altEin Beispiel ökonomistischer Propaganda

von Matthias Burchardt

11. April 2012. Schon seit geraumer Zeit untersuchen Theoretiker die Ökonomisierung aller Lebensbereiche, nicht zuletzt Nobert Blüm, der in seinem Buch über "Gerechtigkeit" sogar von "ökonomischem Totalitarismus" spricht. Dass der Ökonomisierungsdruck nicht etwa eine Reaktion auf "die Globalisierung" oder die notorisch leeren Kassen der öffentlichen Haushalte – bei gleichzeitigem Anwachsen der Zahl privater Millionäre – ist, sondern die Folge einer wohldosierten Bewirtschaftung der öffentlichen Meinung, lässt sich exemplarisch an der Debatte um die Streitschrift "Kulturinfarkt" nachvollziehen.

Die Thesen, die in dieser Streitschrift entfaltet werden, sind in den Feuilletons der Zeitungen und in den Kulturmagazinen der Rundfunksender heftig diskutiert worden (hier ein Debatten-Überblick). Glücklicherweise gab es viele Gegenstimmen, die betonten, dass Kultur ein Gut und keine Ware ist, dass Kreativität nicht am Marktwert zu bemessen und dass Kunstgenuss kein Akt des Konsums, sondern der Bildung ist. Doch so erfreulich differenziert und engagiert der Widerspruch gegen die schneidigen Thesen der Autoren auch ausfällt, so bedenklich ist es doch auf der anderen Seite, wie viel mediale Aufmerksamkeit man der Streitschrift überhaupt widmet. Wer etwas kritisiert, unterstellt seinem Gegenstand doch zumindest, dass er es wert sei, kritisiert zu werden. Im Grunde widerfährt dem Machwerk zum "Kulturinfarkt", das unverhohlen die Fundamente des traditionellen europäischen Kulturverständnisses angreift, durch eine Widerlegung schon zu viel der Ehre. Ich möchte deshalb vorschlagen, den ganzen Diskurs als Beispiel ökonomistischer Propaganda zu lesen, als eine bewusste Inszenierung nach bewährtem Muster, das schon beim Umbau der Hochschullandschaft und des Gesundheitssystems zum Einsatz kam.

Vielleicht ist es nur ein Zufall, dass der Münchener Knaus-Verlag, in dem das provokative Buch erschienen ist, zur Random-House Gruppe der Bertelsmann-AG gehört. Womöglich sind es – trotz der 25 Prozent Sperrminorität der Gütersloher am Spiegel via Gruner & Jahr – tatsächlich unabhängige redaktionelle Entscheidungen, die pünktlich zum Montag die neuesten Reformfanfaren der Bertelsmann Stiftung ("Lernatlas", "Chancenspiegel" usw.) im Blätterwald erklingen lassen. Was aber bedeutet es, dass der Unternehmensberater und leitende Autor des "Kulturinfarkts" Prof. Dr. Dieter Haselbach im Auftrag der Bertelsmann Stiftung mit der Entwicklung eines Qualitätsmanagement-Systems Kultur beauftragt ist? Meiner Meinung nach gibt die ganze Debatte ein gutes Beispiel für die Bertelsmann-Reform-Strategie ab, wie sie in der programmatischen Schrift "Die Kunst des Reformierens" ausbuchstabiert wurde.

Weiterlesen auf der Homepage der Gesellschaft Bildung und Wissen, wo Matthias Burchardts Artikel in voller Länge veröffentlicht ist und von wo sich auch das erwähnte Strategiepapier der Bertelsmann Stiftung zur "Kunst des Reformierens" downloaden lässt.

 

Dr. Matthias Burchardt arbeitet am Institut für Bildungsphilosophie, Anthropologie und Pädagogik der Lebensspanne der Universität Köln und ist stellvertretender Geschäftsführer der Gesellschaft Bildung und Wissen (GBW).

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