Preiswürdig trotz Total-Vernebelung

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 21. August 2012. Ein bisserl pikiert war sie ob der fast einhelligen Ablehnung, die ihren beiden Produktionen Éternelle Idole und This is how you will disappear im Young Directors Project der Salzburger Festspiele seitens der Rezensenten entgegen geschlagen ist. Aber nun hat Gisèle Vienne Oberwasser, weil ihr die Jury den Preis zugesprochen hat.

Also hat sie es uns Schreibenden ordentlich reingesagt anlässlich der Verleihung des Montblanc Max Reinhardt Pen (inklusive 10.000 Euro Preisgeld): Dass unsereinem ein Stück nicht so gut gefalle, schön und gut, aber "ich verlange ein bisschen mehr Respekt". Und uns Journalisten will sie ins Stammbuch geschrieben wissen: "Je intelligenter ihr über ein Stück schreibt, umso intelligenter wird das Volk." Eingedenk der uns mithin bestätigten volksbildnerischen Aufgabe werden wir uns bei der Nase nehmen, versprochen.

eternelle2 280 marc coudrais uEin Bild aus Gisèle Viennes nebliger Gewinner-Inszenierung "Éternelle Idole" © Marc Coudrais

Was der Schauspielchef der Festspiele Sven-Eric Bechtolf zuvor sagte, klang eher nach entschuldigender Erklärung dafür, was heuer im Young Directors Project geboten wurde. In der Theaterarbeit sei "der Misserfolg die Regel", und gerade eine Initiative wie das YDP solle "nicht ergebnisorientiert" ablaufen, sondern "Augenblicksaufnahmen junger Künstler" bieten. Bechtolf wörtlich: "Wir wünschen uns ein Publikum, das neugierig ist und nicht sofort richtet." Die Gäste der ersten Aufführung von "This is how you will disappear" am Samstag haben nicht sofort gerichtet, daran sei schon erinnert. Sie haben sich gut eine halbe Minute Bedenkzeit gegeben, bis sich die erste Hand zaghaft zu Beifall rührte…

Wie dem auch sei, die Auswahl im YDP heuer war denkbar mickrig. Die Südafrikanerin Princess Zinzi Mhlongo hat uns in ihrer Produktion Trapped teilhaben lassen an der Entdeckung des Freiheitsbegriffs durch ein wacker im Kollektiv vorgehendes, indigenes Ensemble. Die Österreicherin Cornelia Rainer hat eine biographische Randnotiz über das Leben von Jakob Reinhold Michael Lenz auf die Bühne gebracht, geadelt vom Büchner'schen Textfragment her, aber dann wieder theatralisch runtergezerrt auf braves Bildungsbürger-Niveau.

Vielleicht war die Jury ja wirklich vergleichsweise gut beraten, dass sie die perfekten Special effects von "This is how you will disappear" gewürdigt hat. Im übrigen argumentierte Sven-Eric Bechtolf in dieselbe Richtung: "Ich bin ein handwerklicher, berufsbezogener Mensch", wenn er also so perfektes Theaterhandwerk sehe wie an diesem Abend (tatsächlich: Kompliment an die Nebelwerfer und die Beleuchter!) verböte sich ein Negativurteil.

Die Auswahl der Stücke ist seit je her weitgehend zufällig. Das war in den vergangenen zehn Wettbewerben auch schon so. Jahr für Jahr vier Produktionen auszuwählen aus einem unüberschaubaren Angebot, kann nur zu gewisser Beiläufigkeit führen.

Sven-Eric Bechtolf, das erste Mal verantwortlich, schützt nicht wie sein Vorgänger Thomas Oberender eine Kuratorin vor (Martine Dennewald war Jahre lang die offiziell Auswählende). Er bekennt sich ganz offen zur subjektiven Entscheidung: "Ich bin angetreten, Künstler zu präsentieren, an die ich glaube." Schon in einem Pressegespräch zu Beginn der Aufführungsserie sagte er sinngemäß, er gehe an die Sache ran, indem er auf persönliche Kontakte baue, auf Leute, mit denen er zusammengearbeitet hat – und daraus knüpfe er Netzwerke.

Ob fürs Young Directors Project nicht eher jemand gefragt wäre, der bereits entsprechende Netzwerke einbringt? Der schon Überblick hat in der Szene und sich nicht erst, wie Bechtolf freimütig bekannte, einarbeiten muss? Vielleicht täte es dann nicht passieren, dass eine Regisseurin einen letztlich auf Innovation hinzielenden Preis bekommt, die mit eben derselben Produktion schon zweieinhalb Jahre tingelt und damit sogar schon 2010 in Österreich beim steirischen herbst in Graz zu Gast war.

Preiswürdig wären freilich auch die anderen beiden Stücke nicht gewesen. Und den Preis einfach nicht zu vergeben? Das kann man dem langjährigen und großzügigen Sponsor Montblanc, der das YDP seit 11 Jahren allein trägt, einfach nicht antun.

Kommentar schreiben