auch darum geht es eigentlich nicht. Oder weniger als erhofft.

... aber dann doch eher verstaubt

Wiewohl die Textebene eine einzige wortgewandt vergeistigte Jelinekiade und als solche ein Spaß für sich ist ("In der Politik muss man früher oder später Kompromisse eingehen. Sonst geht man irgendwann mal selber ein"), bleibt die Handlung eine aus 1895. Und der treibende Konflikt, ob Lady Chiltern ihren Mann je wieder lieben könne, wenn er sich angesichts eines einzigen Aktes der Bestechlichkeit vor Jahren nicht aus Politik und Öffentlichkeit zurückziehe, wirkt doch eher verstaubt, während in Österreich ein Korruptionsskandal den nächsten jagt und an den politischen Sesseln umso hartnäckiger geklebt wird. Da hilft auch keine geschleckte Grasser-Frisur.

Frey bewältigt das Problem, indem sie eifrig um den heißen Brei herumarbeitet, sich auf alles stürzt, worum es eben gerade nicht geht. Das ist teilweise Tür-auf-Tür-zu-Slapstick, teils die Figurengestaltung: Lord Goring, bester Freund der Chilterns, ist bei TV-Comedian Matthias Maschke ein hyperaktiver, trotziger Hansguckindieluft; von Wildes kokettem, doch herzensgutem Mediator ist keine Spur. Das Verhältnis zu seiner angeblich Angebeteten, Mabel (mit Maria Happel deutlich gegen die 27-jährige Schönheit besetzt, die Wilde vorgibt), ist so asexuell wie die oft genannte Liebe zwischen den Chilterns.

Zaghafte Tiefenbohrungen

Wann immer es um innere Wahrhaftigkeit geht, reden sich die Figuren so in Rage, dass sie sich selbst gar nicht mehr glauben müssen. Grandios zieht Katharina Lorenz die Selbstentmündigung ihrer Lady Chiltern durch: Ihr Spektrum reicht von der manischen Domina bis zur Spiegeltrinkerin, die im letzten Akt vom Whisky aufgeweicht zu allem Ja und Amen sagt und so sogar die Behauptung "Das Leben eines Mannes ist von höherem Wert als das einer Frau" überzeugend bringt.

Die Frauen sind hier allemal die souveräneren. Während Maertens und Matschke schnell in eh unterhaltsame, aber doch althergebrachte, Schreiduelle abrutschen, entwickeln gerade die statischen Couchgespräche von Lorenz, Happel, Caroline Peters (Mrs. Chevely) und Kirsten Dene (Mrs. Markby) eine faszinierend bedrohliche Dynamik, da darin klar wird, wie selbstverständlich kaltblütige Berechnung in Körper und Alltag eines Menschen eingehen kann.

Manchen Längen zum Trotz werden der Witz der Bearbeitung und die Ironie der Regie Oscar Wilde gerecht. Vereinzelt wird zaghaft in die Tiefe gebohrt, doch auch Mabels Aufforderung "Bitte seien Sie auf der Stelle so oberflächlich, wie Sie können" wird beflissen Folge geleistet.

 

Der ideale Mann
von Oscar Wilde
deutsche Fassung: Elfriede Jelinek nach einer Übersetzung von Karin Rausch
Regie: Barbara Frey, Bühne: Bettina Meyer, Kostüme: Esther Geremus, Licht: Felix Dreyer, Dramaturgie: Klaus Missbach.
Mit: Michael Maertens, Johann Adam Oest, Matthias Matschke, Peter Matić, Katharina Lorenz, Maria Happel, Caroline Peters, Kirsten Dene.

www.burgtheater.at


Mehr Oscar Wilde? Recht rabiat ging Milan Peschel mit diesem Autor um, dessen Das Gespenst von Canterville er im Februar 2011 in Berlin inszenierte.

 

Kritikenrundschau

Jelineks Text-Maschine fuhrwerke zuweilen ziemlich berserkerhaft in Oskar Wildes feinem Textgeflecht herum, findet Michael Laages im Deutschlandfunk (24.11.2011). Barbara Frey folge Jelinek getreulich in dieser pointierten Grobheit: Speziell in der zweiten, sehr kurzen Hälfte "wird bloß noch haltlos rumgeblödelt – eben weil (das ist in Komödien eben so!) all die zuvor sorgsam ausgelegten Irrungen, Wirrungen und dramaturgischen Fallstricke ebenso sorgsam wieder eingesammelt werden müssen, damit ein Happy End draus werden kann." Zwischen der Schlammschlacht ums schmutzige Geld und dem ewigen Kampf der Geschlechter aber habe sich die Inszenierung nicht wirklich entscheiden können.

"Barbara Frey gibt den phantastischen Schauspielern alle Slapstick-Freiheiten", schreibt Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (25.11.2011), und es habe etwas unglaublich Erheiterndes, sie auf dem Eisfeld des höheren Blödsinns fröhlich herumschlittern zu sehen. Der Verlierer in dieser Partie sei allerdings Wildes heimliche Hauptfigur, der Dandy Lord Goring. "Seine berühmten Sprüche büssen durch die Jelinekisierung ihren Witz ein, und auch der treffliche Matthias Matschke kann ihn nicht wettmachen. Dafür punktet Johann Adam Oest als schottenberockter Vater des Lords." Fazit: "Jelineks Gespött verwandelt sich im Saal des Akademietheaters vielleicht ein bisschen zu einhellig in Wohlgefallen. Aber was soll's, lieber einmal zu viel gelacht als zu wenig. Zumal momentan wohl niemandem mehr zum Lachen ist in Anbetracht der geldpolitischen Realität."

Wie die Chilterns zum Liebesgeständnis kommen, das werde in drei, mitunter überraschend kurzweiligen Stunden, nicht überzeugend. Zu sehr befasse sich die Inszenierung mit aktuellen österreichischen Skandalen, so Martin Lhotzky in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (25.11.2011). Über ein innenarchitektonisches Ungetüm von Treppe "stolpern, rutschen, schleppen sich die Schauspieler hinauf und herab, meist vom kichernden Publikum derart störend beachtet, dass ihre Kalauer aus den Schatzkästchen Wildes und Jelineks beinahe untergehen." Aus Wildes heiterem Drama mit Denkanstößen werde Boulevard, der seine Lacher auch noch durch Trunkenheit und angedeutete Kopulationen in unpassenden Situationen generiert. In einigen wenigen Momenten sei das nicht ganz so schlimm, "aber leider überwiegt der derbere Humor, wofür Schauspieler und Regie tosenden Applaus einfahren."

Auch Ulrich Weinzierl (Welt, 25.11.2011) ist nicht so recht angetan. "Barbara Frey verschenkt am Akademietheater Elfriede Jelineks 'Idealen Mann'", heißt es in der Unterzeile. Das Handlungsschema wurde von Jelinek mit einigen Einschüben, Kalauern, Anspielungen und sprachlichen Zuspitzungen angereichert. Das Problem der jelinekschen Fassung sei jedoch: "Wenn die Worte die Taten dementieren und umgekehrt, dann ist das Sand im Getriebe des Komödienmechanismus." Gewiss wäre es möglich, aus dem neuen Gebilde durch konsequent aberwitzige Überdrehung ein schrilles, auf der Bühne funktionierendes Spektakel zu machen. Doch dazu konnte sich Frey offenbar nicht durchringen. "Stattdessen hat sie einen Wechselbalg in die Welt gesetzt: Slapstick, Nonsens und Karikatur mit Resten realistischer, psychologischer Personenführung verbunden. Das geht natur- und kunstgemäß schief – zum Schaden sämtlicher Beteiligten."

Dagegen findet Margarete Affenzeller im Standard (25.11.2011), dass der Abend aus dem Aufeinanderprallen der Scheinzustände seine Kraft beziehe, auch wenn diese nicht ganz durchtragen. Dennoch sei die Inszenierung ist eine runde Sache, "wenn das Ehepaar zum Schluss wieder zueinander gefunden hat und sich seines erstklassigen Aussehens im Spiegel versichert, ist man wieder bei jener glänzenden Oberfläche angekommen, der kein Untersuchungsausschuss der Welt etwas anhaben kann."

Jelinek habe den "Idealen Gatten" nicht nur neu übersetzt, "sondern Wilde ganz auf ihre Seite gezogen", schreibt Helmut Schödel in der Süddeutschen Zeitung (28.11.2011). Die feine Gesellschaft würde bei ihr "absolut vulgär, politisch ignorant und zynisch. Dumme Gänse und aufgeblasene Trottel, die nicht bemerken, dass sie sich selber abschaffen. Das Stück spielt nicht mehr Ende des 19. Jahrhunderts, sondern unter lauter Lady Gagas von heute, Gatten inklusive." Das zu lesen, sei "ein großes Vergnügen. Durch Barbara Freys unverständlich primitiven Regiemaßnahmen geht der Schuss allerdings nach hinten los." Denn Frey zeige uns "übelsten Klamauk". "Der Abend wäre schiefgelaufen, gäbe es an der Burg dieses Spitzenensemble nicht."

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