Skandalfrei

von Christoph Fellmann

Zürich, 12. September 2013. Es ist ja kein Skandal mehr, wenn sich der Staat gegen seine Bürgerinnen und Bürger organisiert. Die Enthüllungen von Edward Snowden über die NSA haben es gezeigt. Die Kontrolle und die damit einhergehende Willkür sind akzeptiert als erweiterte Form des Networkings, das jede und jeder dieser Bürgerinnen und Bürger selber ja auch betreibt. Man könnte sagen, dass Franz Kafka vor fast 100 Jahren in seinem nicht abgeschlossenen Roman "Der Prozess" genau diesen Zusammenhang untersucht hat. Ein 30-jähriger Mann namens Josef K. gerät darin in die Mühlen einer Justiz, die sich längst bis in seine nahe Umgebung vernetzt hat, und zu helfen wäre ihm in dieser Farce nur noch durch die Freunde und Frauen seiner Gegner. Es sind auch seine Freunde und Frauen.

Perfekt angepasst

Genau genommen sind es zwei Skandale, die Kafka beschreibt: Erstens wird Josef K., obwohl nach allen verfügbaren Informationen unschuldig, angeklagt und hingerichtet. Und zweitens geht er, sich zuerst noch wehrend, bald schon mit gespenstischer Geschmeidigkeit durch die Verwinkelungen dieses Gerichts und dieses Prozesses. Nun schafft es Barbara Frey zur Saisoneröffnung am Zürcher Schauspielhaus allerdings, gleich beide Skandale auszuradieren und den Stoff einem politisch sedierten Stadttheater einzuverleiben, wie man es eigentlich nicht mehr für existent gehalten hat. Und so denkt man, als schließlich das Parkett den Applaus zu Protokoll gibt, nicht die Hausherrin habe an diesem Abend die Regie geführt, sondern Josef K. persönlich. Perfekt angepasst an all das, was seinen Untergang bedeutet.

prozess-232 560 matthias horn uAktenschrankmalaise: Vorn Markus Scheumann als Josef K. Im Schließfach: Claudius Körber (Prügler), Christian Baumbach (Willem) und Nils Kahnwald (Franz) © Matthias Horn

Denn Barbara Frey macht aus Josef K. von Beginn weg einen derart grauen Streber, dass der arme Markus Scheumann einen Abend lang vergeblich versucht, irgendjemanden für seine Figur und sein Schicksal zu interessieren. Schon klar, die Regisseurin nimmt damit nur Franz Kafka beim Wort, bei dem es ja heißt, der Prokurist werde sozusagen in sein eigenes Leben verhaftet. Doch wo dies im Roman dazu führt, dass sich Josef K. allmählich seinem Schicksal einpasst, ist es hier umgekehrt: Dieser "Prozess" kommt über eine bereits à fond bürokratische Psyche – und erscheint damit von vornherein als ihre logische Weiterung. Ist es wirklich das, was Frey mit ihrem zutiefst blassen und tranigen, natürlich notgeil in einen grauen Anzug eingelassenen Josef K. erzählen will, wie sie ihn so tonlos sprechen lässt wie die Gerichtsbeamten? Selber schuld? Genau das sei ja das Problem, hat die wunderbare Band "Ja, Panik" aus Berlin in ihrem Lied "Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit" gesungen: "Dass all unsere problems wie unsere ganz eigenen scheinen."

Aha, geisttötend

Wenn an dieser Stelle vermutet wird, die psychologische Lesart dieses Stoffes sei der politischen unterlegen, dann beweist dieser Abend zumindest nicht das Gegenteil. Er nimmt dem "Prozess" das Empörende, ohne ihm etwas zurückzugeben. Das Bühnenbild – ein eminenter Aktenschrank – gibt schon nach einer Nanosekunde sein letztes Geheimnis preis und bleibt dann noch fast zwei Stunden lang stehen. Dito das leitmotivische Schabgeräusch, das die Tätigkeit des Prokuristen (aha, geisttötend) anzeigt. Die Gerichtsfiguren sind mit ihren kabarettistischen Anwandlungen von süffisanter, aber nie existenzieller Bedrohlichkeit, die Frauenfiguren von ebensolcher Verlockung. Und geführt sind all diese Beamten und Luder so stereotyp auf bedeutungsvolle Distanz und, genau, ebensolche Nähe, dass man diesen Stil, man verzeihe den geschmeidigen Kalauer, nur beamtisch nennen kann. Immer illustriert Barbara Frey den Text mit Doppelpunkten: siehe Abbildung.

Nur, nach etwa einer Stunde hat dieses Theater dann auch vergessen, was für einen Antrag es mit dem Formular stellen wollte, das es auszufüllen gerade im Begriff ist: Und dann fällt auch Josef K. aus der Wahrnehmung der Regie und sitzt nur noch die Monologe aus, die ihm Siggi Schwientek als sein Anwalt, Klaus Brömmelmeier als Kunstapparatschik oder Nils Kahnwald als Gefängniskaplan aufsagen. Nie war der Tod eines Unschuldigen so erlösend. Doch auch das ist kein Skandal, den diese Produktion gewollt hat.


Der Prozess
nach Franz Kafka
Regie: Barbara Frey, Bühne: Bettina Meyer, Kostüme: Bettina Munzer, Licht: Rainer Küng, Dramaturgie: Christine Besier.
Mit: Christian Baumbach, Klaus Brömmelmeier, Nils Kahnwald, Claudius Körber, Dagna Litzenberger Vinet, Markus Scheumann, Siggi Schwientek.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.ch


Franz Kafkas Roman Der Prozess kommt regelmäßig auf die Bühne: etwa in Erlangen (Regie: Constanze Kreusch), in Düsseldorf (Regie: Andrej Mogutschi) und in Wuppertal (Regie: Sybille Fabian). Die Installationstheatergruppe SIGNA ließ sich 2009 von Kafkas Buch zu Hundsprozesse in Köln inspirieren.

 

Kritikenrundschau

In der Neuen Zürcher Zeitung (13.9.2013) schreibt Barbara Villiger Heilig: "Die Mehrfachbesetzung des gesamten Personals (mit Ausnahme von Josef K.) führt zu einem Déjà-vu-artigen Ineinanderverschwimmen der Individuen, vor denen es kein Entrinnen gibt. Es ist wie im Albtraum." Doch trotz der schauspielerischen Höchstleistung werde man nicht glücklich. "Barbara Freys klar fokussiertes Regiekonzept abstrahiert von der Romanvorlage, indem es deren szenischen Reichtum ganz und gar den Figuren überantwortet." Kafka aber mache das Gegenteil. Er delegiere die Innerlichkeit ans Außen.

"Es gelingt Barbara Frey an mancher Stelle, diese kafkaeske absurde Beklemmung zu inszenieren, mit surrealen Bildern wie einem fahrenden, hochgestellten Bett oder einer traurigen Prozession von gramgebeugten Angeklagten an Wägelchen mit Infusionsflaschen", meint Andreas Klaeui im SRF (13.9.2013). Sie inszeniere auch einiges an Triebleben und den zugehörigen Schuldgefühlen in dieser Albtraumwelt und lege so – "freilich auf sehr unaufdringliche, dezente Weise" – eine Deutung nahe, die den Prozess Josef K.s als eine Art Selbstgericht versteht. "Ausgehend vom letzten Satz des Romans, in dem es heisst: '…es war, als sollte die Scham ihn überleben.'" Es werde sehr deutlich: "Die Regisseurin will Kafkas verschlossenen Text nicht mit Zwang aufbrechen." Das zeitige "eine ungewollte Wirkung, Unverbindlichkeit."

"Die Regie hält, um es salopp zu formulieren, den Ball flach. Zu flach", resümiert Bettina Schulte in der Badischen Zeitung (14.9.2013). Die unheimliche Bedrohung bei Kafka, der heute die NSA-Abhörskandale entsprächen, sei in Freys Inszenierung kaum spürbar. "Sie nimmt Kafkas Text zwar den metapyhsisch-existenzialistischen Überdruck, der jahrzehntelang schwer auf ihm lastete, aber entschärft ihn zugleich, indem sie ihn auf eine recht putzige Groteske reduziert." Die Schauspieler-Gags seien zudem "weniger erheiternd als müde albern".

"Im zeitgenössischen Theater wird Kafkas subtiler Horror gern mit viel Lärm und Mummenschanz nach außen gekehrt", schreibt Martin Halter in der FAZ (16.9.2013). Bei Barbara Frey komme der Schrecken auf leisen Sohlen; "selbst die grimmige Groteske bleibt dezent und schweizerisch diskret." Freys Adventskalender des aktenmäßigen Grauens halte einige hübsche Überraschungen und schauspielerische Bravourstücke bereit. "Dieser 'Prozess' ist nah am Text, aber fast gewaltfrei und in seiner sanften Skurrilität wenig beunruhigend." Am Ende sei nichts passiert: "alles nur der böse Traum eines gestressten Bürokraten".

"Die Bühnenfassung sollte mehr sein als bloße Illustration der Romanvorlage", schreibt Klara Obermüller in der Welt (16.9.2013). "Barbara Freys Adaptation von Kafkas 'Prozess', mit der die neue Saison auf der Pfauenbühne eröffnet wurde, ist es leider nicht." Handlung und Figuren blieben blass. Laptop und Handy seien die einzigen Utensilien, die aus der Zeit fallen. "Ansonsten wirkt dieser Bankangestellte Josef K. so grau und unpersönlich wie viele seiner Berufskollegen es heute noch tun." Und es passe durchaus zu ihm, dass er sich gegen die Übergriffe auf seine Person nicht wehrt, sondern sich der gleichen Mittel zu bedienen versucht, die ihn vernichten werden – "ein Mensch, der sich im Labyrinth der Gesetze die ihn umgeben selbst verliert". Die Hinrichtung am Ende sehe man nicht, man höre sie nur, "und das ist einer der stärksten Momente der Inszenierung." Eine Inszenierung, die die Rezensentin, "wären da nicht die lasziv-verführerischen Frauenfiguren (Dagna Litzenberger Vinet) und die ins Kabarettistische überhöhten Auftritte von Siggi Schwienteks Advokat Huld und Klaus Brömmelmeiers Maler Titorelli", als "durchweg langweiligen Abend" bezeichnen würde.

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