Über das eine Prozent

von Claude Bühler

Zürich, 4. Mai 2013. Wie bitte? Nirgendwo sei der Wohlstand "ungleicher verteilt" als in der reichen Schweiz? "Das reichste Prozent" besitzt mehr als die restlichen 99, schreibt das Schauspielhaus Zürich. Für wie viel Fallhöhe das bei Schweizer Verhältnissen auch sorgen mag: Grund genug jedenfalls für die städtische Bühne der Bankenstadt das Spezial-Programm "Arm und Reich. Schlaglichter auf die Ungleichheit" mit Theatervorstellungen, Vorträgen und Diskussionen durchzuführen.

Für den Eröffnungsabend ließ sich Zürich nicht lumpen, setzte drei Regisseure für drei neue Stücke von drei für Schweizer Verhältnisse literarischen Schwergewichten ein, von drei Männern, die alle (auch) Schweizer Wohnsitz haben. Der Russe Michail Schischkin, der Österreicher Händl Klaus und der Thuner Lukas Bärfuss mochten aber nicht auf Sozialdrama machen, sondern warfen einen kritischen Blick auf das reichste Prozent.

armundreich-0059 560 matthias horn u"Nabokovs Tintenklecks": Fritz Fenne und Lukas Holzhausen  © Matthias Horn

Nabokovs Tintenklecks

In Schischkins "Nabokovs Tintenklecks" schildert ein russischer, arbeitsloser Schriftsteller seinen Verdruss als er, um zu etwas Geld zu kommen, den russischen Geschäftemacher Kovalev in der Schweiz herumführt. Dabei peilt der vormalige Parteikarrierist Kovalev nicht nur die Zürcher Bahnhofstrasse an, sondern auch des Erzählers Heiligtum: das einstige Hotelzimmer Nabokovs in Montreux. Natürlich nächtigt der lebensgierige Kovalev auch in Nabokovs Zimmer, während sich unser Erzähler im Bahnhofshotel darüber grämt, dass im Gegensatz zu ihm dieser Kovalev seiner Familie Sicherheit und Wohlstand bieten könne. Der Text, eine Abwägung über Geld und Gewissen, ist jedoch kein Bühnentext sondern eine Ich-Erzählung.

Regisseur Bastian Kraft, bekannt für szenische Romanbearbeitungen, griff zum Kniff, stellte die Schauspieler Fritze Fenne und Lukas Holzhausen als Dolmetscher vor, die am Tisch auf leerer Bühne den Originaltext ab Hörgerät live übersetzen. Dass sie dabei gelegentlich in die Ich-Rolle oder in die Kovalevs fallen, stört die Illusion ebensowenig wie der Hauch von russischem Akzent, der den Sprechern zusätzlich hilft, die Schilderungen nicht zu glatt über die Lippen zu lassen. Der Übersetzungsvorgang, auch wenn er bloss behauptet wird, versenkt die Schauspieler in Schischkins Erörterung. Und das genügt. Gebanntes Lauschen im Schiffbau. Ein paar Fotos vom Genfer See, von Nabokov und den Kovalevs, an die Wand gebeamt, fügen sich mühelos in den innerlichen Bilderfluss.

armundreich-0338 280 hoch matthias horn u"Rechne" von links: Markus Scheumann, Anne Ratte-Polle, Isabelle Menke, Jan Bluthardt 
© Matthias Horn

Rechne

So sehr wie Kraft mochte sich Regisseur Sebastian Nübling nicht auf die Potentiale in Händl Klaus' Text "Rechne" verlassen. Er brachte die Sache der zwei Milliardärinnen (Anne Ratte-Polle, Isabelle Menke), die ihr Vermögen angeblich gegen das "grosse Leid in dieser Welt" in eine Stiftung übertragen wollen, auf einen Nenner: Sex.

Die Aussichten auf die Milliarden der Damen bringen Berater Stucki (Markus Scheumann) und Banker Giezendanner (Jan Bluthardt) erst ins Schwitzen, dann zum Hosentaschen-Rubbeln und schliesslich zum Koitieren. Dabei macht Nübling Klaus' Worte wie "gewachsenes Vermögen" zur Schmuddelfilm-Zote. Den Vermögensstand liest Giezendanner vom Hintern von Irmgard Zeller ab.

Ob das alles war, was Händl Klaus damit wollte? Seine Text-Installation, er verteilt die Sätze – oft in einzelnen Worten – an die Sprecher, spannt die Milliardärinnen und ihre Zudiener in eine Korsage aus Höflichkeitsfloskeln und Gemeinplätzen, die soziale Isolation und Realitätsferne anmahnen. Das geht bei Nüblings gestalterischem Zugriff mit Tanzeinlagen und Bumsszenen unter.

Die schwarzen Hallen

Ein rhetorisches Gefecht dann in "Die schwarzen Hallen" von Lukas Bärfuss: Eine Journalistin, Frau Hoffmann (Friederike Wagner), fordert den wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe angeklagten Buchautor Hot Berry (Lambert Hamel) heraus. Aber dieser bestreitet nicht nur eine Schuld sondern auch die Steuerpflicht, er gebe nichts, er nehme nur. Und dies sei eine Bürde, denn die Leute würden, um "leer auszugehen", nicht nur das Vermögen sondern auch all ihre Hässlichkeiten bei ihm abladen. Die "Geheimnisse der menschlichen Seele" lagerten bei ihm in den schwarzen Hallen, die er niemandem zumuten wolle.

armundreich-1360 560 matthias horn u"Die schwarzen Hallen": Lambert Hamel und friederike Wagner  © Matthias Horn Was genau Bärfuss mit den kryptischen Aussagen Hot Berrys meint, ob das Geheimnis interessant oder das Böse nur als banal aufgewiesen werden soll: wir erfahren es nicht. Regisseurin Barbara Frey scheint es auch nicht zu ahnen, lässt die Worte zum Nennwert wiedergeben. Und das macht das Interview-Duell auf zwei Sesseln schon ab Mitte zur unbefriedigenden Vorführübung, als würde dem Text ein unlösbares mathematisches Problem zugrunde liegen.

Das Publikum schien zufrieden, applaudierte freundlich zu einem Abend, der allen Einwänden zum Trotz über zwei Stunden das Denkorgan anregte, den aber nur zwei Dinge zusammenhielten: der hier sehr breit aufzufassende gemeinsame Nenner "Arm und Reich". Und dass alle Autoren unabhängig voneinander die Kippe zwischen Arm und Reich eben nicht von der wirtschaftlichen Ungleichheit aus beurteilten, sondern danach wie gut oder eben schlecht die Leute mit dem Status leben.

 

Arm und Reich - Drei neue Stücke
"Nabokovs Tintenklecks" von Michail Schischkin / "Rechne" von Händl Klaus / "Die schwarzen Hallen" von Lukas Bärfuss
Regie: Bastian Kraft (Nabokovs Tintenklecks), Sebastian Nübling (Rechne), Barbara Frey (Die schwarze Halle), Musik: Lars Wittershagen, Dramaturgie: Katja Hagedorn, Licht: Rainer Küng.
Mit: Fritz Fenne, Lukas Holzhausen (Nabokovs Tintenklecks), Anne Ratte-Polle, Isabelle Menke, Jan Bluthardt, Markus Scheumann (Rechne), Friederike Wagner, Lambert Hamel (Die schwarze Halle).
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielhaus.ch

 
Kritikenrundschau

Trotz einheitlichem Rahmen und pausenlosem Durchspielen entsteht kein Ganzes, urteilt Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (6.5.2013). Der Abend wirke artig kunstbemüht, anders gesagt an den Haaren herbeigezogen. "Eine Pflichtübung, schauspielerisch gut besetzt sowie apart aufbereitet, aber es fehlt der Schwung, die Dringlichkeit – und der Zauber." Am ehesten verzaubere noch Schischkin, "der freilich statt eines dramatischen Texts eine Erzählung geliefert hat". Am wenigsten gefiel der Rezensentin "der zähe Mittelteil" von Händl Klaus/Sebastian Nübling. Wohingegen sie für den Finisher von Bärfuss/Frey immerhin die milden Worte "sanfte Regie" und "Top-Schauspieler" findet.

"Ein Podest aus Holz vor der Betonwand muss genügen für die Fantasien von Mangel und Überfluss, die da in knapp zwei Stunden entwickelt werden", schreibt Alexandra Kedves im Tagesanzeiger (6.5.2013). Aber dafür tobe die Regie sich aus: "Bastian Kraft sieht in 'Nabokovs Tintenklecks' den Anlass für eine Bildersause (…); Sebastian Nübling macht aus Händle Textpartitur eine geschmeidige Gier-Choreografie mit Musik; und Barbara Frey feiert in 'Die schwarze Halle' die Schauspieler Friederike Wagner und Lambert Hamel."

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