Hand aufs Herz

von Thomas Rothschild

Salzburg, 14. August 2014. Das ist selten geworden: Die Ouvertüre wird bei geschlossenem Vorhang gespielt. Es gibt nichts zu sehen, kein stummes Spiel, keine Aktion. Das Publikum wird ausschließlich der Musik überlassen. Die ist immerhin von Schubert. Da braucht man keine Ablenkung. Nicht einmal in der Oper.

Diese Verweigerung ist eine Absichtserklärung. Peter Stein ordnet sein Konzept der Musik unter. Sie, nicht eine gedankliche Konstruktion bestimmt das Geschehen oder, wenn man so will, das Nicht-Geschehen auf der Bühne, auch nachdem sich der Vorhang gehoben hat.

Wer ist der altmodischste Regisseur des 21. Jahrhunderts?

Ja, es kam wie erwartet. Peter Stein inszeniert Franz Schuberts Oper "Fierrabras" mit der gleichen Haltung, mit der er seit seinen legendären "Drei Schwestern", also seit mehr als drei Jahrzehnten arbeitet. Reinhard Kriechbaum hat Alvis Hermanis vor vier Tagen an dieser Stelle bestätigt, dass er der altmodischste Regisseur des 21. Jahrhunderts sei. Da hatte "Fierrabras" noch nicht Premiere gehabt. Nun hat Hermanis in Stein ernsthafte Konkurrenz erhalten. Wer der Vorstellung von einer teleologischen Entwicklung der Künste nachhängt, kann nicht anders, als Stein ein veraltetes, überholtes, verstaubtes Theater zu attestieren.

fierrabras4 560 c monika rittershaus uFierrabras (Michael Schade) liebt König Karls Tochter Emma (Julia Kleiter). Die jedoch
liebt den armen Ritter Eginhard (Benjamin Bernheim) – dem Fierrabras trotzdem die
Freundschaft nicht aufkündigt und für den er sogar in den Kerker wandert.
© Monika Rittershaus

In einem Konzert der Salzburger Festspiele, wo nun auch "Fierrabras" herauskam, wurden neben einander Alban Bergs "Drei Orchesterstücke op. 6" und Maurice Ravels "La Valse" gespielt, die zur gleichen Zeit entstanden sind. Ist Ravel durch Bergs Atonalität überholt und sollte man deshalb auf ihn verzichten? War Einar Schleef veraltet, weil er sich mit seinen Chören auf das antike Theater bezog? Ist Katie Mitchell verstaubt, weil sie auf der Bühne technische Möglichkeiten nutzt, die schon Piscator kannte? Ist ein Projekt von Schauspielschülern bei den Salzburger Festspielen obsolet, weil es einem dramaturgischen Modell folgt, das Paulus Manker mit seiner "Alma" schon vor neunzehn Jahren kreiert hat?

Eine Rarität mit vermeintlichem Happy End

Noch-Intendant Pereira hat verlautbart, dass mit "Fierrabras" für ihn ein Wunschtraum in Erfüllung gegangen sei. Bei der Realisierung des Traums sind ihm die Wiener Festwochen allerdings zuvorgekommen. Dort haben Ruth Berghaus und Claudio Abbado, dem die Salzburger Neuinszenierung übrigens gewidmet ist, die Wiederentdeckung von Schuberts vergessener Oper schon 1988 eingeleitet. Eine Rarität ist sie, erst 74 Jahre nach ihrer Entstehung und 69 Jahre nach dem Tod des Komponisten – genau hundert Jahre nach seiner Geburt – uraufgeführt, dennoch geblieben. In der "heroisch-romantischen Oper" zum Libretto von Josef Kupelwieser geht es um den edlen Mauren (Achtung! Muslim!) Fierrabras – eigentlich fier-à-bras (Maulheld, Angeber) –, der sich, verwirrt durch religionstechnisch komplizierte Liebesgeschichten, auf die richtige, nämlich die christliche Seite Karls des Großen schlägt und so für ein Happy End sorgt. Vor der Konversion aber ist Fierrabras einer von jenen "edlen Wilden", die echte Großmut und Menschlichkeit beweisen, wie Bassa Selim oder Thoas.

fierrabras3 560 c monika rittershaus uSchwarz-weiße Kostüme vor schwarz-weißem Grund: Dorothea Röschmann (Florinda),
Markus Werba (Roland), Peter Kálmán (Boland) und Michael Schade als Fierrabras.
© Monika Rittershaus

Aus diesem Stoff, der sich freilich hinter einer epochen- und gattungsgemäßen Räuberpistole und Liebesgeschichte verbirgt, ließe sich mit einer kritischen oder auch ironischen Haltung etwas machen. Was Kupelwieser ernst gemeint hat, dürfen wir heute mit Distanz betrachten, ohne den Autor zu denunzieren. Im Übrigen: Warum sollte Kupelwieser vor fast 200 Jahren klüger gewesen sein als es ein Henryk M. Broder, zum Beispiel, heute ist? Von der Idealisierung des Siegs über die Türken vor Wien bis zur aktuellen Islamophobie ist es, selbst unter Kaffeetrinkern, nur ein Schritt. Das scheinbar glückliche Ende von "Nathan dem Weisen" findet, allem Toleranzgerede zum Trotz, nach christlichen Bedingungen statt. Friedo Solter und Claus Peymann haben das in ihren legendären Inszenierungen gezeigt. Ähnliches ließe sich für "Fierrabras" nachweisen.

Zwischen Statik und Geisterbahn

Das weiß natürlich auch Peter Stein. Dass er gescheit ist, bestreiten nicht einmal seine erbittertsten Gegner. Aber es interessiert ihn nur am Rande. Seine Ironie beschränkt sich auf ein überdimensionales rotes Herz mit zwei gekreuzten Ölzweigen, das am Ende inmitten von Wolken auf der Rückwand aufscheint.

Bis es so weit kommt, führt die Inszenierung durch auf Tücher übertragene schwarz-weiße Kupferstiche, vor denen die Sänger weniger agieren als eben singen. Visuell erinnert das an Buchillustrationen des 19. Jahrhunderts, also nicht an das Mittelalter des Stoffes, sondern an das Mittelalter-Bild der Romantik. In Illustrationen bewegen sich Figuren nicht. Auch bei Stein bewegen sich die Sänger kaum, mehr noch: Sie scheuen sich nicht, an der Rampe zu singen. Die Chöre bleiben ebenfalls statisch, sollen nicht durch Motorik von der Musik ablenken. Wenn Fierrabras singt "In tiefbewegter Brust/ Regt sich ein leises Sehnen", legt er seine Hand auf die Brust, mal mehr an den Bauch, dann doch ans Herz, und es wird nicht klar, ob es sich um ein gestisches Zitat handelt oder doch eher um eine Verlegenheit. Einmal allerdings wird es zweifellos unfreiwillig komisch: wenn nämlich Schatten (von Pappfiguren?) mehrmals an einem erleuchteten Fenster vorüberhuschen wie in einer Geisterbahn im Prater.

Der Menschheit Rechte nicht vergessen

Hinter den eigentlichen Bühnenrahmen hat Ferdinand Wögerbauer einen zweiten, ebenfalls als Kupferstich skizzierten Bühnenrahmen gebaut, der, zusammen mit dem Rampenlicht, zu mahnen scheint: "Alles Theater". Den Rest macht die raffinierte Lichtregie von Joachim Barth. Passend zu den schwarz-weißen Bühnenbildern hat Annamaria Heinreich weiß-schwarze Kostüme entworfen – weiße für die Christen, schwarze für die Muslime.

fierrabras2 560 c monika rittershaus uChristin unter Kinder: Emma (Julia Kleiter) © Monika Rittershaus

Gleich zu Beginn erinnert Karl der Große daran, dass man auch im Krieg "der Menschheit Rechte nicht vergessen" solle – ein früher Vorstoß in Richtung Genfer Konventionen sozusagen. Peter Stein hat den gesprochenen Text stark gekürzt, was, zusammen mit dem Singen an der Rampe, den Nummerncharakter der Oper verstärkt.

Jetzt erst recht

Gesanglich ragt Dorothea Röschmann als die Muslima Florinda heraus, die erst im zweiten Teil der Oper auftritt; Julia Kleiter als ihr christliches Gegenstück Emma steht ihr allerdings kaum nach. Michael Schade in der Titelrolle ist eine sichere Nummer, aber auch hier darf sich Benjamin Bernheim in der anderen Tenorrolle des von Emma geliebten Eginhard an dem in Salzburg fast beheimateten Star messen. Man kann überhaupt mit dem Ensemble glücklich sein, insbesondere mit dem Bariton Georg Zeppenfeld als Karl der Große. Lediglich Markus Werba als fränkischer Heerführer Roland zeigt Intonationsschwächen. Der analytische Ingo Metzmacher, in Salzburg traditionell der Meister fürs Zeitgenössische, scheint die Wiener Philharmoniker daran erinnern zu wollen, dass Schubert doch eher ein Lieder- als ein dramatischer Komponist war. Besonders eindrucksvoll sind zwei Passagen, in denen das Orchester nicht etwa Gesang, sondern gesprochene Texte ergänzt – einmal gar aus dem Foyer des ersten Rangs.

Am Schluss: viel differenzierter Applaus für die Sänger, den Dirigenten und das Orchester, Buhs und Beifall, wie zu erwarten, für die Regie. Peter Stein lächelt zufrieden. Er ist Überzeugungstäter. Er scheint sich zu einer Trotzhaltung entschlossen zu haben: Jetzt erst recht! Der Applaus, der den Buhs standhielt, dürfte ihn bestätigen.

 

Fierrabras
von Franz Schubert
Regie: Peter Stein, Musikalische Leitung: Ingo Metzmacher, Bühne: Ferdinand Wögerbauer, Kostüme: Annamaria Heinreich, Dramaturgie: Konrad Kuhn.
Mit: Julia Kleiter, Dorothea Röschmann, Marie-Claude Chappuis, Michael Schade, Georg Zeppenfeld, Markus Werba, Benjamin Bernheim, Peter Kálmán, Manuel Walser.
Dauer: 3 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.salzburgerfestspiele.at

 

Vor einem Jahr inszenierte Peter Stein in Salzburg Verdis Don Carlo.

 

Kritikenrundschau

Eine unfreiwillige Mittelalterparodie sieht, wie die meisten Kritiker, auch Michael Stallknecht in der Süddeutschen Zeitung (16.8.2014). Und "das lag einzig an der Regie von Peter Stein". Der 76-Jährige verstehe sich seit geraumen Jahren als letzter Hüter der Tradition. "Mittels einer Regieaskese an der Grenze zur Selbstauslöschung sucht Stein nach einem quasi objektiven Inszenieren, das gegen die Subjektivismen des Regietheaters ankäme." Stein rekonstruiere in "Fierrabras" leider nur den Anschein des Alten, das tot, überlebt und eigentümlich kalt wirkt. "Zu sehen ist das alte Rampentheater der Siebzigerjahre mit seinen dramaturgischen Manierismen und handwerklichen Dilettantismen." Mit behaupteter Demut vor dem Werk habe das wenig zu tun.

"Dieses Stück kann funktionieren, wenn man es als mittelalterliches Märchenspiel hinnimmt, als verklärtes Bild eines möglichen, friedlicheren Miteinanders, einer Gesellschaft, in der Freundschaft und Liebe regieren", schreibt Frederik Hanssen im Tagesspiegel (15.8.2014). Peter Steins Idee, sich vom Bühnenbildner Ferdinand Wögerbauer Dekorationen im Stil des 19. Jahrhunderts entwerfen zu lassen, erweise sich als genialisch. "Von der historisierenden Optik scheint die Musik emotional enorm verstärkt zu werden." Jedes Dur klinge strahlender, jedes Moll bitterer als gewohnt, selbst floskelhafte Jubelchöre wirkten nobel.
Dieser Abend sei, so Hanssen, ein "Ausnahmefall, einer jener raren Glücksmomente, in denen sich rückwärtsgewandte Regie und ein auf höchste Lebendigkeit zielender Dirigierstil gegenseitig magnetisieren"

Die politischen Dimensionen des Konflikts zwischen Mauren und Christen interessierten Stein nicht, auch Bezüge zu Schuberts trauriger Lebenswirklichkeit im Wien der Metternich-Zeit seien ihm erklärtermaßen "zu kompliziert", schreibt Regine Müller in der taz (15.8.2014). Selbst "die Liebesgeschichte(n), von denen 'Fierrabras' auch erzählt", verfolge Stein nicht mit echtem Interesse. Zumal ihm Ungeschicklichkeiten und Szenen unfreiwilliger Komik unterliefen, "sobald die Handlung Bewegung verlangt". Die "plumpe Farbdialektik, die schwarze Kostüme und braune Gesichtsschminke den bösen Mauren zuteilt und den Christen blendend weiße Kostüme gönnt" schließlich sei "am Rande des Erträglichen".

"Was bei der Premiere von 'Fierrabras', der Oper von Franz Schubert, am Mittwoch im Haus für Mozart auf die Bühne kam, torpediert alles, was man überhaupt mit dem Wort modisch in Verbindung bringt", schreibt Ernst P. Strobl in den Salzburger Nachrichten (15.8.2014). "Sollten die Erfinder der Oper vor Jahrhunderten experimentiert haben, wäre vielleicht so ein Papiertheater herausgekommen." Man traue seinen Augen kaum, und sobald der vielmals eingesetzte Papiervorhang sich hebe, wisse man nie, ob man lachen oder weinen soll. "Die Kulissen bewegen sich oft mehr als die Darsteller." Da Peter Stein nicht das geringste Detail auslasse bei seiner "maßstabsetzenden Klischeeproduktion", kenne man sich immer aus. "Wie aus dem Büchl, im wahrsten Sinn."

Eine "Parodie auf Schuberts letzte große heroisch-romantische Oper 'Fierrabras'" sieht Eleonore Büning in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (15.8.2014) und schreibt: "Keine zehn Minuten, da wächst sich 'Fierrabras' zu einem grinsenden, gähnenden Tatzelwurm aus." Ungefragt, unerwartet würden wir zu Zeugen einer traurigen Selbstdemontage. "Peter Stein war mal ein echter Drache." Geblieben sei "die Asche der Arroganz". Als einzige springt Büning für die Oper in die Bresche – das Libretto sei auch nicht verrückter als andere Opernlibretti von Wiener "Türkenopern", die Story habe einen starken Subtext, und Schuberts zerklüftete, widerspruchsreiche, dramatisch-experimentelle Opernmusik kommentiere sie "mit unerhörter Formenvielfalt". Musikalisch fehle zwar noch ein Stück zum wahren Schubertglück, wenn Metzmacher lyrische Spannungsbögen aufbauen, Melodien zum Sprechen und Blühen bringen möchte. Aber die dynamischen Aufschwünge, die krachenden Leidenschaften, die geheimnisvollen Fernmusiken gelängen großartig. "So trägt Franz Schuberts letzte Oper, obgleich sie fortlaufend veralbert wird, am Ende den Sieg davon. Peter Stein verliert."

Ingo Metzmacher am Pult kämpfe "wie alle Christen und Mauren zusammen" für die richtige Schubert-Sache, schreibt Manuel Brug in der Welt (15.8.2014). Ein wenig gebreche es ihm dabei allerdings an emphatischer Wärme. "Unablässig Herzblut für Schubert" vergieße dafür aber Peter Stein und gebe jeder Phrasierung gestalterische Wichtigkeit, ohne überzubetonen. Einerseits ergäben sich aus seiner Regie immer wieder minimal animierte lebende Bilder, andererseits sei der humorfreie, auf korrektes Sprechen achtende Peter Stein oft sehr Monty-Python-nahe: "Die Ritter der Schubert-Nuss lassen beständig grüßen." Schuberts Magie, und sei sie noch so naiv, verdruckst und hier unprofessionell, könne man sich an diesem Abend kaum entziehen. Und eine Aktualisierung des Stoffs wäre "auch nur lächerlich", so Brug.

Michael Tschida würde eigentlich lieber "das Kettenhemd des Schweigens" über Steins Inszenierung betten, schreibt er in der Kleinen Zeitung (15.8.2014). Steins Idee, die verworrenen Liebesromanzen aus der Zeit Karls des Großen von jungen Menschen, die über ethnische, religiöse oder politische Gegensätze hinweg zueinanderfinden, in ruhigen Bildern zu erzählen, gefriere "spätestens beim Rampensingen zum Stillstand". "Da setzten auch die ersten (unfreiwilligen) Lacher unter den Zuschauern ein, obgleich manchem wohl eher zum Weinen war." Immerhin, so der Rezensent, sei es ein "Fest der Stimmen" gewesen, und Ingo Metzmacher biete ungleich Dynamischeres als sein schon mehrfacher Regiepartner Stein. "Bei der Premiere im Haus für Mozart lenkte der 56-jährige Deutsche die filigran bis süffig aufspielenden Wiener Philharmoniker mit Verve durch Melos, Poesie und Wucht von Schuberts fantasiereichen Klangwelten."

Kommentar schreiben