Das entleerte Leben

von Tim Slagman

München, 3. Juli 2014. Es ist tatsächlich ein Mensch auf der Bühne. Am Flügel sitzt Carsten Meyer, Keyboarder und DJ, Künstlername "Erobique", aber an diesem Abend ist er derjenige, der mit Abstand die wenigsten Verrenkungen macht. Herbert Fritsch, ein Experte für grelle Zeichen und schrille Töne, hat aus der Goldoni-Bearbeitung seiner Dramaturgin Sabrina Zwach "Frivole Sommerfrische in möglicherweise drei Liebes-Akten" in seiner zweiten Inszenierung am Münchner Residenztheater (nach dem Revisor) ein Beinahe-Musical gemacht. Er leistet sich einen heftigen Flirt mit dem Genre, das Gefühle in große Gesten komprimiert und Klänge beschwört, wenn Wörter zu leer scheinen.

Für die Ehe reicht's

So flüchten sie sich immer wieder in "canzones", diese Karikaturen des venezianischen Gernegroßbürgertums, die Erobique begleitet auf ihrem Weg in die Ferien, in den drohenden Bankrott und in Beziehungen, die sich nach der Liebe strecken und am Leben scheitern. Das ist natürlich eine tieftraurige Angelegenheit, weswegen Fritsch – der zuletzt in einem Interview den wiederkehrenden Klamaukvorwürfen gegen seine Inszenierungen widersprochen hat – gar nicht erst versucht, von Menschen zu erzählen. Wo keine Figuren sind, kann man sie schließlich auch nicht der Lächerlichkeit preisgeben. Friederike Otts Vittoria etwa ist keine Frau, die sich nach einem Partner sehnte, sondern eine in Apricotfarben aufgeplusterte Unmöglichkeit, die nur aus kreischender Piepsstimme und Neid zu bestehen scheint, das Kleidchen hochgezupft, den Rücken zum Hohlkreuz überspannt. Groteske ständige Kniebeugen ersetzen bei diesem Rumpelstilzchen das Stampfen.

trilogiedersommerfrische3 560 thomas aurin uResi-Ensemble trifft Fritsch-Team in der psychodelischen "Sommerfrische": Nora Buzalka
und Gunther Eckes © Thomas Aurin

Vittoria will nur in den Urlaub, wenn ihre Klamotten es mit dem Outfit von Giacinta (Nora Buzalka) aufnehmen können. Vittoria und ihr Bruder Leonardo (Markus Hering) sind allerdings ziemlich bankrott, er möchte aber dennoch mitfahren, weil Giacinta dabei ist, die tatsächlich glaubt, seine Liebe auch zu erwidern – genug jedenfalls für eine Heirat. Noch ist ihr der andere Kandidat Guglielmo (Gunther Eckes) reichlich schnuppe, aber das wird sich rasch ändern.

Scheinriesen vor Streifengrund

Hinter ihrer aller Rücken ragt eine große Leinwand auf, die poppig darauf projizierten Längsstreifen verkanten sich bald, kippen dann, werden psychedelisch und horizontal. Hinter dieser Leinwand kommen die Fleisch gewordenen Dekadenzklischees fast immer hervor, dorthin gehen sie fast immer ab. Irgendwo, weit in der Tiefe des Bühnenraums, entspringt das Licht, das sie wie Scherenschnitte konturiert, und je näher sie der Leinwand von hinten kommen, desto drastischer schrumpfen sie: Scheinriesen allesamt.

Das Theater von Fritsch produziert einen beständigen Bedeutungsüberschuss, in rasendem Tempo überschlagen einander Aussagen, Gegenreden, Vorhaben und Absagen. Aurel Manthei spricht als Giacintas Vater Filippo kein Wort aus, ohne es mit einem absurden italienischen Phantasieakzent zu entlassen. Michele Cuciuffo komprimiert das angeblich so gestenhafte Sprechen dieser Südländer in das pathologische, militärisch-zackige Armzucken des undurchsichtigen Strippenziehers Fulgenzio. Ihnen allen prangt eine wunderbar falsche Bräune im Gesicht, durchfleckt von den Abdrücken von Sonnenbrillen oder Muskelshirts. Im Urlaub, klar, da werden die Flamingo-Fräcke abgelegt und die weißen Socken hochgezogen.

trilogiedersommerfrische4 560 thomas aurin uSchön verstrahlt in Flamingo-Fräcken: Sebastian Blomberg (Ferdinando), Friederike Ott
(Vittoria) und Gunther Eckes (Guglielmo) © Thomas Aurin

Nun mag es nicht das originellste Konzept sein, die theatralen Zeichen gerade in der extremen Zuspitzung ihrer Zeichenhaftigkeit zu entlarven. Und welche Erkenntnis wäre damit auch gewonnen außer der, dass sich hinter diesen Chiffren das große Nichts verbirgt? Fritsch aber lässt immer wieder das Grauen durchschimmern, das eine Welt von Sehnsucht, Habgier und brutaler sozialer Kontrolle regieren muss. Die Anspielungen und Hoffnungen auf Liebe werden im Chor am Ende nur noch weggelacht – ein Lachen, das Gunter Eckes im Gesicht von Guglielmo, der Giacinta liebt, aber Vittoria heiraten muss, in eine tragikomische Fratze entgleisen lässt. "Ich bin wach genug, um meine Pflicht zu erkennen", sagt er. Welch ein Horror! Da ist es nur trefflich, dass diese Entourage nach dem letzten Song als Zombies wiederaufersteht, leer die Augen, abgehackt die Bewegungen. "Senza fine" singen sie dann doch noch einmal beschwingt: endlos.

 

Trilogie der Sommerfrische, oder: Frivole Sommerfrische in möglicherweise drei Liebes-Akten
nach Carlo Goldoni, übersetzt und bearbeitet von Sabrina Zwach
Regie, Bühne und Video: Herbert Fritsch, Kostüme: Viktoria Behr, Live-Musik: Carsten "Erobique" Meyer, Licht: Tobias Löffler, Dramaturgie: Sabrina Zwach und Laura Olivi.
Mit: Aurel Manthei, Nora Buzalka, Sibylle Canonica, Markus Hering, Friederike Ott, Sebastian Blomberg, Gunther Eckes, Michele Cuciuffo, Paul Wolff-Plottegg, Alfred Kleinheinz, Barbara Melzl.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

Fritsch ziehe auch bei Goldoni ordentlich das Tempo an, "sein spielfreudiges Ensemble geht locker jede Eskalationsstufe mit", schreibt Michael Schleicher im Müncher Merkur (5.7.2014). In der ersten Hälfte gelinge ein "schriller, wortakrobatischer Quatsch, mit Tempo und viel Musik". Leider könne die Inszenierung die Spannung nicht durchhalten, "eine beherzte Straffung der zweiten Hälfte hätte Fritschs Anliegen deutlicher herausgearbeitet", denn die Inszenierung lasse immer wieder durchblicken, wie das Grauen hinter der mühsam konstruierten bürgerlichen Fassade aussieht.

Es geht Herbert Fritsch darum, einen kapitalen Theaterspaß anzurichten, so Christoph Leibold auf BR kulturWelt (5.7.2014). Kein Kalauer sei ihm dafür zu billig, alle sind hier auf Körper und Konten scharf. Gespielt werde vor einer Videoleinwand mit bunten Streifen, die sich effektvoll immer neu arrangieren. "Tatsächlich scheinen in den stärksten Inszenierungen von Fritsch immer menschliche Abgründe auf." Dass das diesmal zu selten der Fall sei, liege teils am Ensemble, denn auch das Outrieren will gekonnt sein, damit es nicht aufgesetzt wirkt. Der letzte Aufführungsteil schleppe sich dann so mühsam wie ein Arbeitnehmer in der ersten Arbeitswoche nach den Ferien.

In der Süddeutschen Zeitung (5.7.2014) schreibt Christopher Schmidt über die Textvorlage: "Der Humor bewegt sich auch in der Textfassung von Sabrina Zwach mit Wortspielen wie 'Ich bin uriniert, äh ruiniert' auf dem Niveau der Lagunenstadt [Venedig] bei Ebbe." Zum Glück gebe es Herbert Fritsch, "einen Ferrarista unter den Regisseuren, der das Stück zur Turbo-Klamotte hochtunt – wahre Schnellsprech-Rekorde werden aufgestellt, und der Slapstick-Aktivsport aller Beteiligten ist mal wieder medaillenverdächtig." "Großes Spaßtheater mit Sonnenstich, sozusagen."

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