Wer in der milchglasigen Käseglocke sitzt...

von Peter Grabowski

14. Juni 2014. "Warum können wir die Diskussion, wie wir selbst und unsere Kinder leben sollen und wollen, nicht offen führen?" schreibt Burkhard Kosminski in seinem Offenen Brief. Ich finde, das ist eine seltsame Frage. Wer verhindert denn diese offene Diskussion? Die angesprochenen Ministerinnen Wanka, Grütters, Bauer  und der Minister Stoch sind ganz sicher nicht unter den Verdächtigen. Mir fällt auch bei längerem Nachdenken niemand ein.

Es offenbart sich in Kosminskis Schreiben eine ursprünglich Westerwelleeske Haltung, die in Richtung Sarrazin und Pirincci deutet. Es ist die "Man-wird-doch-wohl-noch-sagen-dürfen"-Attitüde derjenigen, deren unlogisches Gerede durch einen vermeintlich notwendigen Verweis auf freie Meinungsäußerung und gesellschaftlichen Diskurs legitimiert werden soll. Das ist für den aufmerksamen wie vernunftbegabten Leser allerdings in allen Fällen eine durchsichtige Strategie.

Lange nicht gekannter Priorisierungszwang

Den inhaltlichen Kern des Problems macht Kosminski richtig aus. Er schreibt: "Die Kultur erlebt einen Bedeutungsschwund in erschreckendem Ausmaß". Das trifft vor allem auf die "Kultur" zu, wie Kosminski sie versteht: Theater, Opernhäuser, Museen und weitere Orte des Erlebens und der Bildung von und durch öffentlich geförderte Kulturinstitutionen. Der Bedeutungsschwund der Kultur, so wie ich sie verstehe, ist aber, nun ... vielleicht kein gänzlich anderer, aber einer mit viel mehr und unterschiedlicheren Dimensionen, Gründen und Folgen als der Theaterleiter beschreibt. Ihm geht es vor allem um zwei Phänomene: Die mindestens stagnierende, oft auch zurückgehende finanzielle Zuwendung aus öffentlichen Kassen an öffentlich getragene Kulturinstitute. Und zweitens der angenommene Verlust von Aufmerksamkeit der Politik für die Belange "der Kultur".

Die EINZELNE Institution muss sich in vielen Regionen des Landes tatsächlich mit gleich bleibenden oder sinkenden Zuwendungen herumschlagen. Und das ist ein echter Kampf für Intendanten, Direktoren und Geschäftsführer, weil die Kosten gleichzeitig steigen: Energie, Löhne, Gebäudeunterhaltung vor allem. "Die Politik" sieht diese Probleme übrigens sehr wohl - die Kulturpolitik sowieso. Aber für Regierungen und Parlamente ist das ein Finanzierungsproblem von vielen. Das vermindert nicht nur die gefühlte Aufmerksamkeit für die Kulturvertreter, es erzeugt auch einen lange nicht gekannten Priorisierungszwang: Schwimmbäder oder Theater, Kitas oder Bibliotheken, Sportplätze oder Musikschulen.

Die öffentlichen Kulturhaushalte steigen

Genau hier beginnt die Käseglocke des Kulturbetriebs immer milchglasiger zu werden: Das Außen wird eher verschwommen wahrgenommen und erscheint damit auch weniger klar als das, was direkt vor einem liegt. Das führt zu einem ersten Hauptmissverständnis in den aktuellen Debatten, das sich expressis verbis auch in Kosminskis Brief findet. Es lautet: Bei der Kultur wird zuerst gespart! Das klingt griffig und angesichts der oben beschriebenen tatsächlichen Mittelkürzungen für viele Kultureinrichtungen vor allem: plausibel. Es ist aber trotzdem falsch! Schulen und Hochschulen, Straßen und Brücken, die Abwassersysteme, die Kinderbetreuung, die Bundeswehr, die Polizei – in diesen Bereichen wurde Jahrzehnte lang entweder gegen jeden Expertenrat nicht investiert oder tatsächlich gespart. "Die Kultur" dagegen hat in all der Zeit kontinuierliche Mittelzuwächse zu verzeichnen: Allein in den letzten sechs Jahren, also seit Ausbruch der sogenannten Finanzkrise, sind die öffentlichen Kulturhaushalte in Deutschland von ca. acht auf aktuell mehr als zehn Milliarden Euro gestiegen. Das sind 25 Prozent Zuwachs. In sechs Jahren, während einer ausgewachsenen Wirtschaftskrise. Wer da behauptet, an der Kultur würde zuerst gespart, lügt sich selbst und anderen was in die Tasche. Und macht damit selbst eine offene Diskussion unmöglich.

Interessant und dafür produktiv wäre es doch, wenn Kosminski beim von ihm selbst diagnostizierten Bedeutungsschwund der Kultur mal genauer hinsehen würde. Den gibt es nämlich wirklich – und zwar weil die Institutionen in ihrer ausgreifenden Selbstreferentialität und Realitätsferne mit ein paar Jahrzehnten Verspätung erfüllen, was Morissey bereits in den 80ern (nach dem Atomunfall in Tschernobyl) den Radioprogrammen der BBC vorwarf: "The music they constantly play, says nothing to me about my life". Vor allem und gerade die Sprechtheater und Opernhäuser sind ihrer Bedeutung für die Stadtgesellschaft an den meisten Orten verlustig gegangen. Soziale Realität wird massenwirksamer im ARD-Tatort verhandelt als auf irgendeiner Stadttheaterbühne. Die Orte des Austauschs und Diskurses über Wahrnehmungen, Haltungen, Meinungen vor allem – aber nicht mehr nur! – junger Leute heißen heute Facebook und Twitter, nicht National- oder Residenztheater – vom Landestheater Detmold ganz zu schweigen.

Wir sind wenige und wir werden immer weniger

Ich rede – letzte Eskalationsstufe dieser Suada – von der Mehrheits-Gesellschaft in Deutschland, nicht von dem mitunter lächerlich kleinen Trupp, der sich Tschechow und Lepper, Neuenfels und Fritsch, Palmetshofer und Jelinek anguckt. Und das ausdrücklich nicht nur zur hochkulturellen Erbauung am Feierabend, sondern weil sie oder er daraus Gewinn zieht; für sich, das Leben, in der Folge womöglich auch für die Gesellschaft als Ganzes. Ich gehöre zu diesem versprengten Haufen. Doch mir ist klar: Wir sind wenige und wir werden immer weniger. DAS ist der eigentliche Bedeutungsschwund der Kultur. Wenn man vor diesem Hintergrund die Demokratie in Gefahr sieht, mag man richtig liegen. Es zeugt aber nicht gerade von demokratischem Geist, der Mehrheitsgesellschaft vorzuwerfen, dass sie mit ihrer "Kulturferne" zwar in der Mehrheit sei, aber darin irre.

Burkhard Kosminski folgert aus seiner Sicht der Dinge: Die Milliarden des Soli hätten künftig zusätzlich in die Kultur zu fließen. Mir fiel bei diesem Vorschlag sofort mein Sozialpsychologieprofessor ein mit seinem legendären Satz "Regel Eins: Vertrauen Sie bei keinem Problem der ersten plausiblen Lösung, die Ihnen einfällt!". Bei Kosminski lautet sie: Mehr öffentliches Geld für ein System, dessen gesellschaftliche Bedeutung schwindsüchtig ist. Ich frage dazu mit David Bowie: "Putting out fire with Gasoline"? Im Ernst? Und weiter: Wenn der öffentliche Kultursektor seine bisherige Finanzierung behalten oder gar mehr will, sollte er sich dringend überlegen, wie er wieder – oder ganz neu – relevant wird.

An diesem Wochenende findet die Jahrestagung des Deutschen Bühnenvereins in Mannheim statt, mit dem Generalthema "Kunst und Ökonomie". Das ist der Hintergrund des Kosminski-Briefs, zumindest seines Zeitpunkts. Ich bin sehr gespannt zu hören, wie offen die Diskussion dort geführt wird.

 

grabowskiPeter Grabowski ist freier Journalist mit den Schwerpunkten Kultur und Medien und ausgewiesener Spezialist für Kulturfinanzierung. Bis heute vorwiegend im Hörfunk aktiv, schreibt er aber auch für Fachmagazine und Online-Medien. Seit Januar 2012 betreibt der studierte Psychologe ein eigenes Blog zum Thema. Grabowski lebt in Wuppertal und Düsseldorf.

 

Peter Graboskis Kommentar ist die Reaktion auf einen Offenen Brief des Mannheimer Intendanten Burkart Kosminski.

Was der Deutsche Bühnenverein nach seiner Mannheimer Tagung zu dem Thema verlautbarte, steht hier.

Was während der Tagung unter #jhvdbv14 auf Twitter gepostet wurde, kann man hier nachlesen.

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