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¡No nos sentimos víctimas! – Wir fühlen uns nicht als Opfer!

von Hartmut Krug

Montevideo, 29. Januar 2012. Die Bühne ist leer bis auf eine Stuhlreihe im dunklen Hintergrund. Ein Chor von Frauen in Alltagskleidung sitzt hier, beugt sich vor, spricht vorsichtig hinein ins Dunkel, sucht die tausendköpfige Menge zu erreichen, die im prächtigen, der Mailänder Scala mit ihren vielen Logenstockwerken nachgebauten staatlichen Teatro Solis in Uruguay sitzt.

Draußen vor dem Theater: Auf dem Platz der Unabhängigkeit im Zentrum Montevideos tobt der Karneval, der Präsidentenpalast liegt kaum hundert Meter neben dem Theater. Der Kontrast wirkt.

Denn auch an ihn, den Präsidenten Pepe Mujica, den während der Militärdiktatur mehr als 13 Jahre eingesperrten einstigen Guerillero der Tupamaro, richten sich Botschaften und Forderungen des Frauenchors. Es sind ehemalige politische Gefangene, eingekerkerte, gefolterte, vergewaltigte Frauen und einige ihrer Töchter, traumatisiert von den Erfahrungen während der zwischen 1973 und 1982 in Uruguay herrschenden Militärdiktatur. Jetzt wagen sie sich erstmals hinaus in die Öffentlichkeit, berichten, gegen ein Beschweigen dieser Zeit, von ihren Schicksalen.

Authentische Berichte ohne Voyeurismus
Wir erfahren, wer sie sind. Wie und warum sie verhaftet wurden, wie sie misshandelt, wie lange sie gefangen gehalten wurden, wie die Nachwirkungen der Zeit Kinder verstört und Familien zerstört haben.

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Gegen das Schweigen © Gustavo Castagnello

All das wirkt, trotz schlimmer Details, nie larmoyant, gibt keinen Anlass zu Voyeurismus, ist so einfach wie direkt: "Die Frau ist immer nackt. Du wirst ausgezogen, ob du deine Tage hast oder nicht, egal. Manche dringen in uns ein und wir bekommen Sachen in die Scheide gesteckt, immer werden wir angegrabscht. Einer ejakuliert in meinen Mund." Authentische Berichte bleiben nicht individualisiert, die Texte sind von der Dramaturgin und bekannten Autorin Marianella Morena bearbeitet worden und werden mit dem Sophokles-Text der Antigone in direkte Beziehung gebracht.

Es geht um den Konflikt zwischen dem Recht des Einzelnen und dem des Staates. Während Antigone gegen den Befehl Kreons aufsteht, einen ihrer Brüder nicht zu beerdigen und damit der Vergessenheit anheim zu geben, meldet sich der Frauenchor mit seinen Berichten gegen das Verschweigen der Taten und Täter während der Militärdiktatur zu Wort. Der Chor ist eine Einheit, die sich in Gruppen teilt und wieder vereint. Mit ihren Stühlen rücken die Frauen Etappe für Etappe vor, Kraft und Sicherheit gewinnend, bis sie im hellen Licht der Rampe angelangt sind und kraftvoll erklären: "¡No nos sentimos víctimas!" – "Wir fühlen uns nicht als Opfer! Wir waren Protagonisten eines historischen Moments. Mit 20 hatten wir so viel Kraft und Energie, so viele Träume."

Dank "Hinfälligkeitsgesetz" in die Zukunft schauen
Aus der Chormitte springt eine junge Frau, modisch gekleidet mit Turnschuhen, knappem Höschen und Jeansjäckchen: Die 22-jährige Schauspielerin Victoria Pereira ist als heftig aufbegehrende Antigone ein expressiver Kraftquell, die ihrer brav-milden, aus dem Zuschauerraum auf die Bühne kletternden Schwester Ismene (Sofia Espinosa) mit Härte begegnet. Kreon wird von gleich drei Schauspielern verschiedener Generationen gespielt: Männer im Businessanzug, die mit Texten und Eigenschaften des derzeitigen Präsidenten und ehemaliger Genossen der Frauen des Chors ausgestattet sind.

Entsprechend dem noch immer geltenden sogenannten Hinfälligkeitsgesetz, das keine gerichtliche Verfolgung der einstigen Täter mehr erlaubt, tönen diese Kreons, jetzt dürfe nur noch in die Zukunft geschaut werden. Die drei sind uruguayische Machos, die Ismene, während sie den anklagenden Text des nicht vorhandenen Teiresias spricht, handgreiflich sexistisch angehen und ein Trauma auslösen. Und wenn sie Haimon von der Richtigkeit ihres Handelns und des Todesurteils gegen Antigone zu überzeugen suchen, fahren sie einen Grill mit viel Fleisch auf, um ihn in einer komödiantischen Szene mit Männergetue, Schnaps und Fleischfresserei als Kumpan zu gewinnen – vergebens. Oder sie klettern ins Publikum und suchen dieses zu überreden.

Mehr als Theater
Doch die Bühne in diesem Stück gehört den Betroffenen, dem Chor der Frauen, dem starken Antigone-Körper. Zwar werden die Frauen inszeniert, doch bleiben sie dabei auch bei sich. Was wir sehen, ist – schwer zu beschreiben – mehr als Theater. Die Frauen teilen sich mit und strahlen dabei, bei aller gelegentlichen individuellen Ungelenkheit, eine beeindruckende Kraft und berührende Wärme aus. Zwei der Frauen, die bekannte und politisch aktive Irma Leites und Ana Demarco, erzählten mir, dass es keiner von ihnen leicht gefallen sei, auf die Bühne zu gehen: "Diese Themen sind natürlich unheimlich bewegend. In dem Maße, in dem man anfängt zu erzählen, erweckt man ein inneres Monster, und wir umarmen uns und geben uns Halt und unterstützen uns gegenseitig."

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Dreifacher Kreon in Antigona Oriental © Gustavo Castagnello

Auch das merkt man dieser Inszenierung an, mit der sich Regisseur Volker Lösch nicht einfach mit seiner Regiemethode in den internationalen Festival- oder Austauschbetrieb begeben hat. Das Projekt entstand auf uruguayische Initiative mit dem Goethe-Institut und wurde in über zwei Jahren sorgfältig entwickelt. Alle Beteiligten sind Uruguayer – bis eben auf Volker Lösch, der in seiner Jugend sechs Jahre in Montevideo lebte, bis seine Familie kurz vor der Militärdiktatur ausreiste. Er lässt diesen Abend nie spektakelhaft werden, selbst dann nicht, wenn "Señor Presidente" von der Bühne herab direkt fordernd angesprochen wird – natürlich wendet sich der Abend gegen das Hinfälligkeitsgesetz.

Poetisch, nicht agitatorisch
Nach Antigones Tod liest der Chor die Namen bekannter Folterer von langen Papierbahnen ab, Menschen, die unbehelligt als erfolgreiche Geschäftsleute herumlaufen. Dann werden Fotos von Opfern ins Publikum geworfen. Zum Schluss erklären die Darstellerinnen der Ismene und Antigone gemeinsam mit einer jungen Frau (als Tochter eines der Opfer des Militärs selbst Opfer), dass sich ihre Generation zu wenig für die Zeit der Militärdiktatur interessiere, was sich ändern müsse. Zuvor aber singen alle, auch die Toten, in roter Abendkleidung eine Murga, ein Spottlied auf die Linken und ihr Verhältnis zur Macht.

Das Ganze: keine agitatorisch plakative, sondern eine politisch poetische Theaterarbeit. Deren Kraft auch daraus kommt, dass es der Dramaturgin Marianella Morena gemeinsam mit Volker Lösch gelungen ist, der Verknüpfung der Antigone-Geschichte von Sophokles mit den Texten und der Geschichte der Frauen eine schlagende Eindrücklichkeit zu geben. Es ist ein phantasievoller Theaterabend, dem das Publikum gebannt folgte und stehend lange und kräftig applaudierte – ungewöhnlich für das Theaterpublikum in Montevideo. Und ja, es war auch emotionalisierend: Nicht wenige Zuschauer um mich herum wischten sich Tränen aus den Augen.

 

Antigona Oriental
A partir de Sófocles y testimonios de ex presas politicas, hijas y exiladas
(Nach Sophokles und Augenzeugenberichten ehemaliger politischer Gefangener, deren Töchter und Exilanten)
Regie: Volker Lösch, Bühnenbild und Kostüme: Paula Villalba, Dramaturgie: Marianella Morena, Lichtdesign: Martin Blanchet, Musik: Rafael Antognazza.
Mit: Sofia Espinosa, José Petro Irisity, Sergio Mautone, Victoria Pereira, Bruno Pereyra, Fernando Vannet (Schauspieler) und Anahit Aharonian, América Garcia, Ana Demarco, Ana Maria Bereau, Cecilia Gil Blanchen, Carmen Maruri, Carmen Vernier, Graziela San Martin, Gloria Telechea, Irma Leites, Laura Garcia-Arroyo, Lilian Hernández, Ethel Matilde Coirolo, Mirta Rebagliatte, Myriam Deus, Nelly Acosta, Nibia López, Tatiana Taroco, Vieleta Mallet (Chor).

www.teatrosolis.org.uy

 

Offenlegung: Die Reise von Hartmut Krug zur Premiere in Montevideo wurde vom Goethe-Institut unterstützt.

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