Entmachtete Matronen

von Elisabeth Maier

Mannheim, 12. Januar 2013. Die eiskalte Schönheit der Macht untersucht Theresia Walser in ihrem neuen Stück "Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel". Auf blutroten Ledersesseln warten drei Diktatorengattinnen auf eine Pressekonferenz. Vor 100 Journalisten soll enthüllt werden, wann und wie ihr Leben verfilmt wird. Aus dieser Situation entwickelt Walser einen sprachlich starken, dialogbetonten Zickenkrieg mit komischen Untertönen, die Schauspielchef Burkhard C. Kosminski bei seiner Uraufführung am Nationaltheater Mannheim mit Nachdruck zum Klingen bringt.

Imelda Marcos, Margot Honecker und Leila Ben-Ali

Die erfolgreiche Theaterautorin ist mit der Mannheimer Bühne seit langem verbunden. Ihre Produktionen "Herrenbestatter" oder "Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm" sind ebenfalls am Nationaltheater uraufgeführt worden. Auch im letzteren Stück brachte Walser das Böse auf die Bühne. Da erzählten Schauspieler, wie es war, Nazigrößen zu verkörpern. Diesmal fußt Walsers Figurenkonzeption auf realen Personen der Zeitgeschichte. Der in diesem Kontext zynisch klingende Titel des neuen Stücks "Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel" ist einem Zitat des lybischen Diktators Gaddafi nachempfunden. Hinter dem schönen, sinnlichen Bild fletschen Grausamkeit und Hass die Zähne.

Ichbinwieihr 560 ChristianKleiner hMedienbühne statt Weltbühne: Anke Schubert und Sabine Fürst als Diktatorengattinnen 
© Christian Kleiner

Mit roten und grauen Samtvorhängen hat Florian Etti einen Bühnenraum geschaffen, der an die Weltbühne erinnert, auf der die drei einst zuhause waren. Doch heute gibt es nur noch schwarzen Kaffee, der aus einer billigen Thermoskanne ausgeschenkt wird. Imelda Marcos, größenwahnsinnige Frau des philippinischen Diktators, begegnet in der verstörenden Szenerie der Fanatikerin Margot Honecker, die in ihren Träumen von der Ex-DDR stecken geblieben ist. Dritte im Bunde ist Leila Ben-Ali, die das tunesische Schreckensregime mitverantwortete. Walser macht erst gar nicht den Versuch, die historischen Vorbilder in der Figurenkonzeption zu abstrahieren. Mit einer Fülle von originalgetreuen Zitaten und mit Medienbildern, die sich den meisten im Publikum noch ins Gedächtnis gebrannt haben, reichert die Autorin die Figuren an.

Die Asche der Geschichte

Nicht nur bei Imelda Marcos greift Ute Lindenberg (Kostüme) lustvoll in den Fundus der TV-Geschichte. Im lila Matronengewand fordert Anke Schubert unentwegt süße Makrönchen und Blumen ein. Daneben sitzt die schlicht-schwarz gekleidete Margot Honecker – für die leidenschaftlich strenge Ragna Pitoll eine Paraderolle. Sie streiten sich mit der mindestens ebenso bösartigen Leila, die Sabine Fürst eine Spur zu farblos geraten ist.

Den Kampf zwischen diesen drei entthronten Machtmenschen feuert der Übersetzer an. Sven Prietz genießt es, die Handlung zu steuern, indem er Sätze falsch übersetzt oder sie gar ganz weglässt. Zwar spüren die Akteurinnen, dass er ihnen nach der Macht auch noch das letzte raubt, was ihnen geblieben ist, die Sprache, aber wehren können sie sich dagegen nicht. Immer enger zieht sich die Schlinge um ihren Hals zu. Und die Frauen, die einst dem Bösen ein schönes Gesicht gegeben haben, liegen schließlich ganz am Boden. Verzweifelt kriecht Frau Margot auf dem Bühnenboden herum, um am Ende die verstreute Asche ihres Mannes Erich aufzusammeln. Für Augenblicke spürt diese kalte Frau am eigenen Leib, was Demütigung bedeutet.

Mit Coca Cola ins Lachtheater

Solche starken Momente, die Walsers Stück hat, verwässert Kosminski, indem sich seine Regie allzu sensibel dem Text unterordnet. Gerade am Ende entgleitet der Autorin ihr komischer Ansatz, wenn sie zum wiederholten Male die einst radikal antikapitalistische Margot nach einer Coca Cola verlangen lässt. Da wirkt der Gag einfach ausgelutscht.

Walsers starkes Konzept, die Sprache der Gewalt anhand dreier Personen der Zeitgeschichte zu untersuchen, geht dann in einem wenig inspirierten Lachtheater unter. Das liegt auch daran, dass sich die Regie und das Ensemble zu sehr an das Gerüst des Realen klammern. Die Sprünge in der Seele der drei Frauen, die Walser vor allem in den letzten Szenen so schonungslos zur Schau stellt, werden nur bedingt sichtbar. Dass sich am Ende der Kaffeewagen selbstständig macht, wirkt in der Schlacht der Medienklischees wie ein billiger Taschenspielertrick.


Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel (UA)
von Theresia Walser
Regie: Burkhard C. Kosminski, Bühne: Florian Etti, Kostüme: Ute Lindenberg, Musik: Hans Platzgumer, Dramaturgie: Ingoh Brux.
Mit: Sven Prietz, Anke Schubert, Ragna Pitoll, Sabine Fürst.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

 
Apropos Diktatorengattinnen: Ein Stück selbigen Titels brachte Diskurskapitän René Pollesch 2007 an der Berliner Volksbühne heraus.

Kritikenrundschau

Über "90 Minuten Schlagfertigkeit, grausam komische Ausgeflipptheit, Katastrophen und Unbelehrbarkeit" freut sich Stefan M. Dettlinger im Mannheimer Morgen (14.1.2013). "Jeder Satz ein zynisches Zitat von Niedertracht, das man festhalten möchte - und doch nicht kann, weil das Pointenfeuerwerk unweigerlich weiter feuert und ploppt", schreibt Dettlinger, "ein Text wie ein langer, spritziger Witz (fast) ohne Längen." Der Witz dieses "irrsinnig heiteren Abends" bleibe einem selten auch mal im Halse stecken. Gelobt wird auch Burkhard C. Kosminskis zurückhaltende Regie. Ein schmucker Vorhang, drei rote Sessel, ein "harter Stuhl", Rednerpult und ein - wie sich später herausstellt - ferngesteuerter Teewagen - mehr brauche Kosminskis Team nicht für diesen Quartettabend, der durch Text und Spiel garantiert funktioniere. "Den Vorwurf mangelnder Tiefe und Progression vergisst man bei solch Unterhaltung schnell."

Als "wunderbare Farce" lobt Volker Österreich Theresia Walsers Stück in der Rhein-Neckar-Zeitung (14.1.2013) und mutmaßt: "Zum Schreiben ihrer Dialoge muss die 1967 geborene Dramatikerin ihren Füllfederhalter mit einer hübschen Portion Gift und Häme betankt haben." Eine Pointe folge auf die andere, und die Walser-Uraufführungs-Erfahrung von Regisseur Burkhard C. Kosminski und Bühnenbildner Florian Etti diene dem Textend dem komödiantisch versierten Quartett auf der Bühne vortrefflich. Die drei Schauspielerinnen stünden hoch in der Zuschauergunst. "Man amüsiert sich über die verbalen Gemeinheiten, die Anke Schubert als Frau Imelda vom Stapel lässt, lacht über Frau Margot, die nie in ihrem Leben von links nach rechts geht (Vorsicht: running gag), und hat seinen Spaß am Spiel Sabine Fürsts, die als Frau Leila beweist, dass Einbildung und Bildung zwei Seiten einer Medaille sind. " Manchmal schramme das Stück hart an der Klamotte vorbei, "aber nicht einmal in der Szene, in der Honeckers Asche um die drei Damen staubt, bekommt man einen Hustenanfall."

"Theresia Walsers übermütige Lust an der zugespitzten maliziösen Formulierung, deren Ergebnisse man immer wieder zitieren möchte, hat sich an einem dankbaren Sujet ausgetobt", befindet Bettina Schulte in der Badischen Zeitung (14.1.2013) und beschreibt das ganze als "Äffinnentheater, das in 90 bösen witzigen Minuten als eine Art pervertierte Talkshow abgespult wird." Natürlich seien Walzers satirische Rollen ein gefundenes Fressen für die Schauspielerinnen – Schulte lobt allen voran Anke Schubert als Frau Imelda. "Einen gemeinen, bösartigen, hintergründigen Spaß hat sich Theresia Walser erlaubt – auch mit dem Publikum." Das Lachen sei des Schrecklichen Bannung. "Aber es schafft es keineswegs aus der Welt."

Als Hörspiel oder als "Studio-Kabarett" wäre Walser Stück gut vorstellbar, schreibt Andreas Jüttner in den Badischen Neuesten Nachrichten (14.1.2013). Aber auf der großen Bühne werde "unübersehbar deutlich, wie bemüht hier Textpointen in eine knirschend konstruierte Rahmenhandlung gezwängt werden." Zu der "szenischen Situation" sei weder der Autorin noch dem Regisseur viel eingefallen: "Weder erschließt sich, warum die drei Furien sich mal gegenseitig niedermachen und dann wieder voreinander rechtfertigen", noch führten die eigeninitiativen Beiträge des Übersetzers "zu irgendetwas außer dem nächsten großen Lacher".

Wie in früheren Stücken suche Walser "die Nähe zum pointierten Sarkasmus eines Thomas Bernhard", findet Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (16.1.2013). "Sie macht es sich aber auch bequem in kabarettistisch anmutenden Passagen." Kosminski interessiere sich wenig für die eingebauten Irritationen und inszeniere das diktatorische Gezicke in "die Breite gezogen und mit Schauspielerinnen, die wie auf einem Cinemascope-Streifen ohne Kontakt zueinander agieren".

Das Setting sei nicht gerade neu, "aber der Zickenkrieg herrlicher denn je", konstatiert Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (16.1.2013). Mit der Umsetzung ist er weniger einverstanden: Kosminski beschränke sich darauf, die Bosheiten der Damen in boulevardesk geordnete Bahnen zu lenken. "Was ihm sonst noch einfällt, etwa ein ferngesteuertes Teewägelchen oder ein FDJ-Lied als Pausenfüller, hätte Margot als reaktionäres Tralala degoutiert."

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