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Kabinett der Scheintoten

von Eva Biringer

Hamburg, 13. Januar 2012. Einmal, beim Katerfrühstück, sitzen Gatsby und Nick mit dem Rücken zu den Zuschauern auf weißem Strandmobiliar. Sie starren hoch auf den fröhlichen Schriftzug mit dem Namen des Protagonisten. Es ist, als säßen sie im Kino, vor sich den Film ihres Lebens, mit ihnen selbst in der Hauptrolle: Eine glamouröse Selbstbespiegelung.

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Eine große Torte für den kleinen Gatsby
© Kerstin Schomburg

Siebzig Jahre nach dem Tod seines Autors ist F. Scott Fitzgeralds Roman "Der große Gatsby" erstmals für die Bühne freigegeben. Schauplatz ist das Amerika der 20er Jahre, wo sich der schwerreiche Gatsby im Organisieren von Cocktailparties erschöpft, bis er sich auf eine Affäre mit der naiven Daisy einlässt. Deren Ehemann betrügt sie mit der Frau des Tankstellenwartes, die am Ende durch einen von Daisy verursachten Unfall stirbt. Bei Markus Heinzelmann wird aus diesem meisterhaften Gesellschaftsstück eine sinnfreien Schießbudengesellschaft, mit viel heißer Luft aufgeblasen zum großen Blabla.

Wasserwelle, Dauerwelle, Pagenschnitt

Zu Beginn steht der Name des Protagonisten in riesigen perlmuttfarbenen Lettern auf dem Bühnenboden (Bühne: Gregor Wickerts). Im Lauf des Abends steigen sie immer weiter in die Höhe, leuchten mal bunt wie ein Regenbogen, mal in den Farben der US-amerikanischen Flagge. Auf der Drehbühne darunter können die Darsteller ihre Lethargie sehr bildlich darstellen, indem sie gehend kein Stück vorankommen. Nach und nach tauchen Wände aus dem Bühnenboden auf, hinter denen es sich unbeobachtet eskalieren lässt. Türen gehen auf und zu und wenn sie geschlossen sind, ist die Musik von drinnen wie aus der Ferne zu hören.

Das Partypublikum trägt Charlestonkleidchen und Marlenehosen, Wasserwelle, Dauerwelle und Pagenschnitt. Getanzt wird mal zu Elvis, mal zu Swing. Whiskey schwenkend und eiswürfelklirrend plaudern sie Nichtigkeiten in ihre Gläser. Als Zuhörer geht es einem da wie mit dem Smalltalk auf einem Stehempfang: Oft schweift man ab, die Kakophonie der Belanglosigkeit gerät zum Hintergrundrauschen. Hauptsache das Fingerfood schmeckt und, in diesem Fall, die Strandliege zeigt Richtung Sonne.

... und ewig plärrt die Fahrstuhlmusik

Wie ein Stand-up Comedian moderiert sich Stefan Haschke in der Rolle des Nick durch den Abend. Er tritt auf als ein kleiner Gernegroß, für den Frauen dieselbe Relevanz haben wie Börsenkurse und dessen Reden so schmierig sind, wie die Pomade in seinen Haaren. Seine Cousine Daisy (Katja Danowski) interessiert sich ein bisschen für Gatsby, hauptsächlich aber für das Bankkonto ihres Ehemanns (Stephan Schad). Der sieht mit der pornös-getönten Brille aus wie Johnny Depp in "Fear and Loathing in Las Vegas."

Gatsby ist lange nur der abwesende Puppenspieler, an dessen Fäden die Gesellschaftsmarionetten baumeln. Bei seinem ersten Auftritt übt er Understatement, doch schon bald tauscht er den dezenten Zweiteiler gegen eine weiß-pinke Scheußlichkeit und promotet seine eigene Person wie ein Staubsaugervertreter sein Sortiment. Anders als in der Vorlage spielt ihn Samuel Weiss nicht als distanzierten Beobachter, sondern fügt sich nahtlos ein in seine seichte Umgebung.

Ausgerechnet Tankstellenwart George Wilson, bei Tristan Seith bis dahin ein gutmütiger Brummbär, feuert am Ende den tödlichen Schuss. Er glaubt, Gatsby sei am Steuer des Wagens gesessen, der seine Frau (herrlich prollig in ihrer Volksbühnen-Überdrehtheit: Julia Nachtmann) überfahren hat. Plausibel ist das insofern, als dass Wilson das einzige fühlende Wesen ist in diesem Kabinett der Scheintoten. Er handelt, weil er aufrichtig liebt und aufrichtig trauert. Seine Wandlung vollzieht sich rasend schnell und bevor es tiefgründig werden kann, plärrt schon wieder die Fahrstuhlmusik.

Reichtum ist lustiger als Armut

Man kann Rebekka Kricheldorfs vergnügt-poppiger Adaption zugestehen, dass auch in der Vorlage jeder Tag ein Samstag ist. Dass Fitzgerald dieser Gesellschaft, deren größte Sorge es ist, der Bugatti könnte nicht im Schatten parken, gleichwohl ein vernichtendes Urteil ausstellt. Die wenigen kritischen Zwischentöne streicht Heinzelmann und reduziert seinen Gatsby auf ein solides Stück Pop: Nett anzusehen, aber ohne Nachwirkung.

So verpufft selbst die hinreißendste Szene des Abends, obwohl der Partyraum zu einer mehrstöckigen Torte aufgefahren wird, mit aufblasbaren flackernden Kerzen, Liebesperlengirlanden und meterhohen Rosen aus Zuckerguss. Vom Bühnenhimmel regnet es Flitter. Gatsby und Daisy, beide in Weiß, thronen auf dieser Kitschskulptur wie dereinst die glücklichen Paare in Linda de Mols "Traumhochzeit." Nur einen verliebten Augenaufschlag später geht den Kerzen die Luft aus, analog dazu weicht der Liebestaumel des Protagonisten erneuter Abklärung.

Bevor er seinen unfreiwilligen Märtyrertod stirbt, bemerkt Gatsby noch: "Reichtum ist wesentlich lustiger als Armut. Die Leute sehen schicker aus und riechen besser." Seltsam nur, dass einen deren Schicksal so unberührt lässt. Es liegt vielleicht daran, dass die Armen manchmal die besseren Geschichten zu erzählen haben.

 

Der große Gatsby
nach F. Scott Fitzgerald in einer Fassung von Rebekka Kricheldorf

Regie: Markus Heinzelmann, Bühne: Gregor Wickert, Kostüme: Gwendolyn Bahr, Musik und Sound Design: Olaf Helbing, Video: Matthias Huser, Licht: Rebekka Dahnke, Dramaturgie: Nicola Bramkamp.
Mit: Katja Danowski, Stefan Haschke, Hedi Kriegeskotte, Hanns Jörg Krumpholz, Julia Nachtmann, Stephan Schad, Tristan Seith, Saskia Taeger, Maria Magdalena Wardzinska, Samuel Weiss, Sören Wunderlich.

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

Begeistert ist Alexander Kohlmann auf Deutschlandradio Kultur (13.1.2012) nicht gerade. Der Abend sei eine äußerst oberflächliche Nacherzählung der Geschichte, "die von einem vordergründigen Gag zum nächsten schwankt und nahezu fahrlässig alle Möglichkeiten verschenkt, mit denen man sich an diesem Ort dieser Vorlage hätte näheren können." Sein Fazit: "Ein Abend ohne Anliegen, fernab jeder intellektuellen Herausforderung für ein Publikum, dass sich ohne störenden Gegenwartsbezug bespaßen lassen will."

Auf Spiegel online (14.1.2012) schreibt Werner Theurich: Geschrieben von der Dramaturgin Rebekka Kricheldorf, hangele sich der szenische Ablauf des Schauspielhaus-"Gatsbys" streng chronologisch durch die plakative Regie Markus Heinzelmanns. "Der hat die Geschichte des reichen Emporkömmlings pointensatt und voller knalliger Gesten im Rhythmus eines swingenden Jazzstücks durchgetaktet." Theurich fühlt sich "an Kabarettnummern, aber auch an den türenschlagenden grellen Boulevard-Stil des Erfolgsregisseurs Herbert Fritsch" erinnert. Das "quicklebendige Schauspielhaus-Ensemble" lasse sich diese "Überdosis Regiezucker" zu keiner Sekunde entgehen. Dass die Inszenierung für diesen Absturz vom Überfluss in die Einsamkeit am Ende nur noch dürre Bilder und Worte findet, lasse aber unbefriedigt. "Am Ende stand, wie im Roman, eine traurige Beerdigung, fatale Koinzidenz mit einer rasanten Inszenierung, die ins Leere lief."

Die Romantik sei das Erste, was in der frech verjuxten Theaterversion von "The Great Gatsby" flöten gehe, schreibt Maike Schiller im Hamburger Abendblatt (16.1.2012). Plump und platt wirke vieles an diesem Abend, "den locker und leicht zu nennen einem etwas beschönigenden Manöver gleichkäme." Das flotte und um keine Albernheit verlegene Geschehen auf der Bühne ziele in seiner geistreich und entlarvend gemeinten, tatsächlich aber dumpfen Überzeichnung der in "Gatsby" angelegten Gesellschaftskritik nur auf den Wunsch nach Amüsement. Es passe zur Tonlage des Stücks, "dass Anspielungen auf Sarrazin und die Wirtschaftskrise arg bemüht wirken und wirkungslos verpuffen."

"Wie die Reibung mit dem übergroßen Mythos subtil in die Kräfteverhältnisse auf der Bühne wirkt, ist hier ein komödiantisches Kunststück", schreibt Simone Kaempf in der tageszeitung (16.1.2012). Markus Heinzelmanns Inszenierung am Deutschen Schauspielhaus sei mit Sicherheit die opulenteste, die poppigste und vielleicht auch witzigste Bühnenversion des Großen Gatsby (seit die Bühnenrechte frei geworden sind, haben das Schauspiel Frankfurt und das Theater Bonn Gatsby-Adaptionen herausgebracht). Mit dem zunehmend überstrapazierten Spiel auf der mehrstöckigen Hochzeitstorte laufe das Abgründige der Geschichte in Hamburg jedoch ins Leere, so Kaempf. Die Balance laufe aus dem Ruder. "Zu viel Klamauk, wenn man sich darauf wie in Gatsbys Villa bewegt und auf einer Etage die Terrassenliegen ausklappt." Dennoch müsse man sein Herz nicht spalten, um wertzuschätzen, wie das Luxusleben satirisch parodiert wird.

In der Welt (16.1.2012) schreibt Stefan Grund: "Das Schauspielhaus führte unter dem Titel 'Der große Gatsby' von Rebekka Kricheldorf ein Stück auf, das treffender 'Der kleine Gatsby' hieße." Die Dramatikerin habe schwach bei F. Scott Fitzgerald abgekupfert, Regisseur Markus Heinzelmann habe es mit einer sehr großen Bühne zu tun bekommen. "Das Ensemble führt in Notwehr eine zweidimensionale Comic-Version auf – mit wechselndem Erfolg." Das Bühnenbild mit begehbarer Zuckerguss-Wohntorte überwältige mit gnadenloser Kitschigkeit. "Doch viel mehr als öde dargestellte Ödnis in raschen Kostümwechseln auf Jetsetpartys bekamen wir im ersten Teil nicht zu sehen. Den zweiten Teil verklebte die Torte."

Die Schieflage in dieser so hübsch symmetrisch hingestaffelten Kulisse, die im Finale zur gigantischen Discotorte mutiert, sei, dass es keine kritische Haltung zum Sujet gebe, so Daniel Haas in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (17.1.2012), "es sei denn, man erklärt sich das Verhältnis von Liebe und Besitz als rumpelnden Zirkus, wo die Reichen reich sind an Marotten und die Armen dick und Schiebermütze tragen". Dabei habe es versprechend begonnen. Aber "Gatsby" werde hier zum Gezeter von Marionetten an der Hand einer haltlosen Regie. "Wie sagt eine Freundin von Daisy einmal gelangweilt: 'Wären wir doch ins Kino gegangen'."

Eine Doppelbesprechung über "zwei der größten Schwärmer der Literaturgeschichte", nämlich Don Quichotte und Jay Gatsby, verfasst Till Briegleb von der Süddeutschen Zeitung (18.1.2012). Über Heinzelmann Umsetzung von "Der große Gatsby" schreibt er vergleichsweise kurz: Schon mit der "Art-Déco-Verkleidung" des Ensembles entziehe sich der Regisseur "der entscheidenden Frage, wer der große Gatsby eigentlich heute wäre". Der Abend stelle "unkritisch, dabei extrem aufwendig eine Vergangenheit als beswingte Oberfläche dar" und sei im Ganzen nicht mehr als "anständig homogenes Unterhaltungstheater für Anspruchslose".

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