Aus dem Leben einer Alpenrose

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 22. Oktober 2013. Es war einmal ein Mädchen. Das war so wild und ungestüm wie die Stiere seines Vaters. Es raubte dem Geier sein Junges aus seinem Nest, es stand am Abgrund wie eine Alpenrose und war frei von Schwindel. Es war das schönste und reichste Mädchen von ganz Tirol. Doch es verlor sein Herz an den Stärksten der Männer, an Joseph, den Meisterjäger und Bärenbezwinger. Und so bezwang er auch sie.

Der Widerspenstigen Zähmung in Tirol

Kein Zweifel, es ist ein Märchen aus uralten Tagen, das uns hier erzählt wird. Archaische Kräfte und das Recht des Stärkeren wirken in "Die Geierwally", jener schaurig-schöne Heimatromanze von Wilhelmine von Hillern aus dem Jahr 1875, inspiriert von der Geschichte des Bauernmädchens Anna Knittel aus dem Lechtal, das dem Adler seine Jungen aus dem Nest stahl, um das Vieh seiner Eltern zu schützen.

Diese ländliche Variation von "Der Widerspenstigen Zähmung" vor pittoresker Alpenkulisse, die es seit dem Erscheinen des Romans zu zahlreichen Theaterinszenierungen, einer Opernfassung und sechs Kino- und Fernsehfilmen gebracht hat, diesen Schmachtfetzen also, der als Emanzipationsgeschichte einer wilden Landgöre verkauft wurde, hat nun Johanna Wehner in der Box des Schauspiels Frankfurt inszeniert. Seit dieser Spielzeit wird die warme Schuhschachtel im Theaterfoyer ausschließlich von den drei Jungregisseuren des frisch gegründeten Regiestudios bespielt, die sich hier ein Jahr lang im gesicherten Rahmen erproben sollen.

geierwally2 560 karolin back xTorben Kessler, Heidi Ecks und Daniel Rothaug als Chor der Bergwelt grüßen die Geierwally (Constanze Becker) © Karolin Back

In der Box sitzt man an der Breitseite, die schmale Bühne wird zum Querformat. Eine Spieluhr tönt, Paletten pflastern den Boden, in ihnen steckt schräg ein Küchentisch. Anstelle eines Bergpanoramas schließt die Bühne ein flächendeckender Blümchenvorhang ab, immerhin, er ist blau wie die Berge und wie der Himmel, an den ihre Eisspitzen kratzen. Über ihn drüber schaut der Kopf der Geierwally. Sie steht erhaben auf einem Treppenabsatz hinter dem Vorhang, nicht von dieser Welt und eben schwindelfrei. Constanze Becker hat ein Zopfrund auf dem Kopf und zerkaut die Silben mit bewährter Bedächtigkeit – Worte schmeckend, Bedeutung wägend. Sie ist ein klarsehendes, rotziges Mädchen, das sich gegenüber dem herzlosen Vater aufbäumt, sie ist eine rehäugige Sehnende, die in der Ödnis des Berges Josephs Stimme zu hören meint.

Exil in den Bergen

Denn dies ist die Mär, die hier erzählt wird: Johanna Wehner und ihre Dramaturgin Rebecca Lang lassen die Vorgeschichte der Geierwally aus. Der Vater hat sie schon auf den Berg verstoßen, weil sie Vinzenz nicht heiraten will und überhaupt immer nur das Gegenteil von dem macht, was ein vernünftiger Christenmensch tut. So sitzt sie nun auf dem Berg, hütet die Herden, gemeinsam mit dem zahmen Geier Hans, den sie einst aus seinem Nest holte.

geierwally3 280 karolin back xConstanze Becker ist die Geierwally
© Karolin Back
Sie ist eine Exilantin wider Willen, und doch räumt ihr das einsame Dasein eine Freiheit ein, die sie zuvor nicht kannte: Sie lebt nicht mehr unter den Blicken der Anderen, muss nur noch vor den Naturgewalten bestehen. Ihr Gegenspieler, der sie zurückholen will in die Gesellschaft, der droht und lockt, ist ein dreiköpfiger Chor, der sich immer wieder in Einzelstimmen aufspaltet: Heidi Ecks, die mit ihrer Singsangstimme mal den Vater, mal die Magd Luckard mimt, Torben Kessler, der den geliebten Joseph ebenso verkörpert wie den verachteten Vinzenz, und Daniel Rothaug, der unter anderem die Magd Afra spielt. Scherenschnittartig sind diese Figuren, dunkel stehen sie vor von Hillerns lyrisch klingender Kulisse.

Alpenmär im Loop

Die Textvorlage haben Wehner und Lang in zeitgenössisch tönende Brocken zerlegt, in wiederkehrende Motive, die wie Loops aneinandergereiht und neu gemixt werden – die Anrufung des Berges etwa, Vinzenz' Aufforderung zum Tanz und Wallys trockene Antwort, "Mir wär's grad zum Tanzen." Und wie die Anmerkung, "hier unten" würden die Bergleute doch immer nur dieselben Geschichten erzählt, wieder und wieder, um sie sich einzuverleiben, auf dass sie einem ganz gehören. Eine solche Einverleibung, ein solches Wiederkäuen, musikalisch, kurzweilig und präzise, ist natürlich auch diese Inszenierung. Nur das Happy End, das wird verweigert: Der Joseph bezwingt Wally beim Tanz und geht ab, hämisch höhnend.

Es war einmal ein Märchen. Das war alt und schal, kein Hahn krähte mehr danach. Doch wenn es dunkelte, wenn die Nächte länger wurden, da holte man es gern wieder hervor, erschauerte kurz an ihm, hielt die fröstelnden Finger an die Flamme der Gegenwart und dachte: Was es doch für ein Segen ist, im 21. Jahrhundert zu leben.

Die Geierwally
nach Wilhelmine von Hillern
Für die Bühne bearbeitet von Johanna Wehner und Rebecca Lang
Regie: Johanna Wehner, Bühne und Kostüme: Hannes Hartmann, Musik: Felix Johannes Lange, Dramaturgie: Rebecca Lang.
Mit: Constanze Becker, Heidi Ecks, Torben Kessler, Daniel Rothaug.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

Kritikenschau

Constanze Becker gebe der Geierwally "ein scharfes, trauriges Gesicht, aber auch eine stille Stärke und Lakonie", so Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau (24.10.2013). Die Frankfurter Fassung konzentriere sich auf die Dunkelheiten des Romans.

Nach den Heimatschmonzetten in Kino und Fernsehen nähme das Frankfurter Team den Roman wieder ernst, schreibt Claudia Schülke in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (24.10.2013), "ernster als die Verfasserin selbst". Mit "höchster Präsenz und äußerster Reduktion der mimischen Mittel" gelinge es Becker, den "Weg in die uneinholbare Einsamkeit ihres Stolzes nachzugehen".

Das mehrfach beschäftigte Team zeige durchaus "eine komödiantische Spielweise, albern ist das aber eben nicht, Momente der Komik bleiben milde", findet Stefan Michalzik in der Offenbachpost (24.10.2013). Und La Becker, die "Trumphkarte des Frankfurter Schauspiels"? "Sie ist ein Kraftwerk des stummen Blicks, er scheint Dinge zu erfassen, aufzunehmen und wie ein Spiegel innerer Vorgänge zurückzugeben. Gleich wie die Figuren von Constanze Becker gemartert werden, das Bewusstsein wahrt die Oberhand, sie scheint selbst noch über den Dingen zu stehen, denen sie nicht entkommt. Phänomenal."

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