Weihspiel der Anti-Helden

von Georg Döcker

London, 25. März 2019. Von hohen Erwartungen zu sprechen ist in ihrem Fall noch untertrieben: Schon nach den ersten Ankündigungen vor gut einem Monat war klar, dass Anne Imhofs neue Performance in der Kunstwelt eines der Ereignisse des Jahres werden würde. 2017 gewann Imhof mit ihrer Bespielung des deutschen Pavillons der Kunstbiennale in Venedig "Faust" den Goldenen Löwen; mit "Sex" in der Tate Modern (Premiere war am 22. März) schließt sie nun an "Faust" und an "Angst" (2016) an, setzt ihre gestische Inszenierung revolutionärer Subjektivität fort, allerdings mit verstärkter Neigung zur (Anti-)Helden-Verehrung.

"Von allein ändert sich nichts"

Anna Bergmann im Interview mit Anne Peter

4. Februar 2019. Die Heinrich Böll Stiftung hat soeben den Aufsatzband "Moralische Anstalt 2.0: Über Theater und politische Bildung" veröffentlicht, mit diversen Beiträgen zu politischen Fragestellungen des Gegenwartstheaters. Das aus diesem Band hier veröffentlichte Interview mit der Regisseurin und seit Sommer 2018 Karlsruher Schauspieldirektorin Anna Bergmann greift eines der politischen Schwerpunktthemen der vergangenen Spielzeit auf: die Geschlechtergerechtigkeit an deutschsprachigen Bühnen. Mit ihrem Quotierungsvorschlag für Regie am Badischen Staatstheater Karlsruhe hatte Anna Bergmann eine der großen Diskussionen zu dem Thema angestoßen.

Von der Schrumpfung des Scheinriesen

von Michael Wolf

Paris, 27. Januar 2018. Hätten sie die Chose doch nur abgesagt! Am Donnerstag verweigerten die Pariser Behörden aus Sicherheitsgründen die Zulassung für das Großevent "DAU". Was für eine Gelegenheit, den Crétins von der Präfektur das Scheitern in die Schuhe zu schieben. Ohne jemals eröffnet zu werden, wäre "DAU" als Mythos, als Sammlung von Gerüchten und Legenden in allerbester Erinnerung geblieben.

Der Landneurotiker

von Rainer Nolden

14. Juli 2018. Herbstsonate am Schauspiel Stuttgart, Das Schlangenei am Residenztheater München, Szenen einer Ehe in Stuttgart und am Theater Lübeck, Fanny und Alexander in Leipzig, Aus dem Leben der Marionetten am Wiener Theater in der Josefstadt, "Nach der Probe" am Schauspiel Hannover … Elf Jahre nach Ingmar Bergmans Tod sind seine Stücke immer noch fester Bestandteil vieler Spielpläne nicht nur an deutschsprachigen Theatern. Dabei sind es nicht einmal originäre Theaterstücke, sondern Adaptionen von Filmdrehbüchern, denen namhafte Regisseure und Regisseurinnen – etwa Jan Bosse, Amelie Niermeyer, Luk Perceval – immer wieder ihren Stempel aufdrücken.

Unter dem Großwetter-Radar

von Sophie Diesselhorst

29. November 2018. In einer großen Plakatkampagne spricht das Bundesinnenministerium seit Mitte November Geflüchtete an: Auf Deutsch, Englisch, Französisch, Arabisch, Russisch und Persisch wird in deutschen Städten für eine Webseite mit der Adresse returningfromgermany.de geworben, die Beratungsangebote für eine "freiwillige Rückkehr" ins Heimatland bereithält. Die Botschaft "Refugees Welcome" ist also offiziell in die Vergangenheit verbannt. Auch die Wirklichkeit dahinter? Im Herbst 2015 hatten wir bei nachtkritik.de unter dem Hashtag #refugeeswelcome eine Liste geführt mit den willkommenskulturellen Engagements der Theater. Was ist aus ihnen geworden? Zeit für eine Bestandsaufnahme.

Selbstbestimmung im Stadtlabor

Bettina Masuch, Matthias Pees und Kathrin Tiedemann im Interview mit Esther Boldt

21. Juni 2018. Vor zwei Jahren gründete sich das "Bündnis internationaler Produktionshäuser" – ein Zusammenschluss von sieben freien Spielstätten: Kampnagel Hamburg, HAU Berlin, Hellerau Dresden, PACT Zollverein Essen, Forum Freies Theater (FFT) Düsseldorf, tanzhaus nrw Düsseldorf und Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt am Main. Wie gestaltet sich die Arbeit? Was sind erste Ergebnisse? Esther Boldt sprach mit den Künstlerischen Leiter*innen Bettina Masuch (tanzhaus nrw), Matthias Pees (Mousonturm) und Kathrin Tiedemann (FFT).

von sprachpuppen und fadenspielen. figuren und texturen im drama

von Ferdinand Schmalz

5. November 2018.

das verschnüren der textpakete

erst mal der raum. der dunkle theaterraum. der fensterlose raum. hier fällt nichts zufällig herein. kein licht und auch kein wort und auch kein publikum fällt hier in diesen raum zu-fällig rein. hier kommt nur rein, was man von draußen reingeworfen hat. wie in das neue rathaus, dass sie, die schildbürger, sich bauen haben lassen, dass sie sich dummerweise ohne fenster bauen haben lassen. muss alles hier hereingetragen werden. selbst das licht. hier drinnen ist es seltsam wetterlos. wer hier herinnen aufgewachsen wär, der wüsste nichts von wind und regen und von sonnenschein. und hat man manchmal das gefühl als autor fürs theater, dass man mit diesen schildbürgern verwandt, die kübelweis das sonnenlicht von draußen in ihr dunkles rathaus tragen. stehen da am hauptplatz draußen, da im grellsten sonnenschein, versuchen es mit schaufeln und mit heugabeln da in die kübel, kisten, säcke einzupacken, dieses licht. und könnte man natürlich sagen jetzt, dass das verrückt. das sonnenlicht reintragen, wie soll das gehen? das hat doch niemals da in diesem kübel platz, das sonnenlicht, in diesem kübel, den wir sprache nennen, wie soll das gehen. und packst es ein das sonnenlicht und drinnen im theater kommt nur schatten raus. packst so viel licht hinein in deinen text und kommt nur dunkelheit heraus. und doch ist diese hoffnung, dass wenn es gut genug verpackt, das sonnenlicht, dass dann da im theater drin, da beim entpacken des gut verschnürten textes, dass da ein zweites leuchten dann entsteht, und doch ist diese hoffnung unentbehrlich für das schreiben, das dramatische. denn aus den schnüren, den feinsten fäden eines texts, wird sie geknüpft sein diese soziale plastik, die das eigentliche theatrale werk dann ist. natürlich versteht sich von selbst, dass eine aufführung aus den unterschiedlichsten komponenten besteht, die da in das theater reingetragen werden, nur hält die sprache, dieses geflecht aus feinsten fäden, dieses pilzmyzel, hält all die teile erst zusammen.

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In Bewusstseinszimmern

von Christian Huberts

Berlin/Bochum, 20. Juni 2018. Computerspiele sind jung und pop. Wie kein anderes Medium durchdringen sie aktuell Kultur und Gesellschaft. Aber ihre vergleichsweise junge Geschichte versperrt den Blick darauf, dass sie entwicklungsfähig sind, dass ihre zentralen Durchbrüche womöglich erst noch bevorstehen. Die Genres, Mechaniken und Themen von Games wirken vielfach immer noch wie festgeschrieben, wie stecken geblieben im Bewährten. Man denke an Serien wie "Call of Duty", "Battlefield" oder "Assassin’s Creed". Auf der gerade vergangenen Fachmesse E3 in Los Angeles dominierten etablierte Marken und Rezepte – Fun, Vorhersagbarkeit, Machtfantasie. Man wünscht sich, so wie es François Jullien für die Philosophie gefordert hat, eine "Dekonstruktion von außen".

Es schmerzt

von Nikolaus Merck, Christian Rakow und Esther Slevogt

Berlin, 2. November 2018. Er war der jüngste der nachtkritik.de-Gründer*innen und nun ist er in der vergangenen Nacht gestorben. Dirk Pilz 1972–2018 steht in unserer Meldung von heute früh. Wie nüchtern, man klammert sich an Zahlen, an Objektivitäten, aber die Trauer kennt keinen Halt. Wir hatten gehofft, er würde seine Krankheit besiegen. Mit dem ihm eigenen Trotz, der ihn ergreifen konnte, wenn er die geringsten Anflüge von Übergriffigkeit oder Fremdbestimmtheit witterte.

Dringende Anliegen

von Sarah Heppekausen

Mülheim/Düsseldorf, 18. Juni 2018. Und dann sind wir selbst indische Leihmütter. Sind schwanger mit drei Embryonen, von denen einer entfernt werden soll, weil das sicherer sei und die Wunscheltern mit zweien zufrieden seien. Oder hatten zum zweiten Mal eine missglückte In-vitro-Befruchtung, bekommen also wieder kein Geld, wie uns die Frauenärztin bedauernd mitteilt. Nächste Runde: Wir sitzen als Wunscheltern unserer möglichen US-amerikanischen Leihmutter gegenüber, die uns ihre eigenen Kinder vorstellt und erklärt, dass sie nach der Geburt regelmäßig Fotos des ausgetragenen Babys sehen möchte. Ob wir noch Fragen hätten? Flinn Works' "Global Belly" konfrontiert das Publikum ziemlich direkt mit dem moralischen Dilemma des Phänomens der Leihmutterschaft. Wären wir als indische Frau nicht auch glücklich, endlich unser eigenes Geld verdienen zu können? Vermutlich. Beuten wir als verzweifelte Wunscheltern die Leihmütter nicht aus, körperlich wie seelisch? Vielleicht.

Engagement und Erschöpfung

von Esther Boldt

Frankfurt, 20. September 2018. Zum Saisonauftakt ist sie kaum zu übersehen, die freie Szene in Frankfurt: Sie bespielt den öffentlichen Raum ebenso wie ehemalige Fabrikgebäude, die fachwerkene neue Altstadt und weite Hallen. Und man könnte fast vergessen, dass diese Blüte noch jung ist – und sich einem hohen Engagement verdankt: Seit 2009 setzen sich jüngere Künstler*innen ebenso energisch wie improvisationsbereit für eine Verbesserung und Erneuerung ihrer Arbeitsbedingungen in der Stadt ein. Zuvor gab es hier für den Theaternachwuchs keine Perspektive, die wenigen Fördermittel waren gebunden, Aufführungsmöglichkeiten gab es kaum.

Im hierarchiefreien Raum

Haiko Pfost im Interview mit Christian Rakow

Berlin, 11. Juni 2018. In zwei Tagen startet die 21. Auflage des Theaterfestivals "Impulse" in Nordrhein-Westfalen. Unter neuer Leitung von Haiko Pfost, der in seiner Laufbahn als Dramaturg und Kurator unter anderem Co-Leiter des internationalen Koproduktionshauses brut Wien war.

Ins Wespennest gepiekst

von Shirin Sojitrawalla

Wiesbaden, 31. August 2018. Es ist Wiesbaden Biennale, und alle schauen hin. Eigentlich undenkbar, in dieser als langweilig geltenden Stadt. Die Biennale ist hervorgegangen aus dem Festival "Neue Stücke aus Europa", mit seinem Amtsantritt hat der Intendant des Hessischen Staatstheaters Uwe Eric Laufenberg sie in die jungen Hände von Maria Magdalena Ludewig und Martin Hammer gelegt.

Missionare im Niemandsraum

von Esther Slevogt

Berlin, 23. Mai 2018. Soll man jetzt, im Monat zwei nach dem Abgang von Chris Dercon als Intendant der Berliner Volksbühne überhaupt noch einmal davon anfangen – von der digitalen Spielstätte der Volksbühne 17/18?

Schluss mit der dienenden Rolle

von Anna Opel

Berlin, 30. August 2018. Die Königin hat keinen Bock aufs Regieren. Dagmar Manzel nölt wie ein Teenager auf Handyentzug und berlinert, was das Zeug hält. Im Libretto zu den "Perlen der Cleopatra" aus dem Jahr 1923 von Julius Brammer und Alfred Grünwald steht die Genderwelt Kopf. Die Verehrer Silvius und Beladonis geben aufgeblasene Witzfiguren ab, nur Cleopatra und ihre Hofdame Charmian bieten sich qua komplexer Persönlichkeit zur Identifikation an. Und die Cleopatra ist eine Paraderolle für Manzel: komisch, pointensatt, alle Farben zwischen Verzweiflung und Lust. Die Schauspielerin ist der schlagende Beweis gegen das alte Vorurteil, Frauen hätten kein Talent zur Komik.

Der Mensch, ins Verhältnis gesetzt

von Sarah Heppekausen

Bochum/Essen/Herne, 14. Mai 2018. Da ist diese zarte Figur, ein gebrechlicher Mann, vielleicht 20 Zentimeter groß, sein Rücken ist gebeugt, leicht bucklig, sein Gesicht ist schmal, die Augen groß. Bei aller Fragilität ist er doch kraftvoll, weckt mit seiner Berührung einen viel größeren, doppelt so großen, schwereren Mann, der am Boden hockt mit seinen vielen Bündeln und Tüten. Und dann ist da "Punch Agathe" – der vermutlich weltgrößte Kaspar, 18 Meter hoch, weiblich, schwarz. Punch Agathe thront bei der Eröffnung des Figurentheaterfestivals Fidena über dem Vorplatz des Bochumer Schauspielhauses. Ihre Finger rot lackiert, ihre Stiefel goldfarben. Sie positioniert sich offensiv, unübersehbar, eine bombastische Superheldin.

Verzehr unbedenklich

Berlin, 24. Juli 2018. Blut ist ein besonderer Saft. Das gilt nicht zuletzt für Kunstblut, das auf den Bühnen reichlich fließt, aus künstlichen Wunden tropft, von falschen Messern, aus Mündern. Anlass, bei Dominik Langer nachzufragen, einem der drei Geschäftsführer der Berliner Make-Up-Manufaktur Kryolan:

Wie schmeckt Kunstblut?

Kein Luxus sondern Notwendigkeit

von Wiebke Puls

Berlin, 11. Mai 2018. Jetzt kommt hier einiges zusammen bei mir: Die Flatter, ob wir überhaupt dem Hauptstadtpublikum wohl genügt haben. Das Wunder, dass ich Lulatsch seit 20 Jahren in Lohn und Brot stehen und spielen darf. Und Scham, weil Trommeln in der Nacht ja nun mal ganz klar eine Ensembleleistung ist.

Danke 3sat für den Preis! Danke Frau Müller-Elmau! Danke Shirin für diese Laudatio!
Danke an die Jury, dass sie mich auszeichnen! Ich fühle mich geehrt und ein bisschen beschämt eben.

Die Poesie der Schwerelosigkeit

von Thomas Rothschild

Ludwigsburg, 18. Juli 2018. Der Magier zeigt seine leeren Handflächen. Gleich darauf hält er grüne Karten oder Kugeln hoch, lässt sie verschwinden, bringt sie erneut zum Vorschein. Wir wissen, dass er nicht zaubern kann, dass er lediglich die uralte Kunst des Palmierens beherrscht, die Technik, Gegenstände hinter der Hand zu verbergen. Aber wir lassen uns gerne täuschen, wir erfreuen uns an der Illusion. Das Vergnügen an der Erkenntnis, dass etwas nicht ist, was es zu sein scheint, als radikaler Gegenentwurf zum "Genau-wie-Onkel-Otto-Theater" (Heiner Müller) – es gehört seit je zur Bühnenkunst, zum Kino und eben auch zum Circus.

Die Panels bei Theater und Netz. Vol. 6

7. Mai 2017. Unter der Überschrift Vom Publikum zur Community veranstalteten nachtkritik.de und die Heinrich Böll Stiftung am 6. Mai 2018 in Berlin die sechste Ausgabe der Konferenz "Theater und Netz". Es gab parallele Panels und Sessions. Die Diskussionsveranstaltungen in Saal 1 wurden live gestreamt und mitgeschnitten und stehen hier zur Nachschau zur Verfügung. Das gesamte Konferenzprogramm finden Sie unter www.theaterundnetz.de.

Die Kulturfritzen, die den Bloggerspace organisierten, haben Internet-Thesen aus dem "Community Mannifest" (frei nach Marx) vorgelegt.