Die Schrumpfung der Welt

von Christopher Balme

Leipzig, 28. Mai 2014. Globale Theatergeschichte? Geht das, von "globalem Theater" zu sprechen, ja sogar von einer "globalen Theatergeschichte"? Theater definiert sich vorrangig im Hier und Jetzt, in der geschlossenen Feedback-Schleife der performativen Verzauberung. Theatergeschichte (zu schreiben) erweist sich daher schon als Herausforderung – und dann auch noch global?

Aus der Sicht der herrschenden theaterwissenschaftlichen Lehrmeinung wahrlich ein Pferdefuß. In dem von der DFG geförderten Reinhart Koselleck-Projekt Global Theatre Histories, gehen wir jedoch von anderen Prämissen aus. Das Ziel des Projekts ist es, die paradigmatische Rolle des Theaters, die zur Entstehung einer global vernetzten Theaterindustrie vor dem Hintergrund imperialer und transnationaler Expansions-Politik und Modernisierung im späten 19. und 20. Jahrhundert führte, zu untersuchen. Das Projekt versteht sich als Korrektiv traditioneller Prinzipien und Methoden der Theaterhistoriographie, indem die konsequente konzeptionelle Verbindung von Theater-Moderne (als künstlerischer Praxis) und Modernisierung in ihren politischen, ökonomischen und institutionellen Ausprägungen in den Blick genommen wird.

Der Fokus liegt dabei auf bisher wenig beachteten Forschungsgegenständen. Um nur einige zu nennen: Theatrale Handelsrouten, welche die Mobilität von Theaterkünstlern und Theaterproduktionen allererst ermöglichten; die Entwicklung neuer Öffentlichkeiten im interkulturellen Kontaktraum multiethnischer Metropolen; die Übertragung und die je lokalspezifischen Anpassungen westlicher Theaterinstitutionen auf beinahe sämtliche Länder der Welt.

Die Hochzeit des Tourneetheaters

Der Begriff der globalen Theatergeschichte wird im Vortrag entlang dreier Themenfelder schlaglichtartig untersucht. Erstens: Periodisierung. Eine genuin globale Theatergeschichte beginnt nicht erst nach 1989, sondern mehr als ein Jahrhundert früher und lässt sich einordnen in eine damalig rasante Entwicklung auf den Gebieten des Transports, der Kommunikation und Technologie.

Mit der Eröffnung des Suezkanals 1869 etwa verkürzte sich die Schiffsreise von Europa nach Asien von Monaten auf Wochen. Im Jahre 1914 dauerte eine Reise mit dem Schnelldampfer von London nach Bombay nur zehn Tage. Hinzu kommt die Verlegung eines weltumspannenden Telegraphie-Netzes seit Mitte des 19. Jahrhunderts.

Vor diesem Hintergrund einer radikalen räumlichen und zeitlichen 'Schrumpfung der Welt' beginnt die Hochzeit des Tourneetheaters, das Theater selbst in die entlegensten Ecken bringt – und zwar regelmäßig. Anhand des heute weitegehend vergessenen Theatermanagers Maurice Bandmann, der zwischen 1900 und 1922 ein weltumspannendes Theaterimperium, das von Ägypten über Indien bis nach Yokohama reichte, aufbaute, lässt sich beispielsweise zeigen, wie bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Theaterwelt eine globale geworden war.

Von Stanislawski bis Gucci

Zweitens: Netzwerke und Standardisierung. Zeitgenössische Globalisierungstheorien betonen die Bedeutung von Netzwerken und Standardisierungsprozessen, verstanden als "network power" (Grewal), um die (vorrangig negativ rezipierten) Dynamiken von Globalisierung zu charakterisieren (McDonald's, Gucci-Handtaschen, Containerschifffahrt usw.), die zu einer zunehmenden Homogenisierung und einem damit einhergehenden Diversitätsverlust führen. Kann man im Falle des Theaters von einem vergleichbaren Beispiel von "network power" sprechen? Ein Beispiel wäre der flächendeckende Export der Stanislawski-Schauspielmethode, besonders nach dem Zweiten Weltkrieg, die dazu geführt hat, dass eine realistische Theaterästhetik in weiten Teilen der Welt zum Synonym für westliches Theater wurde.

Drittens: Digitalisierung ermöglicht erst Globale Theatergeschichtsschreibung. Aufgrund der disparaten Quellenlage ist der Forschungsansatz, der im Projekt entwickelt und im Vortrag vorgestellt wird, selbst ein Ergebnis digitaler Technologien, die heutezutage unter dem Stichwort Digital Humanities diskutiert werden. Erst durch Digitalisierungen sind uns Zeitungen, Zeitschriften, Bildmaterialen und Bücher als Quellen der Untersuchungszeit zugänglich, mit denen man diese Forschung überhaupt betreiben kann. Sogenanntes Digitales Mapping, Geo- und Chrono-Referenzierung, wie sie in einem aus dem GTH-Projekt heraus entwickelten Forschungsprojekt unter der Leitung von Dr. Nic Leonhardt an der LMU erarbeitet werden, ermöglichen neue Visualisierungs- und Recherchemöglichkeiten, um die komplexen Bewegungen eines vorrangig mobilen Theaters zu erfassen.


balme christopher 120 uChristopher Balme
ist Professor für Theaterwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Präsident der International Federation for Theatre Research. Veröffentlichungen zum interkulturellen und postkolonialen Theater sowie zur Propädeutik des Fachs: Decolonizing the Stage: Theatrical syncretism and postcolonial drama, (Clarendon Press 1999); Einführung in die Theaterwissenschaft 2014; Pacific Performances: Theatricality and Cross-Cultural Encounter in the South Seas (Palgrave Macmillan, 2007); Cambridge Introduction to Theatre Studies (2008): The theatrical public sphere (CUP 2014). Er leitet das DFG-Forschungsprojekt 'Global Theatre Histories'.

 

Diese Thesen sind die Kurzfassung eines Vortrages, den Chistopher Balme im Rahmen der Ringvorlesung Theaterwissenschaft: Aus Tradition Grenzen überschreiten am 28. Mai 2014 an der Universität Leipzig gehalten hat. Die Ringvorlesung findet aus Anlass des 20-jährigen Jubiläums des Instituts für Theaterwissenschaft Leipzig statt. Dem Institut droht die Schließung.

Das Programm der Ringvorlesung finden Sie hier. In den Leipziger Thesen zur Theaterwissenschaft I hat sich Matthias Warstat mit der Protestform der direkten Aktion befasst.

Mehr von Christopher Balme und der globalen Perspektive in einer reflexiven Moderne: Im Januar 2013 veröffentlichte nachtkritik.de die Thesen zu seinem Vortrag in Hildesheim.

 

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