Sittenbilder einer Umbruchzeit

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 23. Mai 2013. Eine einsame Literaturgröße in Kroatien, sonst überall auf der Welt eher verlassen von den Lesern oder Theaterbesuchern. Gar schon einmal ein Stück von Miroslav Krleža (1893-1981) gesehen auf einer deutschsprachigen Bühne? Eben, jetzt heißt es Nachsitzen im Wiener Volkstheater, bei den Wiener Festwochen.

Ausgiebig nachsitzen, denn Martin Kušej hat gleich drei Stücke von dem kroatischen Schriftsteller kompiliert zu einem über sechsstündigen Themenabend, der uns die Monarchie-Endzeit aufs Ausführlichste und teils sehr krass nahe bringt. Was für den
Österreicher Joseph Roth die Familie Trotta ("Kapuzinergruft"), das waren für Krleža die Glembays: eine Familiensaga, eine Parabel über den Niedergang der alten Gesellschaftsordnung und das Nicht-ankommen-Wollen in einer neuen Welt. Eine Trilogie hat Miroslav Krleža dieser Familie gewidmet, zwei Stücke davon - "Die Glembays" und "In Agonie" - hat Martin Kušej gewählt und verbunden mit einem weiteren Drama: "Galizien", einem wüsten Stück, das mitten im Ersten Weltkrieg an der Front irgendwo in der jetzigen Ukraine spielt.

Dynstische Enthüllung

Alle drei Texte sind eine flammende Anklage an die verderbte bessere Gesellschaft der Donaumonarchie. Kein Wunder, dass Krleža damit in Österreich bisher nicht landen konnte. Hier kommt die nostalgisch verbrämte Zustandsbeschreibung (auf der Linie von Schnitzler bis Roth) besser an als die aggressiv-bärbeissige, oft frontale und polit-didaktische Sprache des Tito-Freundes Krleža.

Da finden wir uns also zu Beginn im Salon der Glembays, angeräumt mit Fauteuils und Stühlen, zwischen denen sich die Handelnden beinah verlieren. Dass so viele Stühle unbenutzt sind, mag einen guten Grund haben. Leo Glembay, Maler und ungeliebter, ja verhasster Sohn des Familienpatriarchen Ignaz Glembay, taucht als Outlaw auf und stichelt in Begebenheiten, über die man nicht spricht (über die höchstens die rote Boulevardpresse schreibt): dass nämlich auffallend viele Familienmitglieder und auch Personal durch Selbstmord umgekommen sind.

agonie galizien 01 560 thomas aurin uMoralische Ermattungen: "In Agonie" © Thomas Aurin

 

Der Autor stößt uns hinein in eine abenteuerliche innerdynastische Enthüllung, in deren Verlauf das Familienoberhaupt während an Herzschlag stirbt. An der aufgebahrten Leiche geht es erst so richtig los. Skrupellose Geschäftsleute waren die Glembays, mit der ehelichen Treue nehmen sie es (und auch der allgegenwärtige Familiengeistliche) nicht so genau. Die Selbstmorde stellen sich samt und sonders heraus als ein Zerbrechen an dem Klima der Verlogenheit.

Neue Weltordnung, altes Denken

Das ist die Stunde des Martin Kušej und vor allem der brillanten männlichen Gegenspieler vom Ensemble des Münchner Residenztheaters (wohin die Koproduktion übersiedelt): Manfred Zapatka ist der Familienpatriarch Ignaz, Johannes Zirner der herausfordernde Sohn Leo. An der Stiefmutter Charlotte (Sophie von Kessel) entzündet sich die in der Regie brillant gezeichnete Malaise. Das Publikum wird in den drei Akten hineingezogen in ein schier atemberaubendes Dickicht der gelebten Lüge, des bewussten Wegschauens oder des fatalistischen Nicht-wahrhaben-Wollens.

Der Herausforderer Leo seinerseits, der da aus der inneren Emigration aus- und einbricht in die Familie, entpuppt sich nach und nach selbst als Gefangener alten Denkens: Bald wird klar, dass mit solchem Hintergrund, mit solcher gesellschaftlicher Prägung kein Aufbruch in eine neue Wertordnung möglich sein wird, nur politischer und gesellschaftlicher Ruin. Diese eindreiviertel Stunden sind großes Schauspieler-Theater – und das Stück wohl eines, das man in solcher Besetzung in den Kanon der Epoche aufnehmen sollte.

An der Ostfront

Leider geht es dann nicht so stringent weiter. Martin Kušej will uns den endgültigen Ruin und die Spätfolgen vorführen. In "Galizien" zuerst. Wir sind mitten im Ersten Weltkrieg, an der Ostfront. Der Adel und die bürgerlichen Wirtschaftsbarone sind mutiert zu saufenden und hurenden Perverslingen, die ihre Untergebenen schikanieren und missbrauchen. Einer von denen, der Kadett Horvath (Shenja Lacher), versucht es mit ein wenig Menschlichkeit und muss doch erst mühsamst lernen, seiner Gesinnung treu zu bleiben und "nein" zu sagen. Viel zu spät tut er das, da hängt eine alte Ukrainerin schon am Galgen. Horvath hat sich nicht getraut, sich dem Befehl zu ihrer Exekution zu widersetzen.

agonie galizien 16 560 thomas aurin u Schlussbild im zweiten Teil © Thomas Aurin

In dieser Episode des theatralen Stationen-Abends vom unaufhaltsamen Ruin setzt der Regisseur auf krasse Bilder und auf alkoholschwangeren Slapstick. Das ermüdet und verwässert eher die Sicht. Nach fünfzehn Minuten hat man durchschaut, um was es geht. Da hätte vermutlich nur der Rotstift geholfen.

Ja schon: Wenn die Offiziere im Schlussbild von "Galizien" da sitzen und stockbesoffen ihre Weltsichten diskutieren – da steckt viel Hellsichtiges auch über dunkle Zeitläufte der Zukunft drin. Sophie von Kessel hat in allen drei Stücken eine Rolle, spielt immer eine "Baronesse" mit ungewissem Herkommen, immer eine Frauenfigur aus der besseren Gesellschaft, die eigentlich der Hurerei nachgeht. Aber in solchen Kreisen nennt man das natürlich nicht so.

Moderne Frauen

Schließlich Episode drei, jenes Stück, das auch bei Krleža "In Agonie" heißt und in Wien dem ganzen Abend den Titel gegeben hat. Eine fatale Dreiecksbeziehung. Eine Frau – querständisch "modern" besetzt: Britta Hammelstein – hat die Zeichen der Zeit erkannt. Sie arbeitet, im Gegensatz zu ihrem Mann aus altem Offiziersadel. Er ist ein verlotteter
Spieler geworden, der sich von seiner Frau aushalten lässt und schließlich voll falschem Selbstmitleid Hand an sich legt.

Sie hat einen Geliebten, Vertrauten – aber auch dieser um keinen raffinierten Argumentations-Dreh verlegene Anwalt entpuppt sich als ein im tiefsten Herzen in der alten Ordnung verankerter "Gestriger". Das moralische Doppelleben hat er gleichsam inhaliert, er spricht von "Improvisation nach dem Schiffbruch" und wird es wohl wirklich zum Justizminister bringen, wenn nur alle im rechten Moment schweigen... Die Frau endet im Selbstmord.

Landung im weißen Raum

"In Agonie" ist, was die endzeitliche Sicht und die Folgen auf unsere Gesellschaft (vor allem die Institution Ehe) anlangt, der hellsichtigste Abschnitt – von der theatralen Umsetzung freilich der bei weitem mühsamste. agonie in-agonie 05 560 thomas aurin u© Thomas AurinDas liegt an Britta Hammelstein, die an Ausstrahlung mit ihren Gegenspielern Götz Schulte und Markus Hering einfach nicht mithält. Das liegt auch an der Regie: Kušej setzt auf ein dekorationsloses Kammerspiel im undefinierten weißen Raum, lässt die Figuren einander kaum näher kommen als drei, vier Meter. Das ist Didaktik pur, knochentrocken. Dafür braucht man als Theaterbesucher freilich erst den Nerv, wenn man schon vier Stunden abgesessen hat. Ein Abend für Ausdauernde und Konditionsstarke mithin.

Nach "Kölnischwasser, womit wir all das abwaschen können", ruft einer – und meint das Ende der Monarchie und seiner Gesellschaftsordnung. Ob sich das lange Sitzen wirklich ausgezahlt hat? "In Agonie" sollte man vielleicht doch für sich allein auf den Prüfstand stellen. Es verträgt (und verdient vermutlich auch) kein ermattetes Publikum.

In Agonie
(aus den Stücken Die Glembays, Galizien und In Agonie)
von Miroslav Krleža, deutsch von Milo Dor
Regie: Martin Kušej, Bühne: Annette Murschetz, Kostüme: Heide Kastler, Musik: Bert Wrede, Dramaturgie: Sebastian Huber, Licht: Tobias Löffler.
Mit: Sophie von Kessel, Britta Hammelstein, Manfred Zapatka, Johannes Zirner, Shenja Lacher, Norman Hacker, Götz Schulte, Markus Hering, Jens Atzorn, Michele Cuciuffo, René Dumont, Gunther Eckes, Arthur Klemt, Franz Pätzold, Gerhard Peilstein, Tom Radisch.
Dauer: 6 Stunden 15 Minuten, zwei Pausen
Koproduktion der Wiener Festwochen mit dem Residenztheater München

www.festwochen.at
www.residenztheater.de

 

 Kritikenrundschau

"Rosamunde Pilcher und die Macher der britischen Fernsehserie 'Downton Abbey' hätten ihre Freude an diesen kroatischen Buddenbrooks gehabt", meint Karin Fischer im Deutschlandfunk (24.5.2013). Martin Kusej inszeniere die Erzähldramen Krlezas mit ruhiger Hand, was auch Längen beinhalte, und in einfachen starken Bildern. Kusejs These laute: Dieses traumatische Ereignis von Orientierungslosigkeit und Werteverlust (der Beginn des ersten Weltkriegs) wirke als 'Urschock' bis heute nach. "Doch gerade diesbezüglich hat uns die handwerklich ordentliche Inszenierung nichts Neues zu sagen." Denn Krlezas Stücke seien eigentlich Künstlerdramen, die die Möglichkeit der Verweigerung von Individualisten gegenüber der beschämend dummen Gesellschaft ausloteten. Kusej zeige das Weltkriegsdrama mitsamt den lebenden Untoten, die er hervorgebracht hat, mache daraus aber kein Kriegsheimkehrer-Stück von heute, sondern nur Salontragödchen.

"Das schwächste Glied der Kette ist der Beginn", schreibt Norbert Mayer in Die Presse (25.5.2013). Die Mitte sei "passabel gelungen". Und das "in die Länge gezogene Finale" rette Markus Hering vor zu viel Fadesse. "Fürs Ganze aber gilt die Casino-Regel: Wer viel riskiert, verliert meist auch viel."

"Es ist ein langer, nie aber langweiliger Theaterabend, das sei denen vorausgeschickt, die sich schrecken vor sechseinhalb Stunden Weltkriegstheater", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (25.5.2013). Denn es gebe "hochintensives, fesselndes Schauspielertheater" zu sehen. "Ein Horváth oder Schnitzler ist dieser Miroslav Krleza nicht, ein neuer Autor für die Spielpläne des 21. Jahrhunderts wurde hier nicht entdeckt", schließt sie ihren Bericht. "Aber es gab bei diesem respektablen Historienausflug viele gute Schauspielmomente. Immerhin."

"Melde gehorsamst: von 18 Uhr bis eine halbe Stunde nach Mitternacht an der Front gewesen; Krieg mitgemacht; Zähne zusammengebissen; inneren Schweinehund (kein Rauhhaardackel!) bekämpft; völlig erschöpft", schreibt Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (25.5.2013): "Frontverlauf im Wiener Volkstheater, wo die Befehlsausgabe der Festwochen erfolgte: zuerst der 'Glembay'-Frontabschnitt, dann 'Galizien', dann ohne jedwede Kapitulationsverhandlungen 'In Agonie'. Welch Letzteres dem ganzen Abend in mehrerer Hinsicht den Übertitel gibt." Miroslav Krležas Prosa habe einen wundersam anachronistischen Einsamkeitston: immer bezogen auf einen großen, meist künstlerischen Außenseiter, der sich in einer kollektiv verlogenen alten wie neuen Welt nicht zurechtfindet. "In seinen Stücken wird das zu purer, endlos episierender Geschwätzigkeit: Er findet keine Figuren, er konstruiert Papiertüten mit gutgemeinter, weitschweifelnder Textfüllung." Und Kušej finde mit zum Teil sehr guten, aber hier doch "papiertütenhaft unterforderten" Schauspielern wie Manfred Zapatka als altem Glembay, Markus Hering als windig juristischem Geliebten, Sophie von Kessel als durch alle Stücke laufende nuttig mondäne femme fatale und Norman Hacker als horrorkasperllauniger Psycho-Leutnantsbösewicht keinen Ausweg, ja nicht einmal ein Schlupfloch aus diesem Stacheldrahtverhau agonalen Theaters. "Die Aufführung verblutet darin. Sanitäter!"

"Drei in Wahrheit wenig interessante Geschichten, die nur oberflächlich und keinesfalls von der sprachlichen Meisterschaft her an Arthur Schnitzler, Jaroslav Hašek sowie Karl Kraus und eventuell Henrik Ibsen erinnern, hätten zumindest einen netten Bilderreigen ergeben können. Wenn die Regie beherzt eingegriffen hätte", schreibt ein verärgerter Martin Lhotzky in der Neuen Zürcher Zeitung (25.5.2013). "Einzig zu entdeckendes Konzept war jedoch, in jedem Teil den tiefen Bühnenhintergrund in einer anderen Leitfarbe streichen zu lassen." Die Figuren seien fast ausnahmslos erstarrte Klischees und keine Menschen. "Hin und wieder, vorwiegend im Mittelteil, werden Sexszenen eingeschleust, die aber niemandem weiterhelfen, nichts erklären und eher die ohnehin schon greifbare Peinlichkeit und Langeweile steigern." Wäre wenigstens im letzten Teil stark gekürzt worden, so Lhotzky, hätte Kušej der liebreizenden Britta Hammelstein als Laura und dem in seiner schlangenartigen Windigkeit überzeugenden Markus Hering als Križovec eine Chance zu spielen gegeben. "So aber muss sich diese Inszenierung den Vorwurf gefallen lassen, einen unwiederbringlichen Teil unserer Lebenszeit vergeudet zu haben."

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