Das Goldwyn-Mayer-Gebrüll

von Juliane Voigt

Greifswald, 29. September 2013. "Surrogates – Mein zweites Ich", das ist bekanntermaßen Hollywood-Action par excellence. In dem Film von Jonathan Mostow setzt Bruce Willis auf der Suche nach einer Superwaffe einmal mehr sein kleines Cop-Leben aufs Spiel, um das der ganzen Welt zu retten. Verfolgungsjagden, jede Menge Tote, Verwüstungen, geschrottete Autos, abgestürzte Helikopter, dramatischer Nervenkitzel. Der auf eine Graphic Novel von Robert Venditti (Text) und Brett Weldele (Zeichnungen) zurückgehende Blockbuster von 2009 lässt nichts aus, was ein Film braucht, um von dem Löwengebrüll von Goldwyn Mayer angekündigt zu werden. Das Stück zum Film hatte gestern auf der Hinterbühne im Greifswalder Haus Premiere.

"Surrogates – Mein zweites Ich" ist eine Koproduktion mit dem "Theater Handgemenge" aus Neubrandenburg bei Berlin, die seit 1990 mit Schauspielabsolventen und Puppen an großen Häusern mitmischen und mit ihren Inszenierungen herumreisen. Gefördert wurde diese Produktion durch den Fonds "Doppelpass". Das sind Mittel aus der Kulturstiftung des Bundes, vorgesehen für die Zusammenarbeit freier Gruppen und fester Theater. Intendant Dirk Löschner hat es geschafft, diesen Topf anzuzapfen. Und Vorpommern lohnt mit dieser Inszenierung von Klaus Gehre einmal mehr die Anreise. So viel steht fest nach dieser Premiere.

Verstreute Gliedmaßen

Die Bühne wird beherrscht von einem Ausstattungschaos von Klemens Kühn. Auf dem Boden liegen Puppen und Köpfe in allen Größen, auch blutige Verschandelungen derselben, Kostüme, Perücken, Requisiten. Handgewerkeltes steht herum, großer Budenzauber im Kabinett des Victor Frankenstein. Schauspieler laufen geschäftig herum, justieren noch einmal die Videokameras. Zwei ältere Damen im Publikum beschließen schon mal leise, dass sie sowieso nichts kapieren werden, aber naja, vielleicht wird es ja interessant.

surrogates1 560 mutphoto uAuf Spurensuche: die Cops Jennifer Peters (Josefine Schönbrodt) und Tom Greer (Markus Voigt) in grauen Anzügen. Links im Schatten: Schauspieler Ronny Winter © muTphoto

Was dann aber in gut eineinhalb pausenlosen Stunden passiert, ist so schlicht wie verblüffend: eine Synthese aus Theater- und Leinwanderlebnis. Surrogates – Film ab! Der Löwenkopf in der Bühnenmitte wird plötzlich lebendig und schüttelt brüllend die Mähne. Jared Canter sitzt mit einem Surrogate im Wagen. Nein, beschließen diese, keine Oper heute Abend. Stattdessen wird der Club "Four Point" angesteuert. Canter überlässt sein zweites Ich dort nächtlichen Ausschweifungen. Just als er vor der Tür mit einer weiblichen Bekanntschaft intim werden will, wird das Paar von einem Biker überrascht und grausam zerstört.

Töten kann man die Surrogates eigentlich nicht. Denn sie sind Ersatzmenschen, Roboter, die aussehen wie Menschen und von ihren Besitzern vom "Mind-Chair" zu Hause aus gesteuert werden, ohne dass diese sich dafür vor die Tür bewegen müssen. Nur dieses Mal ist alles anders: Mit seinem Avatar stirbt auch der echte "Operator" Canter – und der Krimi hebt an.

Barbie-Dialoge und andere Projektionsflächen

Bis allein nur dieses Intro auf der Bühne passiert ist und die Ermittler Tom Greer und Jennifer Peters die Spur aufnehmen, sind zwei dem Barbie-Paradies entliehene Kens hinter einem Spielzeug-Steuer in Konversation vertieft, klappt bei einem Motorradhelm unter Einsatz bedrohlicher Soundeffekte das Visier herunter, die Superwaffe (eine Art Tauchsieder) wird hervorgeholt, es blitzt und kracht, Barbie und Ken liegen derangiert herum und die Ermittler kommen ganz menschlich authentisch und ebenso ratlos ins Bild.

Die ganze punktgenaue Bastelei, der Wechsel zwischen Puppenspielmomenten und Aktionen der Schauspieler – all das fügt sich übergroß auf einer Gaze-Wand zum abendfüllenden, spannenden Filmwerk, das aus unendlich vielen kleinen Sequenzen über Video live zusammengemixt wird. Es kommt zu einer famosen sound- und musikmächtigen Überlagerung von Theater und Film. Denn die Gaze-Wand ist zugleich die osmotische Grenze zwischen den Surrogates und den richtigen Menschen, die als "Operator" in ihren "Mind-Chairs" hinter der Wand, auf der Weite der Hauptbühne vor dem leerem Auditorium des großen Saals, Platz nehmen.

surrogates3 560 mutphoto uUnter Avataren: Links Stefan Wey mit der Surrogate-Puppe von Canter, rechts Markus Voigt aus Fleisch und Blut © muTphoto

Die Schauspieler wechseln unermüdlich, spielen miteinander oder mit Puppen, Bildern oder Körperteilen, Plastikautos, Hubschraubern und Requisiten, die vor den Kameras bewegt, zerstört, in Schutt und Asche gelegt werden – Yippie-Ya-Yeah Schweinebacke! Auch Regen rinnt depressiv über das Pflaster. Der Film auf dieser Bühne hat das Zeug zum wirklichen Kassenschlager. Timing? Das ist hier neu erfunden worden.

"Surrogates – mein zweites Ich" wirkt über den Film hinaus auch von Computerspielen wie "Second Life" inspiriert und von den Fragen nach der fragilen Konstitution von Selbst und Rolle, die solche sozialen Netzwerk-Spiele aufwerfen. Aber es ist zugleich ein Abend über das Theater und über die Handwerklichkeit, mit der es seine ureigenen Illusionen kreiert, mit der es erlaubt, sekundenschnell zwischen diversen Wirklichkeitsebenen zu wechseln. Die Story wird dabei so dicht und perfekt gestrickt, dass sich zwischendurch völlig auflöst, mit welchen Mitteln sie erzählt wird. Das Chaos ist einmal mehr die Basis der perfekten Ordnung. Man muss es nur beherrschen. Eine grandiose Teamleistung aller Mitspieler auf dieser Bühne.

 

Surrogates – Mein zweites Ich
Nach dem Film von Jonathan Mostow und dem Comic von Robert Venditti (Text) und Brett Weldele (Zeichnungen)
Inszenierung: Klaus Gehre, Musik und musikalische Leitung: Michael Lohmann, Dramaturgie: Sascha Löschner, Ausstattung: Klemens Kühn.
Mit: Peter Müller, Josefine Schönbrodt, Markus Voigt, Stefan Wey, Ronny Winter, Annette Wurbs.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theater-vorpommern.de

 

Mehr raffinierte Live-Filmtechnik auf der Bühne: Die Engländerin Katie Mitchell zelebriert in regelmäßig kühlen filmischen Realismus, zuletzt etwa in Die gelbe Tapete an der Berliner Schaubühne. Bei Frank Castorf wuseln die Kameramänner eher durch hitziges Expressivität, so in Die Wirtin an der Berliner Volksbühne. Über andere Live-Videostücke von Klaus Gehre, etwa Komm, süßer Tod nach Wolf Haas in Frankfurt, lesen Sie in seinem Lexikon-Eintrag.


Kritikenrundschau

"Gut gebrüllt, Löwe!", ruft Anke Lübbert in der Ostseezeitung (1.10.2013). Obgleich die Handlung des Films "mittelmäßig tiefsinnig" sei und nur mit Blick auf Distanzmedien wie Google Earth und Facebook ihre "Berechtigung" habe, werde die Bühnenadaption zum "großen Theatervergnügen". Das liege "an der rasanten und witzigen Umsetzung mit Werkstattcharakter". Regisseur Klaus Gehre lasse "seine Schauspieler im Handumdrehen einen Film auf die Leinwand projizieren, mit Taschenlampen Autorücklichter auf den Puppengesichtern reflektieren und auf Spielzeughubschraubern fliegen." Dabei werde auf mehreren Ebenen agiert: "Die Schauspieler auf der Bühne spielen Schauspieler, die ein Stück inszenieren. Die Surrogates spielen ihre Operators."

 
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