altIch bin das Opfer!

von Hartmut Krug

Dresden, 17. März 2012. Er ist weiß, reich und berühmt, doch es sieht nicht gut aus für Charles Strickland, denn er wird der Vergewaltigung bezichtigt. Es war in einem Hotelzimmer, wo er einer jungen Schwarzen das Paillettenkleid mit den Worten "Jetzt fick ich dich, du kleine Negernutte" vom Leib gerissen haben soll. So jedenfalls wollen es die Zimmernachbarn gehört haben, ein weißes, langjähriges Ehepaar, – der Mann ist Pastor. Die Rechtsanwaltskanzlei, in die Strickland mit der fordernden Behauptung "Ich bin das Opfer, ich bin unschuldig!" kommt, wird vom Weißen Jack Lawson und vom Schwarzen Henry Brown betrieben, und die junge schwarze Mitarbeiterin Susan hat eine Abschlussarbeit über "Das strukturale Fortleben des Rassismus' bei angeblich vorurteilslosen Transaktionen" geschrieben. Die Wahl dieses Anwaltsbüros durch den reichen Weißen ist kein Zufall, hofft er doch mit einem schwarzen Rechtsanwalt auf Vorteile bei den Geschworenen.

race3 280q matthias horn u© Matthias Horn David Mamets Stück "Race" wurde im Dezember 2009 am Broadway uraufgeführt. Es wirkt, bis in Details der beschriebenen Ermittlungen, der Aussagen und der beteiligten Figuren, wie ein Kommentar zum späteren Fall von Strauss-Kahn. Angeblich ist es eine falsche Anschuldigung, und die entscheidende Zeugin ist "eine Migrantin, eine Illegale, eine Putzfrau."

Selbstverständlicher Alltagsrassismus

Doch auch wenn Klischees von der stärker promisken schwarzen Frau im Spiel sind, betont einer der Rechtsanwälte, "hier geht es nicht um Sex, hier geht es um Rasse", selbst wenn beides nicht zu trennen sei. Im Programmheft werden zahlreiche Kategorien und Definitionen von Rasse aufgezählt, die der U.S. Census für die Anti-Diskriminierungsgesetze vorsieht, doch die Protagonisten in Mamets Stück sprechen ganz selbstverständlich nur von Weißen und Schwarzen.

Beide sind sich ihrer Rollen und Funktionen sowie ihrer individuellen wie der gesellschaftlichen Meinung zu Diskriminierung, positiver Diskriminierung und unterschwelligen Vor- und Urteilen recht sicher. Jeder Schwarze hasse die Weißen, und vor fünfzig Jahren sei in so einem Fall der Weiße ebenso selbstverständlich frei- wie heute schuldig gesprochen worden. Die schwarze Gehilfin, mit der dieser ältere Weiße sofort zu flirten beginnt, steht zu ihrem Vorurteil, dass er schuldig sei: Nicht nur, weil er ihr unsympathisch sei und sich schuldig verhalte, sondern "weil er weiß ist und ein Mann."

Es geht um selbstverständlichen Alltagsrassismus und den schlimmen Zustand des Gerichtswesens in Amerika. David Mamet hat ein rasantes Redestück darüber geschrieben, in dem siegt, wer am besten reden kann. Den Rechtsanwälten, man mag sie zynisch oder realistisch nennen, geht es nicht um Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern darum, wer gewinnt. Auch in diesem Fall zählen nicht die Fakten, sondern Fiktionen. Gewonnen wird durch Schnelligkeit und Brutalität, man kämpft ohne Bandagen und wühlt selbstverständlich auch im Dreck.

Zynische Aggressivität

All diese wahren Klischees sind uns nur allzu gut bekannt, aus Hollywoodfilmen und TV-Gerichtsshows. Als solche hat sie auch Burkhard C. Kosminski inszeniert, obwohl das Geschehen nur im Anwaltsbüro spielt. Die Schauspieler kommen aus der ersten Zuschauerreihe auf die Bühne und stehen oder sitzen hier vor einer Art abstrakter und zugleich symbolischer Häuserfront frontal vor dem Publikum. Sie wenden sich mit Überredungsversuchen direkt hinein ins Publikum und sind dabei mit kräftig forciertem pointensüchtigem und pointensicherem Spiel stets auf Wirkung bedacht. Hier geht es nicht so sehr um Information oder um subtile, rationale Erklärungen und nicht darum, in einen tieferen Diskurs zu kommen, sondern darum, die beste Show abzuliefern. "Das hier ist nicht die Realität, - das ist eine Inszenierung".

race4 560 matthias horn uDer Delinquent und seine Rechtsvertreter.  © Matthias Horn

Natürlich schrieb Mamet ein kritisch gemeintes Stück, er liefert eine böse Medienanalyse auf der Ebene der vorhandenen Medienrealität, aber er erhebt sich nicht über sie. Zugleich aber bedient er das Genre virtuos: es geht um Show. Und da Regisseur Kosminski ihm dabei folgt, entwickelt sich ein rasanter, kaum anderthalbstündiger, heftig beklatschter Ping-Pong-Redeabend. Natürlich gibt diese Inszenierung kein neues Material für die derzeitige "Blackfacing-Debatte", – alle Figuren sind "richtig" besetzt.

Das aufreizendste Thema unserer Geschichte

Die Rechtsanwälte puschen sich immer wieder mit heftigem Wow-Geschrei und Tanzhektik in zynische Aggressivität. Fabian Gerhardt ist als weißer Anwalt ein schmierig grinsendes Klischee mit präziser, heftiger und zugleich konzentrierter Körpersprache, während Falilou Seck als schwarzer Anwalt mit darstellerisch souveräner Gelassenheit einen zynischen Pragmatiker spielt, der mit dem System seinen Schnitt macht.

Gegen beide muss Tom Quaas als der weiße Vergewaltiger, schon durch die Stückkonstruktion, im doppelten Sinne blass bleiben. Und Larissa Aimée Breidbach gibt der schwarzen Anwaltsgehilfin die Ausstrahlung einer Intellektuellen, Typ kühle, höhere Tochter, schön und distanziert. Selbst als sie die Verteidigungsstrategie der beiden Rechtsanwälte scheitern lässt und die Vergewaltigung beweist, weil sie sich durch den umfänglichen Backgroundcheck ihres Lebenslaufs durch den weißen Arbeitgeber zu Recht mit rassistischen Vorurteilen konfrontiert sieht, selbst dann bewahrt sie äußerlich Gelassenheit. Mamet lässt schon zu Beginn einen der Rechtsanwälte die Sätze sagen, die man als Motto dieses amerikanischen Stücks sehen könnte. "Rasse ist das aufreizendste Thema in unserer Geschichte. Und sobald es erstmal zur Sprache gekommen ist lässt sich die Büchse der Pandora nicht mehr schließen."

 

Race (DSEA)
von David Mamet
Übersetzung Bernd Samland
Regie: Burkhard C. Kosminski, Bühne: Florian Etti, Kostüm: Ute Lindenberg, Musik: Hans Platzgumer, Licht: Björn Gerum, Dramaturgie: Ole Georg Graf.
Mit: Fabian Gerhardt, Tom Quaas, Falilou Seck, Larissa Aimée Breidbach.

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau

Man komme an diesem Abend "nicht sehr oft zum Luftholen", schreibt Johanna Lemke in der Sächsischen Zeitung (19.3.2012). "Die Dialoge rattern wie Popcorn in der Microwelle"; Mamets Text ist "gespickt von knallharten Zuspitzungen, Verbalakrobatik und Doppelbödigkeit". Und Regisseur Kosminski "packt die messerscharfen Worte und inszeniert sie rasant, pointenreich und mit beeindruckenden Schauspielern". Auch wenn die Problematik des US-Stücks "in Sachen Rassismus und Integration" nicht unmittelbar passe, sei es doch "in Dresden keinesfalls falsch platziert". Denn: "Es macht aufmerksam auf alltägliche Vorurteile und falsch gemeinte politische Korrektheit."

"Wort-Wettkämpfe um Beweise, Strategien, Eitelkeiten, ums Rechthaben in einem rasanten Sprechtempo" hat Bistra Klunker für die Dresdner Neuesten Nachrichten (19.3.2012) erlebt. So z.B. wenn Fabian Gerhard die "Gewinnprinzipien des wendigen Anwalts 'Schnelligkeit und Brutalität' zelebriert". "Manchmal fühlt man sich dabei auch nur zugetextet, doch meistens genießt man diese Auftritte (...)." Das sterile Bühnenbild sorge für Konzentration. "Die Darsteller interpretieren den Stoff so, wie es Rollenspiele und die thematisierte Inszenierung der Realität verlangen: als Show." Kosminski habe "Race" mithin "als visuelle Text-Show zügig und schnörkellos umgesetzt", wobei sich die Rezensentin weder von Stück noch Inszenierung sonderlich überrascht zeigt und den Abend eher als gutes Amüsement in einer aus "unzähligen Anwalts-Serien wohl bekannten Szenerie" abbucht.

Um Dominanz gehe es in David Mamets Stück "Race", schreibt Katrin Bettina Müller in der tageszeitung (20.3.2012). "Das ist eine wiederkehrende und wörtlich von allen drei Anwälten ausgesprochene Behauptung des Stücks, Dominanz zwischen den Geschlechtern, Dominanz zwischen den Hautfarben." Burkhard Kosminski habe das auf karger Bühne als "sportiven Wettbewerb im fixen Denken" inszeniert – mit guten Schauspielern: "In Dresden war 'Race' schon lange vor der Debatte über Blackfacing auf dem Theater geplant, und mit Larissa Aimée Breidbach und Falilou Seck wurden auch zwei deutsche Schauspieler gefunden, deren Hautfarbe der ihrer Rolle entspricht", so Katrin Bettina Müller. Dennoch sei es ihre Professionalität, die sie überzeugend mache, persönliche Authentizität spiele für diese Inszenierung keine Rolle. "Es fühlt sich merkwürdig hölzern an, dies eigens betonen zu wollen - aber manchmal ist auch das notwendig."

Die Qualität von Mamets Wellmade Play liege im Spiel mit verdichteten Stereotypen, die zu genau beobachtet sind, als dass man sie einfach als Belegstücke eines so gut gemeinten wie weltfremden Antidiskriminierungsgesetzes abhaken könnte, schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (20.3.2012). In Dresden habe Burkhard C. Kominski das so unprätentiös, flach und auf möglichst simple Wirkung kalkulierend inszeniert, wie es der effektsicheren, zum schnellen Verzehr geeigneten Textvorlage angemessen ist. Die Schauspieler stellten ihre Figuren klischeenah aus, ohne größeres Interesse an ihrem Innenleben zu wecken: "Lauter Thesenritter, die wie Schachfiguren auf dem schwer verminten Diskursfeld hin und her geschoben werden."

Das "aus einer zutiefst konservativen Sorge um Amerika heraus entstandene" Stück sei unter der Regie von Burkhard C. Kosminski ethnisch korrekt besetzt, referiert Matthias Heine in der Welt (24.3.2012). "Beide Darsteller der Schwarzen sind Afrodeutsche. Die Gesinnungspolizei, die neuerdings über so etwas wacht, kann sich also nicht beschweren." Die Ästhetik-Polizei frage allerdings, "ob Mamet ein Alibi hat". Dafür, dass seine Figuren vor allem Thesenträger ohne Hintergrund und Tragik seien. Und dafür, dass die Handys hier noch häufiger klingelten als in einem Kinosaal voller Problemjugendlicher, die einen Totschlagfilm anschauen. Handwerklich sei, "wie bei einem Amerikaner erwartbar", zwar alles sauber, "und Gags fehlen auch nicht". Aber es sei doch, "als hätte Rolf Hochhuth eine Hollywood-Schreibschule besucht". Kosminski lasse seine Darsteller diesen Haufen Papier durch Tanz- und Musikeinlagen auflockern. Das reiche immerhin für "100 unterhaltsame Minuten".

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