Vorne hui, hinten pfui

von Daniel Ris

Berlin, 15. Juni 2013. Die Reformbedürftigkeit des deutschen Stadttheatersystems wird in regelmäßigen Abständen von verschiedensten Seiten eingeklagt oder gar der baldige Untergang des gesamten Systems beschworen. Einerseits steht dabei die Finanzierung der öffentlich-rechtlichen Theater in der Kritik. Sind die Zuschüsse noch zu rechtfertigen? Und wenn ja wodurch?

Andererseits werden zunehmend auch moralische Missstände in den Theaterbetrieben thematisiert. Einzelne Skandale sind nur auffällig gewordene Beispiele eines grundsätzlichen Problems. Die auf der Bühne oft vehement eingeforderten Grundwerte der Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Verantwortung und Demokratie werden in den Betrieben eindeutig nicht ausreichend gelebt und umgesetzt. Im streng hierarchisch strukturierten System finden Partizipation, Solidarität und Gleichberechtigung kaum statt. Vorne hui, hinten pfui. Muss das so sein? Und bleiben?

Dies sind klassische Themen der wissenschaftlichen und der angewandten Unternehmensethik. Welche moralische Verantwortung hat ein Unternehmen für seine Mitarbeiter und für die Gesellschaft? Die Unternehmen der freien Wirtschaft stellen sich, nicht zuletzt durch zunehmenden öffentlichen Druck gezwungen, immer mehr diesen Fragen. Theater sind weder Fabriken noch Dienstleitungsbetriebe. Theater machen Kunst. Aber im Sinne der Reflexion ihrer Verantwortung sollten sie sich durchaus als Unternehmen begreifen und sich den unternehmensethischen Fragen stellen.

Was ist der Auftrag?
Es existiert in der Bundesrepublik ein gesellschaftlicher Vertrag, der die Bedeutung von Kunst und Kultur für die Gemeinschaft hoch schätzt und sie deshalb vor den Gesetzen des Marktes schützt. Auch verschiedene andere Güter wie Bildung und Sport werden staatlich unterstützt. In den letzten beiden Jahrzehnten formulieren jedoch viele Gemeinden und Bundesländer zunehmend den Anspruch, die Theater hätten angesichts sinkender Steuereinnahmen ihre Eigeneinnahmen zu steigern. Bei mehr oder weniger eingefrorenen Etats, bleibt den Häusern im Kampf um das Überleben auch kaum ein anderer Weg, als die steigenden Lohnkosten selbst zu erwirtschaften. Dies ist im Grunde nichts anderes als eine Kommerzialisierungsforderung an die Theater.

Niemand möchte ein leeres Theater, und eine hohe Platzausnutzung kann sicher auch ein Indiz dafür sein, dass ein Haus für sein Publikum relevantes Theater macht. Aber Kunst ist Risiko. Der wirtschaftliche Druck schränkt die künstlerische Freiheit ein. Ziel der Arbeit wird es so zunehmend, dem vermeintlichen Publikumsgeschmack entsprechen zu müssen. Das kann nicht die Aufgabe öffentlich geförderter Kultur sein. Führt materieller Gewinn zu immateriellen Verlusten, wird so die Legitimation von öffentlich-rechtlichem Theater in seiner Substanz gefährdet. Aber wer trägt die Verantwortung für die Ausgestaltung des öffentlichen Auftrags? Die einzelnen Intendantinnen oder Intendanten? Die Kulturpolitik scheint sich jedenfalls vielerorts ausschließlich mit Besucherzahlen zu beschäftigen. Sparen als Politikersatz. Ein Diskurs mit den Theatern über Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik findet so gut wie nicht mehr statt. In diesem Werte-Vakuum geht der ursprüngliche Sinn des Auftrags an unsere Theater verloren.

An Spardiskussionen sind wir alle gewöhnt. Wie wäre es zur Abwechslung mit "Freier Eintritt ins Theater für alle!" Vielleicht lässt sich die Auseinandersetzung mit einer solchen Forderung wieder auf ihren Kern zurückbringen. Welchen Auftrag vergibt die Gesellschaft an die Theater? Besteht der gesellschaftliche Vertrag zur gemeinschaftlichen Bedeutung von Kunst und Kultur noch? Die fortschreitende Tendenz der Ökonomisierung aller Lebensbereiche hat das Wertesystem unsere Gesellschaft verändert. Die öffentlich- rechtlichen Theater sind in ihrem Auftrag und eben darum in ihrer Legitimation bedroht.

Der beste Schutz der Theater ist sicher die gesellschaftliche Relevanz ihrer Kunst. Dem wachsenden Kommerzialisierungsdruck muss eine kraftvolle Formulierung und Umsetzung des gesellschaftlichen Kulturauftrags entgegengesetzt werden. Die Theater sollten hier dringend den Diskurs suchen und die Kulturpolitik in die inhaltliche Pflicht nehmen.

Machtverhältnisse
Doch dazu müssten die Theater den Wertediskurs zunächst auch im eigenen Haus führen. Eine solche Auseinandersetzung findet aber ebenfalls kaum statt. Warum? Der Widerspruch zwischen den moralischen Ansprüchen, die auf der Bühne formuliert werden, und den Realitäten in den Theaterbetrieben ist schwer auszuhalten. Da geht es den Theatern nicht anders als den Kirchen oder Gewerkschaften. Deshalb wird meist lieber einfach gar nicht hingeschaut – oder auf die Bühne als Ort der Moral verwiesen. Partizipation, Gerechtigkeit, Demokratie – das habe mit dem Entstehungsprozess von Kunst eben leider nun mal nichts zu tun.

Das Scheitern des Frankfurter Mitbestimmungsmodells in den siebziger Jahren wird dabei heute noch immer gern als Beweis bemüht, wenn es darum geht, mit einem Seufzer die Unmöglichkeit von Reformen zu konstatieren. Dagegen werden erfolgreiche aktuelle Beispiele wie das Theater an der Ruhr und das Orpheus Chamber Orchestra nicht als Impulse wahrgenommen. Aber was ist dann die Botschaft? Der gute Zweck heiligt die schlechten Mittel? Soll das die Werthaltung sein, für die Theater einen öffentlichen Auftrag verdienen?

Aber woran scheitern die spärlichen Versuche, die streng hierarchischen Strukturen des Theaterbetriebs zu reformieren, wirklich? Es geht auch hier um Machtverhältnisse. Auch an den Theatern verdienen beispielsweise gleich qualifizierte Mitarbeiterinnen – auf und hinter der Bühne – deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen. Trotz recht häufiger Intendanzwechsel ändert sich daran so gut wie nichts, denn die gerechte Umverteilung würde für die männlichen Kollegen einen Verzicht bedeuten.

Wandel bringt Gewinn
Aber es gibt Perspektiven für einen werteorientierten Wandel. Und es gibt für die Theater viel zu gewinnen. Beispielsweise im Hinblick auf die immer wieder beklagten Konflikte zwischen den Beschäftigten der Bereiche Kunst, Technik, Verwaltung. Die starken Unterschiede in den arbeitsrechtlichen Voraussetzungen sind sicher ein strukturelles Problem, das nur auf institutioneller Ebene verändert werden kann. Aber wo auch immer eine Theaterleitung initiiert, dass sich die Mitarbeitenden in einen Dialog über ihre sehr unterschiedlichen Wertesysteme und über den Sinn und die Ziele des gemeinsam zu gestaltenden Theaters begeben, steigt die Motivation und die Identifikation mit der eigenen Arbeit.

Die angewandte Unternehmensethik kennt dazu verschiedene hilfreiche Instrumente, die in den Theatern jedoch fast nicht genutzt werden. Instrumente? Ist denn so etwas nötig? Offensichtlich ja, denn die Konflikte wahrzunehmen, ist zwar der Anfang, doch jede Veränderung der bestehenden Struktur muss erkämpft werden. Eine "Open-Space-Technology"-Konferenz und ein mit allen Mitarbeitern gemeinsam formuliertes Leitbild können ein relativ leicht zu organisierender Anfang sein. Die Verbesserung der Kommunikation und Stärkung der Partizipation tragen dazu bei, die Diskrepanz zwischen den auf der Bühne formulierten moralischen Ansprüchen und der gelebten Realität im
Betrieb zu verringern.

Auch die bestehende hierarchische Struktur kann ethisch verantwortlicher gelebt werden. Im Sinne einer Demokratisierung des Betriebs Theater kann die Bedeutung des Dialogs dabei nicht hoch genug eingeschätzt werden. All das kostet zweifellos Zeit – und damit letztendlich auch Geld. Doch solche Investitionen sind wesentlich für die Glaubwürdigkeit des Theaters genauso wie für die Qualifikation und Identifikation der Mitarbeitenden.

Unternehmensethik ist Chefsache
Theaterleitende sind zumeist die Alleinherrschenden im System. Durch diese Macht entsteht eine extrem hohe individualethische Verantwortung, die von ihnen selbst selten entsprechend wahrgenommen wird. Ein Bewusstsein für den führungsethischen Anspruch auf Fürsorglichkeit, Loyalität, Gerechtigkeit und soziale Verantwortung sollte ihnen auch bei den künstlerischen Entscheidungen zumindest im Bewusstsein bleiben.

Es ist sicher weder wünschenswert noch möglich, einen werteorientierten Wandel von oben anzuordnen. Er ist ein demokratischer, partizipativer, kommunikativer Prozess. Die Führungsverantwortlichen sind aber aufgerufen, die Perspektiven für unsere Kulturbetriebe zu gestalten. Sich zu verantworten heißt, anderen gegenüber Rechenschaft abzulegen. Verantwortung bedeutet im Wortsinn Antwort zu geben.

Es darf für Theaterleitende künftig nicht mehr genügen, nur in künstlerischer und strategischer Hinsicht Antworten zu geben. Auch die Fragen der betrieblichen Werthaltungen müssen zum Thema gemacht werden. Dabei geht es nicht um besseres Management. Es geht nicht um Strategien, sondern um Werte. Ihre glaubhafte Vermittlung macht letztlich die Existenzberechtigung unserer öffentlich-rechtlichen Kulturbetriebe aus.


daniel ris 6Daniel Ris ist Schauspieler und Regisseur. 2011 schloss er mit der Arbeit Unternehmensethik für den Kulturbetrieb. Perspektiven am Beispiel öffentlich-rechtlicher Theater das Studium EXECUTIVE MASTER IN ARTS ADMINISTRATION der Universität Zürich ab. Die Arbeit ist im VS Verlag der Springer Science & Business Media Group erschienen.

 

Daniel Ris hat seine Thesen zur Unternehmensethik für den Kulturbetrieb am 15. Juni 2013 im Rahmen der Konferenz Baustelle Demokratie in der Heinrich Böll Stiftung vorgetragen und erläutert (hier die Diskussion, die sich an den Vortrag anschloss).

Weitere Texte zur Stadttheaterdebatte auf nachtkritik.de sind über den entsprechenden Lexikoneintrag erreichbar.

 

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