altIn der Vollrausch-Show

von Guido Rademachers

Köln, 27. Januar 2012. Vorne an der Rampe rollen die schwarz umrandeten Augen. Der massige Körper findet einfach keinen Halt, scheint im blauen 40er Jahre-Zweireiher zu schwimmen. Die Jacke rutscht von den Schultern, die Hose muss hochgezogen werden. Schließlich landet der Mann auf dem Hintern, spreizt selig ins Publikum lächelnd ein Bein ab, zieht sich über den Boden, kommt wieder nach oben. Mault und tönt, zerkaut die Wörter und rollt demonstrativ das "r". Und schnappt sich das hagere Menschlein, das mit heruntergezogenen Mundwinkeln in roter Chauffeursuniform stocksteif neben ihm steht, um ihm einen langen dicken Kuss aufzudrücken.

Zwischen diesen Herrn Puntila und seinen Knecht Matti passt kein Blatt Papier. Schon gar nicht ein von Brecht beschriebenes. Von wegen, dass sich Klassenunterschiede nicht überbrücken ließen. Die Grundthese des Stücks wird kurzerhand durch ein real existierendes Schmierenkomödiantentum überwunden. Matti ist für Charly Hübner als Puntila herzlich willkommener Anlass, ein reichhaltiges Repertoire an Gepose und Getöne im Schnelldurchgang abzuspulen. Zwischen Vollrausch und Ernüchterung besteht in der Sache kein Unterschied. Beides ist Show.

Parforceritt durch den Text

Michael Wittenborn dagegen fistelt sich als Matti einen Märchenplatten-Gruselton zurecht, der das Gesprochene zur Hälfte auch verständlich werden lässt, und reibt sich, wenn sie einmal nicht an den Hosennähten festkleben, maliziös die Hände. Das leuchtende Beispiel eines launischen Ausbeuterschweins, das ihm beständig vor den Augen herumspukt, exerziert er selbst einmal probeweise an Puntilas Tochter Eva (unbeirrt debil gespielt von Angelika Richter) durch und stakst anschließend wie ein Untoter von dannen, wohl auf der Suche nach einem Sarg für ein kurzes Schläfchen.puntilamatti1 DavidBaltzer 560 uBrecht auf der Riesenrutsche © David BaltzerDass dieser Matti niemals auf die Idee kommen könnte, Puntila zu verlassen, liegt auf der Hand. Der knapp zweieinhalbstündige Parforceritt durch den Text endet vorzeitig mit einem Loblied auf die finnische Landschaft. Von den Palmen der 40er-Jahre-Revuebühne, die Janina Audick mit Südseeflair und integrierter Riesenrutsche für das Kölner Schauspielhaus hat bauen lassen, fallen die Kokosnüsse.

Verlegenheitslösungen und putzige Einfälle

Die Inszenierung von Regie-Shootingstar Herbert Fritsch wirkt, als führe 300 Jahre nach seiner Verbrennung durch die Neuberin ein wiederauferstandener Hanswurst einen Rachefeldzug gegen das literarische Theater. Gar nicht einmal verkehrt. Denn dass die Thesen des in der "Inzwischenzeit" des Exils zum Kunstsalonkommunisten verdammten Brecht heute kaum noch darstellbar sind, ist klar. Klar auch der Bezug der Inszenierung zum Volksstückhaften des "Puntila". Und natürlich kommt der ausgewiesene Einfühlungs-Allergiker Fritsch den Brecht'schen Theatermitteln nah. Die Begegnung des Augsburgers Fritsch mit dem Augsburger Brecht hätte ein Glücksfall sein können. Es sollte nicht sein.

Zu schnell ist das Pulver verschossen. Nach einer Viertelstunde ist alles vorhersehbar. Im immergleichen Höchsttempo kreist die Aufführung nur noch um Bekanntes. Verlegenheitslösungen treten an die Stelle von wirklichen Einfällen. Ein sporadisch eingesetztes chorisches Sprechen, das wohl augenzwinkernd an die legendäre Einar Schleef-Inszenierung von 1996 erinnern soll, wirkt eher putzig. Jeder darf sich einmal in seinem Lieblingsdialekt versuchen. Und die faden Witzchen häufen sich. Zur ständigen Musikbegleitung (am Flügel im Josephine-Baker-Bananenröckchen John R. Carlson) heißt es: "Ist das Dessau?" "Nein, hier ist Köln."

Das, wovon bei Fritsch-Inszenierungen immer die Rede ist, diesmal fehlt es. Durch Höchstbeschleunigung wird Energie nur simuliert. Wirklich vorhanden ist sie nicht. Beeindruckend allerdings bleiben die sich vom Hemd auf den Hosenboden und schließlich den ganzen Anzug ausbreitenden Schweißflecken des Puntila.

 

Herr Puntila und sein Knecht Matti
von Bertolt Brecht
Regie: Herbert Fritsch, Bühne: Janina Audick, Kostüme: Victoria Behr, Dramaturgie: Sybille Meier, Sabrina Zwach
Mit: Charly Hübner, Michael Wittenborn, Angelika Richter, Michael Weber, Robert Dölle, Maik Solbach, Anja Laïs, Karin Kettling, Jennifer Frank, Maike Jüttendonk, Andreas Grötzinger, Holger Bülow, John R. Carlson

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Kritikenrundschau

Fritschs Inszenierungen böten keine Interpretation und Lehre, sondern setzten theatralische Energien frei, das sei ja das Erfrischende an ihnen, so Bernhard Doppler im Deutschlandradio Kultur (27.1.2012). Auch in Köln gebe es wieder ein "Fest sich austobender Schauspieler" zu sehen. Brechts Text werde ziemlich getreu gespielt, doch die Aufführung mache einen oft verdeckten Aspekt sichtbar: "Brechts Nähe zu Komikern wie Valentin oder Chaplin", diagnostiziert Doppler. In keinem Werk habe Brecht sich so sehr wie in diesem in der Komödie ausprobiert. "Puntila ist durchaus ein deftiger finnischer Bauernstadl." Und es tue dem Werk "gar nicht schlecht", wenn es nicht als Auseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Kommunismus didaktisiert würde.

"Eine Brecht-Revue ganz anderer Art, so komisch wie kunstvoll" hat Karin Fischer für den Deutschlandfunk (28.1.2012) gesehen. Der "höhere Ulk des Regisseurs" treffe sich hier mit der musikalischen Revue der Brecht-Zeit "in einem Theater, das das Chorische in jeder Form zu seinem heimlichen roten Faden gemacht hat". Mit Brechts scharfzüngiger Oben-Unten-Parabel habe der Abend nicht mehr viel zu tun; die höheren Botschaften blieben schon wegen partieller Textunverständlichkeit "bei gleichzeitiger circensischer Höchstleistung der Schauspieler" auf der Strecke. "Doch es gibt eindrückliche Szenen, wenn die Arbeiter auf dem Gesindemarkt mit weit aufgerissenen Augen und Mündern eine Gruppe sozial Depravierter spielen." "'Durch Komik wahr werden', könnte Herbert Fritschs Motto lauten", so Fischer, "der ansonsten findet: Nur ein verulkter Dramatiker ist ein guter Dramatiker." So schaffe er spielend, was Brecht nie gelungen wäre: die Umwertung aller Werte auf dem Theater.

Im Bonner General-Anzeiger (30.1.2012) schreibt Hartmut Wilmes: Es gäbe "etliches" zu sehen, fast jede Szene werde "angeschrägt, aufgeschrillt, unter Slapstick-Starkstrom gesetzt". Charly Hübners Puntila "tänzelt und torkelt, wälzt und windet sich, platscht auf den Boden, springt wie elektrisiert wieder auf - und das alles gewissermaßen in einer fließenden Dauerbewegung". Michael Wittenborn sei hingegen "oft wie festgedübelt" und wirke mit schnarrendem "Rrrr" "manchmal wie eine Hitler-Karikatur". Meist blieben die beiden "seltsam beziehungslos im entfesselten Tohuwabohu". Die Kostüme seien "eine Schau" und Angelika Richter bekommt als Tochter Eva gleich "vier Doppelgängerinnen verpasst". Das alles habe anfangs "Schmiss und Schwung", doch schon bald "krampft die temperamentsbolzende Comic-Kurzweil, und die Inszenierung kalauert sich um Kopf und Kragen".

"Man bekommt viel geboten bei diesem 'Puntila', viel zu viel", schreibt Christian Bos im Kölner Stadtanzeiger (31.1.2012), "manches davon zulasten der Textverständlichkeit. Schon Brecht selbst habe sein Stück als Volksstück beschrieben. "Da muss man sich nicht wundern, wenn Fritsch den 'Puntila' mit allen Mitteln des Volkstheaters auf die Bühne bringt." Allerdings übererfülle mancher Darsteller Brechts Regieanweisungen beiweitem, so der Rezensent. Auch kann er sich gelegentlich des Eindrucks nicht erwehren, "dass Fritsch Regieeinfälle an die Wand wirft und abwartet, was kleben bleibt." Aus seiner Sicht könnten "Puntila und sein Knecht Matti" auch Asterix und Obelix sein. Wer nach schlüssiger Interpretation suche, verirre sich in dieser Inszenierung schnell und verpasse "ein glänzendes Ensemble, das dem Affen Zucker gibt, bis dieser an den Folgen der Diabetes dahinscheidet.

"Bereits kürzlich in Hamburg habe man beim 'Raub der Sabinerinnen' sehen können, so Vasco Boenisch in der Süddeutschen Zeitung (31.1.2012), "Fritschs exzentrisches Hysterienspiel ist kein Regie-Selbstläufer, es braucht radikale Mitläufer. Wer sich ziert, gar geniert, den Wahnsinn nicht lebt und geistreich füllt, wirkt albern – wird fad." Entsprechend wenig sei am  Premierenabend gelacht worden, gibt der Kritiker zu Protokoll. Seine Empfehlung: "Vielleicht sollte Fritsch, der gern ohne Konzept in die Proben geht, demnächst doch vorher überlegen, was ihn an einem Stück interessiert."

"Keine Stoßrichtung, außer im Unterleib", schreibt Alexander Haas in der taz (31.1.2012). "Das ist große Klasse - und irgendwie doch ermüdend." Bei Herbert Fritsch regiere die Feier des Schauspielers, weitgehend losgelöst von der Rolle. Einmal mehr bestätigt sich an diesem Abend der Eindruck des Kritikers, "dass Fritsch jedes Stück, das er zwischen die Finger bekommt, mit denselben Mitteln aufbereitet." Herbert Fritschs "Puntila" folge dem Muster des Volkstheaters und prügele mit seiner Show "jede Interpretation aus dem Abend. Das alles erschöpft sich in sich selbst, permanente Amplitude."

Andreas Rossmann schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (1.2.2012), dass er die viertelstündige Applausordnung, bei der nach dem Ende die Schauspieler doch noch zu ihrem Recht auf Individualität kämen, für eine zu späte "Wiedergutmachung" hält. Zwei geschlagene Stunden lang sei das Ensemble "durch Brechts Volksstück gejagt, angetrieben von einem Regisseur, der es taumeln und tollen, grimassieren und glotzen, kippen und kaspern lässt". Noch jedes Drama bringe dieser Regisseur "auf die Hochtouren der Hanswurstiade". Was Klassengegensätze heute noch hergeben, sei keine Frage, mit der Fritsch sich abgeben möchte, "Inhalte interessieren ihn nicht". Die Akteure erschienen "durchweg berauscht", die Aufführung aber sei "alles andere als berauschend". "Wer das Stück nicht kennt, lernt es hier nicht kennen."

"Grell, laut und völlig überdreht powern die Schauspieler, was das Zeug hält", beschreibt Stefan Keim den Abend in der Welt (31.1.2012). Die Energie verpuffe oft im puren Selbstzweck der Aktionen, "zu viel Slapstick ermüdet". Doch immer wieder gelängen Fritsch "herrliche Szenen". Charly Hübner vollbringe als Puntila eine "Energieleistung – wie auch das Ensemble insgesamt".

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