Mörderischer Wahnsinn mit Musik

von Petra Hallmayer

München, 21. November 2013. Auf der Bühne des Volkstheaters türmen sich Berge kohlschwarzer Kleider, die an die Toten erinnern. "Hier zu diesem Zeitpunkt! - Theaterspielen! Ich finde das schamlos!", ruft Kruk aus. Ja, denkt man unwillkürlich, er hat Recht. Allein an diesem Ort des Grauens haben unsere Begriffe von Recht und Unrecht ihre Gültigkeit verloren. Wenn der Zionist Gens (Johannes Meier) beschließt, im Ghetto von Wilna ein Theater zu eröffnen, dann hat er dafür ebenso gute Gründe wie der Sozialist Kruk (Sohel Altan G.)  für seine Empörung.

Diffiziler Balanceakt

Mit dem Stück "Ghetto" beging der israelische Dramatiker Joshua Sobol 1984 einen Tabubruch. Seine von den Nazis eingeriegelten Ghettobewohner sind keine solidarische Leidensgemeinschaft, sondern starke und schwache Menschen, Widerstandskämpfer, Kollaborateure und Profiteure. Allein: Wiederholt erhobene Bedenken, das Stück ließe sich zur Exkulpation der Täter missbrauchen, sind müßig. Wer dies tut, wird für seine abstrusen Thesen immer Argumente finden. Sobols Text wehrt sich gegen das perfide Erbe des Holocausts, das es den Juden aufbürdet, als Opfer die besseren Menschen sein zu müssen.

ghetto2 560 arnodeclair uKohlschwarze Kleider auf der Bühne von "Ghetto" © Arno Declair

"Ghetto" auf eine deutsche Bühne zu bringen, ist nach wie vor ein Wagnis. Zumal wenn man nicht über eine so traumhafte Besetzung verfügt wie dereinst Peter Zadek in seiner legendären Musical-Version. Zur Verstärkung seines jungen Ensembles hat Christian Stückl den ehemaligen Dieter-Dorn-Schauspieler Robert Joseph Bartl ans Volkstheater geholt, der als Puppenspieler, Regisseur und Erzähler auftritt. Sobols wilde Mischung aus erschütternden Szenen, gallenbitterer Komik, Klischees, Liedernummern, jüdischer Folklore und einer Fülle an Diskursthemen zu inszenieren, verlangt einen äußerst diffizilen Balanceakt. Der gelingt zu Beginn auch dank des herausragenden Bartl als traurigem Clown mit einer furchtlos frechen Klappmaulpuppe.

Fragen, die keine eindeutigen Antworten erlauben

In einem Reigen gespenstischer Szenen mit Klezmer-Musik-Einlagen begegnen wir typenhaft gezeichneten Figuren, von denen eine jede auf ihre Weise auf den mörderischen Wahnsinn reagiert: dem Ghetto-Polizeichef Gens, dem unbeugsamen Kruk, der Sängerin Chaja mit dem strahlenden Mädchenlächeln, die sich schließlich den Partisanen anschließt, dem schamlos geldgierigen Weisskopf, der davon träumt, sich durch seine Geschäftstüchtigkeit für die Deutschen unentbehrlich zu machen. Sie alle sind der zynischen Tyrannei des SS-Offiziers Kittel ausgeliefert, ein nonchalanter Sadist, der jüdischen Humor, Jazz und Gershwin liebt – und ein gnadenloser Killer ist.

ghetto1h 280 arnodeclair uRobert Joseph Bartl mit Puppe © Arno DeclairDas faschistische Terrorregime zwingt den Opfern seine Logik auf, stellt sie vor entsetzliche Entscheidungen. Kann es gerechtfertigt sein, einige in den Tod zu schicken, um andere davor zu bewahren? "Ghetto" verhandelt Fragen, die keine eindeutigen Antworten erlauben.

Die ambivalenteste und schillerndste Figur ist Jakob Gens, der autoritär für die kollektive kulturelle Identität der Juden im Ghetto kämpft, nicht immun ist gegen die Verführungen der Macht, ein subversiver Kollaborateur, der mit den Nazis fraternisiert und seine Hände mit Blut besudelt, um Leben zu retten. Der Rolle ist der junge Johannes Meier nicht völlig gewachsen, dessen Gens in seinen verstörenden Widersprüchen zu blass bleibt.

Womit wir bei einem der Probleme der Inszenierung wären. Pascal Fligg als Kittel möchte mit sardonischem Lächeln und diabolisch blitzenden Augen allzu sehr brillieren, überzeichnet die lachhaften Züge des SS-Mannes. Leon Pfannenmüller gibt einen bubenhaft quirlig-agilen Weisskopf. Über die ganz großen Schauspieler, die dieses Stück benötigt, verfügt das Volkstheater nicht.

Grausame Wucht

Dennoch entwickelt der Abend immer wieder eine grausame Wucht. Wir sehen zum Heulen gruselige Szenen, wenn etwa Gens mit Kittel um die Anzahl der zu Liquidierenden feilscht oder als Ordnungshüter den Juden verkündet, dass sie vor nichts Angst zu haben brauchen, solange sie sich nicht wehren. Es gibt tief berührende Momente, wenn etwa Chaja (Magdalena Wiedenhofer) gegen ihre Verzweiflung ansingt, schmerzlich schöne jiddische Lieder.

Stückl vermeidet Grellheiten eher, verzichtet auf die Huren bei der makaberen Festorgie, nimmt die Groteske zurück. Dabei rutscht die Aufführung mitunter ins Lehrtheaterhafte. Gegen Ende versucht er noch einmal schrillere Töne anzuschlagen, präsentiert als Ghettotheater-Vorstellung eine etwas unbeholfen wirkende Hitler- und Antisemitismusparodie. So eindringlich seine Inszenierung passagenweise ist, eine rundum überzeugende Form für den schwierigen Text findet er nicht.

 

Ghetto
von Joshua Sobol
Deutsch von Jürgen Landek. In der Einrichtung von Peter Zadek und Gottfried Greifenhagen
Regie: Christian Stückl, Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier, Musik: Levantino.
Mit: Robert Joseph Bartl, Pascal Fligg, Johannes Meier, Leon Pfannenmüller, Magdalena Wiedenhofer, Sohel Altan G., Ercan Karaçaylı, Benedikt Geisenhof, Martin Schuster. Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.muenchner-volkstheater.de

 

Kritikenrundschau

"So schockeffektiv grell Zadeks massenmörderische Show-Biz-Revue damals gewesen sein mag – die viel ruhigere Gangart, mit der Christian Stückl das Drama nun am Münchner Volkstheater zeigt, hat schon auch ihren Reiz", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (23.11.2013). Man merkt, wie sehr Stückl "das Thema am Herzen liegt (…). Feinfühligkeit, Überlegtheit, Empathie und ein sorgsam durchdachter Umgang mit dem Text kennzeichnen diese Inszenierung, ohne dass das je in Gefühlsduselei oder allzu brave Korrektheit kippen würde, allenfalls bricht manchmal die Didaktik durch."

 

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