Die Entschlossenheitsqueen

von Anne Peter

Berlin, 22. November 2013. Was war das für eine Genugtuung, als Tarantinos Django schließlich die ganze Sklavenhalterhorde zum Teufel ballerte. Oder als die "Inglourious Basterds" das mit Nazis vollgestopfte Kino samt Hitler himself abfackelten. Rache ist das Prinzip, das alle Helden der letzten Tarantino-Filme antreibt. Dabei kann sie auf kollektive Großschadenfreude beim Publikum zählen. Weil sie in der Fiktion stattfindet, können wir unseren niederen Instinkten so schön folgenlos nachgeben. Es sage jedenfalls keiner, die gute alte Rache sei heute nicht mehr salonfähig.

Nachdem Stefan Pucher kürzlich Nina Hoss als Hedda Gabler videobildgesättigt mit der Todgeweihten-Coolness einer Westernheldin ausgestattet hatte, hätte es nicht verwundert, wenn er der antiken Racheideologin Elektra etwa einen Uma-Thurman-Look verpasst hätte. Aber nein, Pucher, immer noch unangefochtener Top-Vertreter der Kategorie "Popregisseur", hat mit seiner Inszenierung des Sophokles-Dramas am Deutschen Theater nicht etwa eine Ersatzdroge für den von Fans erhofften, aber nie realisierten dritten Teil von "Kill Bill" geschaffen.

Würdediva und Rumpelstilzchen

Auf der steil nach hinten ansteigenden Showtreppe von Pucher-Stammbühnenbildnerin Barbara Ehnes stolzieren hingegen in fedrig schwingenden Paradiesvogel-Tanzkleidern (Kostüme: Annabelle Witt) jene einher, die Mittänzer in der verlogen-heilen Scheinwelt von Klytaimnestra und ihrem Lover und Gattenmitmörder Aigisthos sind. Sie würden die vor 20 Jahren am Troja-Veteranen Agamemnon verübten Gräuel am liebsten ein für allemal vom Erinnerungsparkett wischen. Allein Elektra lässt sie nicht, beklagt den Mord am Vater immer und immer wieder.elektra4 560 arno declair hDie Sarkastische und die Entschlossene: Susanne Wolff und Katharina Marie Schubert
als Klytaimnestra und Elektra © Arno Declair

Als Outsiderin und Entschlossenheitsqueen hat sie als einzige (die) Hosen an und trägt dazu Frack und zerzausten Kurzhaarschopf – Männerkluft für die Möchtegernmörderin. Doch muss sie, um ihre kill bill abzuarbeiten, auf Orest warten (so will es das antike Frauenbild) und wird dabei kurz gehalten am Hof der Mutter, während die anpasslerische Schwester Chrysothemis (Tabea Bettin als affektierte Tussi) am Luxusleben teilhat.

DT-Virtuosin Katharina Marie Schubert spannt ihre Elektra zwischen kinnreckender Unerbittlichkeit und ironisierendem Galgenhumor auf, zwischen Würdediva und Rumpelstilzchen, aber immer so, dass sie in ihrem Racheansinnen nachvollziehbar bleibt. Susanne Wolff ist eine grandios sarkastische, keineswegs nur böse Klytaimnestra mit hochgetürmtem Haar, die mit ihrem herausgekrächzten "Vater" (das Agamemnon meint) wohl jeden Verächtlichkeitswettbewerb gewinnen würde. Dann wieder spielt sie mit hohem Glaubwürdigkeitsfaktor die Schreckstarre, in die sie die Nachricht vom Tod des Sohnes stürzt, bevor sie diesen als glückliche Fügung belacht. Felix Goesers Orest ginge mit Langhaarperücke und dunkel umschminkten Augen glatt als gealtertes Kurt-Cobain-Double durch, ist aber doch eher ein schlaffer Depressivo, der seiner Schwester erst handgreiflich in die Rede fährt, sich zur Tat dann aber nur widerwillig hinschleppt.

Traumatische Bilder des Unvergessenen

Die Sophokles-Verse (in der Übersetzung von Peter Krumme) sprechen sie alle mit fast alltäglicher Geschmeidigkeit, beamen den Text in die Gegenwart und schubsen ihn – wann immer es sich anbietet – für Momente ins Komische. Das Publikum goutiert es, kein Mangel an comic relief. Chris Kondeks dunkel leuchtende Videobilder liefern Rückblenden auf die vom Blutrausch der Mutter verschreckten Atridenkinder und malen traumatische Bilder des Unvergessenen, das Elektra immer wieder vor ihrem geistigen Auge heraufbeschwört: blutumspritzte Axtschläge ins Vaterbild.

Einmal vertanzt Schuberts Elektra ihre Einsamkeitsqualen rockstarreif zur Selbstzerstörer-Pose, knallt gegen die Wand und schlittert über den Boden. Später, auf dem Höhepunkt ihrer Verzweiflung, schrammelt sie hart über Gitarren-Saiten, während Anita Vulesica als stimmmächtige Chorführerin von den ausbleibenden Blitzen des Zeus singt. Alle Beteiligten auf dieser Bühne ziehen nicht zuletzt wirkungsbewusst eine Show ab, um ihre Argumente – und beide Seiten haben gute! – an den Mann zu bringen. Sie buhlen rhetorisch um unsere Gunst wie die Turniertänzer um die Noten der Wertungsrichter. Mit der von Sophokles als unentscheidbar entfalteten Schuldfrage ist es auch Pucher durchaus ernst.

Racheprinzip mit Glamourglanz

Die Musik spielt wie stets bei Pucher eine tragende Rolle: Elektronisch kühler Pling-Plong leitet A-capella-Chorpassagen ein, zum Botenbericht von Orests vermeintlichem Wagenrennentod klampft die E-Gitarre. Mal wird Sophokles-Text gesungen, mal ins Englische geswitcht, mal kurz die Pucher-Jukebox angeworfen ("Death to everyone is gonna come"). Pucher bestäubt so das Racheprinzip mit verführerischem Glamourglanz und setzt die Rächerin auch als (kaputten) Star in Szene. Das ist nicht ganz konsequent durchgeführt (die Auftritte bleiben zu dezent, die Playlist zu kurz), aber schlüssig gedacht.

Dieses Bild wird in der Schlussszene – wenn die Morde an Klytaimnestra und Aigisthos verübt sind – allerdings dekonstruiert. Der übriggebliebene Rest singt in schönster Happy-End-Manier "Home Is Where You're Happy" von Charles Manson – auch so ein Mörder, den eine Art Kultaura umweht. "So burn all your bridges / Leave your whole life behind". Elektra trägt jetzt ebenfalls Bausch-und-Schwingkleid. Wird auch sie jetzt mit dem Vergessen-Wollen beginnen? Für Brückenabbruch und Neuanfang spricht jedenfalls nichts.

 

Elektra
von Sophokles
Deutsch von Peter Krumme
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Annabelle Witt, Musik: Christopher Uhe, Video: Chris Kondek, Licht: Matthias Vogel, Ton: Matthias Lunow, Dramaturgie: Claus Caesar.
Mit: Katharina Marie Schubert, Susanne Wolff, Anita Vulesica, Tabea Bettin, Felix Goeser, Michael Schweighöfer, Andreas Döhler; Musiker: Masha Qrella, Michael Mühlhaus; im Video: Damian Fink, Karolin Wiegers.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

Schon bei Sophokles gehe es "um eine Gesellschaft, die sich in die Verdrängung und den Hedonismus flüchtet, und Pucher bringt dies so schlicht wie sinnvoll auf den Punkt, indem er die Artriden-Frauen Kleider im nostalgischen Revue- und Standardtanzturnier-Stil tragen lässt", so André Mumot auf dradio.de (Fazit, 22.11.2013). Elektra falle hier "auch aus der Geschlechterrolle" und suche "ein neues Klischeebild für sich (...): den blutdürstigen, maskulinen Rächer". Der Aufführung gehe es "vor allem um die Vermittlung der raffiniert argumentierenden Sophokles-Rhetorik" mit Schubert als "fulminantem Diskussionsmittelpunkt". Wie alle Darsteller dieses Abends gestatte sie sich "anfangs noch einiges an Melodramen-Parodie, an ironischer Brechung, nur um schließlich in eine hoch sensible Gefühligkeit zu verfallen, die tief ergreift". Puchers Konzept gehe "großartig auf", die "ungebrochene gedankliche Herausforderung" des Stücks (Terror vs. Anpassung) werde in seiner "sanfter Pop-Revue, mit beschwingter Schönheit und subtiler Bösartigkeit serviert – sehr appetitlich und auf profunde Weise unbekömmlich".

"In Stefan Puchers 'Elektra'-Inszenierung am Deutschen Theater ist der wahre Fluch der Atriden ihre Verdammung zur ewigen Wiederkehr", schreibt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (24.11.2013). "Als Leidensperformer zu unserer Unterhaltung." Pucher benötige nur 90 Minuten für die "Sophokles-Show". "Dass sich dennoch Längen einschleichen, liegt an der bewussten Verweigerung von Pathos und Tragödienwucht." Schlüssig aber bleibe die Inszenierung. Vor allem, weil sie nicht die Zeitgenossenschaft der Atriden behaupte. "Pucher (…) will mit den Griechen nicht Gegenwart erklären. Er zeigt bloß das Unvergängliche an ihnen."

In seiner dritten Beschäftigung mit dem "Elektra"-Stoff, erläutert Volker Corsten in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (24.11.2013) sei Pucher nun "in deutschen Tanzgalas der sechziger Jahre angekommen". Schuberts Elektra sei "eine Art trauriger Clown im Frack mit blondem Bubikopf und gut verheulbarem Kajal". Das Drama entwickle, "bei aller gespielten Verzweiflung von Katharina Schubert, keinerlei Wucht". Sollen "die Filmchen" etwa "gruselig" sein? Und was die Lieder zur Erkenntnis beitragen? "Leider: sehr egal. Die wahre Tragödie" sei hier "der Sturz des Bühnen-DJs Stefan Pucher ins Robert-Wilson-hafte Rockopatum."

Puchers Inszenierung sei in ihrer Lässigkeit ein denkbar provozierender Gegenentwurf zur Spielkonvention, die sich zuletzt für die griechische Tragödie durchgesetzt hätte, schreibt Matthias Heine auf Welt-online (25.11.2013). Das liegt seiner Beschreibung zufolge vor allem an der Neuerfindung des Chors, der u.a. Lieder von Charles Manson spielt. "Selten ist auf einer Theaterbühne so überzeugend Rockmusik hergestellt worden wie hier", schreibt er. Chris Kondeks Gemetzel-Videos finden ebenfalls großen Anklang. Auch mit Katharina Marie Schuberts Elektra, "die ihren Rachedurst teils ziemlich sophistisch begründet, müsste sich jedes vegane Gender-Girlie aus den Seminaren der Humbug-Uni identifizieren können." Die Aufführung dauere kaum länger als ein klassisches Doppelalbum und blieb dem Text aus Heines Sicht auch manches schuldig. "Beantwortete andererseits ein paar Fragen, die man sich nie gestellt hatte."

"Man tanzt gerne miteinander, wälzt sich schon auch mal auf dem Boden und rennt gegen Wände, während auf Riesenbildschirmen Videos vom Mord an Agamemnon und dann vom Mord an Klytaimestra ablaufen, wobei aber die Toten nicht tot, sondern nur Bilder sind, auf die eingehackt wird", beobachtet Gerhard Stadelmaier für die FAZ (25.11.2013). "Aber Bilder bluten nicht. So wickelt Pucher, der gute, alte Videot des Theaters, die alte Tragödie in Pop- und Schmock-Windeln einer matten Mythen-Operette. Auf 'Bravo'-Niveau: Papi ist tot, Mami ist böse – was mache ich nur? Es wird furchtbar schlecht gesprochen. Aber es klingt irgendwie immer nach 'Is ja juut, is jemacht!' Man sieht keine Welt, man blickt auf eine Masche. Das Theater drückt sich vor der Tragödie und ihren Menschen. Und alle Grausamkeit ist ans Video delegiert."

"Oben herum ist dieser Abend ein funkelndes Popkonzert," schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (25.11.2013). Doch schaffe der Einsatz der Popmittel lediglich einen "Allerweltsrahmen, in den die Wahrheit einbricht". Denn das sei es, worauf Pucher tatsächlich ziele: "Und Wahrheit heißt hier, dass wir sterblich sind, fehlbar, unberechenbar uns selbst." Der Wahrheitseinbruch setze die Erkenntnis frei, dass die Zukunft kein verbauter Raum ist, dass weder Götter noch Gesetze ihr Aussehen diktieren". 'Elektra' sei kein Stück über Rache und Unabänderlichkeit, sondern eines über Gegenwelten. "Vor allem das buchstabiert Pucher mit den gekonnten Videos von Chris Kondek und der subversiven Live-Musik von Michael Mühlhaus und Masha Qrella durch."

Pucher kleistere mit Videoschwall und Gesang alles, was zu sagen oder zu fragen wäre, zu, schreibt Tom Mustroph in der taz (25.11.2013). Am Anfang hofft er noch, Elektra-Darstellerin Katharina Marie Schubert "könnte eine Laurie Anderson sein, die perlklare Dinge zu sagen hat, die die Welt auch mit minimalsten Klängen in Schwingung zu versetzen weiß. Vielleicht, so hofft man, hat Schubert auch das Format einer Björk, die elfenhaft eine Welt verzaubern, Schrecken in Schönheit verwandeln, ein Echo des Schreckens aber durchaus nachklingen lassen kann. Doch diese Hoffnungen verfliegen." Pucher habe es so eingerichtet, dass Schubert nicht gegen die übermäßigen Videoprojektionen ankomme. Sie bleibe klein, blass und trotz allen Schreiens machtlos. "Sie ist Theaterschauspielerin, Bedienerin einer älteren Visualierungstechnologie, die, wenn es um Überwältigungsbilder geht, so chancenlos ist gegen das neuere Medium wie ein Rennrad gegen einen Formel 1-Wagen, wenn das Kriterium allein die Geschwindigkeit ist."

In Puchers Inszenierung spielten alle "immer mit, dass ihre Tragödie natürlich und vor allem Anlass oder Vorwand für den großen Auftritt ist", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (26.11.2013). Dabei "dekonstruiert diese Brechung die Härte der Tragödie zwar ironisch, die Geschichte erzählt sie bei aller popkulturellen Rahmung aber glasklar". Pucher benutze die "Kraft des Schmerz-Exzesses als reines Spielmaterial", führe vor, "dass auch die Darstellung des Schmerzes am Ende Darstellung ist". Seine Figuren seien "postmoderne Ironiker, die dem 'authentischen' Gefühl nicht trauen und wissen, dass es kein Entkommen aus den Schleifen der Repräsentation und den Fallen der Selbstdarstellung gibt". "Der Preis dieses Kurzschlusses zwischen antiker Tragödie und Showbühne ist die Verkleinerung der Figuren." Das Ganze sei "bei aller handwerklichen Könnerschaft und dem Vergnügen am luftigen Jonglieren mit Pop-Reizen für die Annäherung an eine antike Tragödie dann doch etwas dünn".

"Allem Pop-Gehabe zum Trotz: Stefan Pucher arbeitet Kernmotive der Tragödie heraus und hier insbesondere den innerfamiliären Mutter-Tochter-Konflikt", sagt Eberhard Spreng in der Sendung "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (23.11.2013). Auch habe Pucher den "modernen Kern der Tragödie" getroffen: "Wenn die Götter auf der Erde nicht in Ordnung bringen, was sie zwischen den Menschen angerichtet haben, dann bleiben die Sterblichen in moralischem Unheil und deprimierender Ratlosigkeit zurück."

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