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Warten auf die Stilllegung

von Alexandra von Arx

Basel, 17. November 2007. Jeder erhält beim Betreten des Zuschauerraums eine Wartenummer in die Hand gedrückt. Man nimmt Platz und wartet. Über Lautsprecher ist die Stimme einer älteren Frau zu hören. Sie liest Briefe an die Wunschkonzertredaktion vor und stimmt gleich selber die Lieder an. "Der Mond ist aufgegangen ... und aus den Wiesen steiget/ der weiße Nebel wunderbar". Nebel breitet sich daraufhin im Zuschauerraum aus wie steigende Unruhe beim Warten. Sonst passiert nichts.

Dann blinkt ein grünes Licht auf. Eine Faxmaschine spuckt spärlich beschriebene Blätter aus. Schließlich betreten sechs Darsteller die Bühne und lassen sich auf den aufgereihten Stühlen nieder. Eine Wartezimmersituation: Einer döst vor sich hin, eine Anderer beäugt seine Mitmenschen und ein Dritter liest eine Zeitschrift mit der vielsagenden Schlagzeile: Gefahren von Innen.

Regungen im Wartesaal
Die Thematik des Abends ist damit umrissen: Der Zuschauer ist ein Wartender. Auf einmal erhebt eine Frau im Publikum die Stimme und bemerkt: "Du hast kaum gelebt, und doch ist alles schon gesagt. Warum solltest du weitermachen?" Nach einem Monolog über die Tristesse des Lebens verlässt die Schauspielerin fluchtartig den Raum. Es folgt kurz darauf die Geschichte von einem der Wartenden, der eine Ponybahn auf einem Rummelplatz erbaut hat. Liebevoll nennt er diese Vergnügungsstätte einen "Kulturpark".

Trotzdem ist er Konkurs gegangen, und letzte Woche wurde der Strom abgestellt. Aber der Mann will dort bleiben. Was soll er sonst. Wenn man aber die über Tonband eingespielten Äußerungen von Taxifahrern anhört, sollte er wohl besser diesen Wunsch aufgeben. Denn "was man sich wünscht, ist eigentlich nie passiert", bringt es darin einer auf den Punkt. Nach mehr als einer Stunde Formenvielfalt mit Filmeinspielungen (Robert Lehniger), Musik (Wolfgang Schlögl) und Schattenspiel leuchten auf der Bühne endlich die eingangs ausgehändigten Wartenummern auf.

Schlafen als Form der ruhigen Lebens
Die Bühnenwand gibt eine Öffnung frei, durch welche die Zuschauer in den verdeckten, hinteren Bereich gelangen können. Dort hat Ausstatter Alan Rappaport eine Installation zwischen Erstarrung und Rausch erschaffen. Auf gestapelten Matratzen liegen die Darsteller wie im Halbschlaf. Videoprojektionen von Kindern in Vergnügungsparks sind auf ihren Körpern zu sehen. Wer sich den Darstellern nähert, kann leise Worte vernehmen. Auf einem Klavier wird langsame Musik gespielt. Die Wunschkonzertstimme wünscht eine gute Nacht.

Während im Zuschauerraum ein Film gezeigt wird, worin die Darsteller den Moment kurz vor dem Einschlafen zu beschreiben versuchen, löst sich der Theaterabend langsam auf. Wie Nebel. Und ohne Schlussapplaus wird man in die kalte Nacht entlassen.

Wenig Erforschung der Körperzonen
Das Projekt "Zones of my exclusions" will den Fokus auf "verborgene oder verdrängte Körperzonen" setzen und "Stilllegungstechniken des Menschen erforschen". Ausgangspunkt von Christiane Pohles erster Arbeit am Theater Basel bildet ein interdisziplinärer Workshop an der Berliner Universität der Künste zu diesem Thema. Stilllegungen einer Eisenbahnlinie, eines Kulturparks, von Menschen oder Teilen ihrer Biografie – das alles wird angedeutet, bleibt aber insgesamt ohne klaren Zusammenhang. So wirkt der Abend über weite Strecken trotz einiger schöner Einfälle (wie die Filmbrause, die losgeht, sobald der Stöpsel aus der Wand gezogen wird) manchmal fragmentarisch und dünn.

Zones of my exclusions (UA)
Ein Projekt von Pohle/Lehniger/Ubenauf/Ehlers
Regie: Christiane Pohle, Bühne: Alain Rappaport, Video: Robert Lehniger, Musik: Wolfgang Schlögl, Dramaturgie: Miriam Ehlers/ Malte Ubenauf.
Mit: Heinz Augsburger, Carina Braunschmidt, Marie Bues, Walter Huber, Satoshi Ito, Steve Karier, Andreas Lechner, Chantal Le Moign, Nika Nilanowa-Pasztor, Ella Schib, Wolfgang Schlögl, Hilde Thalmann, Pia Waldenmann u.a.

www.theaterbasel.ch

 

Kritikenrundschau

Man sei auf alles gefasst gewesen, meint Alfred Schlienger in der Neuen Zürcher Zeitung (19.11.2007), da Christiane Pohle mit "Zones of my exclusions" "eine Besichtigung der stillgelegten, verbotenen Zonen und verborgenen Archive unserer Existenz" versprochen habe, und zwar "auf eigene Gefahr." Es werde einem aber "jegliche Aufregung oder Erkenntnis" erspart: "Meist geschieht gar nichts", und wie das geschieht, schildert Schlienger in sarkastischem Tonfall, der seinen Überdruss an der Aufführung deutlich transportiert. Schließlich gibt der Rezensent zu bedenken, dass Christiane Pohle mit ihrem Projekt "die Kleine Bühne einer Stilllegung einen wesentlichen Schritt näher" bringe.