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Mein ganzer Stolz

von Michael Opielka

Bonn, 20. Januar 2012. "Die Zerbrechlichkeit geahnt. Und freu mich deshalb um so mehr. Möchte mir diesen Moment ganz genau einprägen." Der Vater spricht zu Beginn vom Ende. Die Mutter spricht mit. "Ja. Das Glück." Der Sohn "will später keine. Familie." Die Tochter weiß alles besser. Vier Personen, viele Rollen. Philipp Löhles neues Stück, uraufgeführt in der früher einmal großen Theaterstadt Bonn, nachdem ihn zuvor u.a. Bochum, Berlin und Wien mit Uraufführungen ehrten, jetzt also wieder am Rhein, wo er herkam (Baden-Baden), wo er im Theater anfing und jetzt wieder, als Hausautor, arbeitet (Mannheim). Löhle, Jahrgang 1978, ein noch junger Mann, ein Schicksalskomödiant, der unsere Zeit in Theatergedanken fasst.

Vom Miteinander zum Gegeneinander

Uraufführungen sind gefährlich. Der Text ist da, doch noch gibt es nur ein Bild, noch keinen Vergleich. Der Text ist neu, wir zaudern, ob er die ganze Aufmerksamkeit braucht oder die Bühne. Die Inszenierung stört ihn nicht, einmal nur, an einer, vielleicht der zentralen Stelle, macht sie es doch: Es ist der Anfang von "Kr(e)ise III", dem Finale. Im Text spricht ein Polizist, auch der Sohn, einen im Stück außergewöhnlich langen Monolog, er beschreibt und beklagt einen Wechsel vom "Miteinander zum Gegeneinander". Dominic Friedel, der junge Regisseur, lässt die vier Spieler den Polizistentext im Chor sprechen, immer wieder versetzt, holpernd, das Zuhören strengt an. "Früher haben wenigstens die Klassen gegeneinander gekämpft. Auflösung aller Gruppierungen. Nur noch Einzelkämpfer."

Der Chor funktioniert nicht, er pendelt zwischen dem Paradox einer vom Text dekonstruierten Gemeinschaft und ihrer Erinnerung. Das Bühnenbild ist karg und bedeutend, die Spieler verhindern Identifikation, alle sind ambivalent, vor allem der Vater, der große Selbstlügner (Rolf Mautz), wir haben Mitleid, doch noch mehr ekelt uns vor der Täuschung. Auch die Tochter (Philine Bührer) ragt heraus, sie versinkt im besserwissenden Ich.

Dreimal Deutschland, dreimal Krise im Familienkreis

Der Text ist stärker als die Bilder, trotz seiner Bescheidenheit. Löhle ist lustig. Die Geschichte integriert Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" und Loriots "Papa ante portas": der Vater ist Vertreter, die Mutter (Tatjana Pasztor) Hausfrau, die Tochter zwei Jahre älter als der Sohn (Birger Frehse). Der Vater wird zweimal arbeitslos, ein "Arbeitslooser", welch witziges Wort. Die Eltern stehen staunend vor dem "Internetz", auch pfiffig.

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Familienausflug in der Papprepublik Deutschland: Birger Frehse, Philine Bührer, Tatjana Pasztor und Rolf Mautz. © Thilo Beu

Löhles Text ist vielschichtig, es macht Spaß, ihm in Entdeckerlaune zu folgen. Drei "Kr(e)isen": die erste ist Westdeutschland am Rhein, die zweite das vereinte Land, die dritte eine Gegenwart und Zukunft im Unbestimmten. Unter der Gesellschaft keimt die Familie, ihr Schoß ist furchtbar fruchtbar. Man will das Glück und bekommt Fotos. Am Ende verhaftet der Sohn/Polizist seine Eltern, die, verarmte und gewissensverlorene Verlierer, die Tochter bestehlen wollen, die es mit einer Modefirma im Internet zu Geld brachte. Dies freilich ohne Anmeldungen, also schwarz, so verhaftete der Sohn auch sie, die Kinderrivalität wiederholt sich auf hohem Niveau.

Väterdämmerung

Überhaupt wiederholt sich ständig irgendetwas. Sigmund Freuds Wiederkehr des Verdrängten geschieht im Text, vor allem die Eltern wollen nichts von ihren Schatten wissen, sie wollen lieber träumen. Der Vater ist der Oberträumer. "Ich bin der König von Nauru." Die Pazifikinsel Nauru mit ihrem Phosphatreichtum ist sein Elysium. "Herrscher über einen stecknadelkopfgroßen Fleck im blauen Nichts." Die Mutter gurrt. Solange du nur das Geld bringst, darfst du träumen.

So versteckt sich der Vater später arbeitslos auf dem Parkplatz, überfällt einen Rentner und begegnet schließlich der Mutter, die ihn, selbst arbeitslos gewesen, als Bunny in einer Bar bedient. Dann gibt es kein Halten mehr, das Gesetz wird unwichtig, weil im Schoß der Gesellschaft, in der Familie, die Regeln nicht an die neue Zeit angepasst wurden, weil Verdrängung günstiger schien. Wir hatten uns dazwischen gefreut. Nach der ersten Trennung des Paares mit den Kosten für die Kinder kam man wieder zusammen, auf neuem Niveau, die Frau keine Hausfrau mehr. Doch das Glück war nur Firnis, nur Foto, nur Oberfläche, die Seelen blieben alt und verlogen, Fahnen im Wind.

Eine deutsche Geschichte. Alexander Mitscherlichs "vaterlose Gesellschaft" der frühen Bundesrepublik war eben beides: äußerlich abwesende, berufstätige Väter, die auch seelisch kaum präsent waren, mit Angst vor ihren Frauen, ohne tieferes Wissen von ihren Kindern. Am Ende ermannt sich der Sohn, repräsentiert das Vaterprinzip, die Gesellschaft, das Über-Ich. In Bonn bleibt alles sparsam, schräg, passend. Am Ende sagt der Sohn die Vaterworte des Anfangs. "Meine Familie. Mein ganzer Stolz." Die Kinder sehen, dass die Gemeinschaft Regeln braucht, aber sie verstehen sie so wenig wie ihre Eltern. Löhle versteht. Er widmet sein Stück: "Für meine Schwester".


Der Wind macht das Fähnchen. Ein Einfamilienstück (UA)
von Philipp Löhle
Regie: Dominic Friedel, Ausstattung: Karoline Bierner, Licht: Lothar Krüger, Dramaturgie: Almuth Voß.
Mit: Rolf Mautz, Tatjana Pasztor, Birger Frehse, Philine Bührer.

www.theater-bonn.de


Mehr über den Autor und Gelegenheitsregisseur Philipp Löhle finden Sie im Lexikon.


Kritikenrundschau

"Der Wind macht das Fähnchen" sei "eine trockene Komödie über den alltäglichen Überlebenskampf, aufbereitet wie das Blättern in einem Fotoalbum", sagt Stefan Keim in der Sendung "Fazit" auf Deutschlandradio Kultur (21.1.2012). Die Handlung sei sprunghaft, "psychologische Entwicklungen muss sich das Publikum selbst denken." Regisseur Dominic Friedel nehme "manchmal das Tempo aus dem sonst leicht in die Nähe des Boulevard rutschenden Stücks, findet Augenblicke des Verstummens und der Verlorenheit". Allerdings reiche das nicht, um "abendfüllend die Spannung" zu halten.

 
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