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Bedrohliche Soundscapes in der Hotelhalle

von Wolfgang Behrens

Berlin, 12. Januar 2013. Gustav Aschenbach oder von Aschenbach, wie amtlich sein Name lautet, teilt seinen Vornamen und sogar seine Physiognomie mit Gustav Mahler, dessen "fürstliches Sterben" Thomas Mann zu einer seiner Inspirationsquellen für die 1911 entstandene Novelle "Der Tod in Venedig" wurde. Für seinen gleichnamigen Film von 1971 hat Luchino Visconti diese Tatsache ausgiebig genutzt, aus dem Schriftsteller Aschenbach einen Komponisten gemacht und den Film mit dem (nicht zuletzt deswegen berühmten) Adagietto aus Mahlers 5. Symphonie zugeschmiert.

TodinVenedig2 hoch ArnoDeclair uJosef Bierbichler als Gustav Aschenbach
© Arno Declair
Grandiose Jämmerlichkeit

Spätestens seitdem ist Mahler aus der Rezeption des "Tods in Venedig" nicht mehr wegzudenken. Obwohl sich die Parallelen zwischen Aschenbach und Mahler schnell erschöpfen: In Thomas Manns züchtig-feingeistigem, zum Klassizismus sich hinneigendem Aschenbach steckt natürlich vor allem Thomas Mann, und wahrscheinlich noch mehr Goethe als Mahler. Trotzdem hat sich auch Thomas Ostermeier bei seiner nun an der Berliner Schaubühne herausgekommenen, vorher bereits in Rennes gezeigten Produktion "Der Tod in Venedig / Kindertotenlieder" wieder der gewohnten Identifikation von Gustav mit Gustav bedient. Was im Grunde ein bequemer, ein auch etwas denkfauler Kurzschluss ist. Sei's drum! möchte man ausrufen, das Theater ist nun halt mal keine Anstalt für schlüssige Beweisführung.

So immerhin kommt man in den Genuss, Josef Bierbichler ein paar Bruchstücke aus den Mahler'schen "Kindertotenliedern" singen zu hören. Bierbichler singt: Das ist schon etwas sehr Eigenartiges (in Hans Steinbichlers Film "Winterreise" hat man es schon einmal auf beeindruckende Weise gehört). Aus dem wuchtigen Körper ringen sich dünne, unsichere, verzitterte Töne hervor, im Falsett wird das Timbre fahl, das Ganze gleicht eher einem Wimmern als klassischem Kunstgesang. Aber man weiß ja, dass es der große Sepp Bierbichler ist, der sich da angstfrei in seinem ganzen Unvermögen, in seiner grandiosen Jämmerlichkeit zur Schau stellt. Wüsste man es nicht, man könnte sich für ihn schämen.

Der schöne Knabe Tadzio

Aber genau darum geht es ja: Der "Tod in Venedig" zeichnet in Aschenbach das Porträt des Künstlers als alternden Mann, dem durch die Begegnung mit dem ideal schönen Knaben Tadzio das Gefühl für Scham langsam, aber umso vollständiger entgleitet. Das vermag Bierbichlers Gesang ganz gut zu transportieren. Warum es gerade die "Kindertotenlieder" sein müssen, deren desolate Verlustklage in der Novelle keinerlei Widerhall hat? Egal. So egal sogar, dass die einzigen Lieder, die vollständig ausgesungen werden ("Ich bin der Welt abhanden gekommen" und "Die zwei blauen Augen von meinem Schatz") ohnehin aus anderen Liederzyklen Mahlers stammen. Nimmt man's pedantisch, ist Ostermeiers Titelbestandteil "Kindertotenlieder" ein Etikettenschwindel.

Was sich um Bierbichlers schütteren Gesang herumgruppiert, nennt die Schaubühne im Begleittext zur Inszenierung eine "Versuchsanordnung": "Ein Erzähler, ein Pianist, ein Videokünstler und eine Gruppe von Schauspielern und Tänzern versuchen, sich gemeinsam den Themen der Novelle von Thomas Mann, der erotischen Passion, der Körperlichkeit und Vergänglichkeit, zu nähern." Man könnte auch sagen, dass es eine theatrale Etüde in cooler Zeitgenossenschaft ist, mittels derer man versucht, den genannten Themen möglichst nicht allzu nahe zu kommen. Hauptsache, die Atmo stimmt! Tändelnd entwickelt man den Abend aus einer gespielten Probensituation heraus. Kay Bartholomäus Schulze klebt mit dem Mund am Mikro und raunt einige Schlüsselszenen der Erzählung hinein. Später zieht er sich, weiter im Flüstertonfall lesend, in eine Art Moderatorenkabine zurück.

Untergangstrunkenes Pas des trois

Währenddessen haben längst die Video-Künstler die Szene betreten, die – ziemlich deutlich von Katie Mitchell inspiriert – aus der Bühnensituation einen Live-Film kondensieren: Ein Abendessen im Hotel, in dem Aschenbach zum ersten Mal auf Tadzio trifft. Verheißungsvolle Blicke gehen hin und her, im suggestiven Closeup auf der Leinwand zu verfolgen. Der Pianist wühlt mit Paukenschlägeln und elektronischen Präparationen im Inneren des Flügels und produziert bedrohliche Soundscapes. Einmal unterbricht der Erzähler Schulze "spontan" das Spiel ("Ich möchte jetzt doch diese gestrichene Passage lesen") und liest – ja, wir sind intertextuell – aus Platons "Phaidros". Kurz vor Schluss, wenn die todbringende Seuche ihren Einzug in Venedig hält, tanzen Tadzios Schwestern (Martina Borroni, Marcela Giesche, Rosabel Huguet) im Ascheregen aus bizarr geformten Mülltütenschnipseln vor gleißendem Hintergrund ein untergangstrunkenes Pas de trois – ein wirklich schönes Bild.

TodinVenedig 560 ArnoDeclair uO Körper, ihr vergänglichen! © Arno Declair

Wie auch sonst im Detail manches gelingt: Wenn Bierbichler mit Kleinstgesten und minimalen mimischen Mitteln Aschenbachs Unbehagen in dem ihm so fremd entgegentretenden Hotel-Ambiente spielt, wenn er sich während des Abendessens, im Drang Tadzio zu gefallen, in Großaufnahme eine lächerliche Stutzermaske schminkt – schon toll. Doch all der Einsatz von Tanz, Video und Sound verharrt letztlich im professionell Wohlfeilen, ist nicht viel mehr als eine fast läppische Behauptung von Avanciertheit, die nur notdürftig überdecken kann, dass Ostermeier einer wirklichen Auseinandersetzung mit dem Stoff aus dem Weg geht.

Am Ende erweist sich so der Kurzschluss von Aschenbach auf Mahler doch als symptomatisch: Nicht um dramaturgische Stimmigkeit (oder auch um dramaturgische Reibung) scheint es Ostermeier zu tun zu sein, sondern bloß um diffuse Stimmungsmache. Schade eigentlich.

 

Der Tod in Venedig / Kindertotenlieder
nach Thomas Mann / Gustav Mahler
Eine Fassung von Maja Zade und Thomas Ostermeier
Regie: Thomas Ostermeier, Choreographie: Mikel Aristegui, Komposition: Timo Kreuser, Bühne: Jan Pappelbaum, Kostüme: Bernd Skodzig, Video: Benjamin Krieg, Dramaturgie: Maja Zade, Licht: Erich Schneider, Klangregie: Daniel Plewe, Wilm Thoben.
Mit: Josef Bierbichler, Kay Bartholomäus Schulze, Leon Klose / Maximilian Ostermann, Martina Borroni, Marcela Giesche, Rosabel Huguet, Sabine Hollweck, Felix Römer, Mikel Aristegui, Bernardo Arias Porras (Gitarre), Timo Kreuser (Klavier).
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.schaubuehne.de

 

Kritikenrundschau

"Wenn junge Tänzerinnen sich barbusig auf der Bühne räkeln, dann führt meist ein älterer Herr Regie", beginnt Andreas Schäfer seine Kritik im Tagesspiegel (14.1.2013). "Thomas Ostermeier ist zwar erst Mitte vierzig, aber offenbar altert man im Theaterbetrieb schneller." Schäfer hat in der Schaubühne einen Abend gesehen, "über den man am liebsten den Mantel des Schweigens breitete, so gelangweilt geht Ostermeier an die Sache ran." Die naheliegenden Mittel, mit denen er die Geschichte des alternden Künstlers zu dramatisieren sucht, grenzten an Publikumsverachtung. Nachdem sich das Spiel am Anfang wie auf Zehenspitzen auf die Bühne begeben hätte, mache es sich gleich wieder davon. "Es passiert nichts mehr außer klischeehafter Illustration einer diffusen Jahrhundertanfangsmelancholie."

"Vielleicht hat Thomas Ostermeier seine Inszenierung so symbol- und stimmungstriefend angelegt, lässt sie so seltsam entrückt und ästhetisch aufgeputzt erscheinen, weil er damit – sozusagen auf Negativ-Ebene – alles Politische und Zeitgeistkritische in den Zwischentonlagen der Novellenvorlage und ihrer verwickelten, genau hundertjährigen Rezeptionsgeschichte zum Vorschein bringen will", schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (14.1.2013). "Dann wäre dies ein Fall von doppelter Dialektik und bedürfte eingehender Würdigung." So ließe sich, so Pilz, "vielleicht, vielleicht erklären, warum (…) mit allerlei adretten Licht- und Videoeffekten eine Atmosphäre geschaffen wird, die eher ins gehobene Wellnesssegment denn auf eine Bühne mit Anspruch gehörte." Andernfalls wäre diese Inszenierung kaum mehr "als ein biedermeierliches Arrangieren von Szenen und Figuren mit altväterlich avantgardistischer Huld" zu betrachten, "für die Thomas Manns frühe Einsicht, dass Zeitkritik immer auch Selbstkritik heißen müsse, gerade nicht gälte."

Lothar Müller schreibt in der Süddeutschen Zeitung (15.1.2013): "Ein entschlossenes Abbruchunternehmen am Kunstanspruch der Novelle hätte aus dem Bierbichler-Part werden können", so wie Bierbichler singe. "Aber nein, Bierbichler singt nicht, er verwandelt das Kunstlied in ein vollkommen kunstloses Krächzen und Scheitern an den Höhen, in dem die Worte unkenntlich werden und die Melodie verstummt." Doch Ostermeier spinge von einem Gedanken zum anderen, probiere zu viele Sachen aus. So dass kein Ansatz durchgezogen werde. Der "fahrige" Abend komme auf gut eine Stunde, doch "noch weniger wäre mehr gewesen".