Die Slapstickformel

von Christoph Fellmann

Zürich, 19. Oktober 2013. Er schaffe im Theater den Sinn ab, damit er in Ruhe sterben könne. Das hat Herbert Fritsch früher in diesem Jahr in einem Interview mit der Berliner Zeitung gesagt. Da klingt es wie eine Fügung des Weltspielplans, dass der Regisseur am Schauspielhaus in Zürich nun auf Friedrich Dürrenmatt trifft. Genauer, auf die "Physiker", 1962 an gleicher Stelle uraufgeführt. Da versteckt sich Möbius (Milian Zerzawy) in einem Irrenhaus, auf dass die von ihm gefundene Weltformel nicht dem Sinn, dem Krieg und der allgemeinen Habgier anheimfalle. Er wolle das Eintrittsgeld zurück, rief Fritsch im gleichen Gespräch, für all die Abende, "an denen mir irgendwelche Fundamentalisten und Fanatiker, irgendwelche verhinderten Oberlehrer und Schwachmaten die Welt erklärt haben".

"Ist das noch Max Frisch?"

Nun versteckt sich Herbert Fritsch allerdings im Theater vor dem Theater, und da liegt es nahe, die Wahrheit durch die Wahrheit zu vertuschen. Also spiegelt Fritsch das plüschige Parkett der Pfauenbühne mit einer grell-grünen Gummizelle und lässt darin einen Feuerwehrmann (Benedict Fellmer) auftreten, der zur Belustigung der herbeigeströmten Insassen sehr komisch mit dem falschen Feuervorhang kämpft. Nur in einem besonderen Moment bricht eine wahrhaftige Not aus ihm heraus, und er stellt stellvertretend die bange Frage: "Ist das noch Max Frisch?"

diephysiker2 560 tanjadorendorf tt fotografie uHundert Wege aus der Gummizelle: Milian Zerzawy als Möbius (in violetter Hose) und die
Zürcher Kletterkünstler © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Dabei bringt Fritsch seine "Physiker" doch recht texttreu auf die Bühne. Nur ersetzt er, wie angedeutet, den Sinn sehr konsequent durch Spaß. Kaum zufällig erinnert die irre Sanatoriumsleiterin Zahnd (Corinna Harfouch) mit ihrer Frisur an Elfriede Jelinek, eine der großen politischen Theaterautorinnen unserer Zeit. Der radioaktive Fall-out von Hiroshima oder Fukushima jedenfalls, der über Dürrenmatts gestrenger Parabel auf die Verantwortung der Wissenschaft niedergeht, verduftet hier schon in der ersten Szene im pantomimisch dargestellten Zigarettenrauch. Wenn die Welt aussieht, als sei sie irr, sagte Dürrenmatt, dann hat das seinen ganz vernünftigen Grund. Und wenn das Theater aussieht, als sei es ein Kalauer, sagt Fritsch (nicht Frisch), dann hat auch das seine Ordnung.

diephysiker4 280h tanjadorendorf tt fotografie uElfriede Jelinek auf Speed? Nein, Corinna
Harfouch! © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Akrobatik und Flugshow

Der Weg zur Selbsterkenntnis führt über den Slapstick. Bis in die wie gewohnt hübsch choreografierte Applausordnung lässt Fritsch seinen volkstheaterhaften Stil spielen, der derb und grob alles vergrößert, was gesagt wird, bloß dass das hier alles nochmals derber und größer ist, und dabei natürlich höchst virtuos und präzis: Das Ensemble zeigt eine Parforce-Tour. Sie ist Akrobatik und Flugshow, Pantomime und Turnerabend. Klar klemmen laufend Finger in Türen, die nicht aufgehen, und stehen sich die Irrenhäusler hochnotkomisch auf ihren Zwangsjackenärmeln rum. Zur Autopsie der ermordeten Pflegerinnen reicht dem Kriminalinspektor (Jean-Pierre Cornu) ein Blick in deren Schoß. Und ein Higgs ist das kleinste bekannte Teilchen eines Schluckaufs. Weiter gibt es eine Luftpenismassage, ein ekstatisches Blockflöten-, pardon: Blödflocken-Trio, und nach hundert Minuten hat man mindestens auch hundert Varianten gesehen, über die Wand einer Gummizelle zu klettern.

Das ist manchmal lustig und manchmal doof, hat aber insgesamt ein ernstes Problem: Die Komik hat an diesem Abend keinen Widerstand. Es gibt bei Dürrenmatt nun mal keine Psychologie und keinen Sinn, der zu exorzieren wäre. Es gibt nur eine Versuchsanordnung, durch die er Menschenteilchen schießt. Beim Aufprall entsteht Komik. Und die ist es, die Herbert Fritsch nimmt und nochmals in irrem Tempo durch die Anlage jagt. Von einem Aufprall ist nicht zu berichten.


Die Physiker
von Friedrich Dürrenmatt
Regie und Bühne: Herbert Fritsch, Kostüme: Victoria Behr, Licht: Ginster Eheberg, Dramaturgie: Sabrina Zwach.
Mit: Corinna Harfouch, Wolfram Koch, Gottfried Breitfuss, Milian Zerzawy, Jean-Pierre Cornu, Friederike Wagner, Jan Bluthardt, Miriam Maertens, Julia Kreusch, Susanne-Marie Wrage, Joel Eggimann, Michel Stuber, Benedict Fellmer, Marc Baumann, Leandro Bärlocher, Cyrill Birchler, Alex Eastman, Leo Thomas.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.ch



Mehr neuere Nachtkritiken zu Friedrich Dürrenmatt: Die Ehe des Herrn Mississippi lief im April 2013 am Hamburger Thalia Theater, sein Klassiker Der Besuch der alten Dame 2012 in Braunschweig und in Schwerin. In Zürich sah man 2012 Das Versprechen.

 

Kritikenrundschau

Der "Generation Youtube", die sich "durch Videos von gleichaltrigen Selbstdarstellern" samt "Grimassen, Verrenkungen und kraftmeierischen Unflätigkeiten diverser Art" klicke, habe Herbert Fritsch nun eine Aufführung beschert: "Ein Affentheater! Schrill und grell, wie es das Label Fritsch verlangt", schreibt Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (21.10.2013). "Dürrenmatts hochkonstruiertes, wenn auch nicht eigentlich sinnfreies Parabel-Paradox" diene Fritsch "einzig und allein als Trampolin für seine Akrobaten." Schon beim Zuschauen werde einem "schwindlig; und ob all dieser Physis wird der Geist müde und matt."

Fritsch inszeniere Dürrenmatt "erstaunlich textgetreu, sieht man einmal von einigen Freudschen Versprechern auf Kosten des Bildungsbürgertums ab", befindet Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen (21.10.2013). Dürrenmatts Text sei "für Fritsch Partitur, Trampolin und Klettergerüst für allerlei Kopfstände und sprachliche Purzelbäume", der Regisseur jage den Autor "so lange durch die Nebelkammern und Teilchenbeschleuniger seiner hochtourigen Farce, bis ihm die Hicks- und Higgs-Teilchen glucksend um die Ohren fliegen." Er bringe "den 'Mut zum letzten Übermut' auf, den Friedrich Luft 1962 vermisste, aber er rennt mit Mummenschanz und Tourette-Gekasper nur offene Türen ein."

Herbert Fritsch habe sich "mit dieser Inszenierung selbst übertroffen", meint Alexandra Kedves im Tages-Anzeiger (21.10.2013). "Er hat sein Anti-Schlaumeier-Theater, sein Pro-Schaurausch-Theater mit grosser, ja gargantuesker Kelle angerichtet; er hat jede Sinnsuche mit Sinnlichkeit ausgebootet – und das bei einem Stück, das seine Botschaft so klar vor sich herträgt wie kaum eins." Das Ensemble agiere dabei "schlichtweg hinreissend", wobei Wolfram Koch "beinah so etwas wie der Primus inter Pares in diesem Schauspielerfest" sei: "Sein Faible für knallharte Komik ist kaum zu toppen."

"Ist es besonders intelligent oder originell, ein Stück, das im Irrenhaus spielt, völlig irre zu inszenieren?" fragt sich Christian Gampert auf der Website des Deutschlandfunks (20.10.2013) und findet das wohl nur "mäßig interessant". Fritsch bemühe "sich nach Kräften, Dürrenmatts Dramentheorie gerecht zu werden – nach der der Zufall Regie führt und der Theaterabend die schlimmstmögliche Wendung zu nehmen habe." Diese Forderungen würden "vorbildlich erfüllt: Keine Pointe wird ausgelassen. Rein sprachlich heißt das, zum Beispiel, dass aus dem Planeten Uranus der Ur-anus wird. Und körperlich, dass das Publikum mit Veitstänzen beglückt wird und mit persiflierter Sexualität, die sich in Geröchel und aufgeklappten Schenkeln äußert."

So turbulent sich die Inszenierung auch gebe, die Zeichen, die Regisseur Herbert Fritsch aussendet, weisen aus Sicht von Peter Kümmel in der Zeit (24.10.2013) zum Horrorfilm: "Es sind nicht Akrobaten, Clowns, Kaskadeure, die sich da verausgaben, sondern Untote". Gezeigt werde die Welt nach ihrem Ende. In Dürrenmatts Stück werde gesagt, was einmal gedacht worden sei, könne nicht mehr zurückgenommen werden, "und so hält es Fritsch in seiner Inszenierung: Seine Figuren haben die Vernichtung gedacht, also sind sie selber der Vernichtung anheimgefallen."

"Diese intelligente Respektlosigkeit ist vielleicht das Beste, was Dürrenmatts Holzschnitt-Parabel passieren konnte", schwärmt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (25.10.2013). Fritschs Inszenierung beschleunige Dürrenmatts klappernde Komödienmaschine und entkerne sie gleichzeitig von der didaktischen Thesenhaftigkeit. So löse sich Dürrenmatts Parabel "in Equilibristik mit beeindruckenden artistischen Einlagen auf. Die Figuren werden zu Knallchargen - aber weil wir bei Fritsch sind, knallt es dann wenigstens richtig."

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