altVerkehrte Welt, richtige Welt!

von Andreas Klaeui

Zürich, 14. Juni 2012. Wenn die Nacht einbricht im Athener Wald, blühen auf der Neumarktbühne die Geisterblumen. Einen Wald riesenhafter aufblasbarer Plastikgewächse lässt Bühnenbildner Simeon Meier im dunkel verspiegelten Saal sprießen – es ist ganz nachtschattig und zauberhaft. In so einem Wald wird man sich leicht verirren und im Liebespartner täuschen oder in den Augentropfen.

Shakespeares Zaubernacht bringt ja alle durcheinander: Menschen, Elfen, athenische Liebespaare. Verwirrungen, Verwechslungen, Täuschungen. Puck verwirrt die Paare, die Elfenkönigin verliebt sich in einen Esel, niemand kann mehr zwischen Traum und Realität unterscheiden. Am Ende tagt es, und die Handwerker führen zur allgemeinen Hochzeit ihr Drama auf von Pyramus und Thisbe: auf der Bühne im Theater, die hier ein Trompe-l'oeil vom Quartier draußen vor der Tür ist, eine Straßenecke am Zürcher Neumarkt, Theaterinnen und Außen verkehren sich in einem tollen Bühnenbild.

sommernachtstraum1 560 philipp ottendoerfer ujpgNiederdorf oder Zauberwald? Die Handwerker: Jakob Leo Stark, Felix Kauf, Rolf Willi, Katarina Schröter, Jürg Bosshart   © Philipp Ottendörfer

Niederdorfer Sommernachtswelten

Das Zürcher Niederdorf, in dem das Neumarkttheater liegt, ist auf der Bühne auch durch die Handwerker vertreten, unter die sich echte quartieransäßige Handwerker mischen, der Graveur von der Froschaugasse, der Weinhändler, ein Grafiker. Einer hat seine Handorgel dabei, mit der er der Stimmung auf die Beine hilft; einer wird die feinen Unterschiede zwischen "Niederdorf", "Oberdorf" und ganz einfach "Dorf" erläutern. Und den Puck spielt Dora Koster, ebenfalls eine Institution im Niederdorf, um die siebzig, einst Sexarbeiterin, Dichterin, Unruhestifterin, eine Go-between-Figur zwischen den Zürcher Milieus, wie es Puck für Shakespeares Sommernachtswelten ist. Die Inszenierung – im Doppel verantwortet von Barbara Weber und Rafael Sanchez, den Kodirektoren am Neumarkt – ist also eine durch und durch zürcherische Angelegenheit, oder besser gesagt, nicht einmal eine Zürcher, sondern eine pure Niederdorf-Sache. Dies hat viel Charme, und es wird gleich zu Beginn des Abends in einem hübschen Video situiert: das Theater auf Künstlerrekrutierung in den Ateliers des Viertels.

Disparate Alltagswelten

Es hat aber auch seine Tücken: Wer Dora Koster als Niederdorf-Größe nicht kennt, wird auch mit ihrem Puck nicht viel anzufangen vermögen. Die Handwerkerszenen wiederum gehören zu den Höhepunkten des insgesamt kurzweiligen Abends (woran allerdings auch der ins Laien-Trüpplein eingeschleuste Schauspieler Jakob Leo Stark großen Anteil hat, er spielt einen hinreißenden Zettel).

sommernachtstraum2 560 philipp ottendoerfer.uDie Liebenden: Malte Sundermann, Tabea Bettin, Ernest Allan Hausmann    © Philipp OttendörferÜberhaupt läuft der Abend immer da am besten, wo auf einer eingezogenen Ebene noch mehr mitschwingt als Shakespeares Text. Wo das Making-of zelebriert wird, wo sich die Schauspielerfiguren aus disparaten Alltagswelten zur Shakespeareprobe einfinden, wo sie seine "animalische Erotik" gegen sein "Lebensgefühl" aufwiegen oder katastrophale frühere Aufführungen verhandeln (natürlich imaginärer Natur), wo sie assoziieren, kommentieren, abschweifen und sich auf Wieland und Schlegel ihre eigenen neuen Reime machen.

Er läuft da nicht so gut, wo der Text für sich steht, wo Handlung in der Sprache voranzutreiben wäre, wo die Konflikte sich schürzen. Sobald sie sich auflösen, gehts wieder rund – nach der Pause, wo alles schon dem Ende zurast, wo sich die Täuschungsnacht in musikalischem Wohlgefallen auflöst (Markus Kubesch) und endlich die Handwerker ihren grandiosen Schlussauftritt haben.

Mit Schwyzerörgeli-Begleitung.

 

Ein Sommernachtstraum
von William Shakespeare
Regie: Barbara Weber, Rafael Sanchez, Bühne: Simeon Meier, Kostüme: Sara Giancane, Video: Elvira Isenring, Musik: Markus Kubesch, Dramaturgie: Julia Reichert.
Mit: Chantal LeMoign, Alexander Seibt, Dora Koster, Tabea Bettin, Malte Sundermann, Franziska Wulf, Ernest Allan Hausmann, Katarina Schröter, Jakob Leo Stark, Jürg Bosshart, Rolf Willi, Felix Kauf / Thomas Bianca.

www.theaterneumarkt.ch

 Alles über Barbara Weber und Rafael Sanchez auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

"Kräftige Komik" und "süffige Selbstreflexion" hat Alexandra Kedves im Tages-Anzeiger (16.6.2012) beim "Sommernachtstraum" am Zürcher Neumarkt gesehen. Und eine "tolle Bühne voller Überraschungen". Einige Szenen seien auch "grosse Komödie". Aber "die Explosionen und Knaller, selbst die vielen brandheissen Küsse sprengen keinen Weg durch diesen knapp dreistündigen Theaterabend; da liegen noch etliche Brocken herum, und der Fortgang ist schleppend." "Entfremdungsstrategien wie Lysanders Englisch oder Pucks Französisch" schmeckten "nach Verzweiflungstat" und ließen "uns eher fremdeln". Alles gaukle uns schaukle im "Sommernachtstraum", nur habe sich im Neumarkt "die Schaukel festgeklemmt", sei "der Traum zu früh aus."

Von einer "heterogenen Produktion" spricht Katja Baigger in der Neuen Zürcher Zeitung (16.6.2012). Die Inszenierung wolle "weder bezaubern noch erzählerisch sein, sondern anarchisch-ungeordnet und ironisch." Es gebe hübsche Anspielungen und schöne Ideen, allerdings auch Sequenzen, die "ins allzu Belanglose und Klamaukhafte" abdrifteten. "In die Tiefe hingegen" gehe "der wunderbare Puck", den die der Dichterin und Malerin Dora Koster spielt: "Ihr schrulliger Eigensinn und ihre Verspieltheit verleihen dem Zwischenwesen eine besondere Magie."

"Too much!" schreibt Torben Bergflödt im Konstanzer Südkurier (16.6.2012) Die Doppelregie der Neumarkt-Direktoren Barbara Weber und Rafael Sanchez sei überkandidelt, offeriere "dem Affen in uns den Kunstzucker suppenlöffelweise. Hallöchen, Shakespeare!"
Die Vielschichtigkeit der dichterischen Vorlage möge, so der Kritiker, zwar einladen "zu metatheatralen Aufpflästerungen und Ersatzhandlungen. Und manchmal kommt solches in Zürich ja auch passabel über die Bühne. Aber eben: nur manchmal."

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