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Gib mir mehr Theater!

von Michael Stadler

München, 3. März 2012. Wer dem Theaterzuschauer die Lust am Schauen madig machen will, der benutze halbdurchsichtige Spiegel, die den Blick auf die Bühne je nach Beleuchtung ermöglichen oder verweigern und auf den Betrachter zurückwerfen können. Im Marstall, dem Resi-Nebenschauplatz fürs Experimentelle, wo sich zuletzt die freie Truppe von Showcase Beat le Mot austobte, hat Annette Murschetz einen Guckkasten moderner Neon-Peep-Show-Art errichtet. Alle vier Seiten sind von Spiegelglas begrenzt, davor sitzt das Publikum. Das erinnert an die Verhörkammern des FBI. Oder die Vorzimmer zu jenen Räumen, wo Hinrichtungen stattfinden. Und irgendwie hat dieser Seh-Raum auch etwas von einem merkwürdig quadratischen Laufsteg, auf dem bald verkorkste Lebensmodelle vorgeführt werden. Mit Blackouts zerstückelt Kusej den Handlungsfluss im Inneren des Guckkastens in zahlreiche Einzelszenen. Immer wieder geht innen das Neonlicht aus und im Zuschauerraum an, man sieht sich selbst und die anderen auf ihren Bänken sitzen, indes drinnen die Protagonisten sich für die nächste Szene neu positionieren.

Rainer Werner Fassbinder erzählte von der Mode, dem Blick und der Hinrichtung eines Gefühls namens Liebe noch in knallbunten Farben. Er selbst verfilmte 1972 sein Stück "Die bitteren Tränen der Petra von Kant", und wenn man sich das Melodram von einst anschaut, dann scheint Fassbinders Hauptregie-Anweisung "Gib mir mehr Theater!" gewesen zu sein. Margit Carstensen, für die Fassbinder das Stück schrieb, führt sich als Mode schöpfende Titelheldin gekonnt theatralisch zwischen Schaufenster-Puppen auf. Und was in wohl dosierter Aufregung kaputt geht, sind ein paar Illusionen und ein Kaffee-Service, auf das Petra von Kant wütend trampelt. Immerhin merkt sie auch spät, dass ihre Star-Entdeckung Karin Thimm, ihre vermeintliche Liebe, sie saumäßig ausgenutzt hat.

Tiefschwarzes Blut
Den Film hat Martin Kušej laut eigenen Aussagen gar nicht gesehen. Stattdessen schneidet er viel lieber als virtuoser Gott des Gemetzels das Stück auf, um das darin pulsierende tiefschwarze Blut herausquellen zu lassen. So düster also beginnt das Festival zu Ehren von Fassbinder, der am 10. Juni 1982 in München starb. Vier internationale Gastspiele werden bei "Postparadise Fassbinder Now" bis zum 31. März noch zu sehen sein. Doch zuerst schlägt im Marstall die Stunde für ein tüchtiges Stück Sado-Maso-Theater.

diebitterentraenen hansjoergmichel 560 uBibiana Beglau als Petra von Kant. © Hans Jörg MichelEin Modell mit Ball-Knebel im Mund führt viel Haut und etwas Leder dem prüfenden Blick der Petra von Kant vor. Nicht viel später lässt die Designerin sich von ihrer devoten Assistentin Marlene mit dem Scherchen die Fingernägel trimmen und verschmerzt einen Schnitt ins Fleisch recht locker. Und auch auf dem Rücken wird es blutig, immerhin wälzt man sich in den Scherben von Flaschen, die zu Beginn noch peinlich genau aufgereiht den ganzen Boden bedeckten. Natürlich sind die Scherben fake und die Flaschen dickglasig zum Schutz der sechs Schauspielerinnen. Aber die leeren oder nur minimal gefüllten Behälter funktionieren ebenso als Metapher: für eine Modewelt ohne viel Inhalt, für eine Geschäftsfrau, deren Härte die famose Bibiana Beglau glasklar etabliert, damit sie von einer unverhofften Liebe fragiler gemacht und zerbrochen werden kann.

Mit allen schmutzigen Wassern gewaschen
Mit den Männern ist sie von Beginn an fertig. Den Ekel gegenüber ihrem Ex, der ihren Erfolg nicht ertragen konnte, keift von Kant zum Staunen ihrer Freundin Sidonie (Michaela Steiger) heraus. Das wirtschaftliche Denken versaut die Gefühle, der Mensch ist dem Menschen ein Raubtier. In der Hocke wie bei der Beutejagd betrachtet von Kant das potentielle neue It-Girl Karin Thimm. Andrea Wenzl spielt diese so blond, so burschikos und rau im Sprachduktus, dass sie als unheimliche Wiedergängerin Birgit Minichmayrs erscheint. Zwischen den Flaschen fallen die Modeschöpferin und ihr frisches Modell übereinander her, und bald hört man den Besitzanspruch heraus, wenn von Kant "Ich liebe dich" sagt. Später wird ihre Tochter (Elisa Plüss) wiederum ähnlich fordernd "Mami" wispern.

Was in Fassbinders Film gemächlich piekst, wird bei Kušej zum furios brennenden Schmerz-Inferno: Beziehungen werden nur als Machtverhältnisse gedacht, so was wie Unschuld ist längst dahin. Während Petra von Kant meint, dass Karin noch das "Schöne, Hässliche, Gute" der Welt kennen lernen müsse, ist diese als traumatisierte Waise bereits mit allen schmutzigen Wassern gewaschen. Karin Thimm hat sich selbst als Ware schon begriffen – Andrea Wenzl macht das in ihrer hemmungsfreien Körperlichkeit hervorragend sichtbar. Ohne Umschweife fordert Thimm das Geld für den Flug, der sie zu ihrem Ehemann bringen wird. Von Kant ist überrascht, zahlt, spuckt der Gefühlsbetrügerin derbe ins Gesicht. Und hat endgültig verloren.

In den wuchtigen Horror getrieben
Kušej gewinnt allein schon deshalb, weil er mit seinen Darstellerinnen den riskanten Moment sucht. Etwa, wenn Bibiana Beglau in High Heels diagonal durch die Flaschenreihen zum Objekt ihrer Begierde rennt. Oder wenn sie wütend Flaschen in eine Ecke schmeißt und dabei ein Loch in die panoptische Bühnenanlage reißt. Da sind schon weiße Matratzen vom Bühnenhimmel gefallen und liegen kreuz und quer trostlos herum wie die Baumstämme in Kušejs "Weibsteufel"-Inszenierung.

Nichts kann von Kant einen Halt geben, schon gar nicht die Familie, die zu ihrem Geburtstag auftaucht. Dass sie ihre konsternierte Mutter (Elisabeth Schwarz) wüst beschimpft, überrascht nur nicht mehr ihre ständig anwesende Assistentin Marlene, die das ganze Stück hindurch stumm im Gefängnis devoter Dienstfertigkeit verharrt. In den umschatteten Augen von Sophie von Kessel findet man die ganzen zwei Stunden lang den verzweifelt stillen Kommentar zum lauten Geschehen, und sie hält diese sprachlose Figur unerhört konzentriert durch bis zur bitteren Kušej-Pointe.

Effekthascherei kann man dieser Inszenierung leicht vorwerfen. Aber man muss einfach bewundern, wie Martin Kušej Fassbinders Stück in den wuchtigen Horror treibt. So irrsinnig verstörend, dass man schon einen Tick erleichtert ist, als beim Schlussapplaus, den die sechs Darstellerinnen wohl nur dumpf durch das Spiegelglas hören, sich ein warmes Lächeln ins Gesicht von Bibiana Beglau stiehlt.

Die bitteren Tränen der Petra von Kant
von Rainer Werner Fassbinder

Regie: Martin Kušej, Bühnenbild: Annette Murschetz, Kostüme: Heidi Hackl, Dramaturgie: Andresa Karlaganis, Licht: Tobias Löffler.

Mit: Bibiana Beglau, Elisabeth Schwarz, Elisa Plüss, Michaela Steiger, Andrea Wenzl, Sophie von Kessel.

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

Nachdem das Residenztheater unter Kušej laut Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (5.3.2012) zuerst "nicht so richtig in die Gänge" gekommen sei, sei er nun "endlich da, der Erfolg, der vielleicht den Durchbruch bedeutet – oder zumindest den Anfangskrampf löst." Mit "Petra Kant" gelinge dem Intendanten "eine Art Schauprozess über den Kapitalismus unserer modernen Gefühlswelt, hart, eindringlich, frostig kalt" und "ein sehr intimer Theaterabend": Er entblöße "die Figuren, denunziert sie aber nicht, er gaukelt uns hautnahe Teilnahme vor, bleibt aber hinter der Scheibe." Wie "kalt und glühend" schließlich Bibiana Beglau sein könne, "wie hochfahrend und am Boden zerstört, wie sie das alles aus ihrem schmalen, knochigen Körper zu holen und diesen selbst ins Spiel zu bringen, ja schier aufs Spiel zu setzen versteht – das ist ganz große Klasse."

Der "Zeichenfetischist Kušej" lasse "Fassbinders Figuren keine Chance, aus ihrem großen Zeichen [dem Glashaus-Bühnenbild] in eine Wirklichkeit zu entkommen, die mehr wäre als ihr Text", schreibt Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen (5.3.2012). Die Zeichen blieben "halt eben: die Zeichen. Aber dann: die Frauen! In Kušejs Glashaus wird mit neueren Frauen nach Fassbinders alten Sentimentsspeckseiten geworfen." Wenn etwa Bibiana Beglau "Ich liebe!" jammere, dann sei "sie Medea, Penthesilea und 'Lieschen Müller'-Ophelia in einer schön verrückten Person." Das Glashaus werde "belanglos vor dem Lebens- und Liebesscherbentanz dieser Knaller-Frau." Nach Würdigung weiterer Damen des Ensembles kommt Stadelmaier zu dem Fazit: "Da Kušej jedoch allen Mehrwert an die Flaschen und ans Glashaus delegiert, bleibt den Frauen nur die reine Oberfläche."

Bibiana Beglau vollziehe "an ihrer Figur einen unbarmherzigen Exorzismus", meint Michael Schleicher im Münchner Merkur (5.3.2012). Sie habe "tief und gnadenlos im Innersten dieser Machtfrau gewühlt, um nach zwei Stunden dann Petra von Kants Seele vor unseren Augen freilegen zu können." Gebannt folge man ihr, "wie sie Petra von Kant auslotet, deren dunkelste Seiten durchmisst." Und "welch großartige Kolleginnen" habe ihr Kušej an die Seite gestellt: Die Szenen zwischen Andrea Wenzl und Beglau etwa seien "fast bis zur Unerträglichkeit aufgeladen mit einem explosiven Gefühlsmix aus Liebe und Lust, Begierde und Berechnung, Hass und Hilflosigkeit, Verzweiflung und Verlangen." Kušej interpretiere "den Text brutaler und gnadenloser als Fassbinder", setze auf "Reduktion und Strenge" und lasse "mit der Unbarmherzigkeit eines Wissenschaftlers (...) die Szenen kalt ausleuchten".

Der Raum von Annette Murschetz überwältige spontan und lasse zugleich frösteln, schreibt Mathias Hejny in der Münchner Abendzeitung (5.3.2012). Und "immer dann, wenn man glaubt, jetzt trägt Regisseur und Resi-Chef Martin Kušej doch zu dick auf (...), kommt Bibiana Beglau als Petra von Kant daher. Und alles wird aufregend anders. Kurze Monologe genügen, um ihre Enttäuschung von der Welt, ihren dennoch rücksichtslosen Furor, ihre selbstzerstörerischen Selbstironie, ihre unverhohlene Lust an Macht über Menschen und Restbestände ihrer Zärtlichkeit aus ihrer kantigen Physis explodieren zu lassen. Sensationell!"

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