altRed-Bellying contra Black-Facing

von Matthias Schmidt

Halle, 18. Mai 2012. Auf der Facebook-Seite des neuen theaters Halle ging es in den letzten Tagen heiß her. Teilweise wütend wurde diskutiert, ob sich bereits aus dem Untertitel der Inszenierung, "Venedigs Neger", ein Rassismusvorwurf ableiten lasse. Das Team um Regisseur Wolfgang Engel erlebte hier – und das schon Tage bevor jemand die Inszenierung gesehen hatte – was in diesen Tagen inflationär als shitstorm bezeichnet wird (ein Scheiß-Wort, ganz nebenbei gesagt). Intendant Matthias Brenner versuchte moderierend einzugreifen, so heftig ging es zur Sache, und Schauspieler Martin Reik, der den Othello spielt, verteidigte sich und die Freiheit der Kunst mit energischen Worten. Und nun, nach der Premiere? Kann man mit Shakespeare sagen: viel Lärm um Nichts.

othello1 280 gert kiermeyer uSchwarz und Weiß: Martin Reik und Bettina Schneider in "Othello" © Gert KiermeyerDieser "Othello" war kein Skandal. Natürlich nicht. Im Gegenteil. Die Übersetzung des Textes von Werner Buhss, daher kommt der Untertitel ja, gibt einen Weg frei, das Phänomen des Rassismus etwas tiefgründiger zu betrachten, als es jeder politisch korrekte Empörungsreflex kann. Genau darum geht es, um Ausgrenzung und Identität und die Frage, wann und warum jemand beispielsweise "Neger" sagt und es als Schimpfwort meint. Das trifft übrigens ebenso auf die sexistischen Beschimpfungen zu, denen Desdemona und Bianca ausgesetzt sind: Nutte, Hure, so werden sie geschmäht, und zwar immer aus Kalkül. Das ist sehr spannend, in welchem Kontext die Venezianer ihren an sich hochverehrten General Othello "Neger" nennen: zum ersten Mal, als er sich in die Tochter Brabantios verliebt und diese gleich noch heiratet. So geht es ja wohl nicht, sagen die ehrenwerten Venezianer.

"Neger" und "Hure"

Und wir? Erwischt! Man muss an die so genannten Ehrenmorde denken, an die Debatten über fremde Kulturen, die unsere Werte bedrohen, dabei haben sich hier nur zwei ineinander verliebt. Dann natürlich, nachdem Othello Desdemona erwürgt hat. Wie war das gleich noch mit dem Verhältnis von Migrationshintergrund und Kriminalität? Engels Inszenierung arbeitet das fein heraus, wie wir – was ich nicht wieder mißzuverstehen bitte – die Klischees im Fremden suchen und oft genug aus niederen Beweggründen regelrecht froh zu sein scheinen, sie gefunden zu haben. Der kriminelle Mohr ist dann eben der "Neger", und die als Ehebrecherin verleumdete Frau – eine Hure.

Jetzt aber mal von vorne, die Qualität dieses Abends ist glücklicherweise komplexer. Zumindest bis zur Pause ist es ein echter Shakespeare, voller Schwelgen in den dialektischen Bildergefechten seiner Sprache, voller kleiner Spiel-Späße. Der Doge ist eine Frau, ebenso Jago. Die Souffleuse wird angesprochen, Übersetzungskalauer sorgen für Lacher. Es ist ein Abend der Spielfreude, gesungen wird und getanzt: geistliche Lieder und Rock, und nach dem Sieg über die Türken endet die trunkene Siegesfeier in einer Art Pogo. Vier Melonen werden genüsslich zermatscht, die zahlreichen Türen der halbrunden Bühnenrückwand haben reichlich zu tun, und nichts davon ist zuviel. Was auf dem in den Saal des neuen theaters hineingebauten Podium stattfindet, ist eine gelungene Gratwanderung zwischen Volks- und Regietheater.

Bauchmensch Othello

Den 4. und 5. Akt erleben wir dann als eine Art Standtheater. Das Türenklappern hat ein Ende. Alle stehen bzw. sitzen in einem Halbkreis, in dessen Mitte die bösen Intrigen Jagos auf das bittere Ende hinführen. In dieser Mitte haben sie nun fast alle ihren großen Auftritt: Petra Ehlert als Jago, skrupellos und falsch – ein toller Klischee-Bösewicht. Bettina Schneider als Desdemona, blind vor Liebe bis zum Schluß und doch – was für ein Glück – nie ein blondes Dummchen. Nicoline Schubert als Jagos Frau Emilia, die mehr vom Leben weiß, als sie zeigen darf – und sich schließlich kraftvoll aus der Deckung wagt.

othello4 560 gert kiermeyer uBauchmensch Othello: Martin Reik. © Gert KiermeyerSchließlich Othello. Martin Reik gibt ihn tatsächlich als Bauchmensch, in jeder Hinsicht. Er ist eine ehrliche Haut, voller Tatendrang, aber ein wenig naiv. Verführbar durch einen wie Jago. Als er erkennt, dass er Jago auf den Leim gegangen ist, hat er natürlich Wut im Bauch, was bei Reik, mit Verlaub, eine ganze Menge Wut ist. Es ist ein herausragender Othello: mal brachial, mal cool, mal nachdenklich, nie intellektuell und immer echt.

Um es nicht zu vergessen – nein, Othello ist nicht ge-blackfaced, als er die Bühne betritt. Ganz am Ende macht er es dann doch, bevor er sich umbringt. Dann malt er sich noch schnell den Bauch blutrot an, was ein Schmunzeln durch die Reihen gehen lässt, denn dieses red-bellying darf gerne als kleine Spitze auf eine der Debatten des Theaterfrühjahrs verstanden werden.

"Othello" war Wolfgang Engels Premiere in Halle, und auffallend viele Schauspieler und Kollegen saßen im Publikum, angereist unter anderem aus Berlin, Chemnitz und Leipzig. In Halle tut sich was. Gut so.

 

Othello. Venedigs Neger
von William Shakespeare.
Deutsch von Werner Buhss
Regie: Wolfgang Engel, Bühne und Kostüme: Hendrik Scheel, Dramaturgie: Henriette Hörnigk, Musik: Sebastian Herzfeld
Mit: Hannelore Schubert, Hilmar Eichhorn, Jörg Simonides, Peer-Uwe Teska, Martin Reik, Fabian Oehl, Petra Ehlert, Jonas Schütte, Joachim Unger, Maximilian Wolff, Bettina Schneider, Nicoline Schubert, Laura Lippmann.

www.kulturinsel-halle.de

 

Kritikenrundschau

Grundsätzlich nobel und klar inszeniert findet Andreas Montag für die in Halle erscheinende Mitteldeutsche Zeitung (19.5.2012) diesen Shakespeare. Die auf den Titelzusatz bezogenen Rassismus-Vorwürfe im Vorfeld der Premiere bezeichnet er als "töricht". "Eigentlich sollte es ja jedem Schulkind einleuchten: Nicht der ist ein Rassist, der den alltäglichen Rassismus, die Jagd auf den schwarzen Mann, zum Thema macht. Und nicht der verachtet Menschen anderer Herkunft, der die Vorurteile, die ihnen in der Gesellschaft entgegengebracht werden, beim Namen nennt." Trotz der klaren Inszenierung Wolfgang Engels stimmt aus Sicht des Kritikers der Rhythmus des Abends nicht immer. Bisweilen scheint Sonntag, "als bliebe die Inszenierung hinter der deftigen Sprache der Übersetzung von Werner Buhss zurück. Die könnte auch eine straffere, radikalere Interpretation vertragen, es dürften ein paar Türen weniger klappern, einige Auf- und Abgänge wären verzichtbar gewesen." Erst nach der Pause komme die Inszenierung wirklich zu sich.

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