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Bechertelefon und Börsencrash

von Sabine Leucht

München, 4. Juli 2013. Dieses Stück beschreitet neue Wege. Erstens besitzt es eine eigene Website oder hält sie bis auf Weiteres besetzt. Zudem hat es sich selbst auf den Markt geworfen und zwar auf einen, der bislang nicht auf Theaterstücke eingestellt ist. Also kamen die Uraufführungsrechte an "Schuld und Schein" bei ebay für kauzige 55 Euro unter den Hammer. Und weil den glücklichen Zuschlag das Freimanner Metropoltheater erhielt, muss man sich um den Unterhaltungswert seiner szenischen Umsetzung nicht sorgen. Denn längst weiß man schon über die Grenzen Münchens hinaus, dass Jochen Schölch im Norden der Stadt noch jedem Stoff mit sparsamen Mitteln das Tanzen lehrt.

schuldschein1 280h hildalobinger uDie prototypischen Akteure  © Hilda LobingerDoch was Schölch da mitten in der Umbauphase ins Haus geflattert ist, klingt erst mal nicht nach einem Thriller. Ulf Schmidt will mit seinem "Geldstück", das man sich im Übrigen noch immer kostenfrei im Internet herunterladen kann, ganz unbescheiden das Rätsel der Finanzmärkte knacken. Und das macht der 1966 geborene Dramatiker, Werbetexter und studierte Philosoph auf eine sehr explizite, fast didaktische Weise: Vom sehr konkreten Goldstück allmählich auf den Derivatehandel und den Zinsverfall kommend, vom Wunsch nach sicherer Aufbewahrung auf immer phantastischere Profite, vom sparsamen Einzelwürstchen auf das wolkige Feindbild "die Märkte."

Low Tech ist Trumpf

Schmidt interessiert weder das wortgewaltige Assoziationsgewitter à la Jelinek, das sich lieber über den Phänomenen entlädt als ihnen auf den Grund zu schauen, noch die Wut und Gier realer Banker wie Andres Veiel in seinem Himbeerreich. "Schuld und Schein" ist ein Lehrstück, mehr Analyse denn Erzählung, mehr Kabarett denn Poesie, auf dem Papier mit 24 Szenen und sechs Zwischenspielen ausgestattet und mit zehn prototypischen Akteuren vom "Sparer" bis zum "Staatsbanker". Und eigentlich steht auch die globalvernetzte Gegenwart mit Twitter, Youtube und SMS auf der Besetzungsliste und eine Szene, in der das Publikum seine Lösungen für die Finanzkrise beisteuern soll. Nicht so im Metropol.

Da stehen nur fünf Männer an der Rampe und schauen auch dann ins Publikum, wenn sie eigentlich miteinander sprechen. Und zwei von ihnen ducken sich wie verschreckte Maulwürfe vor dem Schein einer Taschenlampe weg, die ein Dritter (der Herr Kaiser mit der Papierkrone auf dem Kopf) eigentlich nur vor sich auf den Boden gerichtet hat. Ursache und Wirkung werden sanft voneinander getrennt. Und Low-Tech ist Trumpf. Doch immerhin gibt es ein Telefon auf der Bühne. So ein von Kindern gebautes mit einem Seil zwischen zwei Plastikbechern, mit dem man – zumindest in Schölchs Welt des magischem Minimalismus - auch Visitenkarten faxen kann.Das ist sehr eindrucksvoll und viel schöner als jede SMS.

schuldschein3 560 hildalobinger uThe Winner takes it all?  © Hilda Lobinger
Von den fünf Akteuren ist einer gleich als das Opfer erkennbar, das bei jedwedem Geldgeschäft unter die Räder kommen wird. Butz Buse spielt es mit hängenden Schultern und dem Gesicht eines Herdentiers, das seine Unterschrift unter jeden Blödsinn setzt. Und am liebsten, so scheint es, unter den Part mit der "klitzekleinen Gebühr". Buse hat als Anleger ein A auf dem T-Shirt kleben, ebenso wie der smarte Anteilseigner an den Banken der beiden B's im Bunde. Und auch wenn die vier nie so nebeneinander stehen, dass der Schriftzug ABBA entstünde, "Money, Money, Money" und "The Winner takes it all" singen sie doch. Und welch sexy Hüftschwünge sie da völlig unvermittelt aus der trockenen Materie heraus entwickeln!

Expertenzitate und einschlägige Musik

Der Abend lässt hin und wieder Dummheit, Gier oder hämische Freude zur Fratze erstarren und nimmt gerne den ein oder anderen Kalauer mit oder den Gag, gleich den ersten Banker der Geschichte schwyzerdütsch reden zu lassen. Er trennt sich aber auch von vielen geschwätzigen und allzu moralischen Passagen des Textes und vermengt ihn mit Expertenzitaten, einschlägiger Musik ("Money" aus Cabaret und von Pink Floyd, der "Millionär" der Prinzen....) und mehr oder weniger feine Ironie (Die-Sendung-mit-der Maus-Melodie zu Beginn!) zur spritzigen Collage. Was den Chef des Metropoltheaters angeht, kann man sich gar nicht oft genug wundern, wie genau er die Szenen timt und wie geschickt er die Stärken Einzelner zu einer Motivationsspritze für die Anderen umzubiegen versteht wie etwa die Gesangs- und Bewegungskunst des jungen Philipp Moschitz.

Ulf Schmidt dagegen ist hoch anzurechnen, dass er sich an die Erklärung eines Phänomens wagt, vor dem man allzu oft kopfschüttelnd bis wutschnaubend kapituliert. Auf dem Weg hinaus aufs Glatteis der Abstraktion nimmt er einen freundlich bei der Hand und es bleibt zumindest hängen, dass das raunende Geldgewerbe keine Geheimwissenschaft ist, sondern ein System mit nacherzählbarer Historie und klaren Interessen. Auch jenem, dies nicht zu erkennen zu geben.

 

Schuld und Schein. Ein Geldstück (UA)
von Ulf Schmidt
Regie und Bühne: Jochen Schölch, Kostüme: Cornelia Petz,Licht: Hans-Peter Boden, Dramaturgie: Katharina Schöfl.
Mit: Butz Buse, Paul Kaiser, Marc-Phllipp Kochendörfer, Philipp Moschitz, Hubert Schedlbauer.
Dauer: fast 2 Stunden, 1 Pause.

www.metropoltheater.com
www.schuldundschein.de

 

Kritikenschau

"Wo liegt der Unterschied zwischen der Erklärung im Fernsehen und der auf der Bühne?", fragt Xaver von Cranach in der Süddeutschen Zeitung (München-Ausgabe) (6.7.2013). Im Gegensatz zu den Showmastern seien sich die Schauspieler auf der Bühne bewusst, dass sie nur spielen. "So gelingt ihnen eine herrlich unterhaltsame Karikatur auf die Erklärmodelle im Abendprogramm, man lacht mindestens genauso viel wie man grübelt." Dabei habe die Karikatur auch kritisches Potenzial, werde ein Raum geschaffen, "in dem tatsächlich nach den Ursachen der Probleme geforscht werden kann". Von Cranachs Fazit: "Es ist ein Theaterabend, der den Zuschauer zunächst zum Frosch degradiert, um ihn dann als eigenständiges Subjekt wieder aufzurichten. Klingt komisch, ist aber so."

Wenn der Abend "immer wieder auch komisch im Sinne von lustig" sei, liege das zum einen am Stück von Ulf Schmidt, "das dem Kabarett näher liegt als dem Drama", so Mathias Hejny in der Abendzeitung (6.7.2013) Zum anderen "an der Inszenierung von Jochen Schölch und seinen fünf Schauspielern, die aus der globalen Geldvernichtung seit den Märchen der Brüder Lehman einen mehr als auskömmlichen Mehrwert an erwachsenenbildender Unterhaltung erwirtschaften".

Schmidt liefere im Brecht'schen Sinn eine lehrhafte Durchleuchtung der immer abgründigeren Geldwirtschaft, so Malve Gradinger im Münchner Merkur (6.7.2013). "Das könnte knochentrocken werden. Aber Schölchs fünf Darsteller jetten so wortlässig durch die fatale Entwicklung der Finanzindustrie, dass man, satirisch-heiter gebettet, die ganze Begriffswolke inhaliert."